Tage 21 und 22: Nähe Mezouga, Erg Chebbi – Thodra-Schlucht – Dades-Schlucht – Ouarzazate 


Am Morgen stehen wir um 5 Uhr auf, denn wir wollen den Kindern einen dringenden Wunsch erfüllen: Dromedarreiten. Völlig unnötige Touristenklischeekackscheisse, also, aber eben auch ziemlich schöne Touristenklischeekackscheisse. Wir werden von Omar abgeholt, im weitläufigen Kasbah-Komplex finden wir ihn erst kaum und kommen uns vor, wie in einem schlechten Ali-Baba-Film. Als wir ihn gefunden haben führt er uns zu den Dromedaren, die heute, wie er uns erzählt, je 2 40Minütige Touren vor sich haben. Dromedare sind ganz und gar wunderbar sonderliche Tiere und es ist ziemlich beeindruckend zu sehen, wie ihre Hufe auf Sand anmuten und funktioniere wie rundbesohlte Schneeschuhe. Omar führt uns ungefähr 20 Minuten in die Wüste, fordert uns beim Abstieg jeweils auf, nach hinten liegend den Dromedarrücken zu schonen und lässt uns dann an einer steilen Düne absteigen. Das letzte Stück bewältigen wir zu Fuss. Es ist still, am Horizont wird es langsam hell. Omar wohnt im benachbarten Mezouga. Für ihn ist die Arbeitsschicht für heute nach den 2 Stunden mit uns beendet. Alle hier verdienen, sagt er, hauptsächlich am Tourismus, daneben gibt es noch einige Handwerker und Gärtner in den Oasen. Die Algerische Grenze ist nur 50 Kilometer entfernt, eine andere Welt, wie er meint. Der Himmel wird immer heller, die Kinder finden kleine Spuren. „Wüstenrennmäuse!“ sagt Omar und im selben Moment rennt ein Exemplar mit unglaublicher Geschwindigkeit und weit ausgestrecktem Schwanz an uns vorbei. „Die rennt zu den Dromedaren.“ meint Omar, „Sie mag den Mist der Tiere.“ Als wir davon erzählen, wie uns der gestrige Sandsturm, bei dem man von einer Sekunde auf die nächste kaum mehr die Hand vor Augen sah, beeindruckt hat, lächelt er milde. Der Sand sei überall. Das sei so, wenn man hier wohne. Ich grabe meine Füsse tief in den Sand, bis da wo er noch tageshitzewarm ist. Plötzlich hören wir Motorendröhnen. Es sind Touristen auf Squads. „Schade.“ sage ich. Omar pflichtet bei. Die Squads zerstören mit tiefen Furchen den natürlichen Verlauf der Dünenwanderungen, stressen Tiere und schädigen mit Abgasen. Eine Wohltat, als das Gefährt endlich verstummt. Jetzt blitzt die Sonne über den Wolken am Horizont. Wir schiessen viel zu viele immergleiche Fotos. Dann treten wir den Rückweg an, bereits ist zu spüren, wie die Hitze zunimmt. An den Mauern des Kasbah verabschieden wir uns von Omar. Er freut sich auf seinen Feierabend, wir uns aufs Frühstück.
Nach dem Frühstück fahren wir eine längere Strecke so zurück, wie wir gekommen sind und schlussendlich bis zur Thodraschlucht, wo wir auf einem zu 80% leeren Campingplatz ein ruhiges Plätzchen finden. Aber bevor wir uns nach einem langen Tag zur Ruhe legen können, brauchen wir Saft, denn ohne Saft kann ich morgens kein Müsli essen und wenn ich morgens kein Müsli essen kann… Ach, ich will es mir gar nicht ausmalen. Zu Fuss wandern wir ins nächste Dorf, dem fast ausgetrockneten Flussbett der Oase entlang. Alles ist voller Müll und man kann sich unschwer zusammenreimen, was geschieht, wenn die grosse Schneeschmelze kommt. Marokko hat, genau wie wir das schon in manchem Ländern des Balkans feststellen mussten, ein massives Müllproblem. Saft finden wir trotzdem. Total überzuckerten, vitaminlosen Kunstfruchtsaft, aber Saft. Die Nacht wird ruhig und schlafvoll.

Es wird zu früh zu warm um noch zu schlafen zu können und wir brechen auf, um die Dades-Schlucht zu sehen. Die Thodra-Schlucht haben wir noch gestern betrachtet, aber landschaftlich zwar nett, eng, hoh und felsig, war sie eben auch völlig tagestouristisch überfüllt, so dass wir rasch umgekehrt sind. Es gäbe eine wohl ziemlich schöne Route durch die ganze Thodra-Schlucht mit Verbindung zur Dades-Schlucht, aber dafür ist unser nicht ganz so geländetaugliches Gefährt wohl nicht oder nur knapp geeignet und auch wenn ich es gerne ausprobiert hätte, obsiegten die Stimmen der Vernunft, auch Herr G. und Kind1 genannt. So fuhren wir, wie gesagt, auf geteertem Wege zur Dades-Schlucht, die bereits eingangs spektakulär mit einem festungsartigen Kasbah aufwartet. Kasbahs sind festungsartigen Bauten ausserhalb von Dörfern oder Städten und waren früher Kontrollzentren für Karawanenwege und boten Schutz vor Überfällen und Sandstürmen. LetztereDanach bewegt man sich am linken Schluchtrand, verwunderlich roten Felswänden entlang, durch kleine Dörfer weiter ins Schluchtinnere, wo man sich inmitten ziemlich skuriler Felsformationen wiederfindet, die aussehen, als seien sie absichtlich und von Menschenhand so geformt und hingelegt worden. Dazwischen immer wieder kleine Oasen, staubige Dörfer und Kabashruinen. Das Spektakel ist bereits auf den ersten 20-25 Kilometern zu sehen, danach wird die Schlucht weiter und hebt sich vorerst nicht mehr von unzähligen anderen Schluchten ab. Die müden Kindern fordern Übermachtungsplatzsuche ein und so fahren wir nach Ouarzazate, wo der Camping Municipale sich relativ nett und zentral angelesen hat. Dort angekommen finden wir ziemlich wenig Nettes, dafür einen schlafenden Wärter, der uns ohne aufzustehen weg winkt. Glücklicherweise weiss unser Führer Rat und wir finden, durch verwinkelte, nunmehr teerfreie Strassen im Abseits zu einer ummauerten, kleinfamilien betriebenen Kleinstoase und einem Paradies für Tiere und Tierliebende. Mindestens vier Pfaue mit Pfaukücken, Hühner mit Kücken, zwei Katzen mit zwei Kätzchen, zwei Hunde mit drei Welpen und ein freilaufendes Fohlen sind uns Nachbarn für eine Nacht. Mit Letzterem haben wir einen regelrechten Kampf, weil das Tier offensichtlich Gefallen an unserem Gefährt(en) grfunden und innert Kürze eine Leidenschaft dafür entwickelt hat, seine Zähne an am Bus zu wetzen, und sich am Gummi um die Fenster gütlich zu tun. Überhaupt hat das Fohlen sehr viele Freiheiten, wird regelrecht verhätschelt und trabt auch gerne mal fröhlich in Gästebungalows um dort sein Geschäft zu erledigen und auch die Welpen sind überall. Aber der Platz ist hinreissend gestaltet, überall grün, Palmen, Sitz- und Liegenischen und die Kinder sind den ganzen Nachmittag und Abend lang mit den Tieren beschäftigt.
Bemerknisse

Schön auch der Moment, wenn wir wieder für ein Sammeltaxi gehalten werden: Wir fahren so, Menschen am Strassenrand springen auf, winken, erblicken uns, erstarren, setzen sich. Man kann davon ausgehen, dass wir nicht wahnsinnig marokkanisch aussehen.

Störche mögen Marokko. Gerade in der Region rund um die Schluchten Thodra und Dades ist kaum ein Minarett auszumachen, das nicht von Störchen benistet wurde.

In Reiseführern wird gerne und multipel davor gewarnt, dass auf Durchfahrt in Dörfern und Städten gerne durch offene Fenster ins Auto gefasst, mancherorts Steine auf ausländische Autos geworfen werden und man allgemein vor Betrug auf der Hut sein müsse, aber wir können festhalten, dass wir, bis auf einmal, als wir eindeutig überzogene Touristenpreise für Wasser und Essen bezahlt haben (überzogen für hisige Verhältnisse, moderat für Schweizer Verhältnisse), auf unserer doch beachtlichen Fahrt, keinerlei schlecht Erfahrungen gemacht haben.

 

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Eingeordnet unter Neulich, Reise 2016

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