Monatsarchiv: November 2014

Heiliger Sankt Wahnsinn


Nach dem allenthalben von Lichterfesten und pleonastisch heiligen Sankt Martinen geschwärmt und dabei kräftig rumgeplüscht wurde, halte ich es für meine Aufgabe, dem unbedarft gutgläubigen kinderlosen Teil der Menschheit die Schattenseiten dieses Festes aufzuzeigen. Angefangen damit, dass das Fest, wie alle derartigen Feste, bestimmt einen irgendwie heidnischen Hintergrund hat, ist auch der Zeitpunkt denkbar schlecht gewählt. November! Für eine Veranstaltung die vorwiegend draußen stattfindet! Wie kurzsichtig ist das denn!? Natürlich wird auf sämtlichen Elternbriefen versprochen, dass das Ganze bei schlechtem Wetter nicht stattfindet. Darauf hofft man dann schon etwas, wenn man morgens aus der Tür tritt und der Wind neben Regen, Blättern auch Jungbäume und Nachbars Wäsche durch den Garten weht. Die Nummer für allfällige Unsicherheiten bezüglich Sattfindens erwägt man da gar nicht erst anzurufen, zu eindeutig scheint ein Ausfallen, und ein Durchkommen ist ohnehin aussichtslos, denn immerhin versuchen gerade ungefähr 50 Eltern dasselbe, gerne auch mehrmals, um ganz sicher zu sein. Irgendein übermotivierter Elternteil verschickt schließlich an alle anderen Eltern eine SMS mit einer fürchterlich witzigen Botschaft wie: „Juhu!!!! Das Lichterfest findet statt!!! Es gibt schließlich kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung ;-)))!!!“ Dann schiebt man den kurz aufkommenden Gedanken, den Kindern nichts davon zu erzählen aus Angst vor Krisen bei nachträglichem Erfahren als unmoralisch beiseite und beginnt damit die Brut einzuwickeln, sorgsam darauf achtend, dass die letzte Schicht irgendwie aus aus geruchsdichtem, feuerfestem Plastik besteht. Bleibt nur noch das Einpacken von Löschdecken und Schaumwerfern, bevor die letzte wegweisende Entscheidung ansteht: Die Lichterwahl. Es bleibt eine Entscheidung zwischen traurigen Naturpädagogenblicken und verdrehten Augen (iPhone im Taschenlampenmodus) oder multiplen Kinderkrisen (Wachskerzen, die ständig auslöschen). Schließlich packt man LED-Lichter in Kerzenform ein, für minimale Augenverdreher aber gegen Kindskrisen. Hat man schließlich zur wartenden Feiertruppe gefunden, verteilen die KiTapädagogen hektisch Wachskerzen an Lichtlose. Der oder die Ärmste unter ihnen hat den Auftrag gefasst, alle beleuchtet zu halten und rennt mit Feuerzeug von Laterne zu Laterne, von enttäuscht kreischenden Kleinkindern zu windverfluchenden Eltern. Dann wird des Loslaufbefehl gegeben, worauf die Kinder, weil sie eingepackt und steif, die Motorik von Pinguinen auf Landgang zeigen und alle paar Meter wieder aufgestellt werden müssen. Die Unglückliche, die zum Anstimmen der Lieder verdonnert wurde, zählt laut auf drei, worauf man in frei gewählter Tonlage eines der drei laternenlastigen Lieder anstimmt. Meist singen nach zwei Strophen sogar alle das selbe Lied. Dann marschiert man Richtung Feuer im Wald, was nicht so schwer ist, weil der nässebedingt grosszügig produzierte Rauch relativ wegweisend wirkt. Während die Eltern damit beschäftigt sind, keines ihrer Kleinkinder ins Feuer krabbeln zu lassen, wird ein weiteres Lied gesungen und danach zu Tee und Risotto geladen. Hungrige Kinde diktieren ihre Eltern in die Warteschlange und schmeißen derweil Tannenzapfen ins Feuer. Vor vollen Tellern bestreiten sie erst eine Runde dramatischste Aversionsbekundung, probieren dann doch etwas, verbrennen sich den Mund, brüllen weitere fünf Minuten das Essen an, dessen Temperatur sich binnen drei Minuten von zu heiß, zu ungenießbar kalt verändert und verweigern jede weitere Nahrungsaufnahme. Dann kommt der gemütliche Teil. Die Kinder verschwinden spielend im Wald, während die Eltern sich am Früchtetee laben, den sie heimlich mit etwas Schnaps anreichern. Dieser Teil dauert 7-9 Minuten, danach tauchen die ersten Kinder wieder auf, mit Fragen wie: „Wo ist Sofie?“ und „Ich glaube, ich habe Matteo im Wald verloren…“, worauf sich die Eltern verabschieden, suchend in die Büsche stürzen und, nach Kriterien wie Grösse, Gewicht und Kreischfrequenz, möglichst so viele Kinder einpacken, wie sie her gebracht haben. Allfällige Tauschgeschäfte aufgrund von Missverständnissen finden unter den nächsten Straßenlaternen statt. Danach ziehen als ermattet von dannen. 
Davon gibt es Fotos wie dieses hier:
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Das Litterding.


(Der folgende Artikel erschien als Blogpost im Blog der Schweizerischen Bundesbahnen.)

Minuten vor der Zugausfahrt besorge ich mir neben Kaffee und der gehaltvollen Pendlerzeitung auch noch die Ausgabe einer Lokalzeitung, mein Arbeitsweg dauert nämlich länger als 20 Minuten. Auf dem Perron stehe ich genau richtig, ich weiss wie Hasen laufen und Züge halten. Der Wagen hält so, dass die Türe sich exakt neben meinem rechten Fuss öffnet und ich schiele nach bewundernden Blicken für mein Ort- und Timing.

Ich finde eine Platz in einem der Zweierabteile mit Einzelsitzen, ohne dass meine Ellenbogen zum Einsatz kommen müssten, völlig leer vor. Meinen Kaffee stelle ich auf den Tisch, die Lokalzeitung lege ich daneben, die Gratiszeitung behalte ich vorerst in der Tasche, mehr so als Joker, falls ich zu einem der langen Artikel in der Lokalzeitung auch noch die Kurzvariante mit reisserischem Titel lesen möchte. Während ich meine Jacke ausziehe und dabei versuche, keine der durch die Gänge strömenden Mitreisenden zu verletzen, werde ich nach dem Besetzungsgrad des gegenüberliegenden Sitzes gefragt. Mit einladender Geste bedeute ich der Dame Platz zu nehmen, hänge meine Jacke auf und setze mich ebenfalls.

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Mit Zeitung und Kaffee im Zug.

«Brauchen sie die noch?»

Planungsfehler: Ich habe Zucker und Löffel in der Jackentasche vergessen und auch die Kopfhörer liegen noch sorgsam um den gesamten Tascheninhalt verknotet ausserhalb meiner direkten Reichweite. «Brauchen sie die noch?» Fragt meine Mitreisende und deutet auf die Lokalzeitung. »Ja, ich werde sie lesen, sobald ich den Kopfhörerkabel-Houdini gemacht und meinen Kaffee gesüsst habe», erwidere ich freundlich, während ich mich um das tascheninterne Chaos kümmere und hoffe, dass ich es schaffe, meine Kopfhörer zu befreien, bevor der Kaffee zu kalt ist. «Entschuldigen Sie, kann ich rasch etwas nachschauen, während sie die Zeitung noch nicht lesen?» Mein Gegenüber nimmt die schutzlos rumliegende Zeitung fast schon zur Hand, aber ich erkläre: «Ich bin gleich fertig und möchte dann gerne lesen, aber ich kann sie Ihnen gerne überlassen, sobald ich ausgelesen habe.» Kurz im Kaffee gerührt, Kopfhörer aufgesetzt, passende Musik gewählt, irgendwas Episches, passend zu Pendlerwerbung und Mörder-Drummer, versenke ich mich genussvoll in die Dramen der Welt, etwas Realität vor dem jobbedingten Heilpädagogenflausch.

Begehrtes Papier.

Gerade will ich vom Auslandteil zur Wirtschaft wechseln, ich lese gerne kreuz und quer, als meine Sitznachbarin winkend um meine Aufmerksamkeit bittet. Ich setzte die Kopfhörer ab und versuche fragend auszusehen. «Dürfte ich den Teil, den Sie jetzt gerade gelesen habe schon haben?» Sie fragt freundlich, das muss man ihr lassen, und blickt dabei so freudig erwartungsvoll wie mein Hund, wenn ich am Schrank mit dem Hundefutter vorbeilaufe. «Ich lese kreuz und quer, müssen Sie wissen. Das tue ich immer schon unchronologisch und ich würde das gerne auch heute tun.» Offensichtlich enttäuscht lehnt sie sich in ihren Sitz zurück, ein spontaner Tagtraum zeigt sie mir in Dreijährigenmanier mit Fäusten gegen meine Brust schlagen, aber nichts Derartiges geschieht. Ich bin erleichtert. Sie leidet still. Langsam wird mir etwas unwohl und plötzlich fällt mir die Gratiszeitung ein, die unterbetrachtet in meiner Tasche liegt. Ich krame sie hervor und reiche sie meiner lesehungrigen Mitreisenden, die sie zögerlich nimmt. «Die lese ich ja normalerweise nicht… Würden Sie auch tauschen?» fragt sie, fügt aber, nach dem sie meinen leicht entnervten Blick bemerkt, beschwichtigend hinzu: «Wenn Sie fertig sind, wenn Sie fertig sind, natürlich! Sie lesen die Zeitung sehr gründlich, das ist ja heute auch nicht mehr selbstverständlich, bei so Jungen, das sollte man ja eigentlich unterstützen.»«OK», brumme ich und irgendwas von «ich bin im Fall 30, ey».

Gelitten oder gelittert?

Kurz vor Zürich beschliesse ich fertig zu sein, falte die Zeitung zusammen und lege sie auf den Zugtisch. «Ich habe ausgelesen», sage ich. «Sehr gut», meint mein Gegenüber. Ich packe meine Sachen zusammen, die Umsteigzeit in Zürich ist knapp bemessen, weswegen ich darauf bedacht bin, vor den desorientierten Ausflüglern auszusteigen. Auch meine Mitreisende richtet sich aufbruchsfertig, steht auf und verlässt das Abteil Richtung Treppe, die hart umkämpfte Lokalzeitung liegt einsam auf dem Zugtisch, die Gratiszeitung auf dem Sitz. «Sie haben die Zeitung vergessen!», rufe ich ihr zu. Und wedle gen verlassenes Abteil. «Das ist nicht meine Zeitung! Jetzt schieben Sie das nicht auf mich. Erst geizen, dann littern ‒ die hat man gern!» Ich tue so, als würde mich das alles nichts angehen und als der Zug hält, versuche ich mich zu beherrschen und weder nervös zu trippeln noch mit den Füssen zu scharren. «Die Leute denken, dass sie die Zeitungen überall liegen lassen können, irgendjemand räumt die ja schon weg. Das ist Zeitungslittering! Dabei gibt es da draussen EXTRA so Altzeitungskübel!», sie zeigt theatralisch nach draussen, wo der Zug langsam in den Bahnhof einfährt.

Karmabedingtes Altpapiersammeln.

Der Moment zwischen Halt und Türöffnung scheint mir heute besonders lang. «Erst geizen, dann littern, jaja, die hat man gerne!» Höre ich sie mir hinterher rufen, während ich in die nächste S-Bahn spurte und leichte Schuldanwandlungen verspüre. War das nun Littering? Um Himmelswillen, habe ich gelittert? Um mein Karma wieder zu besänftigen, sammle ich in der S-Bahn Gratiszeitungen und werfe sie in einer der «EXTRA-so-Altzeitungskübel». Dann finde ich eine alte Ausgabe des GEO Reisen, setze mich, will gerade die Kopfhörer aufziehen, als ich gefragt werde: «Entschuldigen Sie, brauchen Sie das Heft noch?»

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