Ploče (Kroatien) – Buna bei Mostar (Bosnien und Herzegowina) (Tag 7)


„Nur etwas mehr als eine Stunde Fahrt,“ versprach uns Frau Fankhauser (GPS), „dann seid ihr in Mostar!“ Und wir glaubten ihr. Unaufgeregt verabschiedeten wir uns von Wunderschön-Ploče und fuhren zügig gen Bosnien. Frau Fankhauser mag ja Abkürzungen, wir mögen die auch, weil sie uns meist über kleinere Strassen mitten durch die Pampa irgendwie doch zum Ziel führen. So folgten wir den Anweisungen Frau Fankhausers auch heute, stets etwas abseits der Hauptstrassen, zu einem kleinen kroatisch-bosnischen Grenzüberrgang. Man nahm unsere Dokumente an, prüfte jedes einzelne eingehendst, notierte unsere Daten auf ein grosses, weisses Blatt Papier (!), sorgfältig, sehr sorgfältig und sehr genau und sehr eingehend. Sehr. Dabei würdigte man uns keines Blickes. Nach der Überprüfung werden wir auf kroatisch oder bosnisch instruiert, was nun zu tun sei. Wir betonen unsere mangelnden Kroatisch-Bosnischkenntnisse in diversen Sprachen, man weicht auf Gebärden aus und verbalisiert parallel in Englisch-Deutsch-Mix. Mit weit ausholenden Bewegungen bedeutet man uns in einem Halbkreis zurück zu fahren. „Nur local People hier!“ Wir verlangen unsere Paipere zurück, etwas irritiert ob der Tatsache, dass für den Halbkreis auf bosnischem Land tatsächlich all unsere Papiere studiert und kommentiert werden müssten, taten aber, wie uns geheissen. An der offiziellen Grenze schwante uns schliesslich, weswegen eine Grenze touristenfrei gehalten wird. Stau ohne Ende, mitten in erbarmungsloser Sonne. Zu diesem Zeitpunkt war die geplante Fahrtdauer schon weit überschritten. Glücklicherweise zeigte sich die Brut gnädig und nahm Hitze und Rumstehen, zumindest nach ausgiebiger Verpflegung, mit Humor. Am Grenzposten wollte niemand unsere Papiere sehen. NIEMAND! Leicht angedeppert folgten wir, sobald wir in der Nähe von Mostar waren, irgendwelchen Campingschildern auf einen Platz, auf dem eine ungefähr 70 jährige Bosnierin nur darauf gewartet zu haben schien, uns und die Kinder voller Willkommensfreude an die Brust zu drücken. Eine Frau, mit der beeindruckenden Gabe, trotz der Tatsache, dass sie keine der Sprachen spricht, die wir auch verstehen, jedes Anliegen so zu vergesten und verlauten, dass es ohnehin verstanden wird. Jedenfalls würde uns ziemlich schnell klar, dass Mostar zwar von Platz aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist, aber im Bus keine Hunde erlaubt sind. Kein Problem für die Zeltplatzpatronin, die rief kurzer Hand ihren Sohn, Gaga, an, der uns eine Stunde später mit seinem Auto abholte und und nach Mostar fuhr. Es entwickelte sich ein spannendes Gespräch rund um den Balkankrieg und seine diversen Konfliktherde. Ganz offen erzählte uns Gaga vom damals, als sein Vater zum Kämpfen abgeholt wurde und davon wie es war, in Angst vor Bomben und Granaten zu leben. Er erzählte uns von dem Tag, als sie wieder mal im Bunker sassen, zu Mittag assen, während Detonationen in der Nähe ihnen die Suppe von den Löffeln schüttete und sein Onkel ohne nachzudenken aufsprang, vor den Bunker rannte und rief: „Lasst mich in Ruhe essen!“ Damals, so Gaga, sei ihm die Sinnlosigkeit dieses Krieges so richtig bewusst geworden. Mit dreizehn Jahren floh er nach Kroatien, wurde mal hier, mal dahin transportiert, ohne zu wissen, wohin man ihn wieder brachte. Er erzählte von den vier Jahren in der Fremde und davon, wie er heim kam und in dem Haus, in dem er aufgewachsen war, fremde Menschen lebten. Er erzählte von Mängeln, von Kämpfen und von Leid und er erzählte vom unerschütterlichen bosnischen Humor, den sie auch in Kriegszeiten, leicht angeschwärzt, nicht verloren hatten. „Weisst du, wenn wieder jemand in die Heimat fuhr, um nach den Häusern zu sehen, wurde er bei der Wiederkehr immer gefragt „Wie geht es meinem Haus?“ und die Antwort war immer: „Du hast jetzt ein Cabrilolet, wie du es magst!“ So war das. Ein geflügeltes Wort wie: Wenn Spinat schmeckt, ist der Hase ein Bär.“ Gaga erzählte uns das lachend, er und seine Familie hatten Glück gehabt. Sie haben ihr Land zurückbekommen.
Der Gard der Zerstörung, den Mostar erlitten hat, wird mit Drestens Zustand nach dem zweiten Weltkrieg verglichen, die Stadt wurde hart umkämpft. Soweit ich das verstanden habe, kämpften erst Kroaten und bosnische Muslimen gegen Serben, später die bosnischen Muslime gegen die Kroaten. Letzteres war wohl schlussendlich der Grund für die Flucht der Familie Gaga. Noch immer ist Mostars Geschichte an jeder Ecke zu sehen, Ruinen, Einschusslöcher, aber auch die alle ungefähr gleich alten Dächer sind stumme, aber eindrückliche Zeitzeugen. Die Häuser rund um Mostars eindrückliche Steinbrücke mit ihrem glattgelaufenen Pflaster wurden nach altem Vorbild restauriert. Mostar scheint hier hauptsächlich vom Tourismus zu leben, jedenfalls kommen Menschen in Scharen und es gibt Jugendliche, die sich etwas dazu verdienen, in dem sie Toristen Geld für einen Sprung von der Mostarbrücke abknöpfen. Beeindruckend ist sie, die Stadt, die gegografischen Gegebenheiten, in die Sie eingebettet ist, der Fluss und die in den Himmel ragenden Minarette vor kargen Bergen. Vor den Bergen, die Gaga vor 20 Jahren so fürchten musste, weil die Angreifer alte Pneus mit Sprengstoff füllten und sie bergab rollen liessen, wie uns Gaga auf der Rückfahrt am Abend erzählte. Zurück in Buna, wo der Campingplatz am gleichnamigen Fluss liegt, reichte es, die Kinder, im Licht der letzten Sonnenstrahlen, noch rasch in die 12*C kalte Buna zu tunken.

Bemerknisse
In Reiseführern wird sorgfältig darauf hingewiesen, dass sich zwingend an die Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten sei. Leider sind diese nur schwer zu finden und wenn denn da mal ein Schild ist, lesen die Bosnier sie eindeutig anders.

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Strassenhunde und unser Köter sind hauptsächlich an einem Merkmal zu unterscheiden: Wenn man einen Stein vom Boden aufhebt, rennende einen mit eingekniffenem Schwanz von dannen, der andere springt vorfreudig auf und ab und erwartet gepflegtes Apportierspiel.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Neulich, Reise 2014, Reisen mit Kindern

Eine Antwort zu “Ploče (Kroatien) – Buna bei Mostar (Bosnien und Herzegowina) (Tag 7)

  1. Ich hatte (muss ich jetzt leider sagen, denn er ist fertig) einen Kommilitonen, dessen Vater bosnischer Muslim ist und dessen Mutter kroatische Katholikin ist. Was da nicht alles passiert sein muss…

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