6. Dezember – Kleinkind mit Zepter


Der Mittwoch ist der Tag der Arbeitswoche, den ich komplett mit den Kindern verbringe. Heute Morgen, Y war im Kindergarten, leierte ich Äm an der Bushaltestelle die Liste der zu erledigen Dinge vor, sie nickte verständig jeden Punkt ab und wartete mit Anstand auf meinen Redeflussschluss. „Muss ich nicht machen, will ich nicht. Will ich besser hier warten.“ Es folgten Minuten erbitterter Verhandlung und Konsens in Form einer massiv gekürzten To-Do-Liste und der Abmachung, dass Äm die erste Stunde (mehr hatten wir leider nicht dafür zur Verfügung) im Stadtinnern die Befehlshabe übernimmt. Es ist an dieser Stelle vielleicht festzuhalten, dass das Kind in einer Intensität auf die ganzen Nikolaus- und Weihnachtsgeschichten anspricht, die mir eigentlich relativ fremd ist und so vermochte ich auch nicht realistisch abzuschätzen, was es bedeutet, einer weihnachtswütigen Zweijährigen im Stadtinnern für eine Stunde  gänzlich das Ruder zu überlassen. Falls Sie dereinst ähnliche Vorhaben hegen sollten, hier ein kurzer Abriss dessen, was Sie erwarten könnte:

  • Um aus dem Bus auszusteigen erst das ganze Fahrzeug durchqueren, um den Busfahrer zu fragen, wo der Nikolaus sei.
  • Am Fussgängerstreifen vier Grünphasen abwarten, in der Hoffnung ein Bagger fahre vorbei, dann aber doch loslaufen, weil auf der anderen Seite der Strasse ein bärtiger Obdachloser sitzt.
  • Den bärtigen Bettelnden fragen, ob er der Samichlous (Nikolaus) sei, auf sein bedauerndes Verneinen fragen ob er wisse wo der Samichlous (Nikolaus) sei.
  • Fragen ob im Pappbecher, der vor dem Bärtigen am Boden steht, Geld sei und wieso.
  • Mutters Manteltascheninhalt (einige Münzen, Lippenbalsam und Quittungen) in den Pappbecher geben.
  • Den Plan fassen eine Schoggimiuch (Schokoladenmilch) trinken zu gehen.
  • Auf dem Weg in jedem Schaufenster und wenn möglich im Ladeninnern die „Weihnachtsbälle“ (Christbaumkugeln) ansehen, der Bewunderung durch sehr laute Ausrufe Ausdruck verleihen.
  • Den nächsten Bärtigen fragen, ob er der Samichlous (Nikolaus) sei, sein Verneinen mit „Sone Mischt!“ („So ein Mist!“) quittieren.
  • Beim Schoggimilchdealer die Rolltreppe rauf, runter, rauf, runter, rauf, runter, rauf, runter und rauf fahren.
  • Von der Schoggimiuch (Schokoladenmilch) nur einige Schlucke trinken, den Rest für Y einpacken wollen.
  • Beim Verlassen des Schoggimiuchdealers die Rolltreppe runter, rauf, runter, rauf und runter fahren.
  • Weitere „Weihnachtsbälle“ betrachten und manigfaltige Begeisterungsschreie ausstossen.
  • Im Kaufhaus 5 Minuten lang mit der Verzeichnistafel spielen.
  • Das Mittagessen einkaufen, Erbsen, Karotten und Ofenkartoffeln.
  • Den Laden danach wieder verlassen, aber nur einige Meter, bis zur nächsten Werbeklapptafel laufen, sich darin verstecken, 10 Minuten darin verbringen und bärtige Vorbeigehende fragen, ob sie der Nikolaus seien.
  • Feststellen, dass der Nikolaus wohl nicht hier wohnt.
  • Die Endlichkeit der Kleinkinderdiktatur problemlos akzeptieren.

Werbeversteck     Verzeichnisspiel     Weihnachtsbälle

Ich werde dieses Unterfangen bestimmt wiederholen, vielleicht ausserhalb der Weihnachtszeit, gerne auch länger, gerne auch mit Y, denn zweifellos ist eine andre Sicht auf Allzubekannes garantiert.

Niklausen Sie schön!

 
Adventsbloggen im Jahre 2012
6. Dezember
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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Äm, Elternsein, Erziehung, Neulich

Eine Antwort zu “6. Dezember – Kleinkind mit Zepter

  1. Lukas

    Grandios, Danke! Und vielleicht schaff ich es ja auch mir einmal die Zeit zu nehmen…

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