Grosis Brunsli (22. Dezember)


In der Weihnachtszeit, wenn ich mal hier, mal da, von den rumstehenden Plätzchen irgendwelcher Backfreunde nasche, begegne ich manchmal dem einen Güezi (Plätzchen), genauer gesagt Brunsli, das mich zwanzig Jahre zurückversetzt, mitten in die kleine Stube meiner Grosseltern. Grossätti (Opa)  auf dem Sofa, auf dem er gerne auch Nickerchen hält, Grosi (Oma) in ihrem Sessel, palavern die Erwachsenen, während ich auf dem heissen Kachelofen sitze, den Grossätti im Winter jeweils extra einfeuert, kurz bevor wir kommen. Das Sitzkissen des Kachelofens habe ich hochgeklappt, damit ich direkt auf den heissen Kacheln sitzen kann, ich stoppe die Zeit, bis ich es nicht mehr schaffe, ohne Unterlage auf dem Ofen zu sitzen, weil mein Hintern anzubrennen droht. Dafür zähle ich die Sekunden mit Hilfe der laut tickenden Wanduhr, die Viertel-, Halb- und volle Stunden mit Klang ankündigt, von dem ich nie genau weiss, ob ich ihn nun äusserst mag, oder verabscheue. 245 Sekunden, mir wird auf dem Ofen zu heiss, ich lasse ich mich gen Boden, in den beigen Teppich sinken, wo meine Schwester schon ins Spiel vertieft sitzt. Ich greife unter den Ofen und ziehe die Kiste mit den Autos hervor, darin liegt ein grüner Mähdrescher und Strohballenpresser, der, wird er geschoben, kleine gelbe Strohballen ausspuckt, wenn man ihn laufend befüllt. Grosi ist von ihrem Sessel aufgestanden, sie macht in der Küche ein Zvieri bereit. Von Neugierde übermannt, schleiche ich ihr nach und gucke durch die spaltbreit offene Tür in die stets schummerlichtene Küche. „Soll ich den Krug aus dem Karussell holen?“ frage ich, in der Hoffnung, mir so einige Runden Geschirrdrehen im sich drehenden Eckschrank der Küchenkombination zu erschleichen. „Nein, schau, er steht schon bereit!“ sagt Grosi, ohne sich umzudrehen. Sie hat ihr graues Haar zum Chignon gesteckt, wie meistens, und trägt eine im Rücken gekreuzt zugebundene Schürze über einem gemusterten Kleid in Blau-, Grün und Violetttönen. „Die Brunsli kannst du schon rausnehmen, schau, die stehen auch bereit.“ Sie zeigt auf den angerichteten Teller. „Heuer konnte ich keine Formen mehr ausstechen, ich werde dafür zu langsam und meine Hände wollen nicht mehr so richtig. Aber dann habe ich den Teig zu einer Wurst geformt und zerschnitten, das ist praktischer.“ Ich trage den Teller in die Stube und setze mich in Grosis Sessel, gleich neben dem Fenster. Während ich in die verschneite Landschaft blicke, reibe ich mit meiner Hand über den rauhen Sesselbezug, bis die Handinnenfläche sich für einen Moment taub anfühlt und kribbelt. Dann kommt Grosi rein, stellt den roten, leicht glitzernden Thermokrug, mit Kaffeetassen und Untertellern auf den kleinen Sofatisch. Ich mache Grosi Platz, nehme mir im Vorbeigehen ein Brunsli und setze mich wieder auf den Ofen, diesmal aufs Sitzkissen, ich will mich ja nun unabgelenkt mit Hingabe dem Güezi unter den Güezi widmen: Grosis Brunsli. Die Uhr schlägt Vier, ich höre es kaum.

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Eingeordnet unter Begegnungen, Gmanggfakt

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