Winterjackentaschenabenteuer – 4


Es ist alljährlich ein aufregender Zeitpunkt, wenn wir die Kiste mit den Winterkleidern aus dem Keller holen, nicht nur, dass ich mich freue, mich endlich wieder multipel beschichtet durch den Alltag zu walzen, ohne dabei hitzebedingt zu zerfliessen, es ist auch die der Kinder Freude, wenn sie uns demonstrieren können, wie viel zu klein ihnen ihre im letzten Jahr noch passenden Jacken und Hosen geworden sind und wie unheimlich viel sie demnach gewachsen sein müssen, die grösste Spannung aber bringt der Moment, wenn wir die Jacken- und Hosentaschen der eingelagerten Kleidungsstücke auf ihren Inhalt prüfen. Natürlich haben wir nach der Winterkleiderzeit jeweils vor, alle Kleider vor dem Einlagern zu waschen aber wie es ebenso geht, in Haushalten randvoll mit haushälterisch begabten und motivierten Haushälter*innen: Die Jacken warten in der Warteschlange vor der Waschmaschine und sind so lange nicht Waschpriorität, weil saisonunangemessen und folglich ohne Nachfrage, dass sie sich irgendwann desillusioniert und mit Minderwertigkeitsgefühlen ohne Waschgang in die Winterkleidereinlagerungskiste verkriechen und ihrer erst wieder im Spätherbst gedacht wird. Bedenklicher Hygieneusus hin oder her, es resultieren einige Abenteuerminuten aus unserer Nachlässigkeit, Minuten, wie man sie sonst nur von Pfadfinderprüfungen und Initiierungsritualen blutrünstiger Strassenbanden kennt, die Minuten, in denen die jeweiligen Besitzer der Kleidung erst vorsichtig einen Finger, vorzugsweise irgendwelche angehobelten Mittelfinger mit wenig Gefühl, danach Restfinger und bei grosser Verwegenheit schliesslich die ganze Hand in die Tasche gleiten lässt, um zu erkunden was sich nach den 4-5 Monaten in den Taschen wiederfindet und in welchem Aggregatszustand sich die Objekte oder Objektmassen befinden. „Hm. Es fühlt sich kalt an, hat etwas Fell… Hm. Oh, Scheisse, habe ich etwa eine der von Katzen angeschleppten Mäuseleichen in der Manteltasche vergessen? Waaah! Reich mir die Taschenlampe! Waaah! Oh. Es ist nur das vermisste Mini-Monchichi, dem literweise Tränen nachgeweint wurde.“ Oder: „Oh, ich glaube, ich habe mein Slimy wiedergefunden! Juhu! Mama, wieso ist es so graugrün geworden und was sind die grauen würmer darin?“ Die Gefühle Ekel und Wiedersehensfreude liegen selten näher beieinander. So schön. Die heurige Winterjackentaschenausgrabungsausbeute:

  • ½ Krokodil
  • 1 Salzeule mit Loch im Gesicht
  • 1 Wachsmalstift, orange
  • 1 Haarspange
  • 1 Murmel
  • 1 Milchzahn
  • 1 undefinierbares Stück getrockneter Knete oder Ton
  • 1 schmerzlich vermisster Ohrring
  • 1 mindestens so schmerzlich vermisster Fahrradschlossschlüssel, den wir eigentlich schon gar nicht mehr brauchen, weil wir jetzt eine Eisensäge haben.
  • 1 Pfeilbogen
  • 1 Auffädelperle
  • 1 Leuchtstern
  • 1 U-Stempel
  • 1,2 Euro
  • 3 Stücke Kunst aus Clementinenschale
  • 4 Steine
  • 5 gebrauchte Taschentücher (nicht im Bild)
  • 6 Sultaninen
  • 55 Rappen

3 Kommentare

Eingeordnet unter Neulich

3 Antworten zu “Winterjackentaschenabenteuer – 4

  1. cloudette

    Schön :-) (Das mit dem „Waschen“ machen wir hier auch so.)

  2. Ponder

    Liebe Frau Gminggmangg,

    schön, wieder von Ihnen zu lesen! Lange ist es her und ich habe trotzdem immer wieder vorbeigeschaut und dann halt alte Reiseberichte nachgelesen :)

    Viele Grüße,
    der Ponder

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