Tagesarchiv: August 25, 2014

Aydincik – Abana – Sinop (Tage 39 – 40)


Am nächsten Tag wachen wir ziemlich früh auf. Wir stehen so direkt in der Sonne, dass der Gefährte zum Backofen wird und an Schlaf nicht mehr zu denken ist. Im Reiseführer lesen wir, dass wir uns eine Übernachtungsmöglichkeit bei Inebolu sichern sollten, weil da die einzigen Optionen vor Sinop liegen. Cide, das letzte grössere Dorf vor Inebolu, scheint, zumindest an de Küste, mit seiner zugepflasterten Promenade, der Strasse direkt dahinter und den anschliessenden, Appartementblocks, eher öd und lieblos. Weil wir Geld brauchen, fahren wir ins Zentrum der Stadt, das nicht direkt am Meer, sondern gut zwei Kilometer im Landesinnern liegt. Hier steppt dann doch der Bär und wir finden buntes Treiben und Leben. Das Finden eines funktionierenden Geldautomaten ähnelt einer Lotterie, und das nicht nur für mich, mit ausländischer Karte, nein, auch die Einheimischen sind ganz offensichtlich oft nicht erfolgreich beim Geldabheben, nehmen das aber meist gelassener als ich. Nach Cide wird die Strasse kurz und schottrig, bereits nach wenigen Kurven treffen wir auf den Schweizer der schon auf einem unsere Schlafplätze stand und die Besitzer des Platzes nachhaltig beeindruckt hat. Der Mann ist zu Fuss unterwegs, mit einem Fahrradanhänger, jetzt seit fünf Monaten von insgesamt sechs Jahren. Er wird bis nach Indien gehen und von da aus weiter, tut dies, neben auf der Hand liegenden Reisefreudegründen, auch um auf Kindesmissbrauch aufmerksam zu machen und würde hie und da gerne ein wenig gesponsert. Fortan denken wir bei jedem Anstieg, den der Gefährte nur in tiefen Gängen bewältigt, an den Mann zurück und an die Tatsache, dass er die Strecke geht. Gefälle hat die Strasse zu Hauf, ebenso wie Kurven, Verengungen, Schlaglöcher und Schotter, dafür ist die Landschaft eine der schönsten Küstenabschnitte, die ich je gesehen habe. Übernachtungsplätze hat es hier allerdings wirklich keine, wir hätten nicht mal die Gelegenheit für eine Nacht neben der Strasse zu parken, andere Strassen gibt es, bis auf einige Feldwege gen Ufer, nicht und wirklichen Zugang zum Meer findet man nur manchmal in den vereinzelten Dörfern, die wir durchfahren. Die Küste fällt felsig und Steil ins Meer ab, ist aber ansonsten gut begrünt, streckenweise mit Laubbäumen, dann wieder eher nadelbaumlastig. Die Dörfer befinden sich meist rund um Fluss- oder Bacheinmündungen ins Schwarze Meer, verfügen auch bei minimer Grösse über mindestens eine, eher zwei Moscheen und bestehen aus einfach betonierten Bauten, den schon früher erwähnten windschiefen Holzhäusern, hier sind noch sehr viele davon, einige gut erhalten, zu finden, und backsteinernen Häusern, mit ihren ungemein schönen Holzrahmenfenstern und -Türen. Auch hier sind die Männer, wenn nicht bei der Arbeit, in den Teestuben zu sehen, die Frauen, in farbenfroher, leichter aber weiter Kleidung bekopftucht miteinander redend, oder auch bei der Arbeit. Hier werden grosse Körbe voller Heu, Holz oder Früchte auf dem Rücken der Strasse entlang getragen, Kühe, Esel und Schafe getrieben, Haselnüsse geerntet und in den Dörfer die Ernte verkauft. Nach Inebolu werden die Strassen wieder breiter, die Dörfer wieder grösser und charmloser und die Landschaft wieder etwas ebener. Als wir das sehen bereuen wir, uns nicht einfach für eine Nacht an eine der Flusseinmündungen gestellt zu haben, fahren aber trotzdem weiter, bis nach Abana, wo wir den erstbesten Platz, direkt am Hafen nehmen und den Rest des Tages mit Bootsbeschau, Eisessen und Stranden verbringen. Trotz Kleinstadtnähe und Wochenende ist der Ellenlange Strand aus abgewetzten Kieseln praktisch leer. Es wird eine ruhige Nacht.
Am nächsten Morgen stehen wir wieder mitten in der Sonne, brechen wieder früh auf und haben eineinhalb Stunden später bereits Sinop, unser Zwischenstopp, bevor wir die Schwarzmeerküste verlassen und ins Landesinnere reisen, erreicht. Wir verbringen einen unspektakulären Badetag an nach wie vor erstaunlich (Hochsaison, Sonntag) menschenleerem Strand.

Bemerknisse

Wir haben seit 20 Jahren in der Türkei lebende Deutsche nach dem Mülltrennungssystem gefragt, weil wir immer ein kleinwenig schlechtes Gewissen haben, wenn wir alles in einen Beutel schmeissen. Seine Antwort: „Alles was in eine kleine Tüte passt, kommt in die rechte Tonne, alles was nicht in kleine Tüten passt in die linke Tonne und was du nicht zuordnen kannst, verteilst du am Strand.“ Gemessen an Gesehenem hat er recht. So macht das wohl auch der halbe Balkan.

Über kurz oder lang werden wir ein weiters Eregli passieren. Wir haben Angst. (Siehe vorletzter Artikel, Eregli, Krankenhaus und Co.)

Man bekommt hier Çay wenn man aufs Essen wartet, man bekommt Çay wenn man auf Wäsche wartet, man bekommt Çay wenn man auf den Mann wartet, wenn man auf das gewaschene Auto wartet, wenn man auf gekürzte Hosen wartet und seltsamerweise warte ich hier plötzlich irgendwie lieber.

Campende Türken mögen ihren Grill. Campende Türken mögen ihren Grill mittags und abends. Der Grill von campenden Türken kann echt viel Rauch. Der Grill von campenden Türken kann Rauch für 16 Fussballfelder. Campende Türken grillen aber neben ihren Zelten. Die Zelte von campenden Türken sind Dampfabzüge. In Zelten von campenden Türken passt Rauch für 16 Fussballfelder.

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Bartin – Çakra – Aydincik – Abana (Tage 36-38)


Von Bartin fahren wir einige Kilometer bis Amasra. Amasra wir allenthalben als eines der schönsten Schwarzmeerstädchen beworben, was zumindest die Anfahrt kaum bestätigt. Das Zentrum zeigt sich aber ganz charmant und wir beschliessen den Gefährten stehen zu lassen und die Stadt zu Fuss zu erkunden. Die Häuser bestehen überwiegend aus den gewohnt reizlosen Appartementblocks, aber nahe des schmucken Hafens mit einladender Uferpromenade sind durchaus noch einige ältere Holz- und Backsteinbaut

en zu finden, sowie eine hübsch in Stand gehaltene Brücke die samt Quartier dahinter zum UNESCO Weltkulturerbe gehört. Erhöht über dem Hafen trinken wir schliesslich unsere obligaten Çays und essen etwas Leichtes zu Mittag. Hier wie in allen besiedelten Gebieten ist der Umgang mit den Strassenhunden nicht ganz einfach. Diese sind sich zwar Menschen gewohnt und reagieren kaum auf sie, aber domestizierte Hunde scheinen ihnen oft eher suspekt, so dass es immer wieder zu offensichtlich aggressivem Verhalten kommt, das wir aber meist gut abblocken können. Zugegebenermassen nützen wir dabei die schlechten Erfahrungen, die alle Strassenhunde mit Menschen gemacht haben, aus, hampeln Drohgebärden vor oder heben in scheinbar böser Absicht Steine vom Boden auf. (Tatsächliche Gewaltausübung wird so gar nie nötig, die Hunde weichen allesamt zurück.) nur Äm und Y stehen jeweils fürchterliche Ängste um ihre Charlotte aus, schreien und kreischen, als würden sie selber angegriffen und rufen damit immer eine Horde türkischer Männer auf den Plan, die sich hilfsbereit auf die keifenden Hunde stürzen. Da Städte aber insgesamt für Hund und Kinder immer noch nicht wahnsinnig viel spannender wurden, verlassen wir Amasra wieder und fahren der Küste entlang weiter. Relativ hoch bewaldet kurven wir der Küstenstrasse entlang, Zugänge zum Meer gibt es, bedingt durch stark abfallende Steilhänge, nur vereinzelt in befahrbarer Form und so fahren wir einen verzeichneten Campingplatz an, der sogar am Meer liegen soll. Als wir in Çakra die entsprechende Abzweigung nehmen, schwant uns Böses. Wir haben hier mehrere Versuche unternommen zum Strand zu kommen, wenn man den hin kam, waren es meist überfüllte Strände mit Promenade, dahinter einfachste, ebenso überfüllte, schattenlose Zeltplätze. In Anbetracht der kindlichen Badebedürfnisse und unserer Erfüllungsversprechungen ist aber klar, dass wir den nächsten Platz nehmen müssen, wenn wir keinen erheblichen gefährteninternen Unruhen provozieren wollen. Das geschwante Böse bestätigt sich dann auch, in Form eines jungen Mannes, der uns anweist umzudrehen, weil der Strand, wohl hauptsächlich die zugeparkte Strasse, überfüllt sei. Grosses Geschrei auf der Rückbank, aber uns bleibt nichts anderes übrig. Kaum zwei Kilometer später entdecken wir ein Camping-Schild, folgen und finden zu einer kleinen, feinen Pension mit wunderbarem Garten und, halten Sie sich fest, kleiner, menschenleerer Badebucht. Y scheint gesund, wir stehen mit WLAN, gigantischer Aussicht und Badestrand in sicherem Hafen: Es wird wieder! Nachdem die Kinder im Bett sind, stossen wir an, auf Alles.
Nach ausgiebigem Morgenspaziergang brechen wir auf. Gerne wären wir länger geblieben, aber unser Bargeld reicht nicht für eine weitere Nacht. Einige Kilometer weiter fallen die Küsten nicht mehr ganz so steil ab und bereits nach relativ kurzer Fahrerei kommen wir an eine Bucht, die es uns auf Anhieb antut, am Ufer ein kleines Restaurant, sowie eine Café und Bademöglichkeit. Wir halten und treffen auf Ibrahim. Ibrahim hat schon in Deutschland gewohnt, früher, und spricht ein wenig Deutsch. Ihm gehört das kleine Café, das früher auch ein Fischrestaurant war, bevor die Verluste grösser wurden als die Gewinne. Ibrahim hat gar nichts dagegen, dass wir hier übernachten, er mag die Kinder, er mag den Hund und er will es uns angenehm machen. Es ist uns angenehm, nur durch hübsche Blumensträucher vom Meer getrennt, das sich hier eher wie ein See benimmt und still, glatt und grün vor uns liegt. Die Bucht ist umrundet von grossen, abgewetzten Steinen, dahinter Sträucher, Bäume, Felsen, visàvis steht ein andere Haus. Wir baden ausgiebig und lernen dabei eine junge Heimatbesucherin aus London und ihren Cousin kennen, die sich ungemein freut, dass wir hierher gefunden haben. Wir fragen rasch all unsere Fragen, die wir hier, aufgrund einer fehlenden gemeinsamen Sprache, niemandem Stellen konnten und baden uns neben dem Meer, auch einwenig in der Wohltat, uns barrierefrei mit jemandem unterhalten zu können. Am Abend essen wir Fisch im nahen Restaurant und stellen bei der Rückkehr fest, dass Ibrahim es sich zu seiner Aufgabe gemacht hat, unser Auto zu bewachen und erst nach unserer Rückkehr in in die nahegelegene Stadt Cide fahren wollte. Die Krankenhausnacht noch in den Knochen, beschliessen wir den Tag mit frühem Schlaf.

Bemerknisse

Türken die Angst vor Hunden, in unserem Falle Charlotte haben, nähern sich ihr mit Stock, den sie, wenn Viech ihnen zu nah kommt, drohend schwingen. Was bei Strassenhunden bestens funktioniert, ist für Charlotte eine Einladung zum Spiel.

Die meisten der kleinen Stell- und Campingplätze werden von Frauen geführt, während die Männer rauchend und teetrinkend rumsitzen, bis sie angewiesen werden, uns Strom zu bringen, eine Lampe zu basteln oder das Auto zu bewachen.

Es ist schwierig die türkische Hundeangst ernst zu nehmen, wenn gestandene Zweimeterriesen erst kreischend weghüpfen, wenn sie unerwarteterweise Charlotte begegnen, uns aber fünf Minuten später gerne ihren „absolut lieben“ Kangal vorführen möchten.

Sand klebt mit einer Konsequenz, von der sich noch mancher Kleber eine Scheibe abschneiden könnte.

Ein Kommentar

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