Tagesarchiv: September 17, 2014

Himarë – Divjakë – Karpen (Tage 60-61)


Unser nächstes Ziel ist ein Naturschutzgebiet irgendwo nach Fier, an der Küste. Diesen Teil der albanischen Küste haben wir noch nicht gesehen, wie auch praktisch den ganzen Rest bis Montenegro. Das liegt hauptsächlich daran, dass es eine grosse Verbindungsstrasse, Kilometer im Landesinnern gibt, von der relativ gerade Strassen, teils unbefestigt und ansonsten kaum miteinander verbunden, zur Küste führen.*

Wieder passieren wir auf dem Weg dahin teils wunderbare Küstendörfer, aus steingemauerten Häusern, ab und zu sind die weissgetünchten Bauten aus Gijrokaster und Berat zu finden, in der Dorfmitte werden die Strassen teilweise so eng, dass ich fürchten müsste, mit dem Gefährten Hauswände entlang zu kratzen, wenn ich nicht wüsste, dass wir es hier schon unbehelligt durchgeschafft haben. Der weg führt von der Küste direkt hoch in die Berge, die mächtig und wolkenverhangen den Weg ins Landesinnern zu versperren scheinen. Die Ausblicke von oben sind atemberaubend, auch heuer, die langen hellen Strände, die, in schützende Berggspalten gedrängten Dörfer und das tiefblaue Meer haben mich schon vor zwei Jahren nachhaltig beeindruckt. Auf der Bergrückseite wähnt man sich danach urplötzlich in einer gänzlich anderen Gegend, wo vorher nur einzelne Olivenbäume wuchsen, fährt man hier mitten durch dichte Wälder, Gebirgsbächen entlang und findet hier und da einladende Fischtavernen. Wir erinnern uns plötzlich lebhaft, an das was danach folgt: Restaurants, Hotels und Appartements, die die Küste bis Vlorë regelrecht überwuchern. Wir lassen die Stadt, die mit ihren grauen, schlammigen Stränden und unschöne Blockbauten seltsamerweise trotzdem ihren Reiz hat, schnell hinter uns, fahren quasi schlaglochfreie Autobahn im Landesinnern bis Fier, wo wir wieder zur Küste abbiegen. Frau Fankhauser ist in Albanien übrigens keine Hilfe, sie kennt nur die Hauptstrasse. Wir fahren nach Karten, den spärlichen Schildern und Gefühl. Von der Autostrasse biegen wir gen Küsten ab, passieren kleine langezogene Dörfer mit den typischen, provisorisch aussehenden Zwei- bis Dreistockbauten, von denen jeweils nur ein Stock ausgebaut ist und der andere zur Aufbewahrung von Heu, zum Wäschetrocknen, als Garage oder Werkstatt genutzt wird. Das Leben spielt sich an der langen Dorfstrasse ab, wo flaniert, geplaudert uns gesessen wird. Ab und zu fahren wir an einer der, ebenfalls häufig zu sehenden, unfertigen, säulenlastigen Beinahvillen von Auslandverdienern vorbei, hie und da tun sich wieder riesige Schlaglochansammlungen vor uns auf und da und dort kreuzen wir überladene Eselkutschen und gelangweilte Kühe. Irgendwo sehen wir ein Campingschild, folgen ihm und finden, direkt am Meer zu einem protzigen, einem Schiff nachempfundenen Betonklotz, in dem gerade gehochzeitet wird. Erst erwägen wir tatsächlich hier zu übernachten, sehen dann aber den Sumpf, in den wir uns hätten stellen sollen und entschliessen uns zur Weiterfahrt. Bereits im nächsten Dorf erblicken wir neuerliche Campingschilder, folgen wieder und finden zu den Laguna Park Bungalows. Was wie ein Vergnügungspark klingt, sind ungefähr neun kleinen Bungalows und ein Restaurant, mitten im Nirgendwo. Rund um uns weite moorige Felder und unglaubliche Stille. Jedenfalls bis wir freudig von Antonio begrüsst werden. Er hat die Campingschilder heute Morgen angebracht und freut sich ganz offensichtlich sehr, dass wir hergefunden haben. Der Campingplatz existiert zwar noch nicht, aber wir werden trotzdem herzlich eingeladen, als seine ersten Campingäste hier zu stehen. Innert Kürze bastelt er uns Strom, bringt uns einen Bungalowschlüssel zur Toilettenbenutzung und scheint auch sonst sehr um unser Wohl besorgt. Er mag unseren Hund und die Tatsache, dass er so nett sei, denn er selber habe einen bösen Hund, den man immer in Ketten halten muss. Der komme bald weg, weil er nun einen jungen habe, einen zwei Monate alten Dobermann (der allerdings eher wie eine Zwergversion eines Dobermanns aussieht), den er hier im Käfig auf zwei Quadratmeter, ohne Hunde- oder Kinderkontakt hält. Wir bieten an, ihn etwas mit unserem Hundevieh spielen zu lassen, aber er geht nicht darauf ein. Am Abend essen wir in seinem Restaurant, in dem er selber kocht und dinieren köstlichst und viel. Wir haben lange nicht mehr so vorzüglich gegessen, passenden Wein getrunken und uns so gesättigt gefühlt. Als er uns die Rechnung bringt, glauben wir es kaum: Für 13 Euro haben wir gerade königlich Unmengen für drei Personen verspiesen und nächtigen erst noch gratis und mit blitzeblankem Privatbadezimmer. Antonio freut sich sichtlich über unsere Begeisterung. Normalerweise laufe hier etwas mehr, meint er, aber heute sei der Sonntag vor Schulanfang, da esse man daheim. Er habe drei Töchter, seine Mittlere habe morgen ihren ersten Schultag und sei seit Wochen aufgeregt. Ich gratuliere und frage, ob er auch aufgeregt sei, was er lächelnd bejaht. Zufrieden und vollen Bauches schlendern wir zum Gefährten zurück, über uns der sternenklare Himmel, von Weitem hört man einen Hund bellen, ansonsten herrscht Stille.
Als wir aufbrechen ist Antonio noch nicht wieder da, er ist losgefahren, um seine aufgeregte Tochter zu ihrem ersten Schultag zu bringen. Wir hinterlassen eine kleine Botschaft und den Schlüssel und fahren los. Heute wollen weitere Möglichkeiten nach Küstenzugang erforschen und uns abends auf dem Platz in Durresnähe, den wir schon von vor zwei Jahren kennen, mit Bekannten treffen, die hier gerade auf Motorrädern durch die Gegend fahren. Der Tag lässt sich jedenfalls einfach zusammenfassen: Wir irrten ausgiebig und orientierungslos in der Gegend rum, fanden nicht zum Meer, dafür Überreste einer kleinen Burg und traffen uns am Abend ganz planmässig mit den beiden Motorradfahrern, die mit platten Reifen und Lebensmittelvergiftung anknatterten.

 

Bemerknisse

*Wer also von Stichstrassenende A mach Stichstrassenende C gelangen will und nicht gerade über ein offroadtaugliches Gefährt verfügt, fährt Stichstrasse A kilometerlang zurück, fährt auf der Autostrasse Richtung Stichstrasse C, kann auf der Höhe von Stichstrasse C aufgrund der Mittelleitplanke nicht abbiegen fährt Kilometer ins nächstgrössere Kaff, macht eine Kehrtwende, fährt Kilometer zur Stichstrasse C zurück, biegt ab, fährt Kilometer zum Stichstrassenende C und ist für 6 Kilometer Luftlinie schliesslich 50 Kilometer gefahren.

Immer wenn ich wiedermal verwegen an Schlaglöchern vorbei kurve und auf holprigen Strassen gerade noch so schnell fahre, wie der Gefährte laut meine, Beurteilungsvermögen aushält, überholt mich ein tiefer gelegter Altklappermercedes unbehelligt mit 80 km/h.

„Passt bloss auf bei korrupten Polizisten, die Ausländer ausnehmen wollen, verlangt immer einen Ausweis!“, so klingt es allerseits, und mich überkommt auch prompt bei jedem Polizistensichtkontakt ein mulmig Gefühl, erst recht, wenn wir rausgewinkt werden. Das passierte bisher zweimal und es war furchterregend:
Polizist 1, breit grinsend: „Suisse?“ Wir: „Oui!“ Polizist 1: „Shaquiri!“ Wir: „Ouiii!“ Polizist 1: „Bye Bye!“
Polizist 2, breit grinsend: „Hello!“ Wir: „Hello!“ Polizist 2: „Oooooh, Babies!“, betrachtet die Brut mit noch breiterem Grinsen, „Bye Bye!“

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Ioannina (Griechenland) – Sarande (Gijrokaster, Albanien) – Himarë (Albanien) (Tage 58-59)


Am Morgen tun wir, was wir hier lieber verschwiegen würden: Wir fahren in die IKEA, frühstücken da und lustwandeln in den ganzen Einkaufszentren, die nahe Ioannina so rumstehen. Das haben Sie jetzt alles nicht gelesen, denn ich habe das hier auch nie erzählt.
Heute überquere ich erstmals als Fahrerin eine Grenze. Nach den paar Kilometern, die zwischen Ioannina und der albanischen Grenze liegen, bin ich etwas aufgeregt. Nicht wegen der Grenze, aber von unserem letzten Albanienbesuch weiß ich um den zeitweiligen Zustand albanischer Straßen. An der Grenze winkt man uns dann auch gänzlich uninteressiert durch und auf albanischem Boden verinnerliche ich mir, gewissenhaft wie ich bin, erstmal die Schilder, die wie überall nahe der Grenzen, die Geschwindigkeitsbegrenzungen verdeutlichen. Wir wollen als erstes Gijrokaster anfahren, eine Stadt, die wir noch nie besucht haben. Meine Angst vor den Straßen zeigt sich bisher als unbegründet, zwar sind die Brückenübergänge eher erschütternd, aber das ist in all den Balkanstaaten so. Schon die erste Strecke auf albanischem Land, durch die Talebene nach Gijokaster, begeistert erneut, jedenfalls was die beeindruckenden Berge angeht, die Dörfer sind eher langweilig und unschön gebaut. Gijrokaster hingegen, das umgeben von Bergen in beachtlicher Höhe trohnt, vermag sofort zu begeistern. Ineinander verschachtelt stehen die oft weiß getünchten, ein- bis dreistöckigen Steinhäuser, mit steinern geschindelten Dächern und verhältnismäßig großzügigen Fenstern mit Rahmen aus dunklem Holz. Enge, steile Straßen, mit abgewetzten Kopfsteinpflaster führen durch die Gassen und eine Burg imposanter Größe scheint das lebendige Treiben im Städtchen sorgsam zu überwachen. Ich fühle mich an Berat erinnert, das mir schon vor zwei Jahren so gut gefiel. Nach einem Mittagessen im Zentrum, stolpern wir noch etwas durch die Gassen, was leider nicht gänzlich entspannt geht, denn trotz vielen Fussgängern, viele davon Touristen, existieren wenige Fußgängerzonen. Nach einem Besuch auf der Post, wo wir den Beamten dabei helfen, Strassbourg geografisch zuzuordnen, machen wir uns auf den Weg nach Sarandë, wo wir übernachten wollen. Der Weg führt über die karg begrünten Berge, hinunter zur Küste bei Sarandë, wo wir etwas zu spät ankommen um uns eine etwas stadtfernere Bleibe zu suchen. Albanien möchten wir nicht nachts befahren müssen, auch wenn einige Stellen, die uns von vor zwei Jahren als besonders schlaglochdurchzogen in Erinnerung bleiben, heute ausgebessert sind. Vor einem Hotel ohne Charme, dafür mit einer Horde plantschender Pauschalpolen im Pool, stellten wir uns für eine Nacht hin und teilten die Sanitäranlagen mit den Arbeitern, die bis spätabends die Gebäudewartung übernehmen. Sarandë ist an sich keine wahnsinnig schöne Stadt, geprägt von Billigblockbauten auf engem Raum, aber unser Abendspaziergang, der gut besuchten Strandpromenade entlang, zu dem Zeitpunkt, an dem das Licht der untergehenden Sonne jedem Fleck Erde seinen Glanz verleiht, liess uns doch noch einige nette Ecken und vor allem buntes, freundliches Leben entdecken. Besonders der Hund stösst allenthalben auf Liebe, eine Gruppe von gut 20 Romakindern will uns gar nicht mehr weiterziehen lassen und deckt Charlotte grosszügig mit Liebesbekundungen und Küssen ein. Mit vollen Bäuchen schlafen wir ein, Albanien hat uns wieder.

Am Morgen brechen wir in Richtung Butrintit auf, denn da soll es Ruinen in netter Landschaft geben. Die Tatsache, dass wir nur Minuten nach einem Reisecar, vollbesetzt mit den Pauschalpolen auf Plauschtour, vor dem Hotel losfahren und dieser verdächtigerweise die exakt selbe Strecke zu fahren scheint, wie wir, lässt uns etwas an unserem heutigen Reiseziel zweifeln. Schöne Landschaften finden wir, einsam sind sie auch, jedenfalls jenseits der Ruinen. Dort steppt der Touristenbär. Etwas ausserhalb stellen wir den Gefährten ab und machen eine, zwar weniger historische, aber wunderbare Kurzwanderung, bevor wir küstenaufwärts, nach Himarë fahren. Diese Strecke kennen wir von vor zwei Jahren, sie hat sich glücklicherweise, kaum verändert. Durch kleine, für die Meeresnähe hoch gelegene Dörfer, mit Ortskernen, in denen hutragende Männer in Hemden rauchend bei Gesprächen sitzen, Strassenhunde faul rumliegen, hie und da ein angeseilter Esel wartet und etwas ausserhalb Ziegenherden und Kühe durch die Strassen getrieben werden, deren Hirten uns freundlich zuwinken. Autos stressen die Tiere längst nicht mehr, im Gegenteil, ich bin ziemlich sicher, dass sie sich insgeheim für körperlich überlegen halten. Immer wieder sehen wir Campingschilder, aber anstatt neue Stätten anzufahren, möchten wir zurück auf den Platz, der uns vor zwei Jahren schon gut gefallen hat. Wenn ich hier erzähle, dass man da zwischen Orangen- und Olivenbäumen steht, klingt das allerdings lauschiger, als es ist, denn der Platz ist mitten im Ort, aber Örtlichkeit und Umgebung sind es auch nicht, die uns zurück ziehen, vielmehr ist es die Tatsache, dass der Platz sehr charmant und freundlich geführt wird. Wir finden den Platz tatsächlich unverändert vor, was etwas schade ist, weil mit etwas Arbeit doch einiges hätte herausgeholt werden können. Trotzdem fühlen wir uns wohl, essen Mittagsreste von gestern kühlen uns im klaren Wasser ab, können den Hund problemlos frei laufen lassen und kochen abends erstmals seit Langem wieder selber.
Insgesamt lässt sich festhalten, dass in den letzten zwei Jahren doch einige Veränderungen stattgefunden haben, wie stellenweise ausgebesserte Strassen, mehr Touristen und massenhaft hässliche Blockbauten im Dienste des Tourismus. Letzteres findet sich allerdings bisher nur an der Küste und auch da noch relativ konzentrierte und wenig ausufernd.

 

Bemerknisse

Die Geschwindigkeitsbegrenzungen auf albanischen Strassen sind in der Regel gut sichtbar und Schilder folgen in regelmässigen Abständen. Wer sich allerdings daran hält, wird zur unliebsamen Verkehrsbehinderung. Der allgemeine Geschwindigkeitsdurchschnitt liegt 30km/h über der angegebenen Geschwindigkeit und das gänzlich unabhängig vom Strassenzustand.

Nach wie vor ist es toll, in Albanien mit weissem Mercedes-Bus umher zu fahren. Allenthalben wird aufgesprungen, freudig gewunken und gerufen. (Dass man uns mit den üblicherweise weissen, mercedessenen Sammeltaxis verwechselt und man uns nachträglich wegen unverlangsamter Weiterfahrt beschimpft, lässt sich mit etwas Übung ganz gut ignorieren.

In Albanien ist deutlich weniger Flachvieh anzutreffen. Das liegt, vermute ich, nicht an geschickteren Tieren, vorsichtigeren Autofahrern oder koordinierterem Wegräumdienst, sondern wohl an den Schlaglöchern, in denen die Tiere sich in Sicherheit bringen können.

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