Aydincik – Abana – Sinop (Tage 39 – 40)


Am nächsten Tag wachen wir ziemlich früh auf. Wir stehen so direkt in der Sonne, dass der Gefährte zum Backofen wird und an Schlaf nicht mehr zu denken ist. Im Reiseführer lesen wir, dass wir uns eine Übernachtungsmöglichkeit bei Inebolu sichern sollten, weil da die einzigen Optionen vor Sinop liegen. Cide, das letzte grössere Dorf vor Inebolu, scheint, zumindest an de Küste, mit seiner zugepflasterten Promenade, der Strasse direkt dahinter und den anschliessenden, Appartementblocks, eher öd und lieblos. Weil wir Geld brauchen, fahren wir ins Zentrum der Stadt, das nicht direkt am Meer, sondern gut zwei Kilometer im Landesinnern liegt. Hier steppt dann doch der Bär und wir finden buntes Treiben und Leben. Das Finden eines funktionierenden Geldautomaten ähnelt einer Lotterie, und das nicht nur für mich, mit ausländischer Karte, nein, auch die Einheimischen sind ganz offensichtlich oft nicht erfolgreich beim Geldabheben, nehmen das aber meist gelassener als ich. Nach Cide wird die Strasse kurz und schottrig, bereits nach wenigen Kurven treffen wir auf den Schweizer der schon auf einem unsere Schlafplätze stand und die Besitzer des Platzes nachhaltig beeindruckt hat. Der Mann ist zu Fuss unterwegs, mit einem Fahrradanhänger, jetzt seit fünf Monaten von insgesamt sechs Jahren. Er wird bis nach Indien gehen und von da aus weiter, tut dies, neben auf der Hand liegenden Reisefreudegründen, auch um auf Kindesmissbrauch aufmerksam zu machen und würde hie und da gerne ein wenig gesponsert. Fortan denken wir bei jedem Anstieg, den der Gefährte nur in tiefen Gängen bewältigt, an den Mann zurück und an die Tatsache, dass er die Strecke geht. Gefälle hat die Strasse zu Hauf, ebenso wie Kurven, Verengungen, Schlaglöcher und Schotter, dafür ist die Landschaft eine der schönsten Küstenabschnitte, die ich je gesehen habe. Übernachtungsplätze hat es hier allerdings wirklich keine, wir hätten nicht mal die Gelegenheit für eine Nacht neben der Strasse zu parken, andere Strassen gibt es, bis auf einige Feldwege gen Ufer, nicht und wirklichen Zugang zum Meer findet man nur manchmal in den vereinzelten Dörfern, die wir durchfahren. Die Küste fällt felsig und Steil ins Meer ab, ist aber ansonsten gut begrünt, streckenweise mit Laubbäumen, dann wieder eher nadelbaumlastig. Die Dörfer befinden sich meist rund um Fluss- oder Bacheinmündungen ins Schwarze Meer, verfügen auch bei minimer Grösse über mindestens eine, eher zwei Moscheen und bestehen aus einfach betonierten Bauten, den schon früher erwähnten windschiefen Holzhäusern, hier sind noch sehr viele davon, einige gut erhalten, zu finden, und backsteinernen Häusern, mit ihren ungemein schönen Holzrahmenfenstern und -Türen. Auch hier sind die Männer, wenn nicht bei der Arbeit, in den Teestuben zu sehen, die Frauen, in farbenfroher, leichter aber weiter Kleidung bekopftucht miteinander redend, oder auch bei der Arbeit. Hier werden grosse Körbe voller Heu, Holz oder Früchte auf dem Rücken der Strasse entlang getragen, Kühe, Esel und Schafe getrieben, Haselnüsse geerntet und in den Dörfer die Ernte verkauft. Nach Inebolu werden die Strassen wieder breiter, die Dörfer wieder grösser und charmloser und die Landschaft wieder etwas ebener. Als wir das sehen bereuen wir, uns nicht einfach für eine Nacht an eine der Flusseinmündungen gestellt zu haben, fahren aber trotzdem weiter, bis nach Abana, wo wir den erstbesten Platz, direkt am Hafen nehmen und den Rest des Tages mit Bootsbeschau, Eisessen und Stranden verbringen. Trotz Kleinstadtnähe und Wochenende ist der Ellenlange Strand aus abgewetzten Kieseln praktisch leer. Es wird eine ruhige Nacht.
Am nächsten Morgen stehen wir wieder mitten in der Sonne, brechen wieder früh auf und haben eineinhalb Stunden später bereits Sinop, unser Zwischenstopp, bevor wir die Schwarzmeerküste verlassen und ins Landesinnere reisen, erreicht. Wir verbringen einen unspektakulären Badetag an nach wie vor erstaunlich (Hochsaison, Sonntag) menschenleerem Strand.

Bemerknisse

Wir haben seit 20 Jahren in der Türkei lebende Deutsche nach dem Mülltrennungssystem gefragt, weil wir immer ein kleinwenig schlechtes Gewissen haben, wenn wir alles in einen Beutel schmeissen. Seine Antwort: „Alles was in eine kleine Tüte passt, kommt in die rechte Tonne, alles was nicht in kleine Tüten passt in die linke Tonne und was du nicht zuordnen kannst, verteilst du am Strand.“ Gemessen an Gesehenem hat er recht. So macht das wohl auch der halbe Balkan.

Über kurz oder lang werden wir ein weiters Eregli passieren. Wir haben Angst. (Siehe vorletzter Artikel, Eregli, Krankenhaus und Co.)

Man bekommt hier Çay wenn man aufs Essen wartet, man bekommt Çay wenn man auf Wäsche wartet, man bekommt Çay wenn man auf den Mann wartet, wenn man auf das gewaschene Auto wartet, wenn man auf gekürzte Hosen wartet und seltsamerweise warte ich hier plötzlich irgendwie lieber.

Campende Türken mögen ihren Grill. Campende Türken mögen ihren Grill mittags und abends. Der Grill von campenden Türken kann echt viel Rauch. Der Grill von campenden Türken kann Rauch für 16 Fussballfelder. Campende Türken grillen aber neben ihren Zelten. Die Zelte von campenden Türken sind Dampfabzüge. In Zelten von campenden Türken passt Rauch für 16 Fussballfelder.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Bemerknisse, Neulich, Reise 2014, Reisen mit Kindern

Eine Antwort zu “Aydincik – Abana – Sinop (Tage 39 – 40)

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