Freud fährt Zug (10. Dezember)


Dies ist eine ausgeweitete Episode der Twitterserie ‪#FreudfährtZug‪‬

‬Er setzt sich mir mit hochrotem Kopf, völlig ausser Atem gegenüber und klopft seine Pfeife umständlich im Kippkübel unter dem Klapptisch aus. Es riecht als glämme der Pfeifeninhalt im Abfall noch nach. Ich ziehe rasch meinen Schal über die Nase, ein Verfahren, dass in olfaktorischen Belastungssituationen zwei Atemzüge lang hilft, bevor die ersten Erstickungsgefühle aufkommen. Er versorgt seine Pfeife in der Brusttasche seines Jacketts, zieht es aus, hängt es an den Hacken neben seinem Kopf, streicht es etwas zu rhythmisiert 10 Mal glatt, lehnt sich, tief ausatmend, im Sessel zurück und schaut mich erwartungsvoll an. Ich versuche ihn zu ignorieren, während ich in mein Telefon starre.

„Da sind wir also wieder,“ stellt er fest „früher als erwartet, hm?!“ „Hmhm.“ brumme ich, so gut ich eben brummen kann, und greife zu meinem Kaffee, den ich ob der Theatralik gegenüber auf 1-3 Grad zu tief habe erkalten lassen. Die Laune sank mit. „Willst du nicht fragen wo ich war?“, er schaut mich leicht pikiert an. „Nicht wirklich.“ erwidere ich, „Ausserdem hast du mir bei unserer letzten Konversation gesagt, dass du mir nie mehr etwas erzählst.“ Er runzelt die Stirn und streicht über den Bart, der mir plötzlich grauer erscheint, als noch vor fünf Wochen. „Was bist du nachtragend! Nur weil ich deinen gelegentlichen Hang zu Pedanterie kritisierte.“ „Ich bin nicht nachtragend, ich nehme dich nur beim Wort, Sigi. Ausserdem hast du mich nicht kritisiert, du hast mich Klugscheisser genannt. Dass das nicht konstruktiv ist, solltest du als Therapeut eigentlich wissen.“ kontere ich und finde, dass ich mich in diesem Streitgespräch gerade hervorragend schlage. „Nun gut,“ gibt er zu „vielleicht hast du recht. Frieden?“ „Ich hatte nichts anderes, wir sind doch nicht im Kindergarten.“ ich schüttle irritiert den Kopf. „Darf ich jetzt erzählen, wieso ich in den letzten Wochen nicht da war?“ Er fragt fast flehend, ich bedeute ihm mit gnädiger Handbewegung zu sprechen. „Erinnerst du dich an Carl, der eigentlich Kondukteur ist, aber eine schreckliche Angst vor Zügen entwickelt hat und nun so darunter leidet?“ Er rutscht aufgeregt auf seinem Sitz umher. „Siderodromophobie.“, präzisiere ich. „Schon wieder! Du Klugsch…“, Sigi atmet erneut tief ein, „Pardon. Vielen Dank für die Ergänzung. Jedenfalls hatte ich in der Therapie mit Carl, nach 5 Wochen Intensivarbeit endlich einen Durchbruch!“ „Das ist schön. Dafür warst du fünf Wochen lang weg?“ frage ich, froh, dass ich nicht fünf Wochen mit den beiden verbringen musste. „Ich sagte doch, dass es Intensivarbeit war. Ich habe Car fünf Wochen lang in einer Umgebung begleitet, die VOLLER Bahnen ist. Und am vorletzten Tag ist er sogar auf die Silver Star! Ich hatte Tränen in den Augen, so stolz war ich auf ihn, auf uns.“, er wirkt schon wieder gerührt. „Ihr wart fünf Wochen lang im Europapark?“ , frage ich ungläubig. „Ja! Fantastische Idee, nicht? Und für den nächsten Intensivblock haben wir uns das Zugfahren vorgenommen!“ Ich verwende all meine Kraft darauf, aufkommende sarkasmustriefende Kommentare zu verkneifen, wie so eine Zen-Meisterin. Den Rest der Fahrt verbringen wir schweigend. Kurz vor Zürich räuspert er sich erneut, ich fürchte schon wieder erwartungsvolle Blicke. „Ich habe manchmal das Gefühl, dass du dich nicht für meine Erfolge freuen kannst. Ich machte mit Carl einen so bedeutsamen Schritt, Richtung Überwindung seiner Zugangst und du findest kein lobendes Wort!“ Sigi scheint ernsthaft gekränkt. „Der Siderodromophobe kann jetzt Achterbahn fahren, bravo! Gut so?“ Noch im Moment der Aussprache wusste ich, dass das nicht war, was Sigi hören wollte. „Es ist hoffnungslos mit dir!“ ruft er aus. „Ja.“ sage ich. „Bis nächsten Donnerstag, Frau G.!“ „Bis nächsten Donnerstag Sigi.“

Wie alles begann:

Was danach geschah:

4 Kommentare

Eingeordnet unter Neulich, Zügiges

4 Antworten zu “Freud fährt Zug (10. Dezember)

  1. Ob Gminggmangg auf indianisch „die, die jeden Therapeuten in den Wahnsinn treibt“ heisst? hmmm…..

  2. jpr

    Wir finden hier zumindest die Antwort auf die Frage: ‚Wer therapiert eigentlich die Therapeuten?‘

    (Raucher hingegen sind ja einer der Gruende, die die kristallklare kalte Luft aus Ihrem vorigen Post von einer Freude direkt in einen Albtraum verwandeln. Nie hat es so schoen gestunken)

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