Tage 23 und 24: Ouarzazate – Marrakesh – Moulay Bousselham


Bei Nächten mit über 35* und Tagen mit über 45* sind wir langsam ziemlich hitzemüde und beschliessen wieder Richtung Meer zu fahren. Die hitzevollen Tage sind für uns eigentlich nur im Schatten liegend, mit Gewässer oder fahrend mit Fahrtwind zu ertragen und auch die Marokkaner ruhen sich in den Hitzestunden hauptsächlich aus. Wir wollen aber nicht an die Küste, ohne einen Zwischenhalt in Marrakesh eingelegt zu haben und so fahren wir heute ein weiteres Mal in den hohen Atlas, um in die Grossstadt zu gelangen. Am Strassenrand gen Atlashöhe werden überall erstaunlich riesige Kristalle angeboten, wie sie hier gehäuft zu finden sind. Omar aus Merzouga hat uns schon davon erzählt, wie sein Vater in die Berge fahre, um nach Kristallen zu suchen. Dafür reiche es, nach rundlich geformten Steinen Ausschau zu halten und sie aufzuschlagen. Manchmal fänden sich so sogar Fossile. Oben angelangt, ist der Blick über Hügel und Täler des Atlasgebirges wunderbarst, das Klima etwas milder, aber nach wie vor heiss. Die Strecke ist relativ vielbefahren, ausserdem werden gerade die Strassen erneuert und ganze Streckenabschnitte müssen auf Schotterwegen zurückgelegt werden. Trotzdem erreichen wir Marrakesh und den dazugehörigen Campingplatz schon um 14 Uhr, bei grösster Mittagshitze und Hunger. Die Stimmung ist relativ mies, bis wir alle im Pool waren und etwas gegessen haben. 47* C warm ist es, der Platz hat unzulänglich Schatten und wir beschliessen unseren Marrakeshausflug tatsächlich bei einem Abstecher zu belassen, heute für ein paar Stunden in die Innenstadt zu fahren und morgen schon gen Küste aufzubrechen. Vom Campingplatz aus werden wir per Taxi abgeholt, den Hund lassen wir draußen, schattig, mit Wasser versorgt zurück, die Stadt scheint uns kein Ort für ihn zu sein. Der Taxifahrer fährt über Schlaglöcher, als wenn da keine wären, erzählt uns, was wir sehen und hupt quasi ununterbrochen. Er zeigt uns das Fussballstadion, erzählt von existierenden Frauenfussballmanschaften, singt ein Loblied auf die Polizei, deren zwei Kontrollen wir in den fünf Fahrminuten passieren, rät uns, die Kinder immer gut einzucrèmen und stellt uns zentrumsnah auf die Strasse. „Um 21 Uhr hier?“ fragt Herr G. „Inshallah!“ sagt unser Fahrer. Wie verabreden uns für 21 Uhr, dann trotten wir etwas orientierungslos in eine xbeliebige Richtung. Verloren fragen wir zwei junge Männer nach dem Weg und werden freundlich angeleitet. Bald begegnet uns die erste Pferdekutsche und alleine dem Geruch nach wird uns klar, dass da noch mehr sein müssen. Es ist der säuerlich schweissige Geruch überanstrengter marokkanischer Pferde, wie wir ihn schon mehrfach gerochen haben. Tatsächlich, schon eine Ecke weiter sind wir am Djemaa el Fna Platz, dem, wie manche sagen, wichtigsten Platz Nordafrikas. Am frühen Nachmittag ist das Treiben hier noch relativ fassbar. Wohl hat es schon jetzt Äffchendressöre, Trommler, Kräutergaukler, Schlangenbeschwörer und Mizmarspieler, aber verglichen mit dem, was ich auf Bildern sah, scheint alles relativ geordnet und überschaubar. Einer von Herrn Gs grösseren Marokkowünschen ist es, einen Spuks u besuchen, ein traditionelles Einkaufsviertel mit engen Gassen und massenhaft Waren. Als wir in die Strasse einbiegen, verschlägt es mir schier den Atem: Die Enge der Gassen, die Menge der Menschen, Fahrräder, Mofas, Waren, Klänge und Gerüche, die Hitze, die Fliegen und erwähnte ich schon die Enge? Trotz der Tatsache, dass ich die Szenerie spannend fand und ihr durchaus ihre Ästhetik abgewinnen konnte, habe ich nach 2 Minuten genug, Kind 2 nach 4 und Herr G und Kind 1 blühten erst richtig auf. Trotzdem verziehen wir uns, zum Wohle Aller, in eine Ecke eines relativ teuren, aber auch relativ ruhigen Restaurants, wo 50% von uns auch tatsächlich assen. Vom Restaurant aus haben wir einen grandiosen Blick über den Djemaa el Fna Platz, der sich nach und nach immer mehr füllt. Umfangreiche Menschentrauben sammeln sich um Trommler, Tänzer und Trubler und von hier, aus sicherer Distanz, kann ich mich kaum satt sehen. Aber es ist Zeit unseren Treffpunkt mit dem Taxifahrer aufzusuchen und so traben wir zurück, das magenproblemerne Kind2 Huckepack. Vier Minuten zu früh taucht er auf. „Wie in der Schweiz!“ sagt Herr G.. „Wie in Marokko!“ sagt unser Chauffeur lachend. Die Strassen sind minimalstisch beleuchtet, aber da sich unser Chauffeur nicht um Schlaglöcher kümmert und er sich seinen Vortritt erstaunlich permanent erfolgreich per Licht- und Huphupen verschafft, ändert das nichts an seinem Tempo. „Unser Reiseführer sagt, dass es gefährlich sei nachts in Marokko Auto zu fahren?!“ bemerkt Herr G. fragend. Der Fahrer braust auf: „Was? Der der das sagt ist ein Lügner!“ ruft er aus, während schwarz gekleidete Fussgängerinnen sich im nächsten Graben in Sicherheit hüpfen. „Wir mögen Touristen. Touristen sind unsere Freunde! Für uns ist es hart, ins Ausland zu kommen, wir müssen Dokumente haben, Bankkonten vorweisen, alles!“ Wir nicken, Ähnliches hat uns schon Omar aus Merzouga erzählt und auch einige Zufallsbekanntschaften aus dem Balkan und der Türkei. Beim Zeltplatz angelangt, verabschieden wir uns. „Auf Wiedersehen!“ sagt Herr G. „Inshalla!“ sagt unser Chauffeur.

Am nächsten Morgen klagt Kind 2 noch immer über Bauchschmerzen und mittlerweile klagt der Rest der Familie mit, im Zusammenhang dem Schattenmangel und der Unwohlsein multiplizierenden Hitze beschliessen wir ans Meer zu fahren. Der Reiseführer hat uns die Atlantikküste nicht eben schmackhaft gemacht, von überlaufenen Stränden und vollen Standplätzen mit Toilettenmangel war die Rede, aber um zurück nach Spanien zu kommen, müssen wir die Küste ohnehin anfahren. Auf unserer Fahrt von Marokko gen Küste präsentiert sich Marokko vorerst gewohnt karg, staubig und hüglig schön, je mehr wir uns aber der Küste nähern, desto mehr verändert sich die Landschaft. Es wird richtiggehend grün, deutlich kühler und auch die Ortschaften verändern sich. Rund um Casablanca sind erst die gewohnten lehmernen Häuser zu sehen, nur dass sie hier mehrstöckig gebaut wurden, dann werden die Häuser insgesamt höher, es sind kaum mehr der vorher omnipräsenten Esel zu sehen und Supermärkte, wie es sich der gemeine Europäer (bis auf den Albaner und den Kosovaren, vielleicht) gewohnt ist, die im Landesinnern praktisch nicht zu finden waren, stehen plötzlich gefühlt an jeder fünften Ecke. Wann immer ein Strand in Sichtweite ist, ist er überfüllt und uns schwant für die kommende Nacht nur Semigutes. In einem Dorf an einer Lagune, gut 100 km vor Tanger, las sich ein Campingplatz ganz nett und meernah an und so probieren wir unser Glück und fahren nach Moulay Bousselham. Dort angekommen werden wir freundlich begrüsst und erhalten einen Platz zugewiesen, den nur ein Zaun von Strand, Meer und parkierten Fischerbooten trennt. Der Platz ist unheimlich voll, wir sind allerdings die einzigen Ausländer und werden entsprechend belagert und angestarrt, eine Band spielt, es riecht nach Fisch, Rauch und Meer und es ist sehr Marokko. Schnell hat sich ein junger Mann gefunden, der sich für uns verantwortlich fühlt und auch gleich noch seine Familie dafür eingespannt hat. Uns wird versichert, dass wir uns jederzeit an sie wenden können, wenn wir etwas brauchen und tatsächlich fühlt es sich irgendwie gut an, unsere ansonsten sehr zurückhaltenden Ansprechpartner wörtlich (standorttechnisch) im Rücken zu wissen. Kurz nachdem wir eingerichtet sind, erreichen erste Fischer den kleinen Hafen, der nur einige Meter weiter, dem Strand entlang liegt. Sie verkaufen ihren Fang am Fleck und nehmen die Fische auch vor Ort mit rostigen Messern und massenhaft Geschick aus, was hungrige Möwen und Katzen prompt freut. Die Kinder könnten stundenlang zusehen, alle Bauchbeschwerden sind vergessen. Zu Abend essen wir dennoch magenschonend selbstgekocht. Es wird noch lange nicht ruhig und als es langsam eindunkelt, wird der Campingplatz erst recht zu einem Spektakel: Gedämpftes Licht aus farbigen, tuchbehängten Zelten, kleine Feuer überall, Musik aus allen Richtungen und unermüdlich spielende Kinder, Katzen und Hunde.

Bemerknisse

Steelgedrumme, Mizmargedudel (Mizmar = marokkanisch/arabisches, klarinettenartiges Blasinstrument), Countrygeleier und Schweizerörgeliländlereien haben eine Gemeinsamkeit: Gewaltiges Nervpotential, wie wohl die meisten Volksmusikvariationen auf Dauer.

Die Fischer in Moulay Bousselham brauchen für das Ausnehmen eines Fisches ungefähr so lange, wie ich brauche, um am selben Tier festzustellen, wo de nun Kopf, wo Schwanz sei.

„Natürlich haben wir auch zahme Hunde,“ sagt ein Marokkaner, den wir am Strand treffen, „aber doch nur kleine und nicht so Verteidigungstiere!“

Das erstaunliche an marokkanischem Minztee ist, dass er trotz dem enormen Zuckergehalt nicht die Konsistenz von Sirup hat.

An dieser Stelle auch Gratulationen an Herrn G, der es geschafft hat im Minzteeland Marokko Grüntee aus China zu kaufen.

4 Kommentare

Eingeordnet unter Reise 2016

4 Antworten zu “Tage 23 und 24: Ouarzazate – Marrakesh – Moulay Bousselham

  1. Langsam aber sicher reiseberichtest Du mich in die Fernwehzone rein.
    (hoffentlich verschwinden die Magenbeschwerden bald endgültig!)

    • Wir sind eigentlich schon wieder zurück, dem Magen geht es besser. Wo fahrt ihr hin? Du hast doch irgendwo von sowas geschrieben?

      • Aus Gründen hat das Geld dieses Jahr leider nur für 4 Tage Doubs und Ajoie gereicht. Was aber den positiven Effekt hat, dass wir eine 3/4 Stunde von hier einen wunderbaren, sehr Kinderfreundlichen Campingplatz gefunden haben, wo ich mich sogar allein mit Kind hintrauen würde, wenn ich mal einen Dekorationswechsel benötigen täte.
        Overland-mässig können wir uns nicht einigen, ob wir zuerst die Pyrenäen oder das Riesengebirge anfahren wollen. Aber dafür muss jetzt so oder so erst wieder Geld in die Kasse.

  2. Beim Lesen fängt man ja langsam an zu überlegen sich einfach ein Flugticket zu buchen. Schade dass es nicht so einfach ist…wirklich tolle Bilder :)

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