Himarë – Divjakë – Karpen (Tage 60-61)


Unser nächstes Ziel ist ein Naturschutzgebiet irgendwo nach Fier, an der Küste. Diesen Teil der albanischen Küste haben wir noch nicht gesehen, wie auch praktisch den ganzen Rest bis Montenegro. Das liegt hauptsächlich daran, dass es eine grosse Verbindungsstrasse, Kilometer im Landesinnern gibt, von der relativ gerade Strassen, teils unbefestigt und ansonsten kaum miteinander verbunden, zur Küste führen.*

Wieder passieren wir auf dem Weg dahin teils wunderbare Küstendörfer, aus steingemauerten Häusern, ab und zu sind die weissgetünchten Bauten aus Gijrokaster und Berat zu finden, in der Dorfmitte werden die Strassen teilweise so eng, dass ich fürchten müsste, mit dem Gefährten Hauswände entlang zu kratzen, wenn ich nicht wüsste, dass wir es hier schon unbehelligt durchgeschafft haben. Der weg führt von der Küste direkt hoch in die Berge, die mächtig und wolkenverhangen den Weg ins Landesinnern zu versperren scheinen. Die Ausblicke von oben sind atemberaubend, auch heuer, die langen hellen Strände, die, in schützende Berggspalten gedrängten Dörfer und das tiefblaue Meer haben mich schon vor zwei Jahren nachhaltig beeindruckt. Auf der Bergrückseite wähnt man sich danach urplötzlich in einer gänzlich anderen Gegend, wo vorher nur einzelne Olivenbäume wuchsen, fährt man hier mitten durch dichte Wälder, Gebirgsbächen entlang und findet hier und da einladende Fischtavernen. Wir erinnern uns plötzlich lebhaft, an das was danach folgt: Restaurants, Hotels und Appartements, die die Küste bis Vlorë regelrecht überwuchern. Wir lassen die Stadt, die mit ihren grauen, schlammigen Stränden und unschöne Blockbauten seltsamerweise trotzdem ihren Reiz hat, schnell hinter uns, fahren quasi schlaglochfreie Autobahn im Landesinnern bis Fier, wo wir wieder zur Küste abbiegen. Frau Fankhauser ist in Albanien übrigens keine Hilfe, sie kennt nur die Hauptstrasse. Wir fahren nach Karten, den spärlichen Schildern und Gefühl. Von der Autostrasse biegen wir gen Küsten ab, passieren kleine langezogene Dörfer mit den typischen, provisorisch aussehenden Zwei- bis Dreistockbauten, von denen jeweils nur ein Stock ausgebaut ist und der andere zur Aufbewahrung von Heu, zum Wäschetrocknen, als Garage oder Werkstatt genutzt wird. Das Leben spielt sich an der langen Dorfstrasse ab, wo flaniert, geplaudert uns gesessen wird. Ab und zu fahren wir an einer der, ebenfalls häufig zu sehenden, unfertigen, säulenlastigen Beinahvillen von Auslandverdienern vorbei, hie und da tun sich wieder riesige Schlaglochansammlungen vor uns auf und da und dort kreuzen wir überladene Eselkutschen und gelangweilte Kühe. Irgendwo sehen wir ein Campingschild, folgen ihm und finden, direkt am Meer zu einem protzigen, einem Schiff nachempfundenen Betonklotz, in dem gerade gehochzeitet wird. Erst erwägen wir tatsächlich hier zu übernachten, sehen dann aber den Sumpf, in den wir uns hätten stellen sollen und entschliessen uns zur Weiterfahrt. Bereits im nächsten Dorf erblicken wir neuerliche Campingschilder, folgen wieder und finden zu den Laguna Park Bungalows. Was wie ein Vergnügungspark klingt, sind ungefähr neun kleinen Bungalows und ein Restaurant, mitten im Nirgendwo. Rund um uns weite moorige Felder und unglaubliche Stille. Jedenfalls bis wir freudig von Antonio begrüsst werden. Er hat die Campingschilder heute Morgen angebracht und freut sich ganz offensichtlich sehr, dass wir hergefunden haben. Der Campingplatz existiert zwar noch nicht, aber wir werden trotzdem herzlich eingeladen, als seine ersten Campingäste hier zu stehen. Innert Kürze bastelt er uns Strom, bringt uns einen Bungalowschlüssel zur Toilettenbenutzung und scheint auch sonst sehr um unser Wohl besorgt. Er mag unseren Hund und die Tatsache, dass er so nett sei, denn er selber habe einen bösen Hund, den man immer in Ketten halten muss. Der komme bald weg, weil er nun einen jungen habe, einen zwei Monate alten Dobermann (der allerdings eher wie eine Zwergversion eines Dobermanns aussieht), den er hier im Käfig auf zwei Quadratmeter, ohne Hunde- oder Kinderkontakt hält. Wir bieten an, ihn etwas mit unserem Hundevieh spielen zu lassen, aber er geht nicht darauf ein. Am Abend essen wir in seinem Restaurant, in dem er selber kocht und dinieren köstlichst und viel. Wir haben lange nicht mehr so vorzüglich gegessen, passenden Wein getrunken und uns so gesättigt gefühlt. Als er uns die Rechnung bringt, glauben wir es kaum: Für 13 Euro haben wir gerade königlich Unmengen für drei Personen verspiesen und nächtigen erst noch gratis und mit blitzeblankem Privatbadezimmer. Antonio freut sich sichtlich über unsere Begeisterung. Normalerweise laufe hier etwas mehr, meint er, aber heute sei der Sonntag vor Schulanfang, da esse man daheim. Er habe drei Töchter, seine Mittlere habe morgen ihren ersten Schultag und sei seit Wochen aufgeregt. Ich gratuliere und frage, ob er auch aufgeregt sei, was er lächelnd bejaht. Zufrieden und vollen Bauches schlendern wir zum Gefährten zurück, über uns der sternenklare Himmel, von Weitem hört man einen Hund bellen, ansonsten herrscht Stille.
Als wir aufbrechen ist Antonio noch nicht wieder da, er ist losgefahren, um seine aufgeregte Tochter zu ihrem ersten Schultag zu bringen. Wir hinterlassen eine kleine Botschaft und den Schlüssel und fahren los. Heute wollen weitere Möglichkeiten nach Küstenzugang erforschen und uns abends auf dem Platz in Durresnähe, den wir schon von vor zwei Jahren kennen, mit Bekannten treffen, die hier gerade auf Motorrädern durch die Gegend fahren. Der Tag lässt sich jedenfalls einfach zusammenfassen: Wir irrten ausgiebig und orientierungslos in der Gegend rum, fanden nicht zum Meer, dafür Überreste einer kleinen Burg und traffen uns am Abend ganz planmässig mit den beiden Motorradfahrern, die mit platten Reifen und Lebensmittelvergiftung anknatterten.

 

Bemerknisse

*Wer also von Stichstrassenende A mach Stichstrassenende C gelangen will und nicht gerade über ein offroadtaugliches Gefährt verfügt, fährt Stichstrasse A kilometerlang zurück, fährt auf der Autostrasse Richtung Stichstrasse C, kann auf der Höhe von Stichstrasse C aufgrund der Mittelleitplanke nicht abbiegen fährt Kilometer ins nächstgrössere Kaff, macht eine Kehrtwende, fährt Kilometer zur Stichstrasse C zurück, biegt ab, fährt Kilometer zum Stichstrassenende C und ist für 6 Kilometer Luftlinie schliesslich 50 Kilometer gefahren.

Immer wenn ich wiedermal verwegen an Schlaglöchern vorbei kurve und auf holprigen Strassen gerade noch so schnell fahre, wie der Gefährte laut meine, Beurteilungsvermögen aushält, überholt mich ein tiefer gelegter Altklappermercedes unbehelligt mit 80 km/h.

„Passt bloss auf bei korrupten Polizisten, die Ausländer ausnehmen wollen, verlangt immer einen Ausweis!“, so klingt es allerseits, und mich überkommt auch prompt bei jedem Polizistensichtkontakt ein mulmig Gefühl, erst recht, wenn wir rausgewinkt werden. Das passierte bisher zweimal und es war furchterregend:
Polizist 1, breit grinsend: „Suisse?“ Wir: „Oui!“ Polizist 1: „Shaquiri!“ Wir: „Ouiii!“ Polizist 1: „Bye Bye!“
Polizist 2, breit grinsend: „Hello!“ Wir: „Hello!“ Polizist 2: „Oooooh, Babies!“, betrachtet die Brut mit noch breiterem Grinsen, „Bye Bye!“

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Bemerknisse, Neulich, Reise 2014, Reisen, Reisen mit Kindern

2 Antworten zu “Himarë – Divjakë – Karpen (Tage 60-61)

  1. Ponder

    Liebe Frau G.,

    immer wieder: Vielen herzlichen Dank für die Reiseberichtsmühe und die tollen Fotos! Ich lese furchtbar gern mit :)

    Als Alternative für die Papierkarten und Frau Frankhausers Kartenmaterial wäre vielleicht eine Offline-Karte auf dem iPad (so das denn sowas kann, ich kenne mich nur mit Android aus) auf Basis von OpenStreetMap-Karten eine tolle Lösung. Ich benutze dafür (auf dem Android-Reibetelefon) eine App namens „Locus Pro“, die zwar etwas umständlich zu bedienen ist, aber mit Offline-Karten sehr gut umgehen kann. Sollte Frau Frankhauser ein Gerät von Garmin sein, gibt es auch Wege, OSM-Karten aufzuspielen und ggf. zwischen den Garmin-Karten und OSM zu wechseln. Routing-Funktionalität bieten nicht alle Varianten.

    Alle Varianten brauchen allerdings etwas technischen Basteldrang :)

    Viele Grüße,

    der POnder

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