Herr Nächstbar schaufelt nicht mehr – 1


Erinnern Sie sich an den Nächstbarn? Von damals, von hier oder hier? Es liegt zwar endlich Schnee aber er schaufelt nicht. Er wischt noch nicht mal und kratzt nicht. Mich kratzt das schon, denn auch wenn ich nie gern vom markerschütternden Geräusch von Eisen auf kaltem Beton geweckt wurde, so hatte das jährliche Kopfschütteln über Nächstbars Schneeschaufelübererifer doch etwas von Tradition. Aber er schaufelt nicht mehr. Er wischt noch nicht mal mehr und kratzt nicht mehr. Herr Nächstbar darf nämlich nicht mehr aus dem Haus, zumindest nicht ohne Frau Nächstbar oder eine ihrer Töchter, die die Hausschlüssel vor ihm verstecken, zu gross ist die Gefahr, dass er sich verirrt, vor ein Auto läuft oder sich anders in Gefahr bringt. „Altersdemenz…“ meinte Frau Nächstbar, als sie es für einmal schaffte, mich am Gartenzaun in ein Gespräch zu verwickeln. „So habe ich mir das nicht vorgestellt, wissen Sie.“ erklärte sie, während sie gedankenverloren etwas Moos vom Gartenzaun kratzte. „So habe ich mir das nicht vorgestellt.“ Ihr Blick streifte die spielenden Kinder. „Man dachte ja immer, dass man noch dieses und jenes machen könne, bevor man Kinder hat, dann denkt man, man könne noch dieses und jenes machen, wenn die Kinder älter sind oder aus dem Haus, dann denkt man, man könne in ein paar Jahren noch dieses und jenes machen und dann verfliegen die paar Jahre und am Ende hat man handgeschriebene Bücher voller Träume von diesem und jenem und ist doch wieder die, die sich kümmert und nicht dieses und jenes macht. Aber ich kann nicht klagen. Es geht uns ja gut.“ Ein Seufzer, ich bin nicht sicher, ob es meiner oder ihrer war, beide schienen wir unvermittelt peinlich berührt von der Intimität, die dieses Gartenzaungespräch entwickelt hatte. Ich fischte eine Quittung aus der Manteltasche und notierte darauf die Nummer meines Partners. „Wenn mal etwas ist… Ich meine… Ich telefoniere nicht aber mein Partner und wir sind ja nun meistens da und können auch mal… Einfach wenn mal etwas ist und Sie möglichst rasch Hilfe brauchen.“ Ich strecke ihr den Zettel über den Gartenzaun hinweg zu. Sie lässt den Zettel in ihrer Hemdtasche verschwinden.  „Vielen Dank… Wissen Sie, so habe ich mir das nicht vorgestellt, wirklich nicht.“ Herr Nächstbar schaufelt nicht mehr.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Begegnungen, Erkenntnisse der Woche, Neulich

Eine Antwort zu “Herr Nächstbar schaufelt nicht mehr – 1

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