Entscheiderin (8. Dezember)


Wenn es Zeit, Umstände und Kraftreserven erlauben, und ich einen Nachmittag oder Morgen mit einem Kind alleine bin, veranstalten wir ab und zu so genannte Befehlshaberinnennachmittage, an denen ich bewusst keine haushälterischen oder beruflichen Tätigkeiten einplane und der jeweiligen Befehlshaberin folge, wo immer sie hin will. Dabei unternehmen wir meist keine grösseren Ausflüge, das wünschen sich die Kinder auch gar nicht, denn Ausflüge unternehmen wir auch ohne Befehlshaberinnennachmittage, sondern tun Dinge wie Tramfahren, Rolltreppenfahren und Liftfahren so ausgiebig und ohne Zeitdruck, dass diese Bedürfnisse für einmal tatsächlich befriedigt sind.
Heute übernahm Äm (4) direkt nach der Vorschule das Zepter liess uns folgende Programmpunkte abarbeiten:

· Die Welt und jeder und jeden seiner anwesenden Bewohner und Bewohnerinnen lautstark darüber informieren, dass man Befehlerin, Königin und Entscheiderin sei. (Wahrscheinlich ist das ein Punkt, den es zwingend brüllend mitzuteilen gilt. Siehe auch hier.)

· Auf dem Weg zum Bahnhof das Restaurant eines Grossverteilers ansteuern, sich eine ruhige Ecke suchen, Pommes Frites essen.

· Auf dem öffentlichen Klo andere Notdürftige darüber informieren, dass sie sich hier nicht am WC-Ring festhalten sollten, aber das bei uns zuhause durchaus dürften, sie aber nicht eingeladen würden, weil Mutter Fremde nicht so gerne möge.

· Vor dem Grossverteiler jedes der 5 Fahrzeuge, die mit Münzeneinwurf in Bewegung gesetzt werden könnten, ungefähr 5 Minutenlang bespielen.


· Einer jugendlichen Katze mit dem spontan verliehnen Namen Carola folgen.

· Am Vorstadt-Bahnhof lautstark abgewandelte Weihnachtslieder singen „Flo-o-o-o-o-o-o-o-o-o-o-o-o-o-o-orian!“, tatsächlich Applaus von Mitwartenden ernten.

· Sich der S-Bahn darüber beklagen, dass die Scheiben zu wenig angelaufen seien, und so kein Zeichnen erlauben.

· Am Hauptbahnhof 5x durch dieselbe Glastür gehen und 7x mit der Rolltreppe rauf und runter fahren, bevor man das Gebäude verlässt.

· Den erstbesten Laden betreten, bemerken, dass die Decke mit Spiegeln versehen sind, beim Gehen nach oben sehen, über einen Stapel Schminkkästen stürzen. Im Chaos stehend „Oje!“ rufen, das glücklicherweise unbeschädigte Material wieder stapeln und ohne mit der Wimper zu zucken den Laden wieder verlassen.

· Einen Lieferanten, der gerade Ware in einen Keller schafft, fragen, was er da tut und ob er Hilfe benötigt.


· Vor einem Festmodengeschäft fasziniert stehen bleiben, weil im Schaufenster ein ausgestopfter Wolf steht. Das Geschäft betreten, um zu fragen, ob man den Wolf streicheln darf, wieder raus kommen, weil man sich nicht wagte. Erneut ins Geschäft gehen, um doch zu fragen, aber nur sagen, dass es fies sei, dass der Wolf tot sei, schnell raus zur Mutter rennen und sie in die nächste Gasse ziehen.


· In der nächsten Gasse in einem Schaufenster, sich bewegende Pinguine sehen und 5 Minuten lang ihre Bewegungen imitieren.


· Nach 2 Metern Weihnachtsmarkt absolut geschafft sein und heim wollen.

· Auf dem Heimweg eine Kirche sehen, eintreten, enttäuscht feststellen, dass es darin gar keine Toten hat und Kirchen ohne echte Tote langweilig sind.


· Heim wollen. Sofort.

9 Kommentare

Eingeordnet unter Neulich

9 Antworten zu “Entscheiderin (8. Dezember)

  1. das ist das, woran sich äm erinnern wird <3

  2. Frische Brise hat mir die Worte aus der Tastatur genommen <3

  3. jpr

    Sehr hach. Wer wuenscht sich angesichts so liebevoller Schilderung nicht, auch wieder so offen und aufnehmend durch die Welt zu gehen. <<3

  4. Ich habe jetzt ein sehr, sehr warmes Herz <3

  5. Ach, das ist aber schön, dass hier wieder mehr passiert. Ich habe es vermisst.

  6. cloudette

    sooooo schön!

  7. so schön. muss ich auch mal machen mit meinem gottibub. ich glaube wir würden einen tag lang polybähnli rauf und runter fahren.

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