Tagesarchiv: Juli 28, 2014

Kolašin (Montenegro) – Plav (Montenegro) (Tag 10)


Wir lernen ja nun jeweils, für mindestens einige Stunden, recht gut aus unseren Fehlern. Für heute nahmen wir uns ungefähr 40 Kilometer vor, mit dem Ziel, hier einen der wenigen offiziellen Campingplätze, direkt am See bei Plav anzufahren und uns dort über die Grenzsituation zum und den Kosovo zu informieren. Was wir nicht wussten ist, dass die 40 Kilometer raus ins Niemandsland, über einen Pass führen, aber frisch betankt, gut essbestückt und ausgeruht fuhr sich die Strecke im Nu. Auf engen, durchlöcherten Strassen, auf denen ich mir keine Kreuzung mit einem grösseren Fahrzeug hätte vorstellen mögen, serpentinten wir uns gen Pass, wurden allenthalben bestaunt und freundlich gegrüsst und oben angekommen zum Schnaps eingeladen, den wir zum Wohle aller dankend ablehnten. Nach wie vor mutet die Landschaft in den Bergen Montenegros so Schweizerisch an, dass selbst Heidi, gekidnappt und hier ausgesetzt, sich sofort heimisch gefühlt hätte. Die Häuser sind meist hübsche quadratische Bauten mit pyramidenförmigem Ziegeldach, haben grosszügigen Umschwung und wirken so warm und einladend, wie die Menschen, die wir hier antreffen. Im Talboden, umgeben von Bergen, finden wir problemlos zum See und dem Platz, der seinem Namen, Lakeview, alle Ehre macht. Zusammen mit zwei 70 jährigen Italienern und deutschen Motorradfahrern, teilen wir uns die grosszügige Wiese, haben die Gelegenheit Hund und Kinder eine Runde toben zu lassen und recherchieren unsere morgige Route.

Bemerknisse
Keine montenegrische oder bosnische Hochzeit ohne Hupkonvois und Flaggenschwung.

Trotz in Reiseführern allenthalben betonter Kriminalitätsstatistik, ist von Misstrauen im Hinterland des Balkans wenig zu merken. Wo an der Küste gleich bei Platzankunft alle Papiere eingesammelt und bis zur Abreise behalten werden, kümmert sich hier niemand um Vorzahlung oder Registrierung, ehe nicht abgereist wird.

Wenn jemand die Kunst des Highheelstragens beherrscht, dann wohl die Bewohnerinnen des Balkans, die scheinbar mühelos perfekt gestylt über die Felder zur Bushaltestelle rennen.

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Sarajevo (Bosnien und Hezegowina) – Kolašin (Montenegro) (Tag 9)


Stünden wir jetzt nicht neben einem Waldcafé, mitten in der Natur, direkt am Fluss, auf einem Plätzchen inklusive Jungkätzchen, hätten wir den Kindern die Reiserei heute gründlich verdorben, soviel sei vorausgeschickt. Alles begann damit, dass wir die Idee hatten, heute in Serbien übernachten zu wollen. Nicht weil uns Bosnien nicht gefällt, ganz im Gegenteil, aber uns sehnt nach Meer und Wärme, es zieht uns Richtung Meer. Hier droht das Wetter ständig zu kippen, es ist oft unsommerlich kalt und die badebegeisterte Brut bricht bei jeder Kloake, in wilden Plantschvorfreudenjubel aus, den wir wieder mit Verneinungen abschmettern.
Wir verliessen also Sarajevo, bis zur Grenze nach Serbien waren es gut 180 Kilometer, eine zu bewältigende Tagesroute also. Durch Sarajevos Hügel nadelkurvten wir immer höher in die Berge, bis wir eine hochplateauartig anmutende Gegend erreichten. Weite gelbe, steinummauerte Felder, vereinzelte Tannen, Kuh-, Pferde- und Schafherden und ein weiter Blick übers Land und seine einfachen, aber meist liebevoll gepflegten Höfe, liessen uns an die Prärie in früheren Jahren denken. Bergab kurvten wir wieder durch Tannenwälder und passierten unten einen weiteren, ellenlangen Stausee, um schliesslich schon vor der serbischen Grenze zu stehen. Man zwar schüttelte etwas den Kopf ob unseren Campingabsichten, liess uns aber ohne Weiteres passieren.
Die erste serbisch Stadt hatte wenig zu bieten, ausser lieblosen Plattenbauten, schmutzige Strassen und vielen Strassenhunden. Wir verliessen den Ort deswegen auch rasch wieder und hofften auf eine nette ÜBernachtungsmöglichkeit am Weg. Wir fuhren also, entschieden uns gegen diesen und jenen vermüllten Parkplatz, merkten, wie sich die Fahrt zu sehr in die Länge zog, vermochten uns doch nicht für einen Platz zu entscheiden und standen plötzlich schon wieder vor der nächsten, der serbisch-montenegrischen Grenze. Die Kinder quengeleten, der Hund unruhte, wir brummten stetig schlechter gelaunt vor uns hin, während die Landschaft immer mehr nach Schweiz aussah. Tatsächlich hätte man sich, wären die andersartigen Häuser und die offensichtlichen Mülldeponien mitten in schönster Natur nicht gewesen, ebensogut irgendwo im Jura oder dem Emmental wähnen können. Kurz vor der absoluten Unmutseskalation entdeckten wir ein Waldcafé direkt am Bach, der Rest ist in der Einleitung nachzulesen. Gerade noch so gut gegangen, hauptsächlich Dank der verwaisten Jungkatze, von den Kindern Susi genannt.

Bemerknisse
Balkantunnels sind dunkel, eng und laut und wer sowas regelmässig durchfahrt, kann sich jedes künstliche Rebirthing-Erlebnis ersparen.

Wenn Montenegrer hingebungsvoll und exakt ihre Ortsschilder mit bunten bilden oder Todesanzeigen bekleben, kann für Tourists Orientierung etwa schwierig werden.

Achtung-Kuh-Schilder werden von den Kindern gern als Achtung-Kühe-haben-hier-eckige-Euter-Schilder erkannt.

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Buna bei Mostar (Bosnien in Herzegowina) – Sarajevo (Bosnien in Herzegowina) (Tag 8)


Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von Gaga und seiner Mutter. Letztere beschenkte die Kinder zum Abschied mit riesen Tafeln kroatischer Schokolade. „Einfach alles geradeaus fahren, ihr könnt Sarajevo nicht verfehlen! Und esst Cevapi, nirgends auf der Welt gibt es bessere Cetvapi!“, gab uns Gaga mit auf den Weg und so fuhren wir, gespannt auf das Kommende, Richtung Sarajevo, los. Tatsächlich scheint Bosnien und Herzegowina nicht all zu viele grosse Strassen zu führen und die Route Mostar-Sarajevo muss eine der Hauptverkehrsachsen sein. Obwohl die Zeichen des vergangenen Krieges, ausgebombte Ruinen, schusslöcherdurchsiebte Wohnhäuser und notdürftig gemauerte Granatenlöcher nach wie vor omnipräsent sind, sehen die Häuser liebvoll gepflegt, gehegt und vorallem bunt belebt aus, was mir, ohne die Gründe konkret in Worte fassen zu können, ein Gefühl gelebter Hoffnung vermittelt. Die Strecke Mostar-Sarajevo ist landschaftlich hauptsächlich von ellenlangen Stauseen und steil abfallenden, bewaldeten Felsen geprägt. Allenthalben wird in winzigen, mal mehr, mal weniger improvisierten Buden, direkt an der Strasse, frisch gebratener Fisch aus eigenem Fang oder kleinen, privaten Fischfarmen angeboten. Dann ist wieder über weite Strecken, bis auf eindrucksvolle Brückenbauten, keine Siedlungen zu entdeckten und man wähnt sich an, etwas anders begrünten, Fjorden Norwegens. Einige Kilometer vor Sarajevo führt die Strasse in die, nun etwas sanfteren Hügel hinauf, wo die Fischbuden nahtlos von Lamm-am-Spiess-Buden abgelöst werden. Wir planten etwas ausserhalb von Sarajevo einen Campingplatz anzufahren und die Stadt von da aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln anzufahren. Seit uns allerdings Gagas Mutter mitgeteilt hat, dass Hunde in Mostars Bussen nicht erwünscht sind, hegten wir leise Zweifel an unserem Vorhaben. Charlotte ist ein Junghund und noch kann sie nicht bedenkenlos an einem fremden Ort länger alleine zurückgelassen werden. Am Platz wurden unsere Befürchtungen zwar bestätigt, aber man sagte uns, dass es gar kein Problem sei, mit Gefährten in Sarajevo einzufahren. Ein richtiges Problem war es tatsächlich nicht. Also abgesehen von ellenlangen Staus in Vorstadtsarajevo, mit seinen monströsen Plattenbauten und dem Mangel an Parkgelegenheiten im Stadzentrum. (Mit viel Müh fanden wir doch noch was.) Trotzdem hat es mir die Stadt von der ersten Sekunde an angetan. Das (old Sarajevo) Zentrum an sich ist war zwar nett anzusehen, gut restauriert und die niedrigen Bauten und Restaurants, in denen man auf kleinen Stühlen und Bänken in Bodennähe diniert, zeigt seinen osmanischen Einschlag in aller Deutlichkeit und der modernere Zentrumsteil, mit seinen, etwas höheren Bauten, scheint alles zu bieten, was es zur Zerstreuung in Grossstadtlaune bedarf, als viel anziehender aber, empfand ich die Quartiere, die sich rund ums Zentrum, mit verwinkelten Gassen, Treppen und imposanten Moscheen in die Hügel schmiegen. Zu gerne hätte ich irgendeinen der Hügel erklommen, wäre auf gut Glück losgelaufen, Stadtentdecken zu Fuss, eben. Leider forderte der zweite Stadttag in Folge seinen Tribut bei Kindern und Hund und so entschieden wir uns, nach dem kleinen, aber feinen Einblick in eine ziemlich faszinierende Stadt, zurück zum Platz zu fahren und Kindern und Hund den verdienten Auslauf zu gewähren. Aber ich werde wiederkommen, soviel steht fest, für ein kinderfreises Wochenende, vielleicht.

Bemerknisse
Kennen Sie die ganzen Schlachtschock-Bilder von einschlägigen Seiten? Die sind hier Werbung für Lamm am Spiess.

In Bosnien gilt: Überholen geht immer. Grundsätzlich.

Überhaupt gilt, was schon vor zwei Jahren (Reise 2012) in Sizilien gegolten hat: Wo ein Auto Platz hat, haben auch zwei Autos nebeneinander Platz. Wo zwei Autos nebeneinander Platz haben, haben auch drei Autos nebeneinander Platz. Usw.

Die Angst vor Hunden ist omnipräsent, kein Wunder, denn den Monstern, denen ich hier, zum Glück getrennt durch private Zäune, hier bisher begegnet bin, möchte ich nicht unbewaffnet gegenübertreten.

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