Tagesarchiv: Dezember 2, 2017

Von vorweihnachtlichen Elternprüfungen – 2


Vor langer Zeit ist irgendeinem unterbeschäftigten Individuum mit Durchsetzungskraft und Bezug zu der Schule meiner Kinder eingefallen, dass die Zeit im Jahr, neben Sankt Martin, Advendsgärtchen, Nikolaus und all dem anderen Vorweihnachtskram durchaus noch Bedarf für einen weiteren Höhepunkt hätte, einem kleinen Vorweihnachtsmarkt, zum Beispiel. Nichts Grossartiges, man will es ja nicht übertreiben, man will ja keinen Profit, wie die verwerfliche kommerzialisierte Wettbewerbsgesellschaft da draussen, nur Umfeld, Bekannte, die Welt und bei Gelegenheit vielleicht auch einige andere bevölkerte Planten gegen ein nur minimal überrissenes Entgelt an den herzerwärmenden Produkten beseelter Schaffenskraft teilhaben zu lassen. Dafür sollen sich auch alle Lehrer, Schüler, Eltern und andere Elementarwesen ins Zeug legen, jeder nach seinen Fähigkeiten selbstredend, man nötigt ja niemanden, aber wer sich nicht nahe ans Burnout filzt, trocknet, steinhaut, schnitzt oder backt, dem ist das Ganze vielleicht einfach nicht wichtig genug. Schade, weil diese Gemeinschaft ja schliesslich nur mit der Einsatzbereitschaft aller Beteiligten funktionieren kann. Eine Serie zu verkaufende Handarbeits- oder Esszubereitungserzeugnisse und 8 Stunden Fronarbeit, so lautet das offizielle Fronarbeitsminimum für Elternteile. Anfangs November kommt dann unter Eltern auch eine Stimmung auf, wie man sie vor grossen Prüfungen aus der Schulzeit kennt: Es gibt jene, die sich in heller Aufregung und randvoll mit Elan in die Arbeit stürzen, genderneutrale Zwerge aus Filz von freiwillig wollspendenden, mongolischen Fettschwanzschafen mit chromosomenanomaliebedingten Entwicklungsstörungen nähen und alle anderen über den Entstehungsprozess und den Aufwand, der betrieben wird auf dem Laufenden halten. Es gibt jene, die lauthals bekunden, ihnen sei das alles egal, viel zu viel Aufwand, sie hätten keine Zeit, würden allerhöchstens etwas backen und zwei Tage vor Vorweihnachtsmarkt kistenweise biologisch abbaubare Säckchen mit in Form der Protagonisten gängiger Grimmmärchen geschnitzten und getrockneten Suppengemüses, das nach biodynamischem Anbau direkt neben vergrabenen Hörnern christlich erlöster Hochlandrinder gesäät, gegossen und geernet wurde. Und dann gibt es jene, die zwei Kilo Haferflocken und ein Glas Honig auf ein Backblech kippen, im Ofen anbrennen lassen, mit sorgfältig ausgelesenen Fluchen in Plastiksäckchen abfüllen, mit Müslimischung anschreiben und 15 Minuten vor Marktbeginn auf den sorgfältig arrangierten Markstand kippen. Jeder nach seinen Fähigkeiten, eben. Die Prüfung selber gestaltet sich genauso: Es gibt jene, die jede Marktminute nützen, weil sie schliesslich jedes ihrer 300 gebackenen Brote persönlich und inklusive eines kleinen Handouts mit Stichworten zu Persönlichkeit, Eigenschaften und Handhabung des Laibs, in liebevolle Hände abgeben wollen. Es gibt jene, die „nur kurz fürs Nötigste“ vorbeikommen, aber dann leider hängen blieben, weil sie feststellen mussten, dass es ohne sie einfach nicht funktioniert. Und es gibt jene, die sich zwar für unzureichende 4 Stunden beim Abwaschdienst einschreiben, aber dann derart kompromisslos konzentriert und perfektionistisch (trubelausweichend, smalltalkvermeidend, in der Schulkücke verschanzt) dem Pfannenauskratzen hingeben, dass sie insgesamt den Eindruck des arbeitsamsten, aufopferndsten (niemand sonst will 2cm dick verkohlten Kürpissuppensatz auskratzen) Individuums ever hinterlassen, dass niemand die Arbeitsdauer hinterfragt. Und hinterher gibt es jene, die Prüfung, äh, den Markt total locker fanden, jene, die wahnsinnig geschafft sind und jene, die gar nicht darüber reden wollen. Ich werde aus personenschutztechnischen Gründe meine Rolle im Ganzen hier nicht genauer deklarieren.

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