Tage 11 und 12: Nähe Manteigas, Parque Natural da Serra da Estrela – Ericerira – Lissabon – Setùbal


Am Morgen fahren wir aus dem Park und relativ autobahnlastig ans Meer, wo wir gegen Mittag in Ericeira ankommen. Dort landen wir mitten im Surfertrubel. Der Campingplatz ist allerdings so weitläufig, dass wir eine gut geschützte Ecke für uns finden. Danach verbringen wir den Rest vom Tag am relativ gemässigt besetzten Strand, beim Spiel mit Sand und Wellen. Am Abend spazieren wir gen Stadtkern, um dort zu essen. In der Abendsonne präsentiert sich Ericeira, mit seinen weissgetünchten, eng aneinandergeschmiegten Niedrigbauten, mit blauen oder gelben Farbakzenten durchaus lieblich. Die Gassen sind schmal, das Klopfsteinpflaster unregelmässig, ab und zu findet sich sogar eines dieser ganz und gar wunderbaren Häuser mit Plättchenfassade und die Stadt ist so angelegt, dass man erhoben, Sicht über Klippen und Fischerhafen hat. Über unseren Köpfen schwirren die Schwalben, zu unsern Füssen, im Hafen, zettern Möwen im Kampf um Fischreste und ja, man könnte sich in dieses Städtchen verlieben, hegte man diese Gefühle nicht zeitgleich mit einer Horde anderer Touristen. Nach einem Tag mit etwas zu viel Sonne schlafen wir spät und tief ein. Der Plan für den neuen Tag lautet: Nach Lissabon fahren, gucken, ob wir nahe dem Hafen parkieren könnn, zu Fuss los laufen, nach Stadtbesichtigung zu der Familie eines Schülers des Herrn G. nach Setùbal fahren, abendessen und da übernachten. Kind2, das über Nacht fieberte, vereitelte den Fusslaufplan und so fahren wir zumindest in Lissabon ein, um zu sehen, ob wir uns da zumindest für ein Eis irgendwo hinsetzen können. Wir finden tatsächlich einen schattigen Parklatz, direkt neben der Station des Yellow Buses. Der Yellow Bus ist ein Hop on Hop Off Bus, der Touristen linienfährtig zu den Sehenswürdigkeiten bringt. Toll, denken wir und fragen nach dem Preis. Man winkt ab, der Preis ist unwichtig, aber Hunde sind nicht erlaubt. Toll, denken, wir, dann lassen wir Charlotte eben schattig parkiert im Bus. Die Tour soll immerhin nur 1 3/4 h gehen, so viel Schattenwarten ist dem Vieh zuzutrauen. Wir erwischen dann auch gleich den nächsten Bus, Kinder fahren gratis mit und sind anfänglich ziemlich begeistert. So von oben herab und dachlos, hat man einen ziemlich guten Ausblick und, Himmel, endlich mal Stadtfahrt ohne lästiges Navigieren. Dann stehen wir ewig an einer Ampel, fühlen uns ziemlich sonnengetrocknet, wie so Biotrockentomaten, schöpfen wieder Mut, als der Bus weiter fährt, für zwölf Sekunden, um dann wieder an einer Ampel zu stehen. Wir haben mittlerweile Status geröstet und leicht gesalzen erreicht und gesehen haben wir eigentlich auch nicht mehr, als die Strasse, über die wir angereist sind. Man kann vielleicht sagen, dass wir die falsche Tour erwischt haben (es gibt mehrere), aber viel Hoffnungsvolleres gab es der Tour nicht abzugewinnen. Schade. Nach Rückkehr zu unserem Gefährten fahren wir direkt los nach Setùbal, wo wir von Herrn Gs Schüler und dessen Grossltern schon aufgeregt erwartet werden. Der Schüler, nennen wir ihn Vincent, übersetzt so gut es geht, die Grosseltern sprechen kaum Englisch und nur wenig Spanisch. Wir werden äusserst freundlich empfangen und gleich in „unsere Schlafzimmer“ geführt, wo wir auch ein eigenes Badezimmer haben. Herr G. wendet sein ganzes Verhandlungsgeschick auf, um zu erreichen, dass wir im Bus schlafen können, ein Anliegen, das für ziemliches Kofschütteln sorgt, aber schlussendlich gebilligt wird. Nachdem alle Umstände geklärt sind, werden wir auch schon zu Tisch gebeten, wo die Grossmutter Salate, Käse, Wurst, Sardinenpaste, Berge verschidenartigen Fleischs und Brot reicht. Wie es sich für eine richtige Grossmutter gehört, findet sie, dass wir alle zu wenig essen, dass die Kinder zu dünn sind und kann sich einen entsetzten Ausruf nicht verkneifen, als ich kund tue, dass ich kein Fleisch esse. Dafür kredenzt uns der Grossvater einen vorzüglichen Wein, bei dessen Beschreibung er sich bedeutungsvoll am Ohrläppchen zupft, eine Geste, mit der hier, wie Herr G. erfragt, gerne Gefallen unterstrichen wird. Nach dem Essen entsteht eine längere Gesprächspause, bis der Grossvater, offensichtlich um Überwindung ringend, Herrn G. die Frage stellt, welche beruflichen Perspektiven Tobias als Sonderschüler in der Schweiz habe. Es wird ein langes Gespräch, über ein versagendes Schul- und Sozialsystem und ungleiche Chancen. Der Grossvater scheint zu verstehen: „Das System,“ sagt er, „das System..“ Nach dem Essen tun wir, was alle nach dem Essen tun: Wir spazieren durchs Dorf. Tobias‘ Familie wohnt nahe dem Industrieteil der Stadt, die Kamine des naheliegenden Zementwerks, wo Tobias‘ Vater bis vor Kurzem noch gearbeitet hat, in Sichtweite. Man kennt sich hier, Tobias grüsst hier, winkt da und führt uns zu seinem anderen Grossvater, der auf der anderen Seite der Eisenbahnlinie wohnt, die wir irgendwann barrierefrei überqueren. Das ist ungefährlich, die Züge sind nämlich ohrenbetäubend laut, man hört sie von Weitem, weil das System hier noch nicht auf Elektrizität umgestellt wurde und die Loks mit Diesel oder Öl betrieben werden. Hinter jedem Gartenzaun kläfft, bellt oder knurrt ein Hund, hie und da kräht ein Hahn, der Mond beleuchtet die laternenlosen Strassen. Langsam sind wir alle müde, wir verabreden uns zu zeitigem Frühstück und legen uns schlafen. Im Bus.
Bemerknisse

Lissabon hat Ampeln. Lissabon hat viele Ampeln und aie zeigen rot, rot, rot, rot, grün (wenn du gerade weg siehst), orange, orange, rot, rot, rot, rot, rot, rot, rot, rot.

Sobald die Städte kleiner werden, werden die Zäune höher und die Hunde dahinter lauter.

Mein Versuch, Gefallen durch Ohrläppchenziehen zu bekunden, blieb unbemerkt. Niemand hat hingesehen.

 

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Neulich, Reise 2016

Eine Antwort zu “Tage 11 und 12: Nähe Manteigas, Parque Natural da Serra da Estrela – Ericerira – Lissabon – Setùbal

  1. Soolvi

    Vincent wurde enttarnt! Und ich wünsche noch einen wunderbaren Urlaub!

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