Akçakoca – Eregli – Bartin (Tage 34-35)


Wir haben kaum gefrühstückt, als der Platzbesetzer auch schon mit einem Mann im Schlepptau auf uns zukommt. Unser freundlicher Wirt hat uns einen Arzt organisiert, der nun Ys Bauch untersucht, auf Druck reagiert sie sehr sensibel, das haben wir zuvor bereits getestet, wie wir auch den Loslasstest auf Blinddarm durchgeführt haben. Nach ausgiebigem Drücken verschreibt der Arzt ihr drei verschiedene Medikamente. Wir bedanken uns und rufen die Kinderärztin unseres Vertrauens an. Zwei verschiedene Antibiotika und ein Verdauungsaufbaupräparat hat er uns verschrieben, wir entschliessen gemeinsam mit unserer Ärztin, Y vorerst nichts zu verabreichen und bei Verschlechterung oder all zu lang gleichem Zustand ein Spital anzufahren. Als wir losfahren, geht es Y nicht all zu schlecht, wir haben uns für heute keine lange Strecke vorgenommen, nur Küstenfahren bis zu einem netten Plätzchen. Wir passieren einige unattraktive Küstendörfer und -städte, von der Schönheit des letzten Streckenabschnittes ist nicht mehr viel zu sehen, denn obwohl landschaftlich nicht unattraktiv, bestehen die Siedlungen aus wenig schmucken Kotzappartementbauten und das gebiet scheint hier dichter besiedelt, als noch vor Akçakoca. Als wir in Eregli einfahren meint Herr G.: „Das ist keine Stadt zum Verweilen“ und wir suchen uns einen kleinen Überlandweg, der sich an der Küste hält, in der Hoffnung, hier schlafplatzfündig zu werden. Der Weg führt uns einige Kilometer bergauf und -ab, die Häuser werden weniger, bis wir schliesslich ganz aus den Dörfern finden. Wir können unser Glück auch kaum fassen, als sich uns schliesslich hinter einer Kurve der Blick über eine Bucht öffnet, die zwar nicht gänzlich menschenleer ist, aber neben einer keinen Çaystube mit Picknickmöglichkeiten nichts zu bieten hat. Wir fragen den Besitzer, ob wir hier stehen dürfen und beginnen uns nach der Zusage wohnlich einzurichten. Y hat keine Lust mehr, sich zu bewegen, ich drücke ihr nochmal an allen ominösen Stellen auf dem Bauch rum, als ich merke, dass sie gerade verstärkt auf das Loslassen reagiert. Mir wird etwas blümerant und ich melde Herrn G. meine Feststellung, worauf wir beginnen unsere Sachen wieder zusammenzupacken. Herr G.s Regadaumen kommt endlich zum Einsatz, wir klären ab, wie wir uns im Falle einer Blinddarmentzündigung und erforderlicher Operation verhalten sollen. Wir werden mit Kompetenz und Ruhe beraten, worauf wir das nächstgelegene Krankenhaus in einer Stadt mit Flugplatz anfahren, Eregli, wie hätte es anders sein können. Die Klinik, die wir vorfinden ist eine Privatklinik und wir schlucken erstmal leer, als wir zur Kasse gebeten werden, bevor man unser leidendes Kind überhaupt eines Blickes würdigt. Nach halbstündigem Warten werden wir zum Kinderarzt gebeten, dem ich alle Eckdaten in Kürze und mit Genauigkeit nenne und unseren Blinddarm-Verdacht unter kurze Erläuterungen verkünde. Zugegeben, geduldig bin ich nicht, nie, eigentlich, aber als der Arzt sich erst in aller Ruhe Ys Nase, Augen und Ohren (Gegen Fiebermessen habe ich selbstredend nichts einzuwenden) widmet, um sein Augenmerk erst dann endlich auf den Bauch zu konzentrieren um festzustellen: „Ich glaube, es könnte eine Blinddarmentzünding sein.“ und damit beginnt, uns das Krankheitsbild zu erläutern, ringe ich um meine Fassung. Es mag die Tatsache, dass hier niemand wirklich Deutsch, Französich, Italienisch, Spanisch oder zumindest einigermassen Englisch (der Arzt hat ein medizinisches, Aktiv, aber kaum allgemeines Passivvokabular) spricht, oder die Tatsache, dass ich hier niemandem in seiner Kompetenz vertraute, die Distanz zu Daheim, die anderen Sauberkeitsstandarts oder es ist die offensichtliche Selbstgefälligkeit unseres Arztes, der sich wohl nichts als Hochachtung und Bewunderung von den Eltern seiner Patienten gewöhnt ist, und bestimmt ist es die Angst um mein Kind, aber mit bleibt nichts, als aktive Zurückhaltung, um die Situation nicht durch Wut und fehlenden Anstand zu verschlimmern. Herr G, geistesgegenwärtig, ruft die Rega  auf den Plan und bittet den Arzt, „mit unseren Ärzten in der Schweiz“ Rücksprache zu halten, was zu einer sofortigen Veränderung des Verhalten unseres behandelnden Arztes führt. Jetzt geht alles schnell, Y wird zur Blutabnahme, Urinprobe und zum Ultraschall geschickt, alles wird zügig ausgewertet, zur Besprechung der Resultate werden wir zum Chefarzt geladen. Es gibt keinen eindeutigen Befund, der Blinddarm ist nicht ausgeschlossen, man will uns über Nacht hier behalten, Y intravenös Antibiotikum verabreichen. Wieder halten wir Rücksprache mit der Rega, die zuvor auch mit dem Chefarzt gesprochen haben, man empfiehlt uns hier zu bleiben. Wir werden sehr zuvorkommend behandelt, erhalten ein Einzelzimmer mit Ausziehsofa zugewiesen, aber eigentlich möchte ich jetzt nur eines: Heim. Y leidet, hat Schmerzen und genau so Heimweh und Äm leidet unsägliche Angst um ihre Schwester und schreit bei jeder Blutabnahme verzweifelt: „Aber macht Y nicht tot! Ich will nicht, dass Y stirbt!“, beruhigende Worte zeigen keine Wirkung. Herr G. muss in regelmässigen Abständen nach dem Hund sehen, den wir im Gefährten lassen mussten, was aber bei 30*C über längere Zeit unschöne Konsequenzen haben könnte. Auch die Nacht verbringt er mit Charlotte im Bus, während Äm mit mir und Y im Spital bleibt. Man gibt sich sichtlich Mühe, der Arzt sieht mitten in der Nach nochmal bei uns vorbei, alle halbe Stunde wird nach uns gesehen, irgendwann kommen sie auf die Idee, dass Röntgen noch angebracht sein könnte, worauf ich zwei schreiende Kinder drei Stockwerke nach unten trage, weil der Lift gerade streikt. Kurz: Es ist eine der beschissensten Nächte meines Lebens und ich bin endlos erleichtert, als Herr G. am Morgen wieder kommt und Y sichtlich lebendiger wirkt. Sie verspürt kaum noch Schmerzen, bewegt sich wieder, ja, legt für die Ärzte gar eine Hüpfeinlage ein. Die deutliche Besserung von Ys Zustand nach der Antibiotikumgabe, die Schmerzfreiheit, all dies spreche gegen eine Blinddarmentzündung und für die leicht erhöhten Entzündungswerte gibt man uns noch ein Antibiotikum auf den Weg, entlässt uns aber. Wieder sprechen wir mit der Rega, lassen uns beraten und tun, was wir ohne hin tun wollten: Ys rasche Genesung für sich sprechen lassen. Die hat ohnehin nur einen Wunsch: Sie will hier raus und nie mehr wiederkommen. Als wir den Gefährten erreichen, überschlägt sich der Hund beinah vor Freude. Wir fahren nicht weit, nur aus der Stadt hinaus, wir wollen den Hund laufen lassen, der nun seit gut 24 Stunden nur einige Schritte gehen durfte. Als Charlotte schliesslich losrennt, läuft Y einfach mit und mir einige Freudentränchen. Wir beschliessen etwas über 100 Kilometer an einen Platz zu fahren, der uns von reisenden Niederländern empfohlen wurde. Heute wollen wir nicht auf gut Glück suchen, sondern da hinfahren, wo wir mit Sicherheit einen Platz wissen. Über hüglig bis bergige Gebiete fahren wir schlussendlich die direkteste, wohl auch unspektakulärste Route, aber es fehlt uns ohnehin an Energie fürs Aufsaugen der Bilder. Der empfohlene Platz entpuppt sich als zeltüberstellte Wiese an zugemenschtem Strand und als so ziemlich das letzte, was wir jetzt brauchen. Niedergeschlagen entfernen wir uns wieder vom Meer, das hier aufgrund der geografischen Unebenheit nur punktuell angefahren werden kann. Etwas versteckt, eingebettet in hohe Bäume, sehen wir schliesslich eine Pension (Empfehlung!), geortet in einem der prachtvollen Ziegelsteinhäuser mit Grossen Holzfenstern, wie sie nur noch selten in derart gut restauriertem Zustand zu finden sind. Daneben eine grosse Wiese, Hühner, Enten, Ziegen und eine Omeletten backende Frau. Wir werden mit grosser Freude empfangen, sofort zum Essen geladen, selbstredend für die Nacht hier geduldet. Wir unterhalten uns noch eine Weile beim Çay über Gott und die Welt, wobei ich aber nicht sagen kann, in welcher Sprache das geschieht, wir brauchten hauptsächlich Hand und Fuss und fallen danach in tiefen, erholsamen Schlaf.

Bemerknisse
Sollte ich ungeplant ein drittes Kind, einen zweiten Hund oder eine Erstkatze bekommen, werde ich es, ihn, sie Rega nennen.

Sollte ich je zu einer eigenen Autokratie kommen, werde ich sie Rega nennen.

Sollte ich je eine Religion gründen, wird die Göttin Rega heissen.

Meine Autobiografietitel (https://gminggmangg.wordpress.com/2012/12/08/autobiografietitel-die-fortsetzung-8-dezember/) werden augenblicklich um „Ich und die Rega“ erweitert.

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7 Kommentare

Eingeordnet unter Bemerknisse, Neulich, Reise 2014, Reisen mit Kindern

7 Antworten zu “Akçakoca – Eregli – Bartin (Tage 34-35)

  1. Uff. Da muss man ja erst einmal ausatmen. Ein Glück, ein Glück, ein Glück und nun hoffentlich nur noch heitere Tage!

  2. Bepi

    Zum Glück geht es Y wieder besser! puh…. Jetzt wünsch ich Euch für den Rest der Reise nur noch vollste Gesundheit für alle 5!!!

    liebe Grüsse!

  3. Ihr macht ja Sachen, wenn man hier mal ein paar Tage nicht reinschaut. Tststststsssss….
    (ich hoffe sehr, Ys Zustand sei jetzt gut und stabil?)

  4. Pingback: Fazit einer Vierteljahresreise mit Kindern und Hund | Gminggmangg

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