Tagesarchiv: März 27, 2014

Dökterlen (Doktorspiele) in der KiTa


„Krippen erlauben den Kindern Doktorspiele so lautet der heutige Aufhänger der 20 Minuten, für garantiert gigantöses Kopfkino. „Vertrauensbruch“ schreit irgend ein CVPler, verweist auf die „sittliche Ordnung“ und zeigt damit eindrücklich auf, was passiert, wenn der richtige Zeitpunkt für ein aufklärendes Gespräch verpasst wurde. Auch wenn ich mich hier zu Interpretationen hinreissen lasse, denn das war im Artikel nicht ersichtlich, so gehe ich  doch davon aus, dass der Herr Büchler kindlichen Doktorspielen eine tragende sexualisierte Komponente zuweist, anders kann ich mir nicht erklären, wie er den Zusammenhang mit Zerfall von Sitte und Moral zu schaffen vermag. Das wiederum wäre sehr konsequent, sind es doch Parteigenossen der CVP und Konsorten, die Kinder gerne schon beim „Aufklären“ in ihre moralischen Schranken weisen, in denen Experimente keinen Platz und Modelle jenseits der gefühlten Norm keine Akzeptanz finden. Bezeichnend, dass Büchler von „Vertrauensbruch gegenüber den Eltern“, nicht aber, wie es für mich in logischer Konsequenz folgen müsste, von allfälliger Schädigung kindlichen Wohlbefindens spricht. Tatsächlich würde er hierfür wohl auch kaum Argumente finden, denn in keiner mir bekannten Kindertagessstätte wird mit dieser Thematik nicht reflektiert und behutsam umgegangen. Frau Rickli wiederum hat Angst, dass kleinere Kinder „die sich noch gar nicht dafür interessieren“ durch Ältere zu früh an ein Thema herangeführt werden, das ohnehin „nach Hause und nicht in die Kinderkrippe“ gehört. Und wieder beschleicht mich das Gefühl, dass hier kindliche Entdeckungsfreude mit erwachsener Sexualität verwechselt wird, würde doch sogar Frau Rickli ebenbürdig experimentelle Themen, wie Matschsuppen, Rangeleien und ganzheitlich, lustvolles Essen wohl kaum ebenso rigide nach Hause verweisen. Auch gehe ich nicht davon aus, dass irgendeine Krippe mit professionellem Konzept erlauben würde, dass ein Fünfjähriger mit einem uninteressierten Einjährigen dökterlet. Ich wiederhole mich: In keiner mir bekannten Kindertagessstätte wird mit dieser Thematik nicht reflektiert und behutsam umgegangen. Die KiTa, die meine Töchter besuchen, hat vor einiger Zeit einen Elternabend zum Thema veranstaltet, bei denen wir als Eltern aktiv Rahmenbedingungen und Regeln mitgestalten und Bedenken Ausdruck verschaffen konnten. Es war ein wichtiger, wertvoller Abend für mich, denn so sehr ich meinen Kinder jeden Raum für Erfahrungen und Experimente öffnen möchte, so sehr glaube ich auch, dass in heterogenen Gruppen wie Krippen zurückhaltende Begleitung wichtig ist. Als Mutter und Pädagogin sind mir folgende Punkte wichtig:

Es existieren Rückzugsorte, nicht so spezifisch als Dökterli-Ecken gekennzeichnete, wie der Artikel es glauben machen will, sondern kleine Erholungs-, Einsam- und Mehrsamkeitsoasen.

Die oben genannten Rückzugsorte sind so eingerichtet, dass stets Hör- und/oder partieller Sichtkontakt zu den ErzieherInnen besteht.

Geschlossene Türen sind tabu.

Es wird nur gedökterlet, wenn alle Parteien einverstanden sind.

Es darf kein Machtgefälle bestehen, nur gleichberechtigte und –starke (physisch, psychisch, entwicklungsmässig) Kinder dürfen sich in dieser Form zurückziehen.

Es wird nichts eingeführt.

Es werden keine Schmerzen zugefügt.

Erwachsene übernehmen nur dann eine aktive Rolle, wenn das Spiel (falls einer der oben genannten Punkte nicht erfüllt ist) abgebrochen werden muss und beteiligen sich niemals am Dökterlispiel.

„Neins“ sind in jeder Form und sofort zu befolgen.

Regeln wie diese setzten meines Erachtens schon 50% der Einwände ausser Kraft, die restlichen 50% bestehen aus Moralvorstellungen, die mir (und Allen seit dem Mittelalter) bekannt, aber nicht nachvollziehbar sind.

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