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Tage 21 und 22: Nähe Mezouga, Erg Chebbi – Thodra-Schlucht – Dades-Schlucht – Ouarzazate 


Am Morgen stehen wir um 5 Uhr auf, denn wir wollen den Kindern einen dringenden Wunsch erfüllen: Dromedarreiten. Völlig unnötige Touristenklischeekackscheisse, also, aber eben auch ziemlich schöne Touristenklischeekackscheisse. Wir werden von Omar abgeholt, im weitläufigen Kasbah-Komplex finden wir ihn erst kaum und kommen uns vor, wie in einem schlechten Ali-Baba-Film. Als wir ihn gefunden haben führt er uns zu den Dromedaren, die heute, wie er uns erzählt, je 2 40Minütige Touren vor sich haben. Dromedare sind ganz und gar wunderbar sonderliche Tiere und es ist ziemlich beeindruckend zu sehen, wie ihre Hufe auf Sand anmuten und funktioniere wie rundbesohlte Schneeschuhe. Omar führt uns ungefähr 20 Minuten in die Wüste, fordert uns beim Abstieg jeweils auf, nach hinten liegend den Dromedarrücken zu schonen und lässt uns dann an einer steilen Düne absteigen. Das letzte Stück bewältigen wir zu Fuss. Es ist still, am Horizont wird es langsam hell. Omar wohnt im benachbarten Mezouga. Für ihn ist die Arbeitsschicht für heute nach den 2 Stunden mit uns beendet. Alle hier verdienen, sagt er, hauptsächlich am Tourismus, daneben gibt es noch einige Handwerker und Gärtner in den Oasen. Die Algerische Grenze ist nur 50 Kilometer entfernt, eine andere Welt, wie er meint. Der Himmel wird immer heller, die Kinder finden kleine Spuren. „Wüstenrennmäuse!“ sagt Omar und im selben Moment rennt ein Exemplar mit unglaublicher Geschwindigkeit und weit ausgestrecktem Schwanz an uns vorbei. „Die rennt zu den Dromedaren.“ meint Omar, „Sie mag den Mist der Tiere.“ Als wir davon erzählen, wie uns der gestrige Sandsturm, bei dem man von einer Sekunde auf die nächste kaum mehr die Hand vor Augen sah, beeindruckt hat, lächelt er milde. Der Sand sei überall. Das sei so, wenn man hier wohne. Ich grabe meine Füsse tief in den Sand, bis da wo er noch tageshitzewarm ist. Plötzlich hören wir Motorendröhnen. Es sind Touristen auf Squads. „Schade.“ sage ich. Omar pflichtet bei. Die Squads zerstören mit tiefen Furchen den natürlichen Verlauf der Dünenwanderungen, stressen Tiere und schädigen mit Abgasen. Eine Wohltat, als das Gefährt endlich verstummt. Jetzt blitzt die Sonne über den Wolken am Horizont. Wir schiessen viel zu viele immergleiche Fotos. Dann treten wir den Rückweg an, bereits ist zu spüren, wie die Hitze zunimmt. An den Mauern des Kasbah verabschieden wir uns von Omar. Er freut sich auf seinen Feierabend, wir uns aufs Frühstück.
Nach dem Frühstück fahren wir eine längere Strecke so zurück, wie wir gekommen sind und schlussendlich bis zur Thodraschlucht, wo wir auf einem zu 80% leeren Campingplatz ein ruhiges Plätzchen finden. Aber bevor wir uns nach einem langen Tag zur Ruhe legen können, brauchen wir Saft, denn ohne Saft kann ich morgens kein Müsli essen und wenn ich morgens kein Müsli essen kann… Ach, ich will es mir gar nicht ausmalen. Zu Fuss wandern wir ins nächste Dorf, dem fast ausgetrockneten Flussbett der Oase entlang. Alles ist voller Müll und man kann sich unschwer zusammenreimen, was geschieht, wenn die grosse Schneeschmelze kommt. Marokko hat, genau wie wir das schon in manchem Ländern des Balkans feststellen mussten, ein massives Müllproblem. Saft finden wir trotzdem. Total überzuckerten, vitaminlosen Kunstfruchtsaft, aber Saft. Die Nacht wird ruhig und schlafvoll.

Es wird zu früh zu warm um noch zu schlafen zu können und wir brechen auf, um die Dades-Schlucht zu sehen. Die Thodra-Schlucht haben wir noch gestern betrachtet, aber landschaftlich zwar nett, eng, hoh und felsig, war sie eben auch völlig tagestouristisch überfüllt, so dass wir rasch umgekehrt sind. Es gäbe eine wohl ziemlich schöne Route durch die ganze Thodra-Schlucht mit Verbindung zur Dades-Schlucht, aber dafür ist unser nicht ganz so geländetaugliches Gefährt wohl nicht oder nur knapp geeignet und auch wenn ich es gerne ausprobiert hätte, obsiegten die Stimmen der Vernunft, auch Herr G. und Kind1 genannt. So fuhren wir, wie gesagt, auf geteertem Wege zur Dades-Schlucht, die bereits eingangs spektakulär mit einem festungsartigen Kasbah aufwartet. Kasbahs sind festungsartigen Bauten ausserhalb von Dörfern oder Städten und waren früher Kontrollzentren für Karawanenwege und boten Schutz vor Überfällen und Sandstürmen. LetztereDanach bewegt man sich am linken Schluchtrand, verwunderlich roten Felswänden entlang, durch kleine Dörfer weiter ins Schluchtinnere, wo man sich inmitten ziemlich skuriler Felsformationen wiederfindet, die aussehen, als seien sie absichtlich und von Menschenhand so geformt und hingelegt worden. Dazwischen immer wieder kleine Oasen, staubige Dörfer und Kabashruinen. Das Spektakel ist bereits auf den ersten 20-25 Kilometern zu sehen, danach wird die Schlucht weiter und hebt sich vorerst nicht mehr von unzähligen anderen Schluchten ab. Die müden Kindern fordern Übermachtungsplatzsuche ein und so fahren wir nach Ouarzazate, wo der Camping Municipale sich relativ nett und zentral angelesen hat. Dort angekommen finden wir ziemlich wenig Nettes, dafür einen schlafenden Wärter, der uns ohne aufzustehen weg winkt. Glücklicherweise weiss unser Führer Rat und wir finden, durch verwinkelte, nunmehr teerfreie Strassen im Abseits zu einer ummauerten, kleinfamilien betriebenen Kleinstoase und einem Paradies für Tiere und Tierliebende. Mindestens vier Pfaue mit Pfaukücken, Hühner mit Kücken, zwei Katzen mit zwei Kätzchen, zwei Hunde mit drei Welpen und ein freilaufendes Fohlen sind uns Nachbarn für eine Nacht. Mit Letzterem haben wir einen regelrechten Kampf, weil das Tier offensichtlich Gefallen an unserem Gefährt(en) grfunden und innert Kürze eine Leidenschaft dafür entwickelt hat, seine Zähne an am Bus zu wetzen, und sich am Gummi um die Fenster gütlich zu tun. Überhaupt hat das Fohlen sehr viele Freiheiten, wird regelrecht verhätschelt und trabt auch gerne mal fröhlich in Gästebungalows um dort sein Geschäft zu erledigen und auch die Welpen sind überall. Aber der Platz ist hinreissend gestaltet, überall grün, Palmen, Sitz- und Liegenischen und die Kinder sind den ganzen Nachmittag und Abend lang mit den Tieren beschäftigt.
Bemerknisse

Schön auch der Moment, wenn wir wieder für ein Sammeltaxi gehalten werden: Wir fahren so, Menschen am Strassenrand springen auf, winken, erblicken uns, erstarren, setzen sich. Man kann davon ausgehen, dass wir nicht wahnsinnig marokkanisch aussehen.

Störche mögen Marokko. Gerade in der Region rund um die Schluchten Thodra und Dades ist kaum ein Minarett auszumachen, das nicht von Störchen benistet wurde.

In Reiseführern wird gerne und multipel davor gewarnt, dass auf Durchfahrt in Dörfern und Städten gerne durch offene Fenster ins Auto gefasst, mancherorts Steine auf ausländische Autos geworfen werden und man allgemein vor Betrug auf der Hut sein müsse, aber wir können festhalten, dass wir, bis auf einmal, als wir eindeutig überzogene Touristenpreise für Wasser und Essen bezahlt haben (überzogen für hisige Verhältnisse, moderat für Schweizer Verhältnisse), auf unserer doch beachtlichen Fahrt, keinerlei schlecht Erfahrungen gemacht haben.

 

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ITage 19 und 20: Azrou – Gorge du Ziz – Erg Chebi, nähe Merzouga (Sahara)


Irgendwann, kurz vor Morgengrauen, werde ich wach, meine Blase klagt über Platzmangel, als ich aussteigen und zur Toilette gehen will, sehe ich zwei grosse Hunde auf mich zu kommen. Der eine ist unverkennbar der Hofhund, der andere ist schwarz und steuert sehr direkt auf mich zu. Ich springe zurück ins Auto, schliesse die Tür und überlege, was jetzt zu tun sei. Als Fremdhundephobikerin sind Länder mit derart vielen Strassenhunden manchmal eine ziemliche Herausforderung. Nachdem mir klar wird, dass ich so weder weiterschlafen, noch aussteigen kann, wecke ich Herrn G., der normalerweise keinerlei Hundeangst kennt. Als er die Tür öffnet und sieht, wie der Hund, was für Strassenhunde untypisch ist, geradewegs auf ihn zusteuert, wird auch ihm etwas bang. Er greift sicherheitshalber zu Boden, nach einem Stein und setzt zum Verteidigungswurf an. Als der Hund vor ihm, im Dunkeln schwer zu erkennen, erwartungsvoll und freudig auf und ab zu hüpfen beginnt, hält er inne. „Charlotte?“ Unser Hundevieh hat offensichtlich die Tür zu ihrem Schlafplatz aufgeschoben und sich die Nacht mit Hofhund Herodes um die Ohren geschlagen. Ziemlich willig lässt sie sich wieder zu ihrem Schlafplatz geleiten, ich darf endlich zur Toilette und schlafe danach nochmal ein. Bis das benachbarte Dorf um 4 Uhr sein Treiben beginnt.
Als all wach werden, verabschieden wir uns von Platz, Hund und Besitzer und verlassen Azrou in Richtung mittleren Atlas. Kurz nach Azrou treffen wir auf die örtliche Attraktion: Freilebende Berberaffen. Oder besser gesagt: Freilebende, offensichtlich ziemlich genervte Berberaffen, denn als wir anhalten, um die Tiere zu betrachten, sind wir durchaus nicht die einzigen: Viele einheimische und einige ausländische Touristen fotografieren sich dabei, wie sie den Affen Erdnüsse reichen. Diese nehmen die Nüsse zwar, schmissen sie aber dann genervt weg, ohne sich weiter darum zu kümmern. Wir fahren rasch weiter, der mittlere Atlas ist eine der schönsten Gegenden, die ich kennenlernen durfte: Karg, steinig, schnönöd und unheimlich windig, mit minimalistisch grünen Tälern, in denen Schaf- und Ziegenherde herumziehen, Wind und Wetter ausgesetzte, braunlehmige Flachhäuser, andernorts stehen nur Lederzelte, wie sie wohl für nomadisierende Berber typisch sind. Irgendwo machen wir eine Zwischenhalt und essen im örtlichen Restaurant eine Gemüsetajine. Nach der Stärkung brechen wir, zusammen mit dunkeln Wolken, gen hohem Atlas auf. Es beginnt zu regnen, der Wind hält immer noch an und als die Steigung gerade zu zu nehmen beginnt, stossen wir auf einer grossen Ebene auf hunderte von parkierten Fahrzeugen und nehmen erst an, es handle sich wieder um eine Quelle mit Trinkwasser, wo wir schon oft Autoansammlungen gesehen haben. In diesem Falle sorgt aber die Polizei für den Fahrtunterbruch. Weiter oben hat es offensichtlich einen Unfall gegeben und aufgrund der schmalen Strasse, wird der Verkehr bis auf Weiteres zurückgehalten. So warten wir also, erst eine, schlussendlich ungefähr zwei Stunden lang, bei erstaunlich guter Allgemeinstimmung. Als wir endlich weiterfahren können, wird auch das Wetter langsam wieder heiterer und irgendwo im Gorge de Zis, einem hohen Atlastal, finden wir sogar einen Stellplatz mit Pool und verbringen eine deutlich ruhigere Nacht als gestern.

Heute haben wir Aufregendes vor, es ist der Moment, auf den die Kinder schon seit Reisebeginn hinfieberten, auch als wir noch gar nicht wussten, ob die Zeit dafür reicht: Wir fahren in die Wüste. Nach dem wir unsere Nacht in einem eher trockenen Teil der Ziz-Schlucht verbracht haben, verlassen wir den Atlas vorerst endgültig und bereits um die nächste Kurve, sehen wir erneut ein anderes Marokko. Inmitten der weiteren Schlucht liegt eine oasig anmutende, fruchtbare Fläche mit Palmen, einigen höheren Obstbäumen und Sträuchern. Eine Kurve weiter ein mittelgrosser See, dessen Ufer erstaunlich wenig von der Wassernähe zu profitieren scheint und karg, rotsändern und steinig das Gewässer umfasst. Je weiter wir uns der Wüste nähern, desto surrealer scheinen mir Land- und Ortschaften. Als stünde ich einer gigantischen Fatamorgana gegenüber frage ich mich immer wieder ungläubig: Sind wir wirklich hier? Sind wir wirklich mit dem Gefährten mal eben an den Wüstenrand gefahren? Bis hierhin hätten wir uns landschaftlich, nicht architektonisch, auch in der Türkei befinden können. (Was realistisch gesehen ebenso surreal anmuten könnte, aber meine alte Bekanntschaft mit der Türkei, rückt das Land gefühlt einige hundert Kilometer näher zur Schweiz.) Jedenfalls bestätigt das Marokko nahe der Sahara und der algerischen Grenze weiterhin jedes gängige Klischee: Die Strassen sind staubig, eine asphaltierte Strasse führt durchs Dorf, links und rechts Schotterwege, Städte werden in und um in Senken geschmiegte Oasen voller Dattelpalmen gebaut, die Häuser lehmern braun, mit Schilf versetzt, auf flachen Dächern mit eckigen Zinnen hängt Wäsche zum trocknen, man treibt vollbepackte Esel durch Dörfer, überall sind Menschen auf der Strasse, es gibt zahlreiche kleine, kaum Zimmergrosse Läden die vollgepackt mit Waren sind, die Männer tragen lange Gewänder und luftige Hosen, auf dem Kopf schützende Tücher, die Frauen sind zu einem Grossteil verschleiert, viele tragen Schwarz, bis auf die Berberfrauen, die sich eher farbenfroher und unverschleierter, aber bekopftucht zeigen. Aus den diversen oasenstädtisch anmutenden Ortschaften herausgefahren, finden wir uns plötzlich in der Sahara wieder. Nicht im Sandsaharateil, der nur 20% der 9 Millionen Quadratkilometer grossen Wüste ausmacht, eher im Steinwüstenteil, einer grauweissen, unheimlich weiten, steinübersähten Fläche, die wir erst auf Asphalt, später, als wir den Wegweiser gen angestrebtem Stellplatz folgen, auf vorgespurter Freifläche zurücklegen. Die Hitze ist gross, gefühlt aber nicht grösser als vorgestern, auf der Strecke von Chefchaouen nach Azrou, die Dünen kommen immer näher. Bei der Herberge angekommen, die laut Führer auch Stellplätze für Camper anbietet, stehen wir auch schon direkt vor den Dünen. Die Herberge, hinter hohen, vor Wind schützenden Mauern wirkt oasern grün, mit diversen äusserst attraktiven Innenhöfen, in einem davon hat es dekadenterweise sogar einen Kleinstpool, was die überhitzten Kinder sofort sehen. Der Stellplatz werde umgebaut, aber wir können den Gefährten parkieren und für 70 Euro, samt Abendessen und Frühstück in einem Appartement für 4 Personen übernachten, der Hund sei auch willkommen. Erst etwas widerwillig, nirgends schläft es sich besser als im Gefährten, willigen wir ein, hauptsächlich weil Weiterfahren für alle bei der Hitze eine sehr unschöne Vorstellung ist. Gegen 18 Uhr zieht ein Sandsturm auf, man sieht kaum einen halben Meter weit und der Sand schiesst in alle Ritzen. Dankbar schliessen wir das Fenster zum Appartement. Im Gefährten wäre diese Nacht sehr unangenehm geworden, bei sandsturmbedingt zwangsläufig geschlossenem Fenstern und deutlich über 30* hätte wohl niemand von uns geschlafen.
Bemerknisse:

Als Frau am Steuer scheine ich hier eher exotisches Exemplar zu sein, erst recht, wenn der Mann auf dem Beifahrersitz sitzt, auch die Strassenschilder, die zu Temposrosselung anregen wollen, sind nicht wirklich auf Frau zugeschnitten. So ist auf einem Schild beispielsweise eine trauernde Frau und Kinder zu sehen und der Satz: „Denk an deine Familie.“

Gegen die melodiösen Muezzine der Türkei und des Balkans, klingen die Muezzine Marokkos, Pardon, eher wie ein Formel1-Duell.

Ich vermisse die WiFi-Dichte und Stärke des Balkans.

Natürlich kann man bei Sandsturm die Gefährtenfenster halb offen stehen lassen, es ist halt nur nicht wahnsinnig zu empfehlen. (Geschrieben auf nach Ausgrabungsarbeiten geborgenem iPad.)

 

Anmerkung: Man entschuldige meine Kommentarfreischalt- und -bearbeitungsfaulheit, meine Internetzeit ist sehr begrenzt.

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Tage 17 und 18: Tarifa (Portugal) – Chefchaouen (Marokko) – Azrou


Wir schlafen fast etwas zu lange und kommen gegen halb 11 noch etwas in Zusammenpackstress, denn um 11 sollen wir am Hafen stehen. Wir schaffen es trotzdem pünktlich und stellen uns in die Reihe. Aus Spanien Auschecken und Einfahren ins Schiff verlaufen unspektakulär, die Spanier scheinen gut organisiert und auch die marokkanischen Grenzbeamten erledigen die Passkontrolle und -bestempelung gleich schon während der 35minütigen Überfahrt. Beinah euphorisch fahren wir in Tanger aus dem Schiff, werden aber gleich danach schon wieder angehalten und müssen ein weiteres Formular für unser Fahrzeug ausfüllen. Danach muss Herr G., auf den das Auto läuft, nochmal ins Büro, damit erneut seine Daten aufgenommen werden können. „Wo ist der Autoschlüssel?“ rufe ich ihm hinterher, weil ich ungern ohne Schlüssel im Auto warte, sondern den Wagen auch wegbewegen können möchte. Ein beistehender Grenzbeamter missversteht mich etwas und holt zu einer mehrminütigen Beruhigungsrede aus, weil er davon ausgeht, dass ich aus unerfindlichen Gründen Angst habe. Ich versuche mehrfach erfolglos ihn zu unterbrechen, bleibe aber chancenlos und lasse ihn mir schlussendlich beruigend zureden. Als ich Herrn G. allerdings wiederkommen sehe, bin ich ziemlich erleichtert. Nach gut 3/4h auf marokkanischem Land, dürfen wir endlich losfahren. Der ersten Blick, den wir von Tanger erhaschen, erfüllt so ziemlich all die Vorstellungen, die ich von diesem Land hatte: Es ist heiss, staubig, die Häuser sind flachdächern, niedrig und überwiegend weiss, überall spazieren Menschen in weiten Kleidern und kurz nach Tanger sind auch schon die ersten Lastesel auszumachen. Waren scheint man hier per überbeladene Lastwagen, Esel oder tragend zu transportieren, offensichtlich werden auch längere Strecken zu Fuss zurückgelegt und wie in Albanien, sind auch hier zahlreiche Sammeltaxis unterwegs, die lustigerweise, wie in Albanien, nicht selten weisse Mercedes-Busse sind, was zur Folge hat, dass wir auch hier immer wieder freudig begrüsst und herangewinkt werden. Wir erreichen Chefchaouen am Nachmittag und finden den Campingplatz dank hervorragender Beschilderung auf Anhieb. Der Platzwächter begrüsst uns freundlich, die Preise sind schnell geklärt und wir finden einen angenehm schattigen Platz unter Pinienbäumen. Kaum steigen wir aus dem Bus, werden wir auch schon begrüsst. Auf Berndeutsch. Der Grüssende ist Beat, Berner, seit 6 Monaten hier hängengeblieben. Mit seiner Hündin Virus wohnt er in einem Anhängerzelt, tuckert schon seit geraumer Zeit durchs Land und ist, wie erwähnt, seit einem halben Jahr hier, der Hauptstadt einer Region, die für ihren Hanfanbau bekannt ist. Er „geniesst, chillt, raucht und ist einfach“, wie er sagt und zeigt sich sichtlich erfreut, wiedermal in Berndeutsch schwadronieren zu können. Er nimmt sich viel Zeit, unsere Karte mit massenhaft Stellplätzen zu bekritzeln, so dass wir bestimmt nie in Schlafplatznot kommen werden. Gegen Abend marschieren wir noch zum Aussichtspunkt über Chefchaouen, zusammen mit der halben Stadt, besser gesagt, der männlichen Hälfte der Stadt. Mit der Dunkelheit wird es kühler, unsere Nacht verspricht angenehm zu werden.
Am Morgen verabschieden wir uns von unserer Berner Bekanntschaft und dem Platzwart und fahren weiter. Unser Tagesziel ist Merkes, eine Stadt, die als eine der marokkanischen Städte mit den schönsten Souks beschrieben wird. Die Strassen sind zwar ziemmlich wellig, aber vorwiegend schlaglochfrei, so dass wir zwar geschaukelt, aber kaum durchgeschüttelt werden und zügig vorwärts kommen. Nach wie vor bin ich erstaunt, wie viele Menschen überall auf der Strasse sind, wieviele offensichtlich längere Strecken zu Fuss und Esel zurücklegen und selten habe ich so viele Menschen wartend (auf Busse, Sammeltaxis und Taxis) gesehen. Anfänglich fahren wir noch durch Landschaftsabschnitte, in denen rege angepflanzt wird, immer wieder riechen wir Canabispflanzen, schaffen es aber nicht die Felder optisch mit Sicherheit auszumachen. Je weiter wir ins Land fahren, desto karger wird die Landschaft und je weiter wir in den Tag fahren, desto heisser wird es. Gegen Mittag hat die Luft Backofentemperatur angenommen und unsere Mittagspause fällt deswegen und weil wir keinen Schatten finden, relativ kurz aus. Ganze Dörfer und kleine Städte scheinen im Nirgendwo, in schatten- und schutzloser Einöde zu stehen, nicht wenige Häuser sind sehr einfach aus Ziegelstein, mit Lehm-Strohdächern gehalten und zwischen Chefchouen und Merkes, wo die Dörfer deutlich ärmer wirken, als noch zuvor, stehen ganze informelle Siedlungen aus Lehm und Wellblech an der prallen Sonne, nicht auszumalen, welche Temperaturen dort herrschen müssen. Kurz nach Mittag sind wir in Merkes, an unserem angestrebten Platz. Der bietet allerings keinen Schatten und kein Wasser, was bei diesen Temperaturen sehr ungünstig ist. Wir fahren also noch etwas weiter und streben Azrou an. Dafür überqueren wir einen kleineren Pass und Atlasvorgeschmack. Die imposante Aussicht über das vorunsliegende, bergigkarge Land, lässt Vorfreude auf den wirklichen Atlas aufkommen, den wir mutmasslich in den nächsten Tagen streifen werden. Bis nach Azrou veränderrt sich die Landschaft kaum, krage, kaumbewachsene Wiesen, Schaf- und Ziegenherden und einsame Esel, die doch überall etwas Essbares zu finden scheinen. Kurz nach Aurou hat es zwei Campingplätze, einer davon ist ein riesiger Komplex, der auf Saudi-Arabien macht, der andere ein kleiner Familienbetrieb. Beide Plätze sind kaum besucht, überhaupt treffen wir, bis auf den Berner von Chefchouen, kaum auf Ausländer und wenn mal ein nichtmarokkanisches Autonummernschild auszumachen ist, dann meist ein Französisches von Heimaturlaubern. Jedenfalls fahren wir zum kleineren der beiden Plätze und werden freundlich begrüsst. Der Besitzer der Herberge, mit angegliedertem Restaurant und Stellplatz, spricht perfektes Deutsch, er hat 20 Jahre lang in Köln gelebt und den wunderbar grünen Platz voller Kirschbäume von seinem Vater geerbt. Wir brauchen nicht lange, um uns dafür zu entscheiden hier zu bleiben. Die Kinder sind, kaum ausgestigen, schon auf dem ersten Baum, der Hund freundet sich sofort mit einem der Hofhunde an und ich spanne die Hängematte zwischen zwei alte Kirschbäume. Wir merken schon abends, dass die Nacht wohl etwas geräuschvoller wird, als wir es uns gewohnt sind, immer wieder hören wir Hunde bellen und Kühe muhen, die Nacht überrascht uns dann aber doch mit auditiver Intensität: Hunde bellen und jaulen, Kühe muhen, Esel rufen, Pferde wiehern, Störche klappern und kreischen, der Muezzin brüllt allenthalben und wir behelfen uns mit einem lauten Ventilator zur Geräuscheübertönung, um etwas Schlaf zu finden.
Bemerknisse

Kakteen sind die Tuijas der Marokkaner.

Marokko bescherte mir schon am ersten Tag einen neuen, unerwarteten Duschhöhepunkt: Wenn die Dusche in einer Kabine angelassen wird, kommt das Wasser in der nächaten Kabine raus.

Nach den EU-Ländern Frankreich, Spanien und Portugal, erlebt man in Marokko einen kleinen Preisschock: Hier übernachtet man für kaum 10 Euro und isst Gemüsetajine für 3 Euro.

Strassenmarkierungen, insbesondere Mittel- und Spurstreifen, sind unverbindliche Empfehlungen, dafür wird sehr genau auf die Einhaltung der Tempolimiten geachtet. Letzteres wird an den omnipräsenten Polizeikontrollen liegen. Wir haben, ohne Übertreibung, in den zwei Tagen schon mindestens 20 passiert.

 

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Tage 13 bis 16: Setùbal – Carrapateira – Zambujera – Armação de Pêra – Tarifa


Ich werde die Tage 14 bis 16 in Einem zusammenfassen, weil wir zwei Tage am selben Ort blieben und weil ich damit Spanien vorerst abschliessen und mich hernach Marokko widmen kann.

Nach einem üppigen Frühstück und herzlicher Verabschiedung, samt multipler Beteuuerung, dass wir jederzeit wieder mit offenen Armen empfangen würden, machten wir uns auf den Weg, Richtung Carrapateira zu fahren. Dieser Ort, oder viel mehr seine Strände, wurden uns von mehreren vertrauenswürdigen Quellen empfohlen. Wir schaffen die Strecke nicht, zu früh bekunden die Kinder Weiterfahrunwille und so steuern wir einen kleinen Platz, in einem netten, etwas zu touristischen Küstendorf an. Aber die Kinder geniessen das ausgiebige Spiel und ein Poolbad so sehr, dass sich der Zwischenstopp durchaus lohnte. Wir verbringen eine angenehm kühle Nacht.

Am nächsten Tag starten wir erneut mit Carrapateira als Ziel und tatsächlich erreichen wir den Ort, und einer der Strände, der uns als Übernachtungsplatz empfohlen wurde, kurz vor Mittag. Der erste Eindruck ist ernüchternd, der Strand zwar nett, aber total überfüllt, ebenso der schattenlose Kiesplatz, wo wir stehen sollten. Kurz erwägen wir einfach weiter zu fahren, aber nach einer kurzen Konsultation „unserer Deutschen“ werden wir auf den rechten Weg gelotst und befahren auf gut Glück eine der unzähligen Sandschotterstrassen, die zwischen Carrapateira und dem westlichen Nachbardorf gen Meer führen. Als wir mit unserem Gefährt nicht mehr weiterkommen, laufen wir den Rest zu Fuss und finden einen der schönsten Strände, an denen ich je war, eine kleine Bucht, ganz für uns allein. Der Atlantik tut wild und wellig und wunderschön und wir verbringen einen wahnsinnig wunderbaren Nachmittag. Gegen Abend wird es kühler, die Kinder sind sandbefüllt und müdegetobt. Wir denken kurz darüber nach, zurück zum Gefährten zu laufen und gleich da zu übernachten, entschliessen uns aber aus Wassermangelgründen dagegen. Ein Entscheid, den wir sehr bald bereuen, denn voller Energie entscheiden wir uns dafür, noch etwas weiter zu fahren und landen küstabwärts mitten im Algavretourismus, wo wir notgedrungen übernachten.

Am nächsten Morgen beschliessen wir einhellig: Wir haben genug. Den Algavretourismus wollen wir uns nicht antun. Wir legen einen unschönen Fahrtag ein und erreichen am Abend Tarifa, eine Hafenstadt, von der aus wir nach Marokko überzusetzen gedenken. Der Strand ist zwar gut besucht, aber so weitläufig, das kein Platzmangel herrscht. Die Kinder spielen sich im seichten Wasser der aufkommenden Flut in Erschöpfung und fallen nach dem Abendessen bald ins Bett. Die Nacht wird, trotz gut besuchtem Camping platz, ruhig und schlafvoll.

Am nächsten Morgen stehen wir sehr früh auf, ja, die Kinder sind kaum wach zu kriegen. Wir wollen Wale und Delphine beobachten gehen und haben dafür eine Stiftung gewählt, die uns von Bekannten empfohlen wurde. Die Firmm-Fondation, eine nonprofit Organisation, die mit „respectfull Whalewaching“ werben, bei Ausfahrten bewusst auf zu viel Tempo, zu aggressivs Annähern und Radar und andere Ortungsgeräte verzichtet, um die Tiere nicht zu stören. Ausserdem setzen sie sich für eine Verkehrsregulierung auf der Strasse von Gibraltar ein, kümmern sich um den Tierbestand, forschen, klären auf (Nach den Touren per Vorträge) und setzen sich nachdrücklich für die Meeressäuger und den Umweltschutz der Region ein. Eine durchaus unterstützenswerte Stiftung, die auch Patnschaften für ihre beobachteten Tiere anbieten, um den Erlös weiter für ihre Arbeit einzusetzen. Als wir das Schiff besteigen, ist das Meer relativ ruhig, aber im kleinen Boot ist der Wellengang doch deutlich spürbar, einigen der Mitgereisten schlägt das offensichtlich auf den Magen. Mir kommt der Gedanke an Gummiboote und Flüchtlingsrouten… Gut in der Mitte der Gibraltarstrasse treffen wir auf einen Schwarm grosser Tümmler, die furchtlos neben dem Boot vorbeispringen. „Wie wunderschön!“ ruft Kind2 aus, „Nie soll man Delphine haben!“ (Meint Delphine halten, wie in manchen Zoos. „Frei müssen sie sein!“ Tatsächlich, wenn man sieht, mit welchem Tempo und Ausdauer sich diese Tiere fortbewegen, bis zu 120 Kilometer weit am Tag, wird ziemlich eindeutig, wo diese Tiere hingehören. Zurück an Land hören wir den informativen Vortrag über Organisation, Region und Tiere, buchen unsere Überfahrt nach Marokko und begeben uns zur Mittagszeit zurück zum Gefährten, wo wir den Rest des Tages lesend, spielend und plantschend verbringen.
Bemerknisse:

Ein wirklich toller Nebeneffekt des Unterwegsseins: Man verreist, verwundert und verschläft das Weltgeschehen.

Partygiesen sind laut.

Nach zwei Wochen Reise, kommt es mitr so vor, als wären wir schon wieder Monate unterwegs. Alles ist eingespielt und fühlt sich richtig an.

 

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Tage 11 und 12: Nähe Manteigas, Parque Natural da Serra da Estrela – Ericerira – Lissabon – Setùbal


Am Morgen fahren wir aus dem Park und relativ autobahnlastig ans Meer, wo wir gegen Mittag in Ericeira ankommen. Dort landen wir mitten im Surfertrubel. Der Campingplatz ist allerdings so weitläufig, dass wir eine gut geschützte Ecke für uns finden. Danach verbringen wir den Rest vom Tag am relativ gemässigt besetzten Strand, beim Spiel mit Sand und Wellen. Am Abend spazieren wir gen Stadtkern, um dort zu essen. In der Abendsonne präsentiert sich Ericeira, mit seinen weissgetünchten, eng aneinandergeschmiegten Niedrigbauten, mit blauen oder gelben Farbakzenten durchaus lieblich. Die Gassen sind schmal, das Klopfsteinpflaster unregelmässig, ab und zu findet sich sogar eines dieser ganz und gar wunderbaren Häuser mit Plättchenfassade und die Stadt ist so angelegt, dass man erhoben, Sicht über Klippen und Fischerhafen hat. Über unseren Köpfen schwirren die Schwalben, zu unsern Füssen, im Hafen, zettern Möwen im Kampf um Fischreste und ja, man könnte sich in dieses Städtchen verlieben, hegte man diese Gefühle nicht zeitgleich mit einer Horde anderer Touristen. Nach einem Tag mit etwas zu viel Sonne schlafen wir spät und tief ein. Der Plan für den neuen Tag lautet: Nach Lissabon fahren, gucken, ob wir nahe dem Hafen parkieren könnn, zu Fuss los laufen, nach Stadtbesichtigung zu der Familie eines Schülers des Herrn G. nach Setùbal fahren, abendessen und da übernachten. Kind2, das über Nacht fieberte, vereitelte den Fusslaufplan und so fahren wir zumindest in Lissabon ein, um zu sehen, ob wir uns da zumindest für ein Eis irgendwo hinsetzen können. Wir finden tatsächlich einen schattigen Parklatz, direkt neben der Station des Yellow Buses. Der Yellow Bus ist ein Hop on Hop Off Bus, der Touristen linienfährtig zu den Sehenswürdigkeiten bringt. Toll, denken wir und fragen nach dem Preis. Man winkt ab, der Preis ist unwichtig, aber Hunde sind nicht erlaubt. Toll, denken, wir, dann lassen wir Charlotte eben schattig parkiert im Bus. Die Tour soll immerhin nur 1 3/4 h gehen, so viel Schattenwarten ist dem Vieh zuzutrauen. Wir erwischen dann auch gleich den nächsten Bus, Kinder fahren gratis mit und sind anfänglich ziemlich begeistert. So von oben herab und dachlos, hat man einen ziemlich guten Ausblick und, Himmel, endlich mal Stadtfahrt ohne lästiges Navigieren. Dann stehen wir ewig an einer Ampel, fühlen uns ziemlich sonnengetrocknet, wie so Biotrockentomaten, schöpfen wieder Mut, als der Bus weiter fährt, für zwölf Sekunden, um dann wieder an einer Ampel zu stehen. Wir haben mittlerweile Status geröstet und leicht gesalzen erreicht und gesehen haben wir eigentlich auch nicht mehr, als die Strasse, über die wir angereist sind. Man kann vielleicht sagen, dass wir die falsche Tour erwischt haben (es gibt mehrere), aber viel Hoffnungsvolleres gab es der Tour nicht abzugewinnen. Schade. Nach Rückkehr zu unserem Gefährten fahren wir direkt los nach Setùbal, wo wir von Herrn Gs Schüler und dessen Grossltern schon aufgeregt erwartet werden. Der Schüler, nennen wir ihn Vincent, übersetzt so gut es geht, die Grosseltern sprechen kaum Englisch und nur wenig Spanisch. Wir werden äusserst freundlich empfangen und gleich in „unsere Schlafzimmer“ geführt, wo wir auch ein eigenes Badezimmer haben. Herr G. wendet sein ganzes Verhandlungsgeschick auf, um zu erreichen, dass wir im Bus schlafen können, ein Anliegen, das für ziemliches Kofschütteln sorgt, aber schlussendlich gebilligt wird. Nachdem alle Umstände geklärt sind, werden wir auch schon zu Tisch gebeten, wo die Grossmutter Salate, Käse, Wurst, Sardinenpaste, Berge verschidenartigen Fleischs und Brot reicht. Wie es sich für eine richtige Grossmutter gehört, findet sie, dass wir alle zu wenig essen, dass die Kinder zu dünn sind und kann sich einen entsetzten Ausruf nicht verkneifen, als ich kund tue, dass ich kein Fleisch esse. Dafür kredenzt uns der Grossvater einen vorzüglichen Wein, bei dessen Beschreibung er sich bedeutungsvoll am Ohrläppchen zupft, eine Geste, mit der hier, wie Herr G. erfragt, gerne Gefallen unterstrichen wird. Nach dem Essen entsteht eine längere Gesprächspause, bis der Grossvater, offensichtlich um Überwindung ringend, Herrn G. die Frage stellt, welche beruflichen Perspektiven Tobias als Sonderschüler in der Schweiz habe. Es wird ein langes Gespräch, über ein versagendes Schul- und Sozialsystem und ungleiche Chancen. Der Grossvater scheint zu verstehen: „Das System,“ sagt er, „das System..“ Nach dem Essen tun wir, was alle nach dem Essen tun: Wir spazieren durchs Dorf. Tobias‘ Familie wohnt nahe dem Industrieteil der Stadt, die Kamine des naheliegenden Zementwerks, wo Tobias‘ Vater bis vor Kurzem noch gearbeitet hat, in Sichtweite. Man kennt sich hier, Tobias grüsst hier, winkt da und führt uns zu seinem anderen Grossvater, der auf der anderen Seite der Eisenbahnlinie wohnt, die wir irgendwann barrierefrei überqueren. Das ist ungefährlich, die Züge sind nämlich ohrenbetäubend laut, man hört sie von Weitem, weil das System hier noch nicht auf Elektrizität umgestellt wurde und die Loks mit Diesel oder Öl betrieben werden. Hinter jedem Gartenzaun kläfft, bellt oder knurrt ein Hund, hie und da kräht ein Hahn, der Mond beleuchtet die laternenlosen Strassen. Langsam sind wir alle müde, wir verabreden uns zu zeitigem Frühstück und legen uns schlafen. Im Bus.
Bemerknisse

Lissabon hat Ampeln. Lissabon hat viele Ampeln und aie zeigen rot, rot, rot, rot, grün (wenn du gerade weg siehst), orange, orange, rot, rot, rot, rot, rot, rot, rot, rot.

Sobald die Städte kleiner werden, werden die Zäune höher und die Hunde dahinter lauter.

Mein Versuch, Gefallen durch Ohrläppchenziehen zu bekunden, blieb unbemerkt. Niemand hat hingesehen.

 

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