ITage 19 und 20: Azrou – Gorge du Ziz – Erg Chebi, nähe Merzouga (Sahara)


Irgendwann, kurz vor Morgengrauen, werde ich wach, meine Blase klagt über Platzmangel, als ich aussteigen und zur Toilette gehen will, sehe ich zwei grosse Hunde auf mich zu kommen. Der eine ist unverkennbar der Hofhund, der andere ist schwarz und steuert sehr direkt auf mich zu. Ich springe zurück ins Auto, schliesse die Tür und überlege, was jetzt zu tun sei. Als Fremdhundephobikerin sind Länder mit derart vielen Strassenhunden manchmal eine ziemliche Herausforderung. Nachdem mir klar wird, dass ich so weder weiterschlafen, noch aussteigen kann, wecke ich Herrn G., der normalerweise keinerlei Hundeangst kennt. Als er die Tür öffnet und sieht, wie der Hund, was für Strassenhunde untypisch ist, geradewegs auf ihn zusteuert, wird auch ihm etwas bang. Er greift sicherheitshalber zu Boden, nach einem Stein und setzt zum Verteidigungswurf an. Als der Hund vor ihm, im Dunkeln schwer zu erkennen, erwartungsvoll und freudig auf und ab zu hüpfen beginnt, hält er inne. „Charlotte?“ Unser Hundevieh hat offensichtlich die Tür zu ihrem Schlafplatz aufgeschoben und sich die Nacht mit Hofhund Herodes um die Ohren geschlagen. Ziemlich willig lässt sie sich wieder zu ihrem Schlafplatz geleiten, ich darf endlich zur Toilette und schlafe danach nochmal ein. Bis das benachbarte Dorf um 4 Uhr sein Treiben beginnt.
Als all wach werden, verabschieden wir uns von Platz, Hund und Besitzer und verlassen Azrou in Richtung mittleren Atlas. Kurz nach Azrou treffen wir auf die örtliche Attraktion: Freilebende Berberaffen. Oder besser gesagt: Freilebende, offensichtlich ziemlich genervte Berberaffen, denn als wir anhalten, um die Tiere zu betrachten, sind wir durchaus nicht die einzigen: Viele einheimische und einige ausländische Touristen fotografieren sich dabei, wie sie den Affen Erdnüsse reichen. Diese nehmen die Nüsse zwar, schmissen sie aber dann genervt weg, ohne sich weiter darum zu kümmern. Wir fahren rasch weiter, der mittlere Atlas ist eine der schönsten Gegenden, die ich kennenlernen durfte: Karg, steinig, schnönöd und unheimlich windig, mit minimalistisch grünen Tälern, in denen Schaf- und Ziegenherde herumziehen, Wind und Wetter ausgesetzte, braunlehmige Flachhäuser, andernorts stehen nur Lederzelte, wie sie wohl für nomadisierende Berber typisch sind. Irgendwo machen wir eine Zwischenhalt und essen im örtlichen Restaurant eine Gemüsetajine. Nach der Stärkung brechen wir, zusammen mit dunkeln Wolken, gen hohem Atlas auf. Es beginnt zu regnen, der Wind hält immer noch an und als die Steigung gerade zu zu nehmen beginnt, stossen wir auf einer grossen Ebene auf hunderte von parkierten Fahrzeugen und nehmen erst an, es handle sich wieder um eine Quelle mit Trinkwasser, wo wir schon oft Autoansammlungen gesehen haben. In diesem Falle sorgt aber die Polizei für den Fahrtunterbruch. Weiter oben hat es offensichtlich einen Unfall gegeben und aufgrund der schmalen Strasse, wird der Verkehr bis auf Weiteres zurückgehalten. So warten wir also, erst eine, schlussendlich ungefähr zwei Stunden lang, bei erstaunlich guter Allgemeinstimmung. Als wir endlich weiterfahren können, wird auch das Wetter langsam wieder heiterer und irgendwo im Gorge de Zis, einem hohen Atlastal, finden wir sogar einen Stellplatz mit Pool und verbringen eine deutlich ruhigere Nacht als gestern.

Heute haben wir Aufregendes vor, es ist der Moment, auf den die Kinder schon seit Reisebeginn hinfieberten, auch als wir noch gar nicht wussten, ob die Zeit dafür reicht: Wir fahren in die Wüste. Nach dem wir unsere Nacht in einem eher trockenen Teil der Ziz-Schlucht verbracht haben, verlassen wir den Atlas vorerst endgültig und bereits um die nächste Kurve, sehen wir erneut ein anderes Marokko. Inmitten der weiteren Schlucht liegt eine oasig anmutende, fruchtbare Fläche mit Palmen, einigen höheren Obstbäumen und Sträuchern. Eine Kurve weiter ein mittelgrosser See, dessen Ufer erstaunlich wenig von der Wassernähe zu profitieren scheint und karg, rotsändern und steinig das Gewässer umfasst. Je weiter wir uns der Wüste nähern, desto surrealer scheinen mir Land- und Ortschaften. Als stünde ich einer gigantischen Fatamorgana gegenüber frage ich mich immer wieder ungläubig: Sind wir wirklich hier? Sind wir wirklich mit dem Gefährten mal eben an den Wüstenrand gefahren? Bis hierhin hätten wir uns landschaftlich, nicht architektonisch, auch in der Türkei befinden können. (Was realistisch gesehen ebenso surreal anmuten könnte, aber meine alte Bekanntschaft mit der Türkei, rückt das Land gefühlt einige hundert Kilometer näher zur Schweiz.) Jedenfalls bestätigt das Marokko nahe der Sahara und der algerischen Grenze weiterhin jedes gängige Klischee: Die Strassen sind staubig, eine asphaltierte Strasse führt durchs Dorf, links und rechts Schotterwege, Städte werden in und um in Senken geschmiegte Oasen voller Dattelpalmen gebaut, die Häuser lehmern braun, mit Schilf versetzt, auf flachen Dächern mit eckigen Zinnen hängt Wäsche zum trocknen, man treibt vollbepackte Esel durch Dörfer, überall sind Menschen auf der Strasse, es gibt zahlreiche kleine, kaum Zimmergrosse Läden die vollgepackt mit Waren sind, die Männer tragen lange Gewänder und luftige Hosen, auf dem Kopf schützende Tücher, die Frauen sind zu einem Grossteil verschleiert, viele tragen Schwarz, bis auf die Berberfrauen, die sich eher farbenfroher und unverschleierter, aber bekopftucht zeigen. Aus den diversen oasenstädtisch anmutenden Ortschaften herausgefahren, finden wir uns plötzlich in der Sahara wieder. Nicht im Sandsaharateil, der nur 20% der 9 Millionen Quadratkilometer grossen Wüste ausmacht, eher im Steinwüstenteil, einer grauweissen, unheimlich weiten, steinübersähten Fläche, die wir erst auf Asphalt, später, als wir den Wegweiser gen angestrebtem Stellplatz folgen, auf vorgespurter Freifläche zurücklegen. Die Hitze ist gross, gefühlt aber nicht grösser als vorgestern, auf der Strecke von Chefchaouen nach Azrou, die Dünen kommen immer näher. Bei der Herberge angekommen, die laut Führer auch Stellplätze für Camper anbietet, stehen wir auch schon direkt vor den Dünen. Die Herberge, hinter hohen, vor Wind schützenden Mauern wirkt oasern grün, mit diversen äusserst attraktiven Innenhöfen, in einem davon hat es dekadenterweise sogar einen Kleinstpool, was die überhitzten Kinder sofort sehen. Der Stellplatz werde umgebaut, aber wir können den Gefährten parkieren und für 70 Euro, samt Abendessen und Frühstück in einem Appartement für 4 Personen übernachten, der Hund sei auch willkommen. Erst etwas widerwillig, nirgends schläft es sich besser als im Gefährten, willigen wir ein, hauptsächlich weil Weiterfahren für alle bei der Hitze eine sehr unschöne Vorstellung ist. Gegen 18 Uhr zieht ein Sandsturm auf, man sieht kaum einen halben Meter weit und der Sand schiesst in alle Ritzen. Dankbar schliessen wir das Fenster zum Appartement. Im Gefährten wäre diese Nacht sehr unangenehm geworden, bei sandsturmbedingt zwangsläufig geschlossenem Fenstern und deutlich über 30* hätte wohl niemand von uns geschlafen.
Bemerknisse:

Als Frau am Steuer scheine ich hier eher exotisches Exemplar zu sein, erst recht, wenn der Mann auf dem Beifahrersitz sitzt, auch die Strassenschilder, die zu Temposrosselung anregen wollen, sind nicht wirklich auf Frau zugeschnitten. So ist auf einem Schild beispielsweise eine trauernde Frau und Kinder zu sehen und der Satz: „Denk an deine Familie.“

Gegen die melodiösen Muezzine der Türkei und des Balkans, klingen die Muezzine Marokkos, Pardon, eher wie ein Formel1-Duell.

Ich vermisse die WiFi-Dichte und Stärke des Balkans.

Natürlich kann man bei Sandsturm die Gefährtenfenster halb offen stehen lassen, es ist halt nur nicht wahnsinnig zu empfehlen. (Geschrieben auf nach Ausgrabungsarbeiten geborgenem iPad.)

 

Anmerkung: Man entschuldige meine Kommentarfreischalt- und -bearbeitungsfaulheit, meine Internetzeit ist sehr begrenzt.

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Eingeordnet unter Neulich, Reise 2016

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