Istanbul Pendik -Akçakese – Akçakoca (Tage 31-33)


Reich beschenkt in allen Belangen (Hunger oder Durst werden wir in den nächsten Tagen nicht leiden müssen) verabschieden wir uns von unseren warmherzigen Gastgebern und fahren zurück an die Schwarzmeerküste. Die Strecke kennen wir schon in etwa von unserer letzten Reise, nur befuhren wir sie damals nicht am Wochenende und damit nicht gleichzeitig mit Scharen von natursuchenden Istanbulern. Trotz zeitweisem Stau, in dem die sonst so freundlichen und hilfsbereiten Türken zeigten, dass es unter ihnen durchaus auch selbstsüchtige Idioten gibt, die skrupellos rechts auf Pannenstreifen und Schotter überholen, um sich nach Bedarf derart vehement in die Strassen einzudrücken, dass dem gemeinen Fahrer nichts als Einlassgewährung bleibt. Wie auch immer: Wir fanden zu dem Platz, der Y auf der letzten Reise am nachhaltigsten beeindruckt hat, mit Pool, Pferden, Eseln, Kühen, Hunden und einer Standmöglichkeit mit atemberaubender Aussicht. Auch wir Erwachsenen freuen uns auf die Einsamkeit und Stille, die wir vor zwei Jahren hier erlebten. An der Rezeption erklärt man uns, dass heute eine kleine Zeremonie stattfinden soll, was uns vorerst nicht weiter beunruhigt. Die kleine Zeremonie, soviel sei gesagt, war eine Hochzeit und beinhaltete schlussendlich ein Apéro am Pool, mit Liveband, die eigentliche Zeremonie auf pinkem Laufsteg und Schlussbaldachin am Strand, Essen für ungefähr 500 Personen, Lasershow, Artisten, laute Liveband mit lauen Kalauern, Feuerwerk und kotzenden Heimkehrern. Trotzdem schlafen wir erstmals seit irgendwann vor Istanbul wieder durch. Wir sind nun an dem Ort, an dem wir uns auf unserer letzten Reise entschieden haben, in Gegenden aufzubrechen, in denen wir uns regelmässiger Übernachtungsplätze sicher sind. Heuer ist uns gar nicht nach Verlassen der Schwarzmeerküste, auch wenn Y erste ähnliche Krankheitszeichen zeigt, wie Äm in Istanbul. Sicherheitshalber bleiben wir eine weitere Nacht hier, im Wissen, dass wir hier saubere Sanitäranlagen, Stromanschluss und eine Waschmaschine zur Verfügung haben. Nachdem die Wochenendgäste aus Istanbul und die Feierleichen vom Vorabend verschwunden sind, wird es richtig gemütlich, wir sind, bis auf eine Deutsche Grossfamilie, die einzigen hier. Ys Bauchschmerzen verstärken sich, wir gehen aber nach wie vor davon aus, dass sie unter der gleichen Krankheit leidet wie Äm, in abgeschwächter, also erbrechungsfreier Form. In der nacht stürmt es, wie ich es noch selten erlebt habe, wir können kein Fenster auch nur minimal offen halten und schlafen zu viert auf engem Raum, mit zu Flatulenzen neigendem Hund, nur semigut.
Am nächsten Morgen scheint es Y trotzdem etwas besser zu gehen, aber als wir aufbrechen schläft sie sofort im Kindersitz ein. Wir fahren auf kleinen Überlandwegen durch ländliche Gebiete, in denen hauptsächlich Mais, Sonnenblumen und Haselnüsse angebaut werden. Die Strassen sind schlecht, aber befahrbar und die Dörfer sind klein und übersichtlich: Ein Ortskern mit Moschee, darum herum einzelne Teestuben, in denen schnautztragende Männer in Hemden Çay trinken und rauchen, während die bekopftuchten Frauen sich von Fenster zu Fenster unterhalten. Hier existieren noch viele dieser wunderbaren osmanischen Holzhäuser mit ihren bescheidenen Erdgeschossen und ausladenden oberen (oft zwei) Etagen, ausnahmslos wenig windschief und gezeichnet von der Zeit, aber wahre Schönheiten mit Charakter und Charme. Immer wieder kommen wir nur im Kuhtempo vorwärts, weil einer der ansässigen Bauern seine paar Kühe durch die Strassen scheucht, was die Kinder grandios finden. Hinter jeder Kurve kann das Meer liegen, hie und da finden wir es und stehen plötzlich auf rauhen Klippen, steil abfallenden Klippen mit atemberaubenden Aussichten und ebensolchem Wind. Es regnet immer wieder in derart ausgiebigen Strömen, dass ich erahne, wieso man sich als potentielle Kulisse für die Noahgeschichte ausgerechnet das Schwarze Meer ausgesucht hat. Irgendwo am Welthintern finden wir einen kleinen Platz, auf dem wir für gratis stehen können, aber die Tatsache, dass es weiter regnet und der Platz sich immer mehr in eine rötliche Schlammgrube verwandelt, lässt uns um unsere Weiterfahrt morgen bangen. Wir sehen den Gefährten hier versinken. Hinzu kommt, dass Ys Bauchschmerzen stärker zu werden scheinen und wir uns gerne in Stadt-, bzw. Arztnähe wüssten. Wir beschliessen einen Platz in Akçakoca anzufahren, um dessen Ausrüstung und Standort wir auf sicher wissen und laden uns damit einen ziemlich ausgedehnten Fahrtag auf. Wir fahren durch Gebiete, in denen auf ausgedehnten Feldern gerade Haselnüsse geerntet werden. Auf Traktoren wird die Ernte in den hauseigenen Garten gebracht, wo sie hier in ungeordneten Haufen, da in säuberlichen Quadraten zum Trocknen ausgebreitet werden. Wir scheinen uns hier in eher wohlstandsfernen Gebieten zu befinden, in oft kalt und unfertige anmutenden Betonbauten oder notdürftig zusammengehaltenen Holzhütten wohnen offensichtlich zahlreiche Menschen zusammen und leben hauptsächlich draussen oder im offenen Erdgeschoss. Die Stadt Karasu kündigt sich mit einer riesigen informellen Siedlung an, die hauptsächlich von Roma bewohnt zu werden scheint. Kilometer vor Akçakoca verändert sich die Landschaft, es wird hüglig. Das klingt niedlich, aber es bauen sich gigantische Hügel, nennen wir Kleinberge, vor uns auf und was wir vorher für ausgedehnten Haselnussanbau hielten, war nur ein fahler Vorgeschmack auf die haslenussstrauchüberzogene Landschaft, die wir nun durchfahren. Hin und weg von der Szenerie, kurven wir an den scheinbar wahllos verstreuten kleinen Häusern vorbei, die sich in die Hügel schmiegen, die Haselsträucher stehen hoch und derart dicht, dass sich kaum ein anderes Gewächs durchsetzen kann, es ist feucht uns warm, hie uns da liegen lichte Nebelschleier, es reicht ein wenig nach Regenwald. Wäre da nicht Y, mit ihren Bauchschmerzen, die mittlerweile so stark sind, dass sie immer wieder weint, würden wir hier bleiben wollen. Aus den Hügeln herausgefahren, ist man schon in Akçakoca und wir finden rasch zum relativ schmucklosen Stellplatz. Bevor wir schlafen erkundigen wir uns nach der Adresse einer Klink, beschliessen aber noch nicht hinzugehen, weil Y sich, ohne Gurt, der auf den Bauch drückt, wieder besser fühlt.

Bemerknisse

Die Omnipräsenz Atatürks ist bemerkenswert, allenthalben Bilder von ihm: In Privathäusern, in öffentlichen Gebäuden, in Einkaufsläden, auf Autos, Tätowierungen, Sprayereien, schlicht allenthalben. Ein Glück, dass er nicht all zu übel aussah, man stelle sich vor, man müsse sowas mit Uelis Abbild tun.

Probleme löst man grundsätzlich mit der Frage: „Çay?“

Verkehrskreisel sind hier nette Dekoration. Es gilt: Wer fährt der fährt.

Ich habe im letzten Artikel von Desinfektionsmittel geschrieben und dabei die Relevanz von Feuchttüchern unerwähnt gelassen. (Danke, Susanne!) Ich mag ja Feuchttücher schon unheimlich gerne, davon habe ich geschrieben, denn dieses Zeug eignet sich zum Säubern jedes Tatorts, aber in türkischen Haushalten kommen Feuchttücher gleich nach Atatürk. Sie wissen ja nun was das heisst.

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Bemerknisse, Neulich, Reise 2014, Reisen mit Kindern

4 Antworten zu “Istanbul Pendik -Akçakese – Akçakoca (Tage 31-33)

  1. Liebe Frau Gminggmangg, nachdem ich Ihren wundervollen Bericht schon seit Beginn der Reise verfolge, kann ich mich jetzt mit einem Kommentar nicht mehr zurückhalten – die Strecke Istanbul-Akçakoca habe ich vor einigen Jahren auch zurückgelegt und lese nun entzückt das erste Mal wieder von letztgenanntem Ort. Wir waren im Anschluss noch in Amasra (bei Bartın). Falls Sie sich noch in der Nähe aufhalten – der Abstecher dorthin lohnt sich!
    Liebe Grüße, Frau Nichtausgedacht

    • Liebe Frau Nichtausgedacht, ich bin mit dem Reiseberichten etwas in Verzug und tatsächlich weilten wir gestern in Amasra, einem wunderbaren Städchen!
      Danke fürs Mitlesen!

  2. cloudette

    An die türkische Schwarzmeerküste möche ich schon lange mal. Nach diesen Bildern erst recht! Gute Besserung fürs Kind!

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