Monatsarchiv: Februar 2014

„Hast du Durst?“


Wir stehen genau richtig, die Bustüren halten passgenau vor unseren Füssen. Ich hebe Äm hoch, damit sie den Türknopf betätigen kann und widerstehe danach erfolgreich dem Impuls, ihr beim Einsteigen zu helfen. Sie will und kann das alleine und jeder Hauch von angedeuteter Hilfe hätte zur Folge, dass sie noch mal aussteigen muss, um dann gänzlich selbständig wieder einzusteigen. Der Bus ist gut besetzt, nur einzelne Sitze sind noch unbelegt, bist auf die Doppelsitzbank im Viererabteil, ganz hinten im Bus. Mir wird sogleich klar, weshalb die Sitze noch frei sind, denn mit im Abteil sitzt ein Mann mittleren Alters, in der Hand eine Dose Bier, neben sich auf dem Sitz sieben weitere Dosen. Er scheint zu dösen und sitzt, den Kopf gegen die Scheibe gelehnt, in sich gesunken da, die Dose liegt beängstigend schief in seiner Hand. Ich biete Äm an, sie auf den Schoss zu nehmen und weise auf den vorderen Bereich des Busses, aber Äm marschiert zielgerichtet zur freien Zweierbank uns setzt sich vis à vis vor den Dösenden. Ich folge ihr widerstrebend, der Geruch von Bier setzt mir, besonders morgens, stark zu, Äm jedoch scheint sehr zufrieden mit ihrer Platzwahl und mustert unseren Abteilsgenossen mit grossem Interesse. Ich ziehe die Beine an, weil ich fürchte, die schräge Dose Bier könnte ihren Inhalt genau über meinen Schuhen verlieren. Unser Gegenüber scheint immer mehr in sich zu sacken, seine halblang ins Gesicht fallenden, strähnigen Haare beschrieben die Scheibe mit einer schmierigen Fallspur. „Schläfst du?“ fragt Äm den Dösenden unvermittelt und zeigt sich wenig beeindruckt ob meiner Bitte, den Mann doch schlafen zu lassen, „Du-u, Ma-ann, schläfst du?“, fragt sie statt dessen nachdrücklicher. Unser Gegenüber erwacht, richtet die Dose in seiner Hand in auslaufsichere Position und sich selber auf. Er sieht müde aus, lächelt aber, sobald er die fragende Äm erblickt. „Ja, ich bin müde, manchmal macht das Leben das.“, er lächelt mich verschmitzt an und für einen Augenblick ist sein wahres Alter zu sehen, das Alter, das unter dem vorzeitig verlebten, gezeichneten Gesicht nur schwer wahrzunehmen ist. „Hast du Durst?“, fragt Äm weiter. Wieder lächelt er. „Ich habe Durst, viel zu viel vom falschen Durst. Und du erinnerst mich an meinen Sohn, der ist auch immer so neugierig. Er heisst Nicolas, aber alle sagen ihm Nicki. Ich heisse Matt, so wie Schachmatt. Und du?“ Äm wird ein bisschen verlegen, brummelt ihren Namen, nimmt meine Hand, beginnt mit den Beinen zu baumeln und trifft dabei das Knie unseres Gegenübers. Ich entschuldige mich und stoppe die Baumelbeine sanft. „Macht nichts,“ lächelt Matt wieder, die Hose ist doch schon dreckig und das Knie hat schon Schlimmeres gesehen.“ Tatsächlich lässt sich auf seiner Hose kaum ein unbefleckter Fleck entdecken, das scheint nun auch Äm aufzufallen. „Ist das deine Matschhose?“ Kichernd wird er erneut einige Jahre jünger und bejaht die Frage. „Nicki hat auch eine Matschhose. Nicki ist gerne draussen. Ich vermisse ihn… Schau! Hast du den grossen Lastwagen da gesehen?“ er pocht aufgeregt gegen die Scheibe, worauf Äm begeistert einsteigt und mit Inbrunst mitpocht. „Ich kenne auch einen Nick.“, steigt Äm auf das Gespräch ein und muss dafür ziemlich laut sprechen, weil die beiden noch immer pochen, „Mein Nick hat auch einen Hund. Wau!“ Matt stoppt das Pochen und kramt in seiner Hemdtasche nach einem Foto. „Das ist Nicki. Nicki hat keinen Hund, er darf da keinen halten, aber er mag Tiere. Als ich ihn das letzte mal gesehen habe, waren wir zusammen im Naturhistorischen Museum. Da hat es viele Skelette, tote Tiere, Kristalle und Meteoriten. Warst du auch schon da?“ Äm schaut mich fragend an: „War ich da schon?“ Ich nicke und erzähle ihr zur Erinnerung von Bären, Löwen und dem Krokodil. „Auf dem Ballenberg gibt es auch ein tolles Museum, ein Freilichtmuseum, Nicki hat es da sehr gefallen!“ erzählt unser gegenüber begeistert und wir tauschen einige kindertaugliche Museumstips aus. Die Lautsprecheransage verkündet uns Bahnhofsnähe, Matt schaut erstaunt um sich. „Oh. Jetzt habe ich die Haltestelle verpasst, so viel quatschen musste ich. Das ist ein sehr guter Grund um die Haltestelle zu verpassen. Besser als zu verschlafen.“ Ich pflichte bei, reiche Äm ihre Mütze und will sie schon vom Sitz heben, als sie mich eines Besseren belehrt. „Ich kann das schon selber. Tschühüss, Mann, ich gehe jetzt einkaufen!“ Sie winkt und marschiert zum Ausgang. „Auf Wiedersehen und Danke für die Ausflugstipps, Nicki wird sich freuen, wenn er mal wieder bei mir ist!“, er winkt ebenfalls. „Merci auch, auf dass Sie bald gemeinsam musehen können!“, erwidere ich, kann gerade noch so mit der zielstrebigen Äm mithalten und steige aus. Draussen sehen wir, wie Matt uns durch die Scheibe zupocht.

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Blockeis und Zitronen


Es ist ein hundskommuner Montagabend, ich habe meinen Tag arbeitend bei Zürich verbracht, Herr G. hielt daheim Brut, Hund und Haushalt in Schach und kam gar noch dazu einzukaufen. Nun ist es so, dass ihn aus Frustration ob kindlichen Bodenwälztrotzanfällen unerfindlichen Gründen beim Einkauf die Lust auf Mojitos befiel und er alle Zutaten besorgte, die er als herstellungsnötig betrachtete. Nun sitzen wir hier, den Mojito in Greifnähe und überlegen uns Gründe, wieso wir uns an diesem herkömmlichen Wochentag einen Mojito genehmigen dürfen können sollen wollen. Es gäbe sie durchaus, die Gründe, mal ganz abgesehen von trotzenden Kindern, wir könnten feiern, dass es nur noch 146 Tage dauert, bis zu unserer Abreise, oder dass Herr G und ich in den nächsten 7 Wochen beide 30 werden, oder weil Äm seit zwei Wochen ziemlich gesund ist, oder weil der Welpe nur noch Fremde beisst, oder weil die neusten Abstimmungsresultate durchaus Argument wären, sich dem Alkoholismus hinzugeben, oder, und damit wären wir wohl bei den wichtigsten Argumenten angelangt, weil Mojito schmeckt und weil wir können.

Mit dem Entschluss für den Mojito stehen wir allerdings vor den nächsten Problemen: Die Limette ist eine Zitrone (Herr G. leidet unter Fruchtlegasthenie) und das Eis blockt. Ersteres lässt sich mit etwas Nachsicht und Gelassenheit übersehen und schön trinken, so flexibel sind wir, dem Eis in Blöcken werden wir aber nur lärmintensiv mit Handtuch und Hammer Herr und Herrin und müssen dafür, zu Gunsten des kindlichen Schlafs und elterlicher Nerven in den Keller. Im Keller finden wir allerdings jedes Werkzeug, nur den Hammer nicht, den haben wir nämlich im Schlafzimmer, bei den schlummernden Kinder liegen lassen. (Nicht wofür Sie denken, Sie Unholde! Unsere Kinder finden meist gewaltlos in den Schlaf, wir haben lediglich das Zimmer neu bebildert.) Wir nehmen also unsere schwersten Schuhe aus dem Schuhregal und lassen Tagesaggressionsstau erfolgreich am blockenden Eis aus. Die Wut ist weg, die Eisblockade nicht wirklich. Und dann fällt uns ein, dass so ein Gigantogefährt einen mojitobegünstigenden Vorteil hat: Es ist gewichtig! Einmal übers Eis gefahren und was einst blockte, bröselt nun. Das war sogar ziemlich verwegen, so ohne Winterpneus, auf purem Eis! MOJITOS FÜR ALLE!

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Sonntagsspaziergang


Sonntagsspaziergang

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Februar 9, 2014 · 12:01

Reise 2014 – Die Baustellen


Noch 157 Tage bis zur Abreise. Das ist ja noch massig Zeit, könnte man denken, aber tatsächlich haben wir noch einige Baustellen zu schliessen, bevor wir uns erneut auf (fast) Vierteljahresreise machen können.

Baustelle 1: Der Gefährt(e)

Wir arbeiten an einem partiell neuen, optimierten Ausbau, beziehungsweise, eigentlich ist der schon angefertigt, leider mussten wir nach einer Testsitzung im Gefährteninnern feststellen, dass wir vergessen haben mit einzubeziehen, dass es von Vorteil wäre, wenn sich die Türe trotz Ausbau weiterhin von innen öffnen liesse, gegen das Fallengefühl und so, Sie verstehen.

Berat, AlbanienGefährte neu

Ausserdem haben wir an der Dachverkleidung einige Schimmelstellen gefunden und müssen also das Dach innerlich gänzlich neu auskleiden. Weiter fehlt dem Gefährten hier und da etwas Gemütsschnickschnack und Wohlfühlschischi. Von äusserlichen Veränderung sehen wir, trotz kurzer entsprechender Gedankenstreifung, ab, gerade das unauffällige, weisse Antlitz eines Lieferwagens hat und auf der letzten Reise einige ausserordentliche Übernachtungsmöglichkeiten eröffnet.

Baustelle 2: Die Wohnung

Um unsere Reisekasse zu füttern würden wir gerne unsere Wohnung untervermieten. Wer also gerne einen Sommer in Bern verbringen möchte, melde sich! Wir bieten 3,5 von 4,5 Zimmern, einen riesigen Garten, direkt am Waldrand (Mit etwas Glück sieht man morgens Rehe im Garten äsen. Ehrenwort!), mit zwei Balkonen und einer Terrasse, 10 Busminuten vom Hauptbahnhof entfernt (in Stosszeiten fährt er alle 6 Minuten), eine Fussminute von der Aaare (Fluss) entfernt, die hier zahlreiche Bademöglichkeiten bietet und über einen Tunnel verfügt, der fünf Minuten Marschzeit mit 15 Minuten Schwimmzeit belohnt und für den Viele sogar längere Anfahrtswege in Kauf nehmen. Bei Interesse und ausgiebigerem Informationsbedürfnis schrieben Sie an: gminggmangg@gmail.com

Baustelle 3: Die Arbeit

Uns wurde zwar unbezahlter Urlaub zugesprochen, aber als Lehrer und Klassenverantwortliche tut man sich keinen Gefallen, wenn man der Vertretung gänzlich freie Hand und unter Umständen Themen bearbeiten lässt, die für später vorgesehen sind. Deswegen bereite ich den Unterricht für die 7 Wochen meiner Abwesenheit so gut als möglich vor. Ausserdem fallen auf Ende Schuljahr Gespräche, Zeugnisse und diverse Berichte an, die alle relativ viel Zeit beanspruchen.

Baustelle 4: Äm-Gesundheit

Äm war immer schon relativ oft und oftmals unter seltsamen Umständen und mir untypischen Symptomen kranke, aber seit Jahresbeginn hat diese Neigung zu schier unerträglicher Intensität zugenommen, ihr Immunsystem scheint derart geschwächt, dass sie jeden Infekt nimmt, der ihr so begegnet. Wir verzeichnen 1x unerklärlich hohe Entzündungswerte mit Fieber, 1x Mittelohrenentzündung, 1x Ringelröteln und 1x fiebriges Grippen in den letzten 5 (fünf!) Wochen. Wenn sie bis im Juli nicht nachhaltig gesünder wird, werden wir die Reise um mindestens zwei Jahre verschieben müssen.

Baustelle 5: Der Welpe

Bis in 157 Tagen möchten wir einen einigermassen erzogenen Hund herantrainiert haben. Ich denke, dass wir uns da auf bestem Wege befinden, die wichtigsten Kommandos kennt sie, die Charlotte, jetzt arbeiten wir noch an der unbändigen, überschwänglichen Freude, beziehungsweise den zahnlastigen Freudebekundungen, wenn Menschen (es spielt keine  Rolle wie bekannt oder fremd) ihr ihre Aufmerksamkeit widmen. Das Wort „Nein.“ Ist hier jedenfalls oft in Gebrauch, auch wenn sich der Welpe grösstenteils sehr bemüht, unter besonders strengem Blick vor lauter Beflissenheit gleich das ganze Repertoire potentiell erwünschten Verhaltens präsentiert und dabei zwischen Sitz, Platz und Pfote rotiert, bis wir Einhalt gebieten.

Warten

Baustelle 6: Die Ukraine

Ich möchte nach Odessa fahren und das ziemlich unbedingt, aber die Lage in der Ukraine ist momentan nicht nur entspannt, besonders in den Städten und mit kleinen Kindern möchte ich mich dann doch nicht in all zu konfliktgeladene Gebiete begeben. Ich wünsche mir also Entspannung für die Ukraine und, wenn wir schon dabei sind, auch gleich für den Rest der Welt. Danke.

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