Pendlers Grauen oder Wieso die Indianer leiden


(Der folgende Text erschien als Blogpost im Blog der Schweizerischen Bundesbahnen.)

Menschen, die sich mehrmals wöchentlich eines öffentlichen Verkehrsmittels bedienen, um damit an ihren Arbeitsort zu gelangen, werden gemeinhin als Pendler bezeichnet. Unter Pendlern, die den Arbeitsweg, wenn auch nur streckenweise, teilen, in der Regeln zu Stosszeiten, bildet sich gezwungenermassen eine fragile, störungsanfällige Zweckgemeinschaft mit stillem Einvernehmen und ungeschriebenen Gesetzen:

Begrüssung

Es besteht kein Grussobligatorium, diesbezüglicher Minimalismus ist mindestens geduldet, eher erwünscht. Grunzen, brummen, Mundwinkelzuckungen oder kaum merkliches Kopfnicken, es geniessen alle minimalistischen Grussarten grosse soziale Akzeptanz.

Lieblingsplätze

Man respektiert des anderen Platzvorlieben, wenn es doch zu Duellen um besonders beliebte Sitzplätze kommt, werden sie gesittet, fair, geräusch- und ellenbogenlos ausgetragen.

Hauptfrage

Wird ein Platz in einem teilbelegten Abteil angestrebt, werden die bereits sitzenden Personen um Erlaubnis gebeten. Hier ist der Spielraum bezüglich Variationen potenzieller Fragestellungen stark begrenzt. Angesehen und als angemessen erachtet ist eigentlich nur: «Entschuldigung, ist hier/da/der noch frei?». Die angefragte Person wiederum wendet darauf die unter Begrüssung verzeichneten Grunzer, Brummer, Zucker oder Nicker an, diesmal mit bejahender Bedeutung.

Stillschweigen

Man reist ruhig. Die einzigen akzeptierten Geräusche sind Zeitungsumblättern, Laptoptastaturklappern, Abfallkübelauf-/zuklappen und elementare, unvermeidbare Körpergeräusche in eng abgestecktem, jahreszeitabhängigem Rahmen. (Z.B. Naseschnäutzen im Spätsommer/Frühherbst/Spätwinter 1-2x/h, im Frühling/Frühsommer/Frühwinter 2-5x/h.)

Ausstieg

Die Aufstellung für den Auslass am Zielort geschieht gestaffelt und unterliegt der Ordnung nach Perronwechselzeitfenstergrösse, mit der Aufstellung wird frühestens fünf Minuten vor Ankunft begonnen.

Verabschiedung

Eine Verabschiedung ist, ebenso wie die Begrüssung, nicht obligatorisch und erfolgt wenn, dann mit den gleichen Mitteln. (Grunzen, Nicken, Brummen, Zucken.)

 

Es wäre übertrieben zu sagen, dass die Zukunft einer funktionierenden Wirtschaft in der Schweiz davon abhängt, dass die Organisation der Pendlergemeinschaft nicht gestört wird. Aber bei den vielen Pendlern, die zwingend auf ihre morgendliche Arbeitswegroutine angewiesen sind, um anschliessend ihre gewohnt ausgezeichnete Leistung zu erbringen, kann jede Störung des Systems von aussen zu fatalen Fehlleistungen am Arbeitsplatz führen. Wenn von Störungen gesprochen wird, sind hier nicht Verspätungen, Zugausfälle und Umleitungen gemeint, nein, die wahre Bedrohung der verletzlichen Pendlergemeinschaft geht vom Schulferienbeginn aus.

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Es fängt noch vor dem Perron an, wenn die quietschbunten Horden in Suchkettenformation mit vorsintflutlichen Rollkoffern mit ohrenbetäubend scheppernden Hartplastikrädern zu Stosszeiten durch die Bahnhöfe galoppieren und, panisch den Zug zu verpassen, dessen Perrons sie eine halbe Stunde vor Abfahrt anvisieren, jeden Entgegenkommenden gnadenlos niederwalzen. Am geplanten Abfahrtsort stellen sie sich so hin, dass Passanten nur drei Optionen bleiben: Todesmutiges Ausweichen über die weissen Sicherheitslinien, sportlicher Hürdenlauf über Rollkoffer oder, und das ist für den frühen Pendler besonders hart, das Volk um Durchlass zu bitten, mit Worten und Gesten die über ein Grunzen, Brummen, Nicken und Zucken hinausgehen. Wenn der Zug einfährt, begibt sich der kultivierte Pendler mit betonter Gelassenheit Richtung Einlass, auch zu Stosszeiten. Der Urlauber aber hat Angst, Angst aus Zeitnot einen Rollkoffer zurücklassen zu müssen, Angst selber keinen Einlass zu erhalten und, was bei anstehendem mehrstündigem Flug besonders bedeutsam, Angst davor, die Fahrt stehend zu verbringen. Er stellt sich also so direkt und dicht als möglich vor die nächste Tür, zum Leidwesen der Aussteigenden, und ist der Allererste im Zug. Im Zug hat er Angst, sein Gepäck könnte ihm, wenn es unbeaufsichtigt und allein im Gang darbt, auf der stündigen Fahrt zum Flughafen entwendet werden und nimmt es mit ins Abteil, in dem sich seine Frau, um die Plätze sicher frei zu halten, in voller Länge über die Sitze gelegt hat. (Sie erinnern sich an Pendlers Platzsfindungsübereinkommen?)Er merkt dann, dass das Gepäck gar nicht Platz hat und schleppt sich, durch Massen Späteinsteigender, denen nur die Flucht in besetzte Abteile bleibt, vollbeladen zur Gepäckablage, die allerdings schon gut belegt ist. Natürlich hält er seine Liebste am anderen Ende des Wagens, mit sich vor Aufregung überschlagender Stimme, auf dem Laufenden über sein Tun. (Sie erinnern sich an Pendlers Liebe zur Ruhe?) Das tut er auch in der nächsten Viertelstunde, während er Gepäck-Tetris spielt, schliesslich aufgibt und das Bagage doch im Eingangsbereich abstellt. Endlich ins Abteil und zur vermeintlichen Ruhe gefunden, muss der Urlauber zwingend ein Ziegenkäsebrot essen, denn der Flugzeugfrass, das weiss doch jeder, ist ganz schlimm. Ausserdem kann es nicht schaden, den Flugplan im Detail noch mal möglichst laut zu besprechen. Eine Viertelstunde vor Ankunft am Flughafen und zehn Minuten vor Ankunft am Zielort der meisten Pendler begibt sich der Urlauber samt Gepäck schon mal vorsorglich zum Ausgang. (Sie erinnern sich an Pendlers Ausstiegsverfahren?) Da bleibt er auch stehen und die sichtlich verstörten Pendler bahnen sich ihren Weg zwischen Beinen, Armen und Gepäck ins Freie.

Aber eigentlich hätte man hier gar nicht so viele Worte brauchen müssen, das Phänomen ist seit Jahrtausenden bekannt: Unbedarfte Entdecker brechen skrupellos in ein funktionierendes, sensibles System ein und bringen Chaos, Leid und Krankheiten, für die die zarten Organismen nicht gewappnet sind. Fragen Sie die Indianer.

Jedenfalls würde ich eine schweizweite Ferienbeginnharmonisierung sehr begrüssen, wüsste ich doch dann schon, wann ich meine «krankheitsbedingten Abwesenheiten» einplanen müsste.

Gepäck-Tetris

Gepäck-Tetris

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9 Kommentare

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9 Antworten zu “Pendlers Grauen oder Wieso die Indianer leiden

  1. Ja gibt’s denn unter den Pendlern keine die Coffee-to-go oder mitgenommenen Thermoskannengrüntee schlürfen (möglichst geräuschlos)?

  2. mammasusanna

    Vielleicht solltest du dich langsam mal für einen Privatchauffeur umsehen. Wenn du jeden geschriebenen Buchstaben über dieses (verständlicherweise) leidige Thema für sagen wir mal 200 Stutz verkaufen könntest, wäre das flugs finanziert. Es würde einzig das schlechte Gewissen wegem Co2 und so bleiben, aber „auf dich käms ja dann auch nicht mehr an“.
    Vielleicht könntest du auch dem Bänz Friedli seine Pendlerkolumnebuchrechte abläschelen und seine Inhalte durch deine ersetzen? Kurz darauf käme dann auch der Aufstieg ins Migrosmagazin, ganz sicher, dann könntest du dich in der Mamablogredaktion bewerben und täglich unnütze Genderthemen umrühren, diverse Gesundheits- und Firmenmagazine, SI, Beobachter und das Schweizer Fernsehen würden aus Dir eine gutverdienende Cervelat machen. Das filzen etc könnte ja ein schönes Hobby bleiben, sowie auch das Zugfahren – innert Kürze wärst auch Du ein Pendlerschreck…

    • Schön wäre das ja schon. Oh, Utopia!
      Ich werde mich übrigens bald mal bei dir melden. Wir wollen ja im Sommer wieder verreisen und vielleicht habt ihr uns ja noch Tipps…

      • mammasusanna

        Ja du… Schön war das. Habe vorhin kurz eure Route wiedergelesen, wir hatten mit Albanien auch so unsere Mühe, waren 3 Wochen dort und haben zwar viel schönes aber sicher auch genausoviel wenig schönes gesehen… Am meisten ärgerte uns aber, dass wir keine richtig einsamen Plätze gefunden haben, immer bei Beizen etc, da wars in der Türkei schon schöner. Gebe dir gern mal unsere Türkyie Route bekannt, auch die Anfahrt per Fähre per Rhodos nach Marmaris find ich für mit Kindern eine gute Variante. Eh ja, bis baldig. S

  3. Hallo!
    Habe mich köstlich amüsiert und würde den Artikel gerne re-bloggen. Darf ich?

  4. frau nörgeli

    hihi* sehr gut geschriebe danke!
    ungefähr gleich viel hätte ich zu sagen über das verhalten ortsfremder besucher der stadt zürich die mit dem tram zu stosszeiten unterwegs sind…

  5. Hat dies auf Michis Blog. rebloggt und kommentierte:
    Einfach genial. :)

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