Stopp! So nicht! (20. Dezember)


Als ich vor drei Tagen nach Zürich fuhr, um an einem Elternanlass der Schule, an der ich arbeite, teilzunehmen, war ich ganzfahrts damit beschäftigt, den Abend durchzugehen. Ich überlegte mir, was ich so zu welchen Eltern sagen würde, was ihre Fragen an mich sein könnten und meine Antworten darauf. Ich plante wo ich sitzen, wo ich nach Programmbeendigung meinen Handfüller (Glühwein) holen und zu welcher Gruppe ich mich stellen würde und tat überhaupt das, was man vor Anlässen so tut, die einem nicht liegen, aber irgendwie dazu gehören. Und wie es sich mit Hinfahrten zu ebensolchen Anlässen so verhält, sieht man sich, voller nervöser Rotationsgedanken, urplötzlich mit dem überraschenden Umstand konfrontiert, dass man pünktlich, wie immer, am Zwischenzielbahnhof angekommen ist und nur noch angebrochene Minuten bleiben, um den Zug zu wechseln. In diesem, mehr rauschartig, als zurechnungsfähig anmutenden Zustand, setzte ich also meine Kopfhörer auf und bodenplattenfugenvermied mich vom Ankunftsgleis in Richtung S-Bahnhofsteil und benutzte wider meine Gewohnheit dafür eine Rolltreppe, weil die Treppe meines Vertrauens auf Zwischenbodenhöhe von zwei mittig stehenden, wild gestikulierenden Männern besetzt wurde. Kurz bevor ich mittels Rolltreppe die Höhe der beiden Gestikulanten erreichte, nahm ich augenwinklig wahr, wie der grössere der beiden Männer binnen Sekunden von Gesten zu Drohgebärden überging und schliesslich zum Schlag ausholte. Relativ perplex sah ich mir selber dabei zu, wie ich meine Kopfhörer absetzte und den Mann ziemlich laut anschrie: „Stopp! So nicht!“ Erstaunlicherweise hielt der Angeschriene sofort inne und bewegte sich treppab davon. Ich setzte meine Kopfhörer wieder auf, wimmelte den dankenden Ungeschlagenen ab, erwischte den Anschlusszug, setzte mich und wurde mit Sitzbezugberührung von einer Adrenalinwelle überrollt, die ihresgleichen sucht. Binnen Sekunden war ich nass geschwitzt und zitterte mit allen dazu fähigen Körpergliedern. Dabei war es keine nachträgliche Angst vor potentiellen Schlägen, ich konnte und kann mir nicht ernsthaft vorstellen, dass ich Bedrohung genug wäre, dass man mich schlagen müsste, viel mehr durchlebte ich die Aufregung, die ich normalerweise verspüre, bevor ich geplant jemanden anspreche, in potenzierter Ausführung danach. Ich habe einen Wildfremden(!!!) angeschrieen(!!!) und es war gut so. Ist es nicht beruhigend zu wissen, dass es in aggressionsgeladenen Situationen schon reichen kann, wenn eine relativ kleingewachsene Frau, verbal, ruhig, aber deutlich Einhalt gebietet und dass es manchmal wirklich nur Hinsehens und einer minimalen Reaktion bedarf, um Schlimmeres zu verhindern? Ich finde schon. Sehr.

Ausserdem schien danach Alles, was an Unbequemlichkeiten an jenem Anlass, und eigentlichem Grund meiner Anreise, passierte, unwesentlicher, leicht von Sinnen kaum wahrnehmbarer Kleinkram zu sein. Drohen Sie sich also ruhig öfter mit Schlägen, wenn ich gerade wieder zu irgendwelchen Anlässen fahre.

5 Kommentare

Eingeordnet unter Begegnungen, Erkenntnisse der Woche, Gmanggfakt, Neulich

5 Antworten zu “Stopp! So nicht! (20. Dezember)

  1. ^^ eine kleine Schocksituation kann ALLES verändern
    oh man oh man oh man

  2. Huch, was waren Sie heute (?) aber abenteuerlustig!

  3. ich bin ja nun mehr so das gegenteil einer kleineren frau und sehr dankbar über solche aktionen. ich bekomme dann höchstens mehr oder minder freundliche angebote umgehend in den schlagabtausch einbezogen zu werden…

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