Rohrreiniger oder Gruppentrennung


Bevor ich hier der herrlich unkomplizierten Reiseberichterei (Hamburg) frönen kann, muss wohl dieser eine Artikel raus, der hier die Leitungen verstopft. Treue Blogleseseelen werden bemerkt haben, dass es einen nicht ganz so kleinen Unterbruch der Artikelveröffentlichungskonstanz gegeben hat. Dieser ist zum Einen der Tatsache geschuldet, dass hier einige tiefergreifenden Veränderungen stattgefunden haben, die, wie das Veränderungen eben so tun, grössere, ressourcenbeanspruchende Anpassungsleistungen verlangten und es noch immer tun, zum Anderen scheint der Einstieg in die semiöffentliche Schreiberei mit länger werdenden Abstinenz schwieriger zu werden und so landete Text um Text in digitalen Entwürfeordnern.

Einige der grössten Veränderungen, die man im Leben so geschehen lassen kann, spielen sich wahrscheinlich rund um partnerschaftliche Beziehungen ab und grösstmöglichste Auswirkungen haben Veränderungen in diesem Bereich wohl, wenn Kinder involviert sind. Man könnte nun denken, dass Frischgetrennte hauptsächlich damit beschäftigt sind, sich mit der Neuorganisation des Alltags und sich selber zu beschäftigen, aber ein unverhältnismässig grosser Teil der Energie wird gerne auch von gänzlich Unbetroffenen beansprucht, die ungefragt ratschlagen, mitleiden und schwarzmalen. Die schönsten Äusserungen habe ich hier zusammengetragen, samt optionalen, äh, konstruktiven Antworten, die Frau eigentlich auf der Zunge gelegen wären. 

 

„Mach dir keine Sorgen, du wirst nicht lange alleine bleiben.“

„Ehrlich? Lieb, dass du das sagst. Das ist nämlich jetzt meine grösste Sorge: Möglichst rasch Ersatz zu finden. Ich bin deswegen völlig verzweifelt, ja, hoffnungslos. Aber wenn du das so sagst. Willst DU mit mir gehen?“

 

„Wie machst du das jetzt, als Alleinerziehende? Wo wird er hin ziehen?“

„Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich werde ich jetzt jeden Tag arbeiten müssen, um meine Kinder durchzubringen. Wahrscheinlich muss ich die beiden in Internaten beschulen lassen, weil ich zu viel arbeiten muss oder vielleicht finde ich eine nette Teilzeitpflegefamilie, die ich bezahlen kann, wenn ich alle zwei Monate, wenn die Kinder für drei Tage bei ihrem Vater sind, der mit seiner neuen Freundin und deren Kinder ins Ausland gezogen ist, Nachtschichten einlege.

(Angefangen bei der Selbstverständlichkeit, mit der davon ausgegangen wird, dass die Kinder bei der Mutter leben, über die verinnerlichte Vorstellung, dass eine Trennung zwingend jemanden zum oder zur Alleinerziehenden macht, bis hin zu den irritierten Reaktionen, wenn ausgeführt wird, dass das Ganze bei und etwas anders aussehen wird, ist mir mit dieser Frage am schwierigsten umzugehen. Tina hat vor einigen Tagen (oder sind es schon Wochen?) einen mutigen Artikel zu diesem Thema geschrieben, den Sie unbedingt lesen sollten.)

 

„Und die Kinder?“

„Welche Kinder? Ah, unsere meinst du? Also DARÜBER haben wir uns ja nun überhaupt gar keine Gedanken gemacht. Meinst du, die merken das? Also wenn ich es mir recht überlege, dann habe ich auf die auch keine Lust mehr. Ich meine, was soll ich denn nun mit denen, so ohne dazugehörige Beziehung? Willst du sie?“

 

„Meinst du ein anderer wird mit dir umgehen können?“

Um Himmelswillen, jetzt wo du es sagst! Tatsächlich habe ich voreilig gehandelt und die Angst alleine zu bleiben, als primären Grund für die Aufrechterhaltung von partnerschaftlichen Beziehungen, ausser Acht gelassen. Ich nehme alles zurück. Oder ich fokussiere mich mit meiner Unmöglichkeit auf eine höhere Macht, die sich meiner annimmt, werde Nonne, trete ISIS bei oder rette im Urwald verwaiste Affenbabys.“

 

„Ich finde es ja immer schlimm, diese unschönen Trennungen, der Streit. Was? Ihr wohnt, bis alles geklärt ist, noch zusammen? Also ich könnte das nicht.“

(Spricht zuvorkommenderweise für sich selber.)

 

„Wie getrennt? Einfach so? So schnell?“

„Ja, die Idee kam uns eines Sonnabends beim Raclette. Wir pflegen dazu ja gerne reichlich Eingelegtes aufzutischen. Oliven, Artischoken, Auberginen, so Antipastizeug, eben. Man kann sowas übrigens auch selber machen. Du schneidest beispielsweise Zucchetti in dünne Scheiben und brätst sie in reichlich Öl und Knoblauch an, streut etwas Salz darüber und voilà! Eh, ja, jedenfalls, als ich gerade den pfefferkorngespickten Raclettekäse mit perfektem Flüssigkeitsgrad auf meine wohlgegarten, festkochenden, ganz wichtig, FESTKOCHENDEN, Kartoffeln fliessen liess… Es geht nichts über den zähen Fluss erwärmten Raclettekäses, oder? Ich muss dabei immer an Lava denken, auch wenn das natürlich ein unzulänglicher Vergleich ist, so ein Vulkanausbruch ist in Wahrheit ja nun wirklich nicht so trivial wie Schmelzkäse. Die haben ja da unten in Pompeji mächtig unter der ganzen Ausbruchssache gelitten, damals! Jedenfalls floss der Käse mit Perfektion und da waren auch gar keine angekrusteten Reste im Pfännchen. Diese Käsekrusten sind ja manchmal echt mühsam, dagegen kommt keines dieser Raclettekratzdinger an und ich nehme dan insgeheim einfach das nächstbeste Messer, um das Zeug weg zu kratzen. Dabei sollte man ja diese Raclettepfännchenbeschichtung schonen. Einige unserer Pfännchen sind schon ziemlich angekratzt. Besser als abgekratzt, gell! Haha! Eh ja, jedenfalls hätte ich den Plastikkratzer gar nicht gebraucht… Ich bin ja resolute Befürworterin von diesen Plastikschäufelchen, die aus Holz finde ich total unhygienisch. Jedenfalls lag dann der Käse in güldener Schicht über den Kartoffeln, entschuldige die bildhafte Sprache, und ich dachte so: Och, trennen wir uns doch mal. Was wir dann spontan auch taten. Völlig spontan. Eigentlich aus Langeweile. Du kennst sowas sicher.“

 

„Darf ich dir denn jetzt noch von unserem schönen Familienwochendende erzählen, jetzt, wo du getrennt bist?“

„Nein. Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du dich solidarisch ebenfalls trennen könntest. Sonst kann ich nämlich nicht mehr mit dir reden. Oder ich sabotiere deine Beziehung. Das Gesetz will es nun mal, dass ich fremdes Glück ab sofort überhaupt nicht mehr ertrage.“

 

 *********************

Und um nicht den Eindruck zynischer Undankbarkeit vorherrschen zu lassen: Ich weiss jedes anteilnehmende Wort, ohne implizierte Botschaften darüber, wie ich mich zu fühlen, oder wir die Zukunft zu gestalten haben, von Herzen zu schätzen. Ehrlich. Vielen Dank, ihr da, die ihr wisst, dass ihr gemeint seid. Herzchenundso.


 

Anmerkung: (Christine Finke von mama-arbeitet.de hat schon eine ziemlich ähnliche Liste angefertigt, sollten Sie also noch mehr schöne Trennungssprüche brauchen, werden Sie dort fündig.)

23 Kommentare

Eingeordnet unter Elternsein, Neulich, Vom Sollen und Tun

23 Antworten zu “Rohrreiniger oder Gruppentrennung

  1. Eva Maria

    Alles Gute und nicht unterkriegen lassen!

  2. mammasusanna

    Ah je… Wünsch Euch allen alles Beste.

  3. Ohren steif halten.
    Umärmeln lassen (ganz ohne Küsschen und so, du weisst schon).
    Häb der Sorg!!!

  4. jpr

    Schoenes Schlaglicht auf den Unterton den man bei ‚gut gemeint; ja haeufig im Hinterkopf hat, aber auch auf das, was der Rest der Welt eben so denkt und von einem wahrnimmt.
    Machen Sie einfach so weiter, wie es Ihnen am besten ist, dann wird es gut – egal was fuer Fragen noch gestellt werden.

  5. Kommt mir sehr bekannt vor. Freu dich schon mal auf die Verkupplungsphase! Die kommt dann so circa in nem Jahr. Mir wird in schöner Regelmäßigkeit der örtliche Witwer angepriesen. Und nach jedem Ausgeh-Wochenende die augenzwinkernden Kolleginnen…: „Und….??? Jemanden kennengelernt?“

  6. Marylou

    Ihnen alles Gute. Wie schön, dass Sie ihren Humor nicht verloren haben. Ich selbst habe den Kleinen auch ohne Zutun des Erzeugers grossgekriegt, und er ist ein prima Mensch geworden, sehr empathisch, wenn er will. Also viel Kraft für Sie.

    • Zur Alleinerziehenden werde ich nicht, soviel steht fest. Wenn, würde ich uns eher als getrennt erziehend bezeichnen, wobei noch nicht mal das momentan stimmt.
      Vielen Dank für die guten Wünsche in jedem Falle!

  7. Als ich es gelesen habe, war ich traurig. Und das sollte man sein, wenn etwas, was mal gut war, es nun nicht mehr ist. Mir tut das Leid! Fühl Dich gedrückt!

  8. Pingback: Woanders – diesmal mit einem Date, Malbüchern, den Peanuts und anderem | Herzdamengeschichten

  9. Eva

    Danke für das Sammelsurium der Sprüche und den genialen Antworten! Herrlich!!! Super wenn Ihr das so hinkriegt! Darum beneide ich jedes Paar mit Kindern, denn bei uns endete alles leider in einer Vollkatastrophe, und nun bin ich wirklich alleinerziehende Mutter mit 3 Kindern. Trotzdem. .. Trennungen sind auch gut. Ich bereue nichts! Und würde nie wieder zurück. Und die Typen. ..such ich mir selbst aus. Und das macht extrem viel Spaß ;)
    Also. Ich!!! Spring jetzt hier auf keinen Fall auf den Dummspruch-Zug auf.
    That’s life.
    lg Eva

  10. Rena

    Oh ja, dumme Sprüche musste ich mir damals auch anhören. Vorallem, weil meine Kinder (damals 17 und 13 Jahre alt) beschlossen haben, bei ihrem Vater zu bleiben. Meine Tochter sagte wörtlich, dass sie sich nicht vorschreiben lassen möchte, zu welcher Uhrzeit sie mich besuchen darf und mein Sohn nimmt es mir immer noch übel, dass ich ausgezogen bin. Aber die Streitereien haben sie auch zur genüge mitbekommen. Mein Ex-Mann hat recht schnell eine neue Freundin gefunden und den Kindern dann aufgezwungen. (Sie leben nicht zusammen)
    Ich kann also nachempfinden, wie es Dir geht. Bis heute bin ich Single. Noch keinen Mann gefunden, der zu schätzen weiss, was er an mir hat.

    LG Rena

  11. Ellie

    Ich hab kein Twitter mehr, aber lese dich dort, und freu mich grad unbekannterweise SO! :D

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