Aheloi (Bulgarien) – Kavarna (Bulgarien) – Darankulak (Bulgarien) (Tage 18-20)


Nach einer ruhigen Nacht brechen wir auf, weiter Richtung Bulgariens nördliche Schwarzmeerküste. Auf der Strecke zwischen Burgas und Varna wird mir rasch klar, wieso Reiseführer für Individualreisende diesen Teil der bulgarischen Schwarzmeerküste relativ kurz abhandeln: Zugehotelbunkerte Küstenabschnitte und Dörfer, die in Tat und Wahrheit nichts als gigantische Ansammlungen von Hotels und Touristenbespassungszentren sind. Nach einem Blick auf die Karte, entdecken wir, anscheinend etwas abseits, das ominöse Dreieck, das für Campingplatz steht und beschliessen da hin zu fahren, weil wir uns und den Kindern momentan nur kürzere Fahrten zumuten wollen. Der Weg zum Ziel führt durch die üblichen, auf Touristen angelegte Käffer, die aber ziemlich allesamt wohl bessere Zeiten hinter sich haben. Allenthalben Spuren des Zerfalls, verlassene Häuser, unfertige Bauten, aber, in dem Zusammenhang eher erstaunlich, auch neue, hoffnungsvoll überdimensionierte Bauprojekte im Dienste des Tourismus.
An Varna selber imponiert mir vorallem der Hafen mit seinen gigantischen Frachtschiffen, Hafenkränen und Containern. Auch wenn dieser Streckenteil ansonsten wenig gefällt, von der angekündigten Gefahr, in Bulgarien überfallen oder ausgeraubt zu werden, war, seit unserer Ankunft in diesem Land, nie auch nur ein Hauch wahrzunehmen.
Nach Varna scheint es vorerst nicht unverbauter zu werden, obwohl wir uns besagtem Platz „etwas ausserhalb“ nähern. Statt mitten in der Natur, landen wir an einem der seltsamsten Orte, die ich je besucht habe, mitten in der Posttouristenerfolgstristesse, in einem Dorf, das wohl nie eins war, bis man beschlossen hat, hier ein Ferienressort zu bauen, dass es unnötig werden lässt, den Ort für irgendwas zu verlassen. Neben Hotels aller Preisklassen, Appartements, Bungalows aller Couleur und einem Campingplatz, sind hier zig Restaurants, Supermärkte, unter anderem ein Golf-, Tennis- und Pferdesportplatz, sowie Vergnügungsparks, und was man im Urlaub sonst noch so zwingend vermissen müsste, zu finden. Das Auffälligste aber, sind auch hier die Spuren der misserfolgsbedingten Vernachlässigung, hier und da scheinen Betreiber verzweifelt ihre Angebote am leben erhalten zu wollen und es sind auch einige Gäste hier, aber insgesamt wähnt man sich in einer Geisterstadt, allerdings ohne den im letzten Bericht beschrieben Naturimrückeroberungsfeldzugcharme.
Wir fahren also doch noch weiter, wir wollen hier raus. Unser nächstes, potentielles Ziel liegt in der Nähe von Kavarna. Wir verlassen die Hauptstrasse, die etwas mehr im Landesinnern verläuft, und befahren die meersnaheste Strasse, unheimlich ausgedehnten Sonnenblumenfeldern und Windmühlenwäldern entlang, während wir immer mehr finden, was wir gesucht haben. Weite, menschen- und gebäudeleere Küstenabschnitte, sandige, steil, aber nicht hoch abfallende Ufer und erstaunlich helltürkises Meer. Etwas weiter gegen Kavarna fallen uns immer wieder grosse, rostige Tanks auf den Wiesen auf und wir rätseln eine ganze Weile, was das sein könnte, bis wir die Bohrtürme und Ölpumpen sehen. Im Dämmerungslicht wohnt dem Ganzen eine ganz eigene Ästhetik inne, die ich leider nicht einfangen kann, weil mein Apparat zwischenzeitlich den Geist aufgibt. Ähnlich wie letzte Nacht, finden wir, wieder auf einem Gelände, das wohl einst einem grösseren Komplex zugehörig war, einen kleinen, familienbetriebenen Platz, den wir kurzerhand für zwei Nächte belegen. Für sieben Euro die Nacht haben wir saubere Toiletten, warme (!!!) Duschen, Schatten, WLAN, Hängemattenbäume, und einen unglaublich bemuschelten, unglaublich langen, so wenig bevölkerten Strand, dass wir selbst den Hund ungehindert laufen lassen können. Reiselebensqualitäten!
Ins Gespräch mit unseren Gastgebern kommen wir leider nicht über die üblichen Floskeln hinaus, dafür beherrschen wir zuwenig gemeinsame Sprache, aber abgesehen davon, dass der Hauspascha ganztags trinkend und stündlich lallender vor dem Haus rumsitzt, ist man um unser Wohl besorgt und serviert uns Melonen vom eigenen Feld. Die Bulgaren und der Alkohol scheinen allerdings ihr ganz eigene Geschichte zu haben. Nach Eindunkeln sind mehr schwankende, denn gerade gehende Gestalten, der Gastgeber unseres letzten Platzes wollte, dass wir das Übernachtungsgeld seiner Mutter geben, weil er es sonst vertrinke, im Gespräch mit den Bulgaren des letzten Platzes fiel, wann immer ein Schwankender vorbei lief, die Redewendung „er hatte wohl heute Zahltag“ und in Reiseführern wird aufgrund vermehrt vorkommender Trunkenheit am Steuer vor den bulgarischen Verkehrsteilnehmern gewarnt. Ich vermag nicht zu sagen, ob das alles zusammenhangslose Zufälle sind, oder ob Alkoholismus hier tatsächlich ein vermehrt auftretendes Problem ist. An der nächsten konstanten Internetquelle möchte ich mich über die Thematik informieren.
Die Nacht wird, trotz ab und zu rumlallendem Hauspascha ruhig und den nächsten Tag verbringen wir zwischen kleiner Gartenoase und Strand, ganz im Erholmodus.
Ähnlich schöne Strände suchend, fahren wir am nächsten Tag einige Kilometer weiter in den Norden, bis nach Darankulak, und werden zwar strandbezogen fündig, dafür hat unser Übernachtungsplatz nicht ansatzweise das oasenhafte Ambiente, das unser letzter Platz geboten hat.

Bemerknisse
Hier scheint jeder sein eigenes Melonenfeld zu haben. Ein Traum.

Mit den Wörtern Merci und Schinken käme man hier als Schweizer freundlich, etwas fleischlastig, aber satt durch den Tag, ohne einer Fremdsprache mächtig zu sein.

Egal wie viel Fläche zur Verfügung steht, der Hund schüttelt sich neben mir aus.

Am anderen Ende anderer Leinen sind ausnahmslos Touristen und Städter zu finden.

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Bemerknisse, Reise 2014, Reisen mit Kindern

3 Antworten zu “Aheloi (Bulgarien) – Kavarna (Bulgarien) – Darankulak (Bulgarien) (Tage 18-20)

  1. Ihr Leiden scheint grenzenlos zu sein, werte Frau G.!

  2. kaffeesugen

    Kann mich nun endlich in Ruhe, wieder jeden Tag über den neusten Stand eurer Reise informieren. Dänke a nech und seisch es Grüessli aune.

  3. Pingback: Fazit einer Vierteljahresreise mit Kindern und Hund | Gminggmangg

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