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Hamburg


Mit meinem Ausflug nach Hamburg war ich erstmals gänzlich begleitungslos auf Reisen. Meine Befürchtungen, mich aufgrund mangelnder Selbstorganisation plötzlich in Palermo statt Hamburg wiederzufinden, waren allerdings unbegründet. (Die entsprechenden Vorkehrungen hätte ich allerdings getroffen und vorsorglich Bikini eingepackt und Beine rasiert, für den Fall, dass ich plötzlich in ungeplant warmen Gefielen landete.) Dank den Leuten aus diesem Internetdingsda, fand ich im Vorfeld ein charmeloses, aber preiswertes und vor allem sehr hafennahes Hotel, verfügte über Reiseführer, Anwohnertips, die liebenswürdige @frauzimt lieferte mir gar eine minutöse Wegbeschreibung von Bahnhof zu Hotel und ich brach wohl so vorbereitet ins Ausland auf, wie noch nie zuvor. Dass ich es in Reisefolge tatsächlich schaffte, der Tatsache, dass die Deutsche Bahn sich spontan dazu entschloss, meinen Zug nicht bis in den Hamburger Bahnhof fahren zu lassen und uns in irgendeinem Vorstadtbahnhof zum Umsteigen auf S-Bahnen orderte, ohne grössere Nervenzusammenbrüche zu begegnen, versetzte mich gleichermassen in Erstaunen und allmachtsphantasienangehauchte Begeisterung. Die Stadt selber jedenfalls, vermochte mich von Anfang an für sich zu gewinnen, wohl auch, weil ich den ersten Schritt aus Stationen öffentlicher Verkehrsmittel an den Landungsbrücken machte, wo Frau aus der U-Bahn stolpert und direkt den Hafen überblickt, ein guter Anfang für jemanden mit Vorliebe für Wasser, angerostete Hafenkräne und Frachtschiffe.

Hamburger Hafendings

Hamburger Hafendings

Ich verbrachte die Tage hauptsächlich zu Fuss. Wahrscheinlich zu zu Fuss, denn ich trug eine leichte Achillessehnenentzündung davon. Genau da liegen aber wohl die Vorteile des Alleinreisens, nicht in Achillessehnenentzündungen, freilich, aber in der Möglichkeit kompromisslosen Lustwandelns. Ich marschierte um die Alster, der Elbe entlang bis ins Treppenviertel, durch die Speicherstadt, folgte dem Stadtdeich, besuchte das Grindelviertel, Sankt Pauli, Sankt Georg und ziemlich jedes Quartier, das im ungefähren Zentrum touristischer Stadtkarten zu sehen ist, ich ass Fischbrötchen, fuhr Boot mit der liebenswerte Frischen Brise, sah mit ebendieser der Sonne vom Michel aus beim Untergehen zu, fuhr per U-Bahn nach Zufallsprinzip ins Blaue, betrachtete die Menschenmassen auf dem Fischmarkt aus der Ferne und trank literweise Kaffee. Abends ging ich jeweils relativ früh zu Bett der und Hinweis der Receptionistin, dass die Schlüsselkarte zwingend nicht zu verlieren sei, weil man sich sonst nach 23 Uhr ausgesperrt vor dem Hotel wiederfände, diente dann auch eher meiner Belustigung. Nein, Reporterin des Nachtlebens werde ich niemals sein, aber für einen einfachen Reisebericht für die SBB reichte es:

Mit dem Zug nach Hamburg.

Wer bunte Fischmärkte, Hafenatmosphäre und urbane Gewässer ebenso mag, wie historische Backsteingebäude, architektonisch spannende Neubauten, weltoffene Atmosphäre und ein reiches Angebot an Zerstreuung, wird in Hamburg finden, was er/sie sucht.

Ausserdem ist die Stadt von der Schweiz aus relativ unkompliziert zu erreichen. Von Bern kommend schafft man es, je nach Verbindung mit nur einmaligem Umsteigen, in etwas über sieben Stunden bis in den Hamburger Hauptbahnhof. Wer sich mittels früher Reservation gar einen Fensterplatz im ICE sichert, gute Lektüre und ein offenes Ohr für alltagskomische Zugbegegnungen mitnimmt, muss sich auch nicht vor Langeweile auf dem Reiseweg fürchten.

Das Umsteigen am Hauptbahnhof auf die U-Bahn Richtung Hotel, ist, wenn Richtung und passende U-Bahnnummer bekannt, keine Hexerei. Alles ist gut beschriftet und für den Notfall stünden Taxis zur Verfügung. Glück hat der/die, dessen Hotel die Anfahrt über die Landungsbrücken verlangt und dort mit dem ersten Schritt aus Hamburgs Bahnhöfen direkt einen Blick über den Hafen erhascht. Hier befindet man sich im Kern des touristischen Hafentreibens, mit flanierenden Menschen, Marktständen mit Souvenirs, Fischbrötchenbuden (besonders empfehlenswert an der Landungsbrücke 10), regem An- und Ablegen von Linienschiffen und einer von kreischenden Möwen und lauthals werbenden Hafenguides in Kapitänsmützen untermalten Geräuschkulisse.

Eingenachtes Hamburg

Eingenachtes Hamburg

Moingentliches Hamburg

Moingentliches Hamburg

Für gewässerliebende Städtereisende wie mich, lassen sich von hier aus die meisten wasserlastigen Sehenswürdigkeiten zu Fuss erreichen. Spaziert man von den Landungsbrücken nach Osten, befindet man sich bald in der Speicherstadt, wo sich imposante historische Backsteinbauten aneinanderreihen und in bemerkenswert harmonierendem Kontrast zu den hypermodernen Beton-, Glas- und Stahlgebäuden der benachbarten Hafencity stehen. Schlendert man von den Landungsbrücken nach Westen, eröffnet sich nach Sankt Pauli und der angrenzenden Altstadt, die so alt gar nicht anmutet, die Gelegenheit zu einem wunderbaren Elbspaziergang, die wohl auch von vielen Hamburgern rege genutzt wird.

Elbisches Hamburg

Elbisches Hamburg

Durch das pittoreske Övelgönne, mit seinen aneinandergereihten, gemütlich wirkenden Handwerkerhäuschen und dem Museumshafen gelangt man an herrschaftlichen Häusern vorbei, nach Blankenese in ein weiteres idyllisches Viertel, in dem noble Villen durch verbindende Treppen und enge Strässchen eine Einheit mit alten, kleinen Fischerhäuschen bilden. Wer von hier aus nicht zurücklaufen mag, findet gute Verbindungen per der S-Bahn und/oder Schnellbus zurück ins Zentrum. Ein weiterer wasserlastiger Höhepunkt ist ein Spaziergang um die Innen- und Aussenalster, wo man neben schön gelegenen Villen, der Hamburger Moschee und wunderbarer (Semi-)Fernsicht Richtung Neustadt auch mindestens die Hälfte der Hamburger Hundepopulation und massenhaft Hamburger in Joggingkleidung beobachten kann. Ausserdem bietet sich ein Abstecher ins Literaturhaus an, wo Bücher und guter Kaffee angeboten wird.

Zwingender Programmpunkt, für Hamburgreisende mit Wasser- und Schiffvorlieben, ist ausserdem eine Schifffahrt, die das nähere Betrachten von Frachthafen, Kränen und den beeindruckenden, attraktiv angerosteten Frachtern erlauben. Dafür muss man sich nicht mal der überteuerten Hafenrundfahrten bedienen, sondern kann auf einem der diversen Linienschiffe eine Runde sitzen bleiben. Nicht ganz so nah am Wasser, aber mit garantiert grandioser Aussicht, wartet der Michel auf, dessen 132 Meter hoher Kirchturm einen unvergleichlichen Blick über Hamburg ermöglicht und besonders in Sonnenuntergangsstimmung lohnt. Dieses Panorama kann zum wunderbaren Stadtreiseabschluss werden, während von oben noch mal überblickt werden kann, was aus anderer Perspektive schon betrachtet wurde.

Hamburg vom Michel aus.

Hamburg vom Michel aus.

Bemerknisse:

  • Von der sagenumwobenen nordischen Unterkühltheit war in Hamburg nicht viel zu spüren. Meine leichte Verwirrtheit im U-Bahnhof wurde sofort bemerkt, und ich in richtige Richtungen gleitet, auf mein Zögern, als ich mit adipösem Koffer vor gestossen voller S-Bahn stand, mit einem freundlichen «Na, hüpf rein, wir machen Platz!»

    Fast freundliches Hamburg

    Fast freundliches Hamburg

  • Der Buschauffeur, der meinte, ich hätte ein ganz tolles, sehr schickes Ticket. Man muss sie mögen, die Hamburger.
  • Die Hamburger duzen gerne.
  • Selbst das teure Hamburger Pflaster ist, bei den momentanen Eurokurse, fürs Schweizer Portemonnaie preiswert.
  • Die Fussgängerampelaktivierungskästen sind offensichtlich für Hamburger Hände konzipiert. Anders kann ich mir Drückmisserfolgsquote nicht erklären. (Und die Blicke, wenn Frau wieder scheinbar tatenlos und debil vor den roten Fussgängerampeln steht und dann ein Hamburger kommt und das Ding mal eben aus dem Handgelenk aktiviert…)
  • Hamburg ist in hervorragenden Fugenabständen bebodenplattet, die das Vermeiden von Tritten auf Plattenzwischenräume erleichtern, solange man nicht auf die Fahrradwege steht.

    Fahrrädenes Hamburg

    Fahrrädenes Hamburg

  • Einer der einsamsten Orte Hamburgs finden Sie am Stadtdeich. Einer der überfülltesten Orte Hamburgs finden Sie Sonntags am Fischmarkt.
  • Die Fahrt von Hamburg nach Bern reicht exakt, um den neuen Houellebecq zu lesen.

 

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Auch lustig: Hier ist der Hamburgartikel noch in Englisch zu finden.

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8 Anzeichen im Zug, dass bald Weihnachten ist.


(Der folgende Artikel erschien als Blogpost im Blog der Schweizerischen Bundesbahnen.)

Wenn Ostern vorbei ist und die Einkaufsläden langsam auf weihnachtlich umsatteln, allenthalben von Eiern auf Sterne umdekoriert wird, Schokoladenhasen eingeschmolzen und als Samichläuse reanimiert, Ostergräser vergoldet und als Lametta verkauft werden, bleibt ein minimales Zeitfenster, in dem man sich dem Ganzen noch entziehen kann. Zum Beispiel, in dem man nur online Einkäufe tätigt, grundsätzlich andere Umgebungen als tiefste Natur meidet und allerhöchstens mal zur Arbeit fährt. Irgendwann schalten allerdings auch Webseiten auf weihnachtliches Design um, es schneit verdächtig und sogar in öffentlichen Verkehrsmitteln deutet alles auf Weihnachten hin.

Damit Sie als Pendlerin oder Pendler die Zeichen nahender Festlichkeiten auch ja nicht übersehen, habe ich sie für Sie hier aufgelistet:

 

 1. Erlauschtes.

Untrügliche Bald-Weihnachten-Hinweise sind leicht panisch anmutende Telefongespräche von Mitreisenden im Zug. Wie zum Beispiel dieses:

«Hallo, hier ist Urs, ich rufe an wegen dem Weihnachts… Hörst du mich noch?»

«OK. Ich rufe an, wegen dem Weihnachtsgeschenk für Chayenne… »

«WEIHNACHTSGESCHENK! »

«Ja… Was wünscht sie sich denn? Hallo? Hörst du mich? »

«Was sie sich wünscht!? »

«Wie, sie hat keine Wünsche? Das kann doch nicht sein! »

«Ein Buch, vielleicht, oder eine CD? »

«Wie ‘Tablett’? Spielt die immer noch Kochen und sowas? »

«Ich verstehe dich schlecht, aber Medikamente wird sie von mir auch keine kriegen, nein. »

«Hallo? Hallo! Gopf.»

 

2. Kindliche Loblieder auf den «Zimetstärn».

Kinderstimmen, die überall und zu jedem Zeitpunkt (so auch im Zug) dieses vermaledeite Zimtsternlied singen, dass sich hartnäckig in den Gehirnwindungen festkrallt.

 

 3. Glühweinende.

Sentimentale, distanzgefühlverlustige Alkoholuntote mit Zimtnote, die am bahnhöflichen Weihnachtsmarkt einen über den Durst getrunken haben und zum Glück nicht mit dem Auto nach Hause fahren.

 

 4. Tannentransport.

Harz- und Kratzspuren nach verlorenem Kampf gegen Türdrängler mit neu erstandenen Gigantotannen, hernach dezentes Tannnadelrieseln von oben aufgrund der auf Hutablagen deponierten Immergrüngewächsen.

 

 5. Lektürenwandel.

Tief in Spiezeuglkataloge vertiefte Erwachsene.

 

6. Last Christmas, Jingle Bells und Co.

Weihnachtliche Klingeltonbelästigung, die nach zwei gehörten Takten zu ganztägiger Verohrwurmung führen.

 

 7. Weihnachtslittering.

Knisternde Erdnussschalen am Boden, Glitzerpapier zwischen den Sitzen und schokoladene Kinderhandabdrücke an den Fensterscheiben.

 

 8. Weihnachtliche Motive auf Strickbekleidungsstücken.

Ein augenschockierender Rentierpulli hier, dezent beweihnachtssternte Socken unter Faltenhosen da und allenthalben Schals mit lustigen Schneemannmotiven. So sehen Pendler im Weihnachts-Outfitaus.

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Das Litterding.


(Der folgende Artikel erschien als Blogpost im Blog der Schweizerischen Bundesbahnen.)

Minuten vor der Zugausfahrt besorge ich mir neben Kaffee und der gehaltvollen Pendlerzeitung auch noch die Ausgabe einer Lokalzeitung, mein Arbeitsweg dauert nämlich länger als 20 Minuten. Auf dem Perron stehe ich genau richtig, ich weiss wie Hasen laufen und Züge halten. Der Wagen hält so, dass die Türe sich exakt neben meinem rechten Fuss öffnet und ich schiele nach bewundernden Blicken für mein Ort- und Timing.

Ich finde eine Platz in einem der Zweierabteile mit Einzelsitzen, ohne dass meine Ellenbogen zum Einsatz kommen müssten, völlig leer vor. Meinen Kaffee stelle ich auf den Tisch, die Lokalzeitung lege ich daneben, die Gratiszeitung behalte ich vorerst in der Tasche, mehr so als Joker, falls ich zu einem der langen Artikel in der Lokalzeitung auch noch die Kurzvariante mit reisserischem Titel lesen möchte. Während ich meine Jacke ausziehe und dabei versuche, keine der durch die Gänge strömenden Mitreisenden zu verletzen, werde ich nach dem Besetzungsgrad des gegenüberliegenden Sitzes gefragt. Mit einladender Geste bedeute ich der Dame Platz zu nehmen, hänge meine Jacke auf und setze mich ebenfalls.

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Mit Zeitung und Kaffee im Zug.

«Brauchen sie die noch?»

Planungsfehler: Ich habe Zucker und Löffel in der Jackentasche vergessen und auch die Kopfhörer liegen noch sorgsam um den gesamten Tascheninhalt verknotet ausserhalb meiner direkten Reichweite. «Brauchen sie die noch?» Fragt meine Mitreisende und deutet auf die Lokalzeitung. »Ja, ich werde sie lesen, sobald ich den Kopfhörerkabel-Houdini gemacht und meinen Kaffee gesüsst habe», erwidere ich freundlich, während ich mich um das tascheninterne Chaos kümmere und hoffe, dass ich es schaffe, meine Kopfhörer zu befreien, bevor der Kaffee zu kalt ist. «Entschuldigen Sie, kann ich rasch etwas nachschauen, während sie die Zeitung noch nicht lesen?» Mein Gegenüber nimmt die schutzlos rumliegende Zeitung fast schon zur Hand, aber ich erkläre: «Ich bin gleich fertig und möchte dann gerne lesen, aber ich kann sie Ihnen gerne überlassen, sobald ich ausgelesen habe.» Kurz im Kaffee gerührt, Kopfhörer aufgesetzt, passende Musik gewählt, irgendwas Episches, passend zu Pendlerwerbung und Mörder-Drummer, versenke ich mich genussvoll in die Dramen der Welt, etwas Realität vor dem jobbedingten Heilpädagogenflausch.

Begehrtes Papier.

Gerade will ich vom Auslandteil zur Wirtschaft wechseln, ich lese gerne kreuz und quer, als meine Sitznachbarin winkend um meine Aufmerksamkeit bittet. Ich setzte die Kopfhörer ab und versuche fragend auszusehen. «Dürfte ich den Teil, den Sie jetzt gerade gelesen habe schon haben?» Sie fragt freundlich, das muss man ihr lassen, und blickt dabei so freudig erwartungsvoll wie mein Hund, wenn ich am Schrank mit dem Hundefutter vorbeilaufe. «Ich lese kreuz und quer, müssen Sie wissen. Das tue ich immer schon unchronologisch und ich würde das gerne auch heute tun.» Offensichtlich enttäuscht lehnt sie sich in ihren Sitz zurück, ein spontaner Tagtraum zeigt sie mir in Dreijährigenmanier mit Fäusten gegen meine Brust schlagen, aber nichts Derartiges geschieht. Ich bin erleichtert. Sie leidet still. Langsam wird mir etwas unwohl und plötzlich fällt mir die Gratiszeitung ein, die unterbetrachtet in meiner Tasche liegt. Ich krame sie hervor und reiche sie meiner lesehungrigen Mitreisenden, die sie zögerlich nimmt. «Die lese ich ja normalerweise nicht… Würden Sie auch tauschen?» fragt sie, fügt aber, nach dem sie meinen leicht entnervten Blick bemerkt, beschwichtigend hinzu: «Wenn Sie fertig sind, wenn Sie fertig sind, natürlich! Sie lesen die Zeitung sehr gründlich, das ist ja heute auch nicht mehr selbstverständlich, bei so Jungen, das sollte man ja eigentlich unterstützen.»«OK», brumme ich und irgendwas von «ich bin im Fall 30, ey».

Gelitten oder gelittert?

Kurz vor Zürich beschliesse ich fertig zu sein, falte die Zeitung zusammen und lege sie auf den Zugtisch. «Ich habe ausgelesen», sage ich. «Sehr gut», meint mein Gegenüber. Ich packe meine Sachen zusammen, die Umsteigzeit in Zürich ist knapp bemessen, weswegen ich darauf bedacht bin, vor den desorientierten Ausflüglern auszusteigen. Auch meine Mitreisende richtet sich aufbruchsfertig, steht auf und verlässt das Abteil Richtung Treppe, die hart umkämpfte Lokalzeitung liegt einsam auf dem Zugtisch, die Gratiszeitung auf dem Sitz. «Sie haben die Zeitung vergessen!», rufe ich ihr zu. Und wedle gen verlassenes Abteil. «Das ist nicht meine Zeitung! Jetzt schieben Sie das nicht auf mich. Erst geizen, dann littern ‒ die hat man gern!» Ich tue so, als würde mich das alles nichts angehen und als der Zug hält, versuche ich mich zu beherrschen und weder nervös zu trippeln noch mit den Füssen zu scharren. «Die Leute denken, dass sie die Zeitungen überall liegen lassen können, irgendjemand räumt die ja schon weg. Das ist Zeitungslittering! Dabei gibt es da draussen EXTRA so Altzeitungskübel!», sie zeigt theatralisch nach draussen, wo der Zug langsam in den Bahnhof einfährt.

Karmabedingtes Altpapiersammeln.

Der Moment zwischen Halt und Türöffnung scheint mir heute besonders lang. «Erst geizen, dann littern, jaja, die hat man gerne!» Höre ich sie mir hinterher rufen, während ich in die nächste S-Bahn spurte und leichte Schuldanwandlungen verspüre. War das nun Littering? Um Himmelswillen, habe ich gelittert? Um mein Karma wieder zu besänftigen, sammle ich in der S-Bahn Gratiszeitungen und werfe sie in einer der «EXTRA-so-Altzeitungskübel». Dann finde ich eine alte Ausgabe des GEO Reisen, setze mich, will gerade die Kopfhörer aufziehen, als ich gefragt werde: «Entschuldigen Sie, brauchen Sie das Heft noch?»

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Pro Fundbüro


(Der folgende Artikel erschien als Blogpost im Blog der Schweizerischen Bundesbahnen.)

Menschen wie ich, ich spreche von Menschen, die ihre Brille im Kühlschrank wieder finden oder beim Spielen dem Hund irrtümlich das Mobiltelefon, anstatt den Tennisball zuwerfen, ich spreche von Menschen, die von Zeit zu Zeit etwas zerstreut durch den Alltag irren, diese Menschen mögen Fundbüros.

Es begab sich also, dass ich morgenroutiniert auf dem Pendlerweg eine Station vor Ankunft am Arbeitsort damit begann, mich so einzurichten, dass ich sämtliche Utensilien für einen sofortigen Arbeitsstart in Griffnähe habe. Wichtigstes Objekt hierfür ist mein Schlüsselbund, den ich jeweils an meiner Hose befestige. Ohne den Schlüssel komme ich weder irgendwo rein, noch irgendwo wieder raus. Nachdem ich die Hälfte des Tascheninhalts über die beiden Sitze vor mir verteilt hatte, fand ich endlich den Schlüssel und legte ihn aufs Zugtischchen, überlegte, ob ich ihn nicht lieber gleich befestigen sollte, entschied mich dagegen, verstaute Aufgeräumtes entweder zurück in meine Tasche, oder direkt in den Müll, als mein Telefon klingelte*. Ein Notfallanruf** von einer wichtigen Person***, wegen irgendwas Lebenswichtigen****. Gerät und Inhalt absorbierten mich für einige Sekunden. Der Zug fuhr ein, ich stieg aus und marschierte strammen Schrittes Richtung Arbeitsort.

Der Schock.
Vor verschlossener Tür tastete ich mit geübtem Handgriff nach Einlasshilfe in Schlüsselform und griff ins Leere. Es war einer dieser Momente, in denen das Herz mir direkt durch den Beckenboden gen Untiefen rutschte und ich das zugeführte Koffein in Spritzfontänen wieder ausschwitzte. Der Schlüssel war weg! In derselben Sekunde wurde mir auch klar, dass das Unglück ganz typischerweise in dem Moment geschah, als ich mich kurz der Gedanke streifte, den Schlüssel nicht nur abzulegen, sondern zu befestigen, und ich mich dagegen entschied. Nach einigen Versuchen, unter Fluchen in der Zeit einige Minuten zurück zu reisen, blieb mir nur noch die stille Resignation und das Betätigen der Hausklingel. Man gewährte mir gnädigerweise Einlass, ohne mich all zu sehr zu belächeln, ich begab mich auf direktem Weg an den Computer und formulierte auf sbb.ch eine Verlustmeldung.

Der Jöö-Effekt.
Meine Verzweiflung war gross, meine Motivation durch detailgetreue Beschreibung des Schlüsselbunds den Sucherfolg zu erhöhen ebenso. Ich bemühte mich also sehr und formulierte einen zweiseitigen Suchbeschrieb samt Fotozugabe. (Nicht vom Schlüsselbund, aber von Charlotte (meinem Hund) in Welpentagen, Welpenbilder kommen immer gut an und mit einigen zusätzlichen Glückshormonen intus würde der Suchzuständige sicherlich noch erfolgreicher sein.) Den Rest des Tages verbrachte ich beim Unterrichten, zwischenzeitlich unterbrochen von diesen Herz-Beckenboden-Koffeinfontäne-Momenten, wenn mir wieder einfiel, dass mein Schlüssel irgendwo da draussen war, allein, schutzlos, die Wegbeschreibung, Adresse und Art seines Einsatzortes schön auf laminiertem Kärtchen mitgeliefert, sehr praktisch für den Finder mit kriminellen Tendenzen.

Verlustmeldung

Der Deo-Dieb.
Nachts alpträumte ich Episches von ausgeräumten Schulräumen und davon, dass ich bei meiner Ankunft bemerke, dass die bösen Diebe, denen ich so unterstützend in die Hand vorgearbeitet hatte, sogar meinen Deodorantroller mitgenommen haben. Ausgerechnet! Denn was ist in dieser Situation wichtiger als Deodorant!? Jedenfalls war die Nacht nicht sehr erholsam und ich fand das Weckerklingel am Morgen ausnahmsweise ziemlich lieblich. Ich startete in den Tag, versuchte meine Morgenroutinen trotz den Herz-Beckenboden-Sie-wissen-schon-Momenten beizubehalten und war, am Arbeitsort angekommen, sehr erleichtert meinen Deodorantroller und den Rest noch vorzufinden. Als ich schliesslich um 9 Uhr noch eine Mail mit dem Bescheid erhielt, dass meine Schlüssel wieder gefunden wurden und ich ihn am Zürcher Hauptbahnhof abholen könne, war mir nach Intonierung einer Lobeshymne ans Fundbüro der SBB.

Das Wiedersehen.
Aufgrund der Tatsache, dass ich aber gerade in einer Sitzung war, verzichtete ich zum Wohle aller auf eine Gesangseinlage und freute mich kopfintern. Im Anschluss an den Arbeitsschluss eilte ich direkt zum Fundbüro, schloss die Schlüssel in meine Arme, beschloss, fortan sei Schluss mit der Schusselei und übte die nötigen Handgriffe zur Verhinderung ähnlicher Unglücke mehrfach im Trockenen: Schlüssel raus, befestigen, aussteigen. Schlüssel raus, befestigen, aussteigen. Schlüssel raus, befestigen, aussteigen. Ich bin gefeit. Die Tasche hat mir bisher auch immer irgendwer hinterher getragen. Schlüssel raus, befestigen, Tasche umhängen, aussteigen. Danke.

 

 

* vibriert
** Twitter eine Pushmitteilung sendet
*** von irgend so einem-r Twitterer-in
**** aus Gründen

 

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Sitzakrobatik und Atemübungen


(Der folgende Artikel erschien als Blogpost im Blog der Schweizerischen Bundesbahnen.)

Glück gehabt, ich habe ein Viererabteil für mich, in einigen Sekunden fährt der Zug ab, die Gefahr beengten Reisens scheint für heute vorerst gebannt. Ich breite mich also ungehindert aus und stelle zufrieden fest, dass auch von den umgebenden Abteilen keine erhebliche Lärm- oder olfaktorische Belästigung droht, hier ein Anzugträger mit Klappcomputer, da ein älteres Pärchen auf Wanderfahrt, alles entspannt, alles gut.

Ich stelle meinen Kaffee aufs Zugtischchen, obwohl ich gefühlt erst einen Tropfen getrunken habe, ist er schon kalt und beinah leer, altbekannte Geschichte, aber das inkorporierte Koffein sollte für ausreichende Gewaltprävention bis zur nächsten Kaffeemaschine reichen, alles entspannt, also, alles gut. Der Zug setzt sich in Bewegung, nein, von hier aus stört es mich kaum, dass es nach Tagen frühlingshafter Wärme wieder schneit, dafür suche ich nach der angemessenenmusikalischen Begleitung, erhöhe die Lautstärke und lese in der Zeitung irgendwas von Ohrfeigen und Hanf, als am linken Oberarm ein Pieksen spüre, reflexartig zücke ich das GA und halte es dem Piekser unter die Nase.

Das Muskelbubi.
Vor mir steht aber kein Kondukteur, sondern eine der bemitleidenswerten Kreaturen, die trotz erneuten Kälteeinbruchs im Unterhemd rumrennen müssen, weil sie das Präsentieren ihrer postpubertären Müskelchen während den ersten warmen Tagen derart in Euphorie versetzte, dass sie nun einfach nicht mehr damit aufhören können. Ich gewähre ihm selbstredend den Platz und kann mich gerade noch so zurückhalten, ihm auch noch meine Jacke anzubieten. Er setzt sich und ich suche wieder die Versenkung in Musik und Zeitung. Vergeblich, denn der Beunterhemdete setzt sich stocksteif, starren Blickes in meine Richtung vor mich und beginnt mit Atemübungen. Die machen zumindest keinen Lärm, denke ich, und verstecke mich etwas besser hinter der Zeitung.

Allzu atmungsaktiv.
Tatsächlich kann ich mich über die Lautstärke nicht beklagen, allerdings habe ich auch nicht damit gerechnet, dass mein Gegenüber seine Atemübungen mit derartiger Intensität zelebriert, dass meine Zeitung flattert, was wiederum das Lesen erschwert. Ich versuche ihm zwischen den Ausatmungsphasen genervte Blicke zuzuwerfen, aber er atmet geschlossenen Auges, konzentriert weiter und ich sehe mich gezwungen diesmal selber, möglichst direkte Atemböen vermeidend, pieksend aktiv zu werden. Er unterbricht sein Tun und schaut mich fragend an. «Würde es dich stören, in eine etwas andere Richtung zu atmen?», frage ich und mir wird im selben Moment klar, wie seltsam diese Frage klingt. Er, gänzlich unbeeindruckt, dreht sich, beide Füsse noch immer in gerader Position am Boden, in unnatürlicher Drehung zu Schreibe und atmet weiter. Die Scheibe beschlägt in regelmässigen Abständen, ich versuche mich erneut auf die Zeitung zu konzentrieren, dankbar, sie überhaupt dabei zu haben, denn ohne sie hätte vorhin an ihrer Stelle mein Haar im Atemwind geweht und ich vermag kaum Unangenehmeres auszumachen.

Turnübung kurz vor Zürich.
Ganz kann ich meinen Blick, trotz angestrengtem Konzentrationsversuchs, nicht von meinem Mitreisenden lösen, denn mittlerweile atmet er zwar nicht mehr, also nicht mehr ganz so betont, sondern hat seinen Oberkörper noch weiter nach rechts gedreht. Während seine Füsse nach wie vor in gerader Position am Boden verweilen, weist sein Gesicht unterdessen gen Sitzpolster, sein ausgestreckter rechter Arm dient, in Anlehnung an den Sitz links neben ihm, als Keil, um ihn in dieser Position zu halten.  Ein halbes Lied und ein Zeitungsabschnitt, ohne inhaltliches Verständnis, lang herrscht relative Ruhe, dann löst mein Vis-à-Vis im Unterhemd sich aus seiner Position und dreht sich in die exakt selbe Position, aber auf die andere Seite. Weitere fünf Minuten vergehen, ehe er sich erneut zurück, in eine etwas natürlichere Haltung dreht und damit beginnt, seine Schuhe auszuziehen. Ich bereite mich innerlich auf potentielle Geruchsintensitäten vor und filtere die Luft der folgenden Atemzüge vorsichtshalber gezielt und unauffällig mit meinem frisch gewaschenen Schal. Mein Gegenüber, nunmehr in Unterhemd, Trainerhose und Socken, kniet sich, Rücken zu mir, auf die Sitzbank, legt sein kluges Telefon auf die Kopfstütze uns spielt, rutschbedingt ziemlich erfolglos, Candy Crush.

Atmunksaktiv

Abteil mit Aussicht.
Unschöner Nebeneffekt: Jede handysche Rutschpartie hat Unterhemdträgers Bücken und einen ungewünschten Blick auf seinen Rücken, samt Pobackenlücke zur Folge. Erneut tut meine Zeitung einen sehr willkommenen Dienst als Sichtschutz. «Nächster Halt Zürich, guten Mor…, äh guten Morgen miteinander!», auch der Kondukteur zeigt sich leicht irritiert ob Gegenübers Sitzdarbietung. Ich zeige mein GA und auch der Sitzakrobat wedelt mit irgendeinem Ausweis. «Könnte ich noch Ihr Halbtax-Abo sehen? Und weswegen knien Sie verkehrt herum auf Ihrem Sitz?», der Kondukteur sieht auch mich fragend an. Ich zucke mit den Schultern, zutiefst dankbar, dass ich die Frage nicht selber stellen musste. Mein beunterhemdetets Vis-à-Vis, nach wie vor kniend auf der Sitzbank, zückt auch noch das Halbtax und hält es in die Runde. «Mir wird schlecht, wenn ich vorwärts fahre.» Der Kondukteur wirft mir einen fragenden, bis vorwurfsvollen Blick zu. Ich finde mich für einen Moment wortlos wieder. «Äh… Das wusste ich nicht… Möchten Sie Platz tauschen?», frage ich und beginne meine Sachen zusammen zu packen. Das Unterhemd dreht sich für einen Moment um, um abzuwinken: «Nein Danke, es geht so ganz gut.» Und dreht sich wieder zurück. Ich beende die Fahrt zwischen Erstaunen, schlechtem Gewissen und angestrengtem Nichthinsehen.

 

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