Blinzel, blinzel, kleiner Starr


„Wer zuerst blinzelt, hat verloooreeen!“ rief man in meiner Jugend, stellte sich vor das Opfer seiner Wahl und zwang sein Gegenüber damit, sofern dieses sich nicht der Schmach widerstandslosen Kapitulierens aussetzen wollte, zu langanhaltendem Augenkontakt, der nur durch Blinzeln auf der einen oder anderen Seite abgebrochen werden konnte. Ich hasste das Spiel, befand mich aber in der unglücklichen Lage, dass ich in eine ausgeprägte Dichte von Blinzelspielliebhabern geboren wurde. Es ist nicht so, dass ich nicht gewinnen wollte, ich war immer schon sehr gerne Siegerin, aber wenn ich dafür minutenlang in irgendjemandens treudoofen Augen starren musste, schien mir der Preis doch ziemlich hoch, ja, ich war und bin nicht die grösste Anhängerin innigen Versinkens in Gegegenübers Augen. In der Absicht meine Gegener nachhaltig zu langweilen, begegnete ich Binzelspielinitianten mit möglichst unauffällig absichtlich herbeigeführtem Unterliegen und schob als Erklärung einige Erläuterungen zu von Natur aus trockenen Augäpfeln nach. Leider schien ich als sichere Verliererin nicht wie geplant uninteressanter, sondern um so willkommenere Möglichkeit zu sicherem Sieg zu werden. Naheliegend, dass mir somit nur konsequentes, vernichtendes Siegen um jeden Preis blieb. Als nicht sonderlich wassernah gebaute Person fiel blinzepräventives Befeuchten der Augen als Strategie weg, denn trotz lebhafter Phantasie vermochte ich nie, mir Tränen in die Augen zu denken. Da halfen nicht mal gedanklich gemeuchelte Hundebabies. Es blieben nur Hartnäckigkeit und Konsequenz als Mittel zum Sieg. Und so lernte ich fürs Leben: Ich lernte perfektionierten Stoizismus und absolute Ignoranz. Den Blick starr auf den Punkt zwischen den Augen geheftet, der unweigerlich diesen einen Zwangswitzgedanken in mir auslöst („Weisst du wer zusammen ist? … Deine Augenbrauen!“), liess ich mich nicht ablenken oder beirren. Resistent gegen alle äusseren Einflüsse, starrte ich mich durch Pausen, Mathe- und Turnstunden, bis mein Gegenüber blinzelnd seine Niederlage eingestand. Ich war der Starr meines Jahrgangs.

Heute spiele ich das Blinzelspiel mit Vorliebe am Wochenende, wenn auch nicht direkt und eher heimlich, wenn es darum geht, nicht die erste zu sein, die von Kaffee und Zeitung aufblicken, wenn die Kinder sich und die Wohnung verwüsten. Ich sagte doch:

Die wertvollsten vorbereitenden Erfahrungen fürs Muttersein sammelte ich ja im Spiel „Wer zuerst blinzelt, hat verloren“.

 

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