Tagesarchiv: Dezember 6, 2017

Schmutzli putzt – 6


Vor zwei Jahren schrieb ich dies:

„Hör sofort auf die Scheiben abzulecken, Dean-Dillon, sonst sag ich es dem Nikolaus!“ kreischt ein Herr mittleren Alters in erstaunlich hoher Tonlage quer durch den Bus. Ich schwanke zwischen Mitleid mit Dean-Dillon und dem Wunsch, Nikolaus möge des Herrn Lebenspartner sein, weil mir neben dem pädagogischen Manöver selber, auch die Vorstellung, dass er die Früchte seiner stimmgewaltigen Drohung nur einmal im Jahr ernten kann, doch etwas hoffnungslos erscheint. Dean-Dillon allerdings beeindruckt das wenig, er zieht seine Zunge genüsslich und mit bemerkenswerter Präzision dem Scheibenrand entlang. „Dean-Dillon Müller, ich sage es dir zum letzten Mal: Kein Scheibenlecken, sonst sag ich es dem Nikolaus UND dem Schmutzli (Knecht Ruprecht)!“ Also doch nicht der Lebenspartner, denke ich und leide noch etwas mitter. (Dass Dean-Dillons Vater ausgerechnet mit DEM Nikolaus und DEM Schmutzli eine Beziehung führt, schliesse ich aufgrund der minimalen Wahrscheinlichkeit einfach aus.) Auf den Schmutzli reagiert auch Dean-Dillon und gibt seine Beschäftigung zu Gunsten intensiven Popelns auf. Was der Nikolaus wohl dazu sagen würde?

Ich stelle mir den greisen Bärtigen vor, wie er sich, nach einem langen Arbeitstag mit supi liebem Plätzchenbacken, gerade zu seinen abendlichen drei, vier Spielstunden Call of Duty hinsetzt und alle zwei Minuten augenverdrehend unterbrechen muss, weil er mal wieder eine Whatsappnachricht von irgendwelchen Vätern von irgendwelchen Dean-Dillons erhält, die irgendwelche Kleingeistigkeiten petzen. „Wer wars?“ würde Schmutzli vom Hometrainer aus rufen, ziemlich ausser Atem. Er fragt immer wer es ist, wenn Nikolaus’ Telefon klingelt, er neigt zu Eifersucht, der Gute. „Irgendein Dean-Dillon hat mal wieder irgendwas abgeleckt.“ würde der Nikolaus antworten, „Was man halt grad wichtig genug findet, um es mir zu erzählen, als wäre sonst alles in Ordnung, als würde nicht gegen Flüchtlinge gehetzt, als gäbe es keine Politiker, die Vergewaltigungen verharmlosen und als gäbe es in diesem Land schon Rechte, die nicht nach sexueller Orientierung unterscheiden. Popeln, Scheibenlecken, Flatulieren, was die Welt halt so beschäftigt!“ „Du redest dich wieder in Rage, Niklaus-Schatz“ würde der Schmutzti beschwichtigen, „Die armen Väter von den popelnden Dean-Dillons der Nation brauchen unsere Hilfe, die haben doch ohne uns gar keine Chance bei der Aufzucht ihrer Brut. Wahrscheinlich wäre alles noch viel schlimmer, wenn in den Schweizer Kinderstuben nicht mit uns gedroht werden könnte. Die schaffen das doch alle alleine nicht! Ausserdem werden wir gut bezahlt.“ „Wieso nur wir?“ würde der Nikolaus verzweifelt fragen, „Wieso müssen wir für die ganzen Drohgebaren hinhalten? Was ist mit dem Osterhasen? Der Scheiss Flauscher hat doch voll den Schoggi-Job. Wie er da rumhoppelt, einen auf niedlich macht und niemand von ihm verlangt, versagenden Eltern die Erziehungsaufgaben abzunehmen! Es ist so ungerecht! Oder das Christkind! Oder… Was weiss ich? Das Halloweenerle! Der Erntedank! Und wir verdienen noch nicht mal mehr!“ Der Schmuzli würde diese Ausbrüche kennen und dem Nikolaus die Schultern massieren. Nikolaus würde sich beruhigen, sich wieder Call of Duty widmen und am 6. Dezember mit ernster Miene vor Dean-Dillon stehen und ihn fürs Scheibenlecken tadeln.

Viel ist seither auch nicht passiert:

Seit gut 6 Stunden versucht er nun, die Küche wieder in halbwegs akzeptabeln Zustand zu bringen. Scheiss Mehl in jeder verdammten, hinterletzten Ecke, sämtliche Griffe von sämtlichen verfluchten Küchenmaschinen voller Zuckerglasur, aussortierte, achtlos beiseitegeschobene Schimmelmandarinen sind unter die Küchenbank gerollt und erst der penetrant süsse Duft… Zum Kotzen! Es ist jedes Jahr dasselbe, grosse Versprechungen von gemeinsamen Touren und am Ende bleibt er doch alleine zurück und putzt, weil das eben irgendjemand machen muss und irgendjemand eben nie Nikolaus ist, sondern der Schmutzli. Zugegeben einmal war er selber der, der losziehen durfte, aber auch nur, weil Nikolaus sich beim Keksebacken mit dem Schwingbesen am rechten Auge verletzt hatte. Ernsthaft, der Alte besteht auf Steinzeitrühren, die Kitchen Aid, die Schmutzli ihm vor 3 Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte, steht rührauftragslos und unangerührt im Schrank. Jedenfalls hatte Nikolaus nach dem Schwingbesenintermezzo ein blutunterlaufenes Auge und da sowas bei Kindern nicht so richtig beliebt ist, zog Schmutzli erstmals alleine los und es stellte sich heraus, dass Schmutzli als Soloact bei den Kindern auch nicht so richtig beliebt ist. Und das Postkeksapokalypseputzen ist nicht so richtig beliebt bei Nikolaus, das stellte sich auch heraus, als Schmutzli damals, nach seiner Solotour, auf der er sich übrigens neben wüsten Beleidigungen, weil er eben nicht Nikolaus war, auch Stressherpes an der Lippe und eine üble Magen-Darm-Grippe nach Hause holte. Ausserdem war auch damals er der, der putzen durfte, trotz Herpes und Kotze, Hörrrrr Nikolaus hatte nämlich keine Zeit, der war damit beschäftigt sich nach intensivem Bemühen verfügbarer Internetsuchmaschinen einzureden, dass er nach vereiterter Augapfelentzündung sehr bald das Augenlicht verlieren werde. Dann lieber gleich die Drecksarbeit übernehmen, denkt sich Schmutzli nach dem kleinen Flashback ins Jahr 1998, und putzt noch etwas verbissener. „Und alles nur, weil ich dich liebe!“ röhrt er lauthals und lächelt plötzlich.

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