Tage 17 und 18: Tarifa (Portugal) – Chefchaouen (Marokko) – Azrou


Wir schlafen fast etwas zu lange und kommen gegen halb 11 noch etwas in Zusammenpackstress, denn um 11 sollen wir am Hafen stehen. Wir schaffen es trotzdem pünktlich und stellen uns in die Reihe. Aus Spanien Auschecken und Einfahren ins Schiff verlaufen unspektakulär, die Spanier scheinen gut organisiert und auch die marokkanischen Grenzbeamten erledigen die Passkontrolle und -bestempelung gleich schon während der 35minütigen Überfahrt. Beinah euphorisch fahren wir in Tanger aus dem Schiff, werden aber gleich danach schon wieder angehalten und müssen ein weiteres Formular für unser Fahrzeug ausfüllen. Danach muss Herr G., auf den das Auto läuft, nochmal ins Büro, damit erneut seine Daten aufgenommen werden können. „Wo ist der Autoschlüssel?“ rufe ich ihm hinterher, weil ich ungern ohne Schlüssel im Auto warte, sondern den Wagen auch wegbewegen können möchte. Ein beistehender Grenzbeamter missversteht mich etwas und holt zu einer mehrminütigen Beruhigungsrede aus, weil er davon ausgeht, dass ich aus unerfindlichen Gründen Angst habe. Ich versuche mehrfach erfolglos ihn zu unterbrechen, bleibe aber chancenlos und lasse ihn mir schlussendlich beruigend zureden. Als ich Herrn G. allerdings wiederkommen sehe, bin ich ziemlich erleichtert. Nach gut 3/4h auf marokkanischem Land, dürfen wir endlich losfahren. Der ersten Blick, den wir von Tanger erhaschen, erfüllt so ziemlich all die Vorstellungen, die ich von diesem Land hatte: Es ist heiss, staubig, die Häuser sind flachdächern, niedrig und überwiegend weiss, überall spazieren Menschen in weiten Kleidern und kurz nach Tanger sind auch schon die ersten Lastesel auszumachen. Waren scheint man hier per überbeladene Lastwagen, Esel oder tragend zu transportieren, offensichtlich werden auch längere Strecken zu Fuss zurückgelegt und wie in Albanien, sind auch hier zahlreiche Sammeltaxis unterwegs, die lustigerweise, wie in Albanien, nicht selten weisse Mercedes-Busse sind, was zur Folge hat, dass wir auch hier immer wieder freudig begrüsst und herangewinkt werden. Wir erreichen Chefchaouen am Nachmittag und finden den Campingplatz dank hervorragender Beschilderung auf Anhieb. Der Platzwächter begrüsst uns freundlich, die Preise sind schnell geklärt und wir finden einen angenehm schattigen Platz unter Pinienbäumen. Kaum steigen wir aus dem Bus, werden wir auch schon begrüsst. Auf Berndeutsch. Der Grüssende ist Beat, Berner, seit 6 Monaten hier hängengeblieben. Mit seiner Hündin Virus wohnt er in einem Anhängerzelt, tuckert schon seit geraumer Zeit durchs Land und ist, wie erwähnt, seit einem halben Jahr hier, der Hauptstadt einer Region, die für ihren Hanfanbau bekannt ist. Er „geniesst, chillt, raucht und ist einfach“, wie er sagt und zeigt sich sichtlich erfreut, wiedermal in Berndeutsch schwadronieren zu können. Er nimmt sich viel Zeit, unsere Karte mit massenhaft Stellplätzen zu bekritzeln, so dass wir bestimmt nie in Schlafplatznot kommen werden. Gegen Abend marschieren wir noch zum Aussichtspunkt über Chefchaouen, zusammen mit der halben Stadt, besser gesagt, der männlichen Hälfte der Stadt. Mit der Dunkelheit wird es kühler, unsere Nacht verspricht angenehm zu werden.
Am Morgen verabschieden wir uns von unserer Berner Bekanntschaft und dem Platzwart und fahren weiter. Unser Tagesziel ist Merkes, eine Stadt, die als eine der marokkanischen Städte mit den schönsten Souks beschrieben wird. Die Strassen sind zwar ziemmlich wellig, aber vorwiegend schlaglochfrei, so dass wir zwar geschaukelt, aber kaum durchgeschüttelt werden und zügig vorwärts kommen. Nach wie vor bin ich erstaunt, wie viele Menschen überall auf der Strasse sind, wieviele offensichtlich längere Strecken zu Fuss und Esel zurücklegen und selten habe ich so viele Menschen wartend (auf Busse, Sammeltaxis und Taxis) gesehen. Anfänglich fahren wir noch durch Landschaftsabschnitte, in denen rege angepflanzt wird, immer wieder riechen wir Canabispflanzen, schaffen es aber nicht die Felder optisch mit Sicherheit auszumachen. Je weiter wir ins Land fahren, desto karger wird die Landschaft und je weiter wir in den Tag fahren, desto heisser wird es. Gegen Mittag hat die Luft Backofentemperatur angenommen und unsere Mittagspause fällt deswegen und weil wir keinen Schatten finden, relativ kurz aus. Ganze Dörfer und kleine Städte scheinen im Nirgendwo, in schatten- und schutzloser Einöde zu stehen, nicht wenige Häuser sind sehr einfach aus Ziegelstein, mit Lehm-Strohdächern gehalten und zwischen Chefchouen und Merkes, wo die Dörfer deutlich ärmer wirken, als noch zuvor, stehen ganze informelle Siedlungen aus Lehm und Wellblech an der prallen Sonne, nicht auszumalen, welche Temperaturen dort herrschen müssen. Kurz nach Mittag sind wir in Merkes, an unserem angestrebten Platz. Der bietet allerings keinen Schatten und kein Wasser, was bei diesen Temperaturen sehr ungünstig ist. Wir fahren also noch etwas weiter und streben Azrou an. Dafür überqueren wir einen kleineren Pass und Atlasvorgeschmack. Die imposante Aussicht über das vorunsliegende, bergigkarge Land, lässt Vorfreude auf den wirklichen Atlas aufkommen, den wir mutmasslich in den nächsten Tagen streifen werden. Bis nach Azrou veränderrt sich die Landschaft kaum, krage, kaumbewachsene Wiesen, Schaf- und Ziegenherden und einsame Esel, die doch überall etwas Essbares zu finden scheinen. Kurz nach Aurou hat es zwei Campingplätze, einer davon ist ein riesiger Komplex, der auf Saudi-Arabien macht, der andere ein kleiner Familienbetrieb. Beide Plätze sind kaum besucht, überhaupt treffen wir, bis auf den Berner von Chefchouen, kaum auf Ausländer und wenn mal ein nichtmarokkanisches Autonummernschild auszumachen ist, dann meist ein Französisches von Heimaturlaubern. Jedenfalls fahren wir zum kleineren der beiden Plätze und werden freundlich begrüsst. Der Besitzer der Herberge, mit angegliedertem Restaurant und Stellplatz, spricht perfektes Deutsch, er hat 20 Jahre lang in Köln gelebt und den wunderbar grünen Platz voller Kirschbäume von seinem Vater geerbt. Wir brauchen nicht lange, um uns dafür zu entscheiden hier zu bleiben. Die Kinder sind, kaum ausgestigen, schon auf dem ersten Baum, der Hund freundet sich sofort mit einem der Hofhunde an und ich spanne die Hängematte zwischen zwei alte Kirschbäume. Wir merken schon abends, dass die Nacht wohl etwas geräuschvoller wird, als wir es uns gewohnt sind, immer wieder hören wir Hunde bellen und Kühe muhen, die Nacht überrascht uns dann aber doch mit auditiver Intensität: Hunde bellen und jaulen, Kühe muhen, Esel rufen, Pferde wiehern, Störche klappern und kreischen, der Muezzin brüllt allenthalben und wir behelfen uns mit einem lauten Ventilator zur Geräuscheübertönung, um etwas Schlaf zu finden.
Bemerknisse

Kakteen sind die Tuijas der Marokkaner.

Marokko bescherte mir schon am ersten Tag einen neuen, unerwarteten Duschhöhepunkt: Wenn die Dusche in einer Kabine angelassen wird, kommt das Wasser in der nächaten Kabine raus.

Nach den EU-Ländern Frankreich, Spanien und Portugal, erlebt man in Marokko einen kleinen Preisschock: Hier übernachtet man für kaum 10 Euro und isst Gemüsetajine für 3 Euro.

Strassenmarkierungen, insbesondere Mittel- und Spurstreifen, sind unverbindliche Empfehlungen, dafür wird sehr genau auf die Einhaltung der Tempolimiten geachtet. Letzteres wird an den omnipräsenten Polizeikontrollen liegen. Wir haben, ohne Übertreibung, in den zwei Tagen schon mindestens 20 passiert.

 

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Eingeordnet unter Neulich, Reise 2016

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