Wenn ICH alt bin, mein Kind


Allenthalben werden Alterspläne geschmiedet, dies ist meiner:

Wenn ich alt bin, mein Kind, muss ich nicht mehr wollen, können oder tun und wenn ich muss, selbst nachts, dann spielt es keine Rolle, welche Farbe die Wolken haben, denn ich habe sie alle gesehen, die Wolkenfarben, ohne dass ich sie je hätte suchen müssen oder auf sie warten, wenn ich nachts also muss, muss ich nur müssen und danach den Klodeckel wieder schliessen. Wenn ich danach nicht wieder einschlafen kann, öffne ich die hintersten, verstaubten Erinnerungskisten, krame in der Schachtel mit Weggabelungen und ordne sie nach Grösse. Und wenn ich dann senil aus Betten flüchte, ist mir das egal, ich mach mir Tee oder starken Kaffee und sehe euch lächelnd zu, wie ihr euch aus den Federn quält, aus Schlafanzügen schält, ich sehe euren ersten Blick in den Spiegel, ich sehe wie er euch anlügt, wie er euch Ungenügen zeigt und ich sehe euch, wie ihr ihm glaubt, euch aus menschlichen Formen vergeblich in Perfektionismus zupft, überflüssiges Gesichtshaar rupft, wohlwissend, dass in nicht zu ferner Zeit, wenn alles gut läuft, der Spiegel euch sagen wird, was ihr heute für leere Phrasen haltet: Dass Schönheit von innen kommt, kein festes Schema kennt und nichts mit der Absenz von Makeln zu tun hat. Und ich stelle kichernd fest, wie hilfreich die Fähigkeit ist, Unerreichbarem die Bedeutsamkeit wegzudenken, wie wohlig sie sich mit den neuen Wichtigkeiten ergänzt und passgenau jede Ritze meiner faltigen Seele füllt. Und im Moment, in dem sich die Türen des ersten Busses hinter euch schliessen, ihr habt mich nicht winken sehen, fällt mein Blick auf die geschrumpften Götter der Vergangenheit, wie sie da, klein und verspinnwebt, im Setzkasten stehen. Da ist sie ja, die Makellosigkeit! Behutsam nehme ich sie aus dem Kasten, puste sie staubfrei, betrachte sie ein wenig, gedenke der Opfer, die ich ihr einst dargebracht, und stelle sie liebevoll an ihren Platz, zwischen Jesus und Ansehen, zurück. Fast fühlt es sich an wie Glück, sie so klein zu wissen und skrupellos nicht zu vermissen. Und draussen zieht ihr nun gen Schule los oder bringt eure Kinder in ihre Gärten und Krippen, ich winke euch wieder und werde gesehen, stets von den selben, von trödelnden Liesen, luftfixierten Hansen und denen, bei denen die Pünktlichkeit und Ansehen schon geschrumpft im Setzkasten stehen. Und wenn der Postbote Botschaften einwirft, schiebe ich das Holen nicht auf, überhaupt prokrastiniere ich nicht mehr, allerhöchstens noch den Tod, nur ein wenig jedenfalls, bis zur nächsten Reise in ferne Kontinente, vielleicht, oder bis zum nächsten Urlaub im Nachbarland, vielleicht, oder bist zu dieser Dokumentation über Kasachstan, nächsten Donnerstag, vielleicht, sicher aber bis ich den Briefkasten geleert und seinen Inhalt sortiert habe, aber das reicht. Ich ordne zu Stapeln was mir ward gesendet, manches staple ich zu Türmen, manches aber endet auch einfach im Kamin. Und wenn ich dann die Zeitung finde, trage ich sie zum Küchentisch, mach ich mir Kaffee oder starken Tee und lese von dem, was ihr da so macht, von warmen und kalten Konflikten und Macht und davon wie das was ich für Gestern hielt urplötzlich zu Geschichte wird und seine Gültigkeit endgültig verliert. Das tut mir nicht weh, ich will nicht zurück, ich kenne den Klang berstender Utopien und Weltbilder in Schieflage verstören mich nicht. Mein grüner Daumen lässt Keime wachsen, ob sie nun Feldsalat oder Hoffnung werden. Es sind Zeiten wie diese, in denen ich Weltbilder golden rahme, zur Erinnerung an die Wand, neben all die vergilbten Weltbilder vergangener Tage hänge und mit Abstand betrachte. Während euch die Mittagsglocken nach hause rufen, lege ich mich hin zum Schlummern, träum’ mich zurück in frühere Zeiten, von Höhepunkt zu Sensation, und klammer aus das Kummern, die Alben in Träumen sind längst verbannt, mir ist, als hätte ich sie nur flüchtig gekannt. Und wenn ich erwache, wenn ich erwache, erwache ich weil ich es will und erst, wenn ihr schon alle beim Abendbrot sitzt oder wenn meine Kinder mir skypen aus Weltenweiten, die sie bereisen, weil anders kennen sie es nicht, denn sie wurden wie ich, mit Fernwehen geboren. Das muss wohl so sein, vielleicht, wir müssen reisen, vielleicht und vielleicht sind wir die, die die Weggabelungen, Götter und Weltbilder, die heute unsere Kisten, Setzkästen und Wände füllen, daheim nicht gefunden hätten. Wenn ihr dann all eure Verpflichtungen selig schlummernd wisst oder ahnt oder zumindest hofft, euch in Nachtgewändern des Perfektionismus entledigt, nur für die Nacht und so gut es eben geht, mach ich mir Tee oder starken Kaffee und sehe euch lächelnd dabei zu.

Advertisements

12 Kommentare

Eingeordnet unter Gmanggfakt, Neulich, Vom Sollen und Tun

12 Antworten zu “Wenn ICH alt bin, mein Kind

  1. Hach, du hast so gute wahre Gedanken :)

    Ich habe vor rund 16 Jahren einmal die Senta Berger etwas sehr weises sagen hören, mir dies aufgeschrieben und zu meinen eigenen Worten gemacht!
    …je älter ich werde, je älter meine Kinder werden- um so gleichalter werden wir… sie lernen mich kennen und verstehen. Für mich heißt das auch, ich kann jetzt von meinen Kindern lernen- ich kann meine Fehler und Schwächen zeigen… Dies kann und darf man als Mutter von Kindern durchaus nicht oder nur ganz selten.

    Liebe Grüße Keti

    • Da gehe ich gänzlich uneinig mit Senta Berger oder dir: Ich finde als Mutter (Eltern) darf, kann und soll man seine Fehler und Schwächen zeigen und, besonders wichtig, den Umgang damit!

      • Dann wirst du mich, die Worte der Senta Berger und was wir damit meinen, erst verstehen wenn du deine Kinder groß gezogen hast ;-)

        • Das ist jetzt aber zu einfach! Erklär es doch uns Unverständigen!

        • Ich werde es versuchen. Stehe aber vollkommen im Schatten deiner Wortgewandtheit, die ich sehr liebe ;-)

          Selbstverständlich mach man in der Erziehung der Kinder, im Vorleben „Fehler“ (Gänsefüßchen sind absichtlich!) die man als solche aber durchaus erst 10- 20 Jahre später als solche erkennt, vielleicht sogar bereut und sicher mit heutigem Wissen einiges anders gemacht hätte. Das ist jedoch menschlich!

          Schwächen- zeigst du deinen Kindern z.B. wie ängstlich, traurig, gekränkt oder gar deprimiert du bei Mißerfolgen, Beleidigungen, Schmerzen, alltäglichen Ärgernissen deinerseits, bei Erkrankungen oder Verletzungen deiner Kinder bist? Oder vermittelst du ein gewisses Maß an Zuversicht und Stärke? Ich mochte meine Kinder nicht mit meinen Problemen und Ängsten belasten. Das heißt doch nicht, das ich meine Gefühle verbarg. Ist es nicht unsere Aufgabe die Kinder vor gewissen Erlebnissen und Erfahrungen zu schützen? Das harte und gemeine Leben kommt früh genug. Sie wachsen mit unserer Hilfe langsam hinein.

          Heute hole ich mir Rat von ihnen, profitiere von ihrem Wissen, ihren Erfahrungen, lasse sie ihre Fehler alleine machen, überlasse ihnen, Rat von mir anzunehmen.
          Das alles konnte ich früher nicht ahnen, macht mich heute glücklich und ich fühlte mich den Worten von Senta Berger sofort verbunden.

          Mit herzlichen Grüßen Keti

  2. Emee

    huch ist das schön, ich bin ja schon alt

  3. chris

    freue mich ,die seite entdeckt zu haben.der text macht mut.
    chris

  4. B.Baxter

    Ich muss mich, glaub ich, an den Schreibstil bei diesem Post gewöhnen, irgendwie mutet er etwas unecht (theatralisch?) an. Ihre anderen Beiträge gefallen mir vom Ton her besser … .

    • Für „Echtheit“ bürge ich bei keinem meiner Texte, klar ist aber, dass diesen Beitrag zu schreiben mir leichter fiel, als das Verfassen vieler Artikel zuvor und ich beabsichtige das Konzept planlosen Fliessenlassens zukünftig durchaus immer mal wieder einzubauen. Es ist eine Spielart von vielen und sie macht mir Spass.

  5. Sehr, sehr gern gelesen.

  6. hui, das war aber gerade äußerst, äußerst wunderbar zu lesen!

Kommentariat:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s