Visoko (Sarajevo) – Jajce (Bosnien und Herzegowina) – Omiš (Kroatien) (Tage 70-71)


Wir brechen heute sehr zeitig auf. Nicht gänzlich freiwillig, sei zu sagen, aber es ist derart kalt, dass wir uns nur eines wünschen: Die Autoheizung aufdrehen. Herr G. will das bosnische Handtuch werfen und ans Meer zurück fahren, wo es gut 10 Grad wärmer ist. Mit dem Versprechen, dass ich nach einer weiteren Nacht Bosnien widerstandslos mitfahre, steuern wir Jajce an, wo es neben einem netten Übernachtungsplatz auch zahlreiche Wassermühlen und auf dem Weg dahin sehenswerte Landschaft und ebensolche Dörfer gebe. Bis Visoko fahren wir bekannte Strecken, danach folgt Neuland. Eine Weile fahren wir entlang der Bosna und ihren zahlreichen Schwüngen und Biegungen. Wir sehen, wie viel Wasser sie nach den Regenfällen der letzten Woche hat und denken an die Überschwemmungen, unter denen Bosnien und Herzegowina vor wenigen Monaten noch zu leiden hatte. Wir haben die betroffenen Gebiete bisher bewusst umfahren, denn obwohl wohl die meisten dringlichen Schäden provisorisch behoben wurden, kann man da mit Sicherheit keine Touristen brauchen. Wir fahren also offenen Auges weiter und informieren uns bei WLAN-Kontakt über die aktuelle Lage. Aber es scheint Entspannung in Sicht, jedenfalls drückt die Sonne mit aller Kraft durch die Wolken und schliesslich fahren wir unter blaustem Himmel unseres Weges. Die Landschaft zeigt sich grün, fruchtbar und hügelig, die Dörfer sind hie und da kriegsgezeichnet, aber verfügen über einigermassen intakte, lebendige Ortskerne von malerischer Schönheit. Was sage ich hier „aber“? Ich habe es schon anderswo erwähnt: Gerade da wo Granatenlöcher zugemauert und die kriegsversehrten Häuser belebt werden, wo gezeigt wird, dass Wärme und Menschlichkeit überleben kann, auch wenn einst alles dagegen sprach, ist pure Schönheit zu sehen. Das Städtchen Jajce selber, ist eines von vielen, hat aber einen stadteigenen, kleineren Wasserfall, eine hübsche Altstadt und eine Burg, für die wir einen kleinen Eintritt bezahlen, die aber an Eindrücklichkeit und Grösse nicht an die Burg von Stolac heranreicht. Nach einem kleinen Mittagessen und weiteren Stolperrunden durch die Stadt, fahren wir zum empfohlenen Campingplatz. Auf der Strecke nach Jajce haben wir schon mehrere kleine Plätze gesehen die wir wohl unter normalen Umständen bevorzugt hätten, aber allesamt waren direkt am Fluss angesiedelt, was uns bei den gegenwärtigen Wassermassen und ohne genauen Wetterbericht eher unsicher vorkommt. Auf Umwegen finden wir schliesslich zum relativ grosszügig angelegten Platz, zusammen mit ungefähr 20 französischen Gigantomobilen, die sich aber glücklicherweise ziemlich Dicht gedrängt auf einen Achtel des Platzes stellen, so dass wir im Grunde weder irgendwas von ihnen sehen, noch irgendwas von ihnen hören. Den Abend verbringen wir damit, den Rest unserer Reise zu planen. Wir haben noch fast zwei Wochen, wobei wir mindestens eine halbe Woche für die Rückreise einberechnen, weil wir noch ein, zwei Tage in München verbringen werden. Der Umstand, dass es hier immer noch ziemlich kalt ist und die Aussicht auf den nahenden Winter, in Anbetracht des schweizerischen Sommer habe ich keine grosse Hoffnung auf milden Herbst, lässt uns zum Entschluss kommen, dass wir abschliessend noch eine Woche Strand und Sonne an der kroatischen Adria verdient haben und auch unsere Sommerbräune aus türkischen Tagen bedarf etwas Auffrischung.
Am Morgen brechen wir also nach Kroatien auf, gen Wärme. Wir durchfahren bergiges Gebiet und überqueren, eine wohl in Kriegsjahren umkämpfte, Hochebene, die zwar landschaftlich unglaublich schön, nach wie vor Hauptsächlich in Ruinen liegt. Der Aufbau hat sich wohl hier nicht wieder gelohnt und hier, im Nirgendwo, zeigt sich, ganz ohne Bimborium und Gedenktafeln, die ganze Destruktivität des Krieges und ganz ohne deklariertes Mahnmal bin ich gemahnt und inniglich dankbar für den Ort, an dem ich gross werden durfte. Auch wenn der Eindruck, den ich von der Konstruktivität, mit der mit der kriegerischen Vergangenheit zu fühlen glaubte, vielleicht nicht richtig war, denn vor einigen Tagen las ich davon, dass mehr als 60% aller Bosnier, eigentlich dem einen oder anderen der Nachbarstaaten angehören möchte, verlasse ich Bosnien und Herzegowina mit etwas Wehmut. Ich habe mich in dieses Land verliebt, in seine Landschaft, in seine Menschen, seine Dörfer, Städte und Spinatböreks. An der Grenze werden wir wieder nicht gross beachtet, dafür ist es wieder wärmer. Wir sind wieder in Kroatien und damit hat sich irgendwie ausgereist, denn unsere Restzeit werden wir mit schnödem, aber in Anbetracht des Steilstartes nach Ankunft daheim, wohl angebrachtem Urlauben verbringen. Die Berichte werden wohl etwas unausführlicher, da wohl kaum jemand von Strandgelagen und Sonnencrèmes lesen möchte.

Bemerknisse
Wenn ich hier von Bosnien schreibe und dabei immer Herzegowina mitmeine, ist das eine Formulierung, die wohl kein Einheimischer wählen würde. Hier wird klar zwischen den Landesteilen differenziert und Zugehörigkeit kommuniziert.

Ein kleiner Kosovonachtrag: Auf unsere Frage nach seiner Adresse antwortete uns Bleonard mit Name und Dorf, ohne weitere Angaben. Was wir erst für unvollständige Angaben hielten und nach Strassennamen, -nummern und Postleitzahl verlangten, ist tatsächlich die vollständige Anschrift. „Wir haben hier noch keine Strassennamen ;-)“, meint Bleonard.

Nach mehreren Tagen bosnischer Wetterkälte und Herzenswärme, wirkt Kroatien zwar wieder etwas sommerlicher, aber auch deutlich unfreundlicher.

Bosniens Stellplätze bieten zwar morgens vielleicht kein frisches Brot feil, verfügen aber über äusserst weitreichendes, schnelles WLAN. Überhaupt ist die WLAN-Dichte und -Qualität in Albanien und Bosnien grandios. Das tourismusverwöhnte Kroatien hingegen hat diesbezüglich Aufrüstungs- und Modernisierungsbedarf, bietet aber allenthalben frisches Brot. Unnötig zu erwähnen, dass ich ganz gut ohne Brot kann.

 

3 Kommentare

Eingeordnet unter Bemerknisse, Reise 2014, Reisen, Reisen mit Kindern

3 Antworten zu “Visoko (Sarajevo) – Jajce (Bosnien und Herzegowina) – Omiš (Kroatien) (Tage 70-71)

  1. Vielen Dank für die schönen Berichte! Es hat Spaß gemacht, mit euch zu reisen. Und auch, wenn nun nur noch Sonnenbaden-Geschichten kommen sind diese sicherlich lesenswert.

  2. Pingback: Fazit einer Vierteljahresreise mit Kindern und Hund | Gminggmangg

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