Engagagement


Wir leben in einem der wohl familienreichsten Quartiere Berns. Hier hat man in der Regel zwei Kinder, teilt sich deren Betreuung als Eltern untereinander auf, nutzt zusätzlich Angebote wie KiTa und Waldspielgruppen, wohnt in Einfamilienhäusern mit Trampolin, äh, Garten und fährt ÖV und Fahrrad. Und man engagiert sich. Insbesondere als Mutter. Ich kann da nur schwer mithalten, vermute allerdings Unregelmässigkeiten zu meinem Nachteil bei der Verteilung der verfügbaren Tagesstunden. Jedenfalls engagieren sich hier alle für alles. Man leitet Kleinkindertanzgruppen, organisiert Flohmärkte, Spielnachmittage, malt Plakate um Autofahrer auf Schulkinder hinzuweisen, gründet Elternvereine, koordiniert Bring- und Holdienste für Kindergartenneulinge, übernimmt abwechselnd Mittagstischdienste und wenn man sich nicht gerade sozial engagiert, macht man zum Ausgleich neben der Arbeit „etwas für sich selber“, wie Marathonjoggen, beispielsweise, oder Extremzumba. Wird Ypsilönchen zum „Spielen“ geladen, ist damit ein Nachmittagsprogramm gemeint, das Leseförderung, Ausdruckstanz und Zeichnungen in A1Format beinhaltet. Wenn ich das völlig erschöpfte Kind jeweils abhole, wird mir auch gleich das Kuchen und Eingemachtes für die nächste Woche mitgegeben, das parallel zur Kinderbespassung angefertigt wurde. Ich bewundere dieses grossflächige Engagement. Ich profitiere hauptsächlich, dies aber selbstredend mit angemessenem Engagement. Eigentlich habe ich auch wahnsinnig viel Engagement. Wahnsinnig viel! Nur das geeignete Ventil fehlt. Nicht dass mir keines angeboten würde, nein, das ist wahrlich nicht das Problem, denn man wird hier gern und ungefragt verpflichtend engagiert, wenn man einen Moment der Unachtsamkeit zeigt. Wie damals als ich gedacht einmalig die Mittwöchliche Mittagsbetreuung für zwei Nachbarkinder übernahm. Die Überraschung folgte an den Folgemittwochen in Form zweier hungriger Viertelwüchsiger, die, den Mittagsgepflogenheiten der gminggmanggschen Brut unterworfen, wöchentlich lustloser Couscouskörnchen pickten und Karottenstäbchen nagten. Die schussendlich zum fixen Arrangement verkommene, wöchentliche Betreuung, führte bei der engagierten Mutter der Viertelwüchsigen zu derartigen Verpflichtungsgefühlen, dass ich ihr Angebot, Ypsilönchen dafür donnerstäglich zu sich zu nehmen, wöchentlich und beinah handgreiflich abwehren musste. Mein Arbeitgeber kaufte mich schliesslich durch veränderte Arbeitsbedingungen frei und ich stehe bis heute wieder engagementsventillos da. Wohin also, mit all meinem Engagement? Regelmässige Engagementverpflichtungen eignen sich nicht für mich, leider, denn das engt mich zu sehr ein. Natürlich könnte ich einmalige Kurse für Quartierkinder anbieten, es fehlt mir allerdings ganz klar an allgemein als pädagogisch als wertvoll empfundenen Kursinhalten. Die Quartierelternschaft zeigt sich reichlich verständnislos, wenn es um wichtige Themen wie korrektes Gummibärenessen geht. Auch ein angedachter, quartiereigener Ableger der AAaA (für Kinder), fand wenig Anklang. Ich muss mich also wohl auf einige einmalige Projekte hie und da beschränken, so berstend voll ich auch mit Engagement bin.

Projekte in Planung:

  • kindgerechte Verzierung der Strassenmarkierung
  • Grossflächige (Klein)Kinderunfallpräventionsmassnahmen (Splitterpotentialsenkung durch Schleifarbeit, Bord- und Flussteinkantenschleifen, Altsandkastensand durch essbaren Sandkastensand ersetzen usw.)
  • Hydranten- und Gullideckelgestaltung durch Serviettentechnik
  • Einrichten eine Bushaltenstellenwarteezeitüberbrückungsmutimediashow, dezent untermalt vom Kinderliedtitel „Zimetschtärn hani gärn“ von Andrew Bond
  • Grosses Sägespanschnitzen für die spielplatzeigene Schwingkampfarena
  • Quartiereigene Brauerei gründen (erledigt)
  • Quartiereigene Kaffee- und Melonenplantagen anbauen
  • Sommerliche Gefriertruhenabtausynchronisation und anschliessende Quartierkassenaufbesserung durch den Verkauf von Restspeiseeis an badende Tagesausflügler
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5 Kommentare

Eingeordnet unter Nächstbars, Neulich

5 Antworten zu “Engagagement

  1. Hört sich stark nach Müttermafia an ;) musste grad sehr schmunzeln! :)

  2. kicher…ob du noch zu retten bist? ;)

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