Monatsarchiv: April 2014

Sitzakrobatik und Atemübungen


(Der folgende Artikel erschien als Blogpost im Blog der Schweizerischen Bundesbahnen.)

Glück gehabt, ich habe ein Viererabteil für mich, in einigen Sekunden fährt der Zug ab, die Gefahr beengten Reisens scheint für heute vorerst gebannt. Ich breite mich also ungehindert aus und stelle zufrieden fest, dass auch von den umgebenden Abteilen keine erhebliche Lärm- oder olfaktorische Belästigung droht, hier ein Anzugträger mit Klappcomputer, da ein älteres Pärchen auf Wanderfahrt, alles entspannt, alles gut.

Ich stelle meinen Kaffee aufs Zugtischchen, obwohl ich gefühlt erst einen Tropfen getrunken habe, ist er schon kalt und beinah leer, altbekannte Geschichte, aber das inkorporierte Koffein sollte für ausreichende Gewaltprävention bis zur nächsten Kaffeemaschine reichen, alles entspannt, also, alles gut. Der Zug setzt sich in Bewegung, nein, von hier aus stört es mich kaum, dass es nach Tagen frühlingshafter Wärme wieder schneit, dafür suche ich nach der angemessenenmusikalischen Begleitung, erhöhe die Lautstärke und lese in der Zeitung irgendwas von Ohrfeigen und Hanf, als am linken Oberarm ein Pieksen spüre, reflexartig zücke ich das GA und halte es dem Piekser unter die Nase.

Das Muskelbubi.
Vor mir steht aber kein Kondukteur, sondern eine der bemitleidenswerten Kreaturen, die trotz erneuten Kälteeinbruchs im Unterhemd rumrennen müssen, weil sie das Präsentieren ihrer postpubertären Müskelchen während den ersten warmen Tagen derart in Euphorie versetzte, dass sie nun einfach nicht mehr damit aufhören können. Ich gewähre ihm selbstredend den Platz und kann mich gerade noch so zurückhalten, ihm auch noch meine Jacke anzubieten. Er setzt sich und ich suche wieder die Versenkung in Musik und Zeitung. Vergeblich, denn der Beunterhemdete setzt sich stocksteif, starren Blickes in meine Richtung vor mich und beginnt mit Atemübungen. Die machen zumindest keinen Lärm, denke ich, und verstecke mich etwas besser hinter der Zeitung.

Allzu atmungsaktiv.
Tatsächlich kann ich mich über die Lautstärke nicht beklagen, allerdings habe ich auch nicht damit gerechnet, dass mein Gegenüber seine Atemübungen mit derartiger Intensität zelebriert, dass meine Zeitung flattert, was wiederum das Lesen erschwert. Ich versuche ihm zwischen den Ausatmungsphasen genervte Blicke zuzuwerfen, aber er atmet geschlossenen Auges, konzentriert weiter und ich sehe mich gezwungen diesmal selber, möglichst direkte Atemböen vermeidend, pieksend aktiv zu werden. Er unterbricht sein Tun und schaut mich fragend an. «Würde es dich stören, in eine etwas andere Richtung zu atmen?», frage ich und mir wird im selben Moment klar, wie seltsam diese Frage klingt. Er, gänzlich unbeeindruckt, dreht sich, beide Füsse noch immer in gerader Position am Boden, in unnatürlicher Drehung zu Schreibe und atmet weiter. Die Scheibe beschlägt in regelmässigen Abständen, ich versuche mich erneut auf die Zeitung zu konzentrieren, dankbar, sie überhaupt dabei zu haben, denn ohne sie hätte vorhin an ihrer Stelle mein Haar im Atemwind geweht und ich vermag kaum Unangenehmeres auszumachen.

Turnübung kurz vor Zürich.
Ganz kann ich meinen Blick, trotz angestrengtem Konzentrationsversuchs, nicht von meinem Mitreisenden lösen, denn mittlerweile atmet er zwar nicht mehr, also nicht mehr ganz so betont, sondern hat seinen Oberkörper noch weiter nach rechts gedreht. Während seine Füsse nach wie vor in gerader Position am Boden verweilen, weist sein Gesicht unterdessen gen Sitzpolster, sein ausgestreckter rechter Arm dient, in Anlehnung an den Sitz links neben ihm, als Keil, um ihn in dieser Position zu halten.  Ein halbes Lied und ein Zeitungsabschnitt, ohne inhaltliches Verständnis, lang herrscht relative Ruhe, dann löst mein Vis-à-Vis im Unterhemd sich aus seiner Position und dreht sich in die exakt selbe Position, aber auf die andere Seite. Weitere fünf Minuten vergehen, ehe er sich erneut zurück, in eine etwas natürlichere Haltung dreht und damit beginnt, seine Schuhe auszuziehen. Ich bereite mich innerlich auf potentielle Geruchsintensitäten vor und filtere die Luft der folgenden Atemzüge vorsichtshalber gezielt und unauffällig mit meinem frisch gewaschenen Schal. Mein Gegenüber, nunmehr in Unterhemd, Trainerhose und Socken, kniet sich, Rücken zu mir, auf die Sitzbank, legt sein kluges Telefon auf die Kopfstütze uns spielt, rutschbedingt ziemlich erfolglos, Candy Crush.

Atmunksaktiv

Abteil mit Aussicht.
Unschöner Nebeneffekt: Jede handysche Rutschpartie hat Unterhemdträgers Bücken und einen ungewünschten Blick auf seinen Rücken, samt Pobackenlücke zur Folge. Erneut tut meine Zeitung einen sehr willkommenen Dienst als Sichtschutz. «Nächster Halt Zürich, guten Mor…, äh guten Morgen miteinander!», auch der Kondukteur zeigt sich leicht irritiert ob Gegenübers Sitzdarbietung. Ich zeige mein GA und auch der Sitzakrobat wedelt mit irgendeinem Ausweis. «Könnte ich noch Ihr Halbtax-Abo sehen? Und weswegen knien Sie verkehrt herum auf Ihrem Sitz?», der Kondukteur sieht auch mich fragend an. Ich zucke mit den Schultern, zutiefst dankbar, dass ich die Frage nicht selber stellen musste. Mein beunterhemdetets Vis-à-Vis, nach wie vor kniend auf der Sitzbank, zückt auch noch das Halbtax und hält es in die Runde. «Mir wird schlecht, wenn ich vorwärts fahre.» Der Kondukteur wirft mir einen fragenden, bis vorwurfsvollen Blick zu. Ich finde mich für einen Moment wortlos wieder. «Äh… Das wusste ich nicht… Möchten Sie Platz tauschen?», frage ich und beginne meine Sachen zusammen zu packen. Das Unterhemd dreht sich für einen Moment um, um abzuwinken: «Nein Danke, es geht so ganz gut.» Und dreht sich wieder zurück. Ich beende die Fahrt zwischen Erstaunen, schlechtem Gewissen und angestrengtem Nichthinsehen.

 

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Gminggmanggs im Papiliorama


(Der folgende Artikel erschien als Blogpost im Blog der Schweizerischen Bundesbahnen.)

 

Einleitend

Einleitend zu sagen ist: Der Ausflug, also Fahrkosten und Eintritt, wurden uns netterweise von der SBB bezahlt, damit wir hier über die neue Familien-Tageskarte berichten können. Da ich das Wochenende partnerlos darbte, begleitete uns meine Schwester, die ihre Dienste als Ausflugsfotografin anbot.

Die Vorbereitung

Es ist allgemein bekannt, dass Kinder ohne grossen Aufwand in relativ grosse Aufregung zu versetzen sind, da reicht ein Flatulieren zur richtigen Zeit oder die Möglichkeit den Liftknopf zu bedienen, es verwundert also nicht, dass meine Töchter bei der Verkündigung des Samstagsprogramms, nämlich Schmetterlinge, Vögel und Chäferli (Käferchen) besuchen zu fahren, in lautes Jubilieren ausbrachen. „Das freut mich,“ so klein M. (2 Jahre) nachdem sie die erste Phase der Vorfreude, lautes Kreischen und Hüpfen, erfolgreich abgeschlossen hatte, „aber Käfeli (Kaffeechen, Dimuinitiv in Höchstform) darf ich nicht trinken.“ „Chäferli! Chäfer! Denk!“ schuf  Y. (4 Jahre) sofort Klarheit und die beiden konnten zur nächsten Stufe kindlicher Vorfreude übergehen, der Frage „Gehen wir jetzt?“. Gute 18 Stunden später, am Samstagmorgen, packten wir unsere 7, 10, 15 zuvielen Sachen und brachen auf, das Papiliorama heimzusuchen.

Die Anfahrt

Wir hatten die Zeit grosszügig berechnet, so konnten wir gemütlich vom Bus, durch den Berner Bahnhof, zum hinterletzten Gleis trödeln, uns noch Nervenproviant (Kaffee) holen und es spielte absolut keine Rolle, dass die Kinder, begeistert ob ihren picknickbefüllten Rucksäcke, alle paar Schritte stehen bleiben und wahlweise ihren wahnsinnigen Durst ertränken oder ihren spriessenden Hungerast ansägen mussten. Beim Gleis angelangt, stand der Zug schon so rum und so konnten wir Erwachsenen unseren Kaffee sitzend geniessen und die Kinder, schon redlich satt, waren einer Verschnaufpause ebenfalls nicht abgeneigt. Das erste was die Kinder nach geeignetem Platzfund in Öffentlichen Verkehrsmittel tun, ist: Schuhe ausziehen. Die fünf Minuten die wir stehenden Zuges im Berner Bahnhof verbrachten verstrichen rasch und gerade als M. sich über den langen Tunnel zu beklagen begann, fuhren wir los. Die Fahrt bis Kerzers verlief ruhig, die Grösse von Zugfenstern und die Bewegungsfreiheit, so ohne Gurte und Kindersitze, scheint die kindliche Fahrgeduld zu multiplizieren. Kurz vor Kerzers verstauten wir unser Chaos fachgerecht zurück in unsere Rucksäcke und die Kinder artgerecht in Regenkleidung. Auch die anderen Mitreisenden mit Kindern wurden geschäftig, es herrschte friedliche Aufbruchstimmung. In Kerzers angekommen regnete es in Strömen, wer keine Regenkleidung trug, rannte eilends in Deckung und wartete da. 7 Minuten Umsteigezeit, meinte der gespeicherte Verlauf des Online-Fahrplans, genügend Zeit also, um an einem so kleinen Bahnhof wie Kerzers von Zug zu Zug zu kommen. Bei Verspätung würde es vielleicht etwas knapp, dachte ich mir, als ich da so mit Kind, Kegel und dem Rest der Reisendenherde durch den Regen unters Dach rannte, wo wir schliesslich warteten. Wir warteten etwa 6 Minuten lang. Dann fanden wir es seltsam, dass der Zug noch nicht angekündigt wurde. Dann fanden wir es seltsam, dass unser Zug von eben noch auf dem Gleis und damit doch eigentlich im Weg stand. Dann kontrollierte ich erneut den gespeicherten Verlauf des Online-Fahrplans. Dann stellten wir fest, dass mittlerweile der Zug von eben anders beschriftet wurde, machten die anderen Warten ebenfalls darauf aufmerksam, klemmten die Kinder unter den Arm und trabten geschlossen zurück in den Zug, der sogleich abfuhr. Wir verbuchten das als erlebnispädagogische Intervention zur Stärkung des Papilioramabesuchergruppengefühls, initiiert von der Abteilung für Soziales der SBB, oder als kleinen, leicht verwirrenden Fehler in der Ausführung des Online-Fahrplans.

Gestrandet in Kerzers (Alle Fotos in diesem Artikel sind von Nadine Geissbühler)

Warten in Kerzers alle Fotos in diesem Artikel sind von Nadine Geissbühler

Die Weiterfahrt dauerte danach jedenfalls nur noch eine weitere Minute, das Papiliorama hat seine eigene Haltestelle, und auch der klitzekleine Fussmarsch bis zum Eingang war problemlos zu bewältigen. Im Innern hatte es dann erstaunlich wenig Leute, jedenfalls dafür, dass wir uns an einem verregneten Samstag hierhin gewagt hatten.

Im Papiliorama

Obwohl es in den Vorräumen noch relativ kühl war, entledigten sich die Kinder sofort der meisten ihrer Kleidungsstücke und wären am liebsten nackt durch die Häuser gerannt, schliesslich hatte ich am Vortag neben Fauna und Flora auch die Wärme angepriesen. Was uns fehlte, waren Schliessfächer, denn jenseits des Sommers hat man doch einiges an Kleidung dabei, die man nicht unbedingt durch die ganzen Häuser schleppen möchte. Wir liessen also Kleidung und die Kinderrucksäcke liegen und nahmen nur die Wertsachen, Proviant nicht mitgerechnet, mit ins erste Haus. Das Nocturama ist das dunkelste der drei Riesenterrarien und bietet Fledermäuse, Faultiere, Fledermäuse, Stachelschweine, Fledermäuse, Ozelotten Ozelotter Ozelote und mehr Getier, beispielsweise Fledermäuse. Letztere schwirrten uns derart skrupellos um die Ohren, dass ich, aus Angst, eine verfliegt sich in meinen Mund, nur noch durch die Mundwinkel redete. Auf Kinderhöhe war wenig von dem Fledervieh zu merken, allerdings, nach den Kreischern der Pubertierenden zu beurteilen, schien auf Teeniehöhe ganz besonders viel Verkehr zu herrschen. Kaum hatten wir das Nocturama verlassen, klagten die Kinder über Hunger und wir richteten uns in der grosszügigen Picknickecke ein und schlemmten relativ ungestört vor uns hin.

Nach dem Essen zog es uns zu den Schmetterlingen. Die Flogen uns zwar auch um die Ohren, wirkten dabei aber deutlich lieblicher. Besonders Y kam gar nicht mehr aus dem Staunen raus, rannte von Schmetterling zu Schmetterling und blieb eine geschlagene Viertelstunde vor dem Schaukasten, mit den aus ihren Verpuppungen schlüpfenden Jungschmetterlingen, stehen. M. interessierte sich mehr für die wirklich haarprächtigen Riesenspinnen in ihren Terrarien und für die Exkremente der Vögel, die ebenfalls im Schmetterlingshaus hausen.

Richtig warm wurde es dann im dritten Haus, dem Jungle Trek, das einigen Tukanen, Rosa Löfflern, Leguanen und mehr Platz bietet und von den Kindern hauptsächlich für seine grosse Brücke mit der Wendeltreppe und dem kameraverliebten Rosa Löffler geliebt wurde, der sich für de Besucher mit an Aufdringlichkeit grenzender Hingabe in Pose warf.

Spätestens jetzt, waren auch wir Erwachsene ungemein müde, verschwiegen den Kindern den Streichelzoo und bliesen zum Abmarsch gen Heim.

Rückreise

Ohne uns erst auf dem Fahrplan nach den Abfahrtszeiten zu erkundigen, begaben wir uns zum Bahnhof und warteten den nächsten Zug ab, der uns zehn Minuten später Richtung Lyss fuhr. Wieder fanden wir problemlos ein Abteil für uns und diesmal stiegen wir in Lyss regenfrei und sinnvoll um und hatten in angenehmem zeitlichen Abstand einen Anschlusszug. Die Kinder hingen uns waschlappern auf den Knien und schauten sich mit uns auf Smartphones und Digitalkamera die gemachten Bilder an, kommentierten und resümierten.

 

Heimkehr

Heimkehr (Alle Fotos in diesem Artikel sind von Nadine Geissbühler)

Fazit

Obwohl es sich für uns, als GA-Besitzer und Pendler mit Kindern unter sechs Jahren kaum lohnt, eine Kombikarte wie diese zu lösen, kann ich mir durchaus vorstellen, dass sich das Angebot für Familien oder andere Erwachsene finanziell durchaus lohnen kann. Besonders toll finde ich dass sich das Angebot, trotz seines Namens, nicht nur auf Familien beschränkt.

 

*Die Familien-Tageskarte kostet 85 Franken und gilt einen ganzen Tag lang in der 2. Klasse für max. 2 Erwachsene und 1-5 Kinder auf dem gesamten GA-Geltungsbereich. Zum Vergleich: Wenn zwei Erwachsene ohne Abo mit zwei Kindern ohne Junior-Karte von Luzern ins Alpamare fahren und retour, kosten die Zugbillette 162 Franken. Die Familien-Tageskarte ist also ein attraktives ÖV-Angebot für Familien, die sonst mit dem Auto reisen.

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Und sonntags bin ich Samurai.


Es gibt Menschen, die setzen sich an irgendeinem Wochentag an irgendeinen Tisch, nehmen irgendein praktisches Papier, eventuell gar irgendeine leere Tabelle, und irgendein Schreibwerkzeug oder irgendein elektronisches Gerät mit ähnlichen Funktionen zur Hand und denken über die Menuplanung der nächsten Woche nach, fügen hier irgendeinen Auflauf, da irgendein Reisgericht und dort irgendein Linseineintopf, irgendwelches Frühstückszeug, irgendwas Schnelles, irgendwas Leichtes für mittags und vielleicht noch irgendwas Unvernünftiges für zwischendurch ein. Dann lehnen sich diese Menschen zufrieden in irgendeiner Sitzgelegenheit zurück, betrachten ihr Werk und sehen, dass es gut ist. Dann greifen diese Menschen nach irgendwelche Taschen, denke vielleicht sogar an irgendeine Form von Zahlungsmittel, benützen irgendein Verkehrsmittel und fahren zu irgendeiner vernünftigen Zeit irgendeinen Ort an, an dem man irgendwelche Lebensmittel erstehen kann. Wieder daheim befüllen sie ihr Kühl- und Vorratsschränke und denken eine Woche lang nicht mehr ernsthaft über irgendwelche potentiellen Kochbarkeiten nach, im Zweifelsfalle werfen sie einfach einen Blick auf ihre Planung, die an irgendeinem sichtbaren Ort aufgehängt von Planungsfähigkeit uns Konsequenz zeugt.

Ich gehöre leider nicht zu diesen Menschen.

Herr G. gehört leider nicht zu diesen Menschen.

Ich kann wohl Menupläne schreiben, ja, ich schreibe wundervolle Menupläne, und ich bin in ebendiesem Moment auch wahnsinnig zufrieden mit dem Geplanten. Leider verflüchtigt sich das Zufriedenheitsgefühl allerspätestens zum Zeitpunkt, an dem die nächste Mahlzeit gekocht werden sollte, denn bis dahin habe ich garantiert Verlangen nach Pizza mit Kräuterteigboden und nicht nach der geplanten Kichererbsenpfanne. In dem Moment könnte ich mich einfachheitshalber dem Kichererbsenpfannenschicksal fügen, das wäre naheliegend und der vernunftbegabte Mensch würde einfach das Beste aus den Kichererbsen machen, ich aber muss dann in die Stadt fahren um die Zutaten für Pizza mit Kräuterteigboden zu erstehen. Natürlich ist grad Samstag oder Sonntag, selbstredend ist grad irgendeine Zeit zwischen 16 und 18 Uhr und geöffnet haben nur die Supermärkte im Bahnhof. Und dann sitze ich da zusammen mit der Wahl zwischen Pest (schlechter Laune) und Cholera (traumatische Einkaufserlebnisse), entscheide mich jedes mal für Cholera und stürze mich mit Erfahrung, Mut und den anderen Irren in den nächstbesten Supermarkt, wohlwissend um die acht goldenen Überlebensregeln des Sonntagseinkaufs:

Gelassenheit: Ohnehin kein schlechte Gut, aber in dieser Situation von unabdingbarer Wichtigkeit. Sie lassen etwas fallen, können sich aber aufgrund der menschenmassenbedingt beengten Verhältnisse nicht bücken? Gelassenheit.

Planung: Schreiben Sie eine Liste, berechnen Sie potentielle Strömungen, notieren Sie das Benötigte chronologisch. Achtung bei den Berechnungen: Je nach Jahreszeit kann die Strömung ihre Zugkraft und Richtung verlagern. (Sommer: Tendenzen zu Grillwaren, Eis und Getränken, Winter: Tendenzen zu Kräutertees und Käsefondues)

Gelassenheit: Lustige Eltern und lustige Alte, mit der lustigen Idee, Kinderwagen und Rollatoren mit in den hoffnungslos überfüllten Raum zu nehmen und in Gangesmitte (nicht der Fluss, das ginge ja noch) stehen zu lassen? Gelassenheit!

Mit dem Strom schwimmen: Was Sie auch tun, tun Sie es mit dem Menschenstrom, wehren Sie sich nicht, ergeben Sie sich ihm, er wird sie durch jeden Gang führen, garantiert! Wenn Sie einen Gegenstand vergessen, ihn aber schon passiert haben: Kämpfen Sie sich nicht gegen den Strom zurück, zum Ihrem eigenen Wohl. Keine Lawine hat die Durchschlagskraft und Zerstörungswut einkaufswütiger Sonntagsshopper. Wenn sie also einen Gegenstand vergessen, ihn aber schon passiert haben: Bezahlen Sie und beginnen Sie von vorn.

Nicht nach unten schauen: Und sollte es Ihnen doch mal geschehen, reden Sie sich ein, dass das worauf Sie da gerade getreten sind, der Inhalt einer Büchse Ravioli und etwas Heidelbeersirup war.

Gelassenheit: Ohnehin kein schlechte Gut, aber in dieser Situation von unabdingbarer Wichtigkeit. Der Mensch vor ihnen nimmt die letzte Zitrone an sich, sie fragen den zufällig in der Nähestehenden Supermarktverkäufer nach Nachschub, warten 15 Minuten, er drückt ihnen eine Limette in die Hand? Gelassenheit!

Kleidung: Ziehen Sie sich richtig an. Ich empfehle wärmstens das Wärmste und Dickste, auch wenn es warm werden wird, ist doch der körpereigene Schweiss angenehmer auf der Haut, als die Ausscheidungen unbekannter Schicksalsbekanntschaften. Und Körperkontakt kann ich Ihnen bei diesem Unterfangen garantieren. Sehr viel Körperkontakt.

Bargeld: Verzichten Sie um Himmelswillen auf die Bezahlung mit Karte, nehmen Sie Bargeld, denn die Kreditkartengerätchen sind ganz sensible Pflänzchen und reagieren bei derartiger Frequentierung gerne mit Burnout und dann stehen Sie da und haben sich all die Müh für nichts gemacht.

Da sitze ich nun wieder, ich Sonntagseinkaufsninja, ich Samurai des Bahnofsupermarkts, und bin viel zu gewappnet für schnöde Menupläne.

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