Archiv der Kategorie: Zügiges

Entgeléeisungen


Er sitzt grosszügig auf zwei Sitze verteilt, neben sich ein kleiner Rucksack, in der Hand einige Papiere, die ich als ehemalige Werbeprospekte und Fahrpläne identifiziere. Er wird etwa 70 Jahre alt sein, trägt Hose und Jacke in Rentnergrau und dazu passende Schuhe. Immer wieder schaut er auf seine Uhr, vergleicht mit seinem Fahrplan und schüttelt den Kopf. „Entschuldigung, Sie!“, er winkt den Kondukteur in Sichtweite aufgeregt zu sich. „Sie, Entschuldigung!“ Der Kondukteur nähert sich, bleibt aber auf halbem Wege stehen, um gestikulierend auf die Lautsprecherdurchsage hinzuweisen. „Hä? Ich verstehe nicht! Kann das mal jemand lauter stellen? Ich VERSTEHE NICHTS!“ er steht auf und versucht sich näher bei einem der diversen Lautsprecher in Position zu bringen. Er erntet einige energische „Psst!“ und ebenso giftige Blicke, die Lautsprecherdurchsage hat nun niemand verstanden. „Können Sie das noch mal ablassen? Ich habe rein GAR NICHTS verstanden!?“, er richtet sich nun wieder direkt an den Kondukteur, der mittlerweil neben ihm steht. „Ich kann das jetzt gerade nicht noch mal abspielen, nein, aber ich kann Sie darüber informieren, dass ein Defekt an der Lokomotive besteht und wir aufgrund der entstehenden Verspätung auf die alte Linie über Langenthal ausweichen müssen.“ „Aber dann werde ich zu spät kommen!“ offensichtlich aufgebracht zeigt er auf seine Uhr. „Ich werde zu spät kommen und ALLES hat schon angefangen! Ich habe EXTRA nichts gegessen.“ „Das tut mir sehr leid. Ich entschuldige mich im Namen der SBB.“, der Kondukteur zeigt sich ruhig und routiniert. „Ausserdem habe ich ein Billett für die neue Strecke gekauft. EXTRA.“ er wedelt mit dem Billett so intensiv vor Kondukteurs Nase herum, dass ich glaube Nasenhaare flattern zu sehen. „Wir entschuldigen uns für die Unannehmlichkeiten.“, versucht es der Kondukteur erneut, langsam sichtlich nervöser, aber der Aufgebrachte zeigt keine Gnade: „Jetzt werde ich den wichtigsten Streckenabschnitt verpassen und kann meiner Frau nicht beweisen, dass ich recht hatte.“ Er blickt herausfordernd in die Runde, die blickt geschlossen in andere Richtungen. „Die behauptet nämlich, dass vom Zug aus, in Rothrist das Haus der Schlagersängerin Florina Hast NICHT zu sehen sei, aber das stimmt so nicht und jetzt kann ich ihr nicht wie geplant per Foto beweisen, dass ich recht hatte. Solche Ungeklärtheiten sind nicht gut für eine Ehe. Wissen Sie, wir sind seit fünfzig Jahren verheiratet. Fünfzig Jahre!“ „Das ist sehr schön, schön für Sie beide.“ anerkennt der Kondukteur und wendet sich zum Gehen. „Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und entschuldige mich noch mal für die Verspätung.“ „Das nützt mir nun aber herzlich wenig, so eine Entschuldigung! Erstens bin ich nun nach wie vor in Beweisnot gegenüber meiner Frau, obwohl ich EXTRA dafür gesorgt habe, dass ich diesen unleidiglichen Zustand beenden kann, zweitens komme ich viel zu spät, dabei habe ich EXTRA nichts gefrühstückt. Wissen Sie, ich bin eingeladen zum Brunch des Migroskundenratsvorstand und es ist sehr wichtig, nicht zu spät zu kommen. Sie müssen jetzt gar nicht so händeringen, oder wie man das nennt, was sie da machen, ich weiss selbstredend, dass ich nicht leer ausgehen werde, aber ich besuche diesen Brunch nicht nur aus Selbstlosigkeit, ich möchte von diesen belegten Broten mit kleinen Spargeln und Geléeschicht essen. Meine Frau kann diese Geléeschicht nicht, ich habe sie darum gebeten, aber sie kann das nicht und deswegen muss ich zum Brunch. Pünktlich!“ Langsam wird es den Umsitzenden in den umliegenden Abteilen unwohler, der Kondukteur zuckt hilflos mit den Schultern. „Was soll ich tun, ich kann Ihnen jetzt nicht helfen. Es tut uns wirklich leid.“ „Meine Frau wollte mich heute nicht ohne Frühstück rausgehen lassen, sie weiss wie ungemütlich ich werden kann, wenn ich hungere. Dabei bin ich EXTRA früh genug raus, um pünktlich zu sein. EXTRA! UND JETZT DAS!“ „Minibar: Kaffee, Mineral, Sandwich! Entschuldigen Sie bitte!“ Der Minibarverkäufer kämpft sich durch die vollen Gänge. „Minibar: Kaffee, Mineral, Sandwich! Entschuldigen Sie bitte!“ Der Kondukteur, in Platznot, quetscht sich stehend in das Abteil des wetternden Rentners, besorgt, niemandem auf die Füsse zu treten. „Hier bitte, ich möchte etwas kaufen!“, meldet sich ein Anzugträger aus dem gegenüberliegenden Abteil. Der Minibarverkäufer stellt den Wagen direkt zwischen den Abteilen ab. Rentner und Kondukteur, zu Nähe gezwungen, finden die Situation offensichtlich wenig angenehm. „Sie müssen sich nicht Mühe geben, mir nicht auf die Füsse zu stehen, der Tag ist ohnehin gelaufen. Ohne Beweis. Ohne Geléespargelbrötchen. Der Tag trampelt ohnehin schon ganz schwer auf meinen Füssen rum. Und ihre Bahn da.“, der Rentner fährt den Zeigefinger aus. „Entsch… Das ist nicht meine… Ach, ich gebs auf.“, über die Seitenlehne befreit sich der Kondukteur aus seiner misslichen Lage. „Einmal Kaffee, ein Croissont und, ähm, ein Salamibrot, bitte.“, bestellt der Anzugträger aus dem anderen Abteil und bezahlt sogleich die üblich teuren Bahnpreise. Der Minibarverkäufer zieht weiter. „Minibar: Kaffee, Mineral, Sandwich! Entschuldigen Sie bitte!“ „Voilà!“ der Anzugträger reicht das Salamibrot an den Rentner weiter. „Ihre Frau hatte recht, Sie sind sehr ungemütlich, wenn Sie morgens fasten.“ Einstimmiges, stummes Nicken bei allen unbeteiligten Anwesenden. Der Kondukteur nutzt die Gunst der Stunde und entschwindet in Zugganges Untiefen. „Das wäre nicht nötig gewesen.“, wehrt der Rentner ab, während er das Sandwich auspackt. „Aber es ist sehr aufmerksam und vielleicht haben Sie recht. Gelee und Beweis fehlen trotzdem. Nicht mal Gelée haben die hier auf den Salamibrötchen.“

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Das Kreuz mit der Alleinzeit


Ich war immer gern oft allein. Heute bin ich es nicht mehr, also gern schon, nur oft nicht. Das ist mit der Mutterwerdung passiert. Mutterwerdung frisst Alleinzeit. Mutterwerdung hat massig Appetit auf Alleinzeit. Wenn ich heute alleine bin, dann meist auf Arbeitswegen, wobei ich hierbei auch von Menschen umgeben bin, denen ich allerdings in aller Regel und nach Möglichkeit keinen Zutritt in meinen Wahrnehmungsradius gewähre. Von unbefugtem Betreten besagten Radius’ rate ich eindringlich ab, es sei denn der Vorstoss erfolgt mit suizidalen Absichten oder in Begleitung eines abzugebenden Kaffees. Aber das Gewaltpräventionspotential von Kaffee habe ich ja schon andernorts erörtert. Für die Arbeitswegalleinzeit mache ich keine Pläne, ich nehme was kommt, ich lese, wenn mir danach ist, oder bereite den Unterricht vor, höre Musik, starre, schreibe, wie in diesem Moment, und manchmal lasse ich mich gar von Gesprächen mich umgebender Mitreisender inspirieren. Letzteres will mir heute nicht so richtig gelingen, auch wenn der Armeeuniformierte im Abteil neben mir, in offensichtlich politischen Rekrutierungsabsichten auf seinen jüngeren Gefährten einredet und dabei in äusserst beeindruckender Weise Klischee um Klischee zu einem beeindruckenden Phrasenturm stapelt. Nein, an die Reisealleinzeit habe ich wahrlich keine Ansprüche, ich nehme was ich bekomme und freue mich über überraschend produktive Phasen.

Ganz anders, wenn ich Alleinzeit daheim habe. Diese Stunden werden mit peinlichster Genauigkeit durchgeplant. Um keine Sekunde mit dem Planen der kostbaren Minuten zu verlieren, existiert in meinem Arbeitsschrank ein Fach mit der Aufschrift „Optionale Alleinstundenvorbereitung“, darin liegen mit Kreuzkästchen versehene Listen die nach Kreuzen lechzen.

Vor Alleinstundendurchführung sehen besagte Listen etwa so aus:

(sie sehen hier eine Vorlage für ein 90Minutenalleinzeitfenster)

Zeit Tätigkeit X
10’ Arbeitstisch aufräumen  
10’ Zahlungen tätigen  
5’ Unterlagen für Steuererklärung zusammensuchen  
15’ Mit dem Ausfüllen der Steuererklärung beginnen  
3’ Per Telefon einen Zahnarzttermin vereinbaren  
2’ Pinkelpause  
10’ Mails beantworten  
5’ Elternbrief verfassen  
5’ Desktop aufräumen  
10’ Schreiben  
15’ Gammelzeit  

Nach Alleinstundendurchführung sehen besagte Listen etwa so aus:

(sie sehen hier eine Vorlage für ein 90Minutenalleinzeitfenster)

Zeit Tätigkeit X
10’ Arbeitstisch aufräumen  
10’ Zahlungen tätigen  
5’ Unterlagen für Steuererklärung zusammensuchen  
15’ Mit dem Ausfüllen der Steuererklärung beginnen  
3’ Per Telefon einen Zahnarzttermin vereinbaren  
2’ Pinkelpause  X
10’ Mails beantworten  
5’ Elternbrief verfassen  
5’ Desktop aufräumen  
10’ Schreiben  
15’ Gammelzeit  

Genau. Gleich.

Und so sähe besagte Liste aus, würde darauf stehen, was ich tatsächlich mache:

(sie sehen hier eine Vorlage für ein 90Minutenalleinzeitfenster)

Zeit Tätigkeit X
1’ Arbeitstischplatte freilegen  X
15’ Kaffe brühen und trinken  X
5’ Rechnungsbriefumschläge von Aussen ansehen, beschnuppern, belecken, betasten, Dicke erahnen, weglegen  X
20’ Suche für Unterlagen für Steuererklärung starten, alte Tagebücher finden, lesen  X
90’ Mit dem Ausfüllen der Steuererklärung nicht beginnen  
2’ Zahnarztnummer wählen, Besetztzeichen hören, meine Schuldigkeit getan haben  X
2’ Pinkelpause  X
5’ Kaffee trinken  X
5’ Zu beantwortende Mails lesen, nicht beantworten  X
20’ Elternbrief verfassen und mit unterhaltenden Illustrationen versehen  X
5’ Desktop aufräumen  X
10’ Ans Schreiben denken  X
0’ Gammelzeit, Entrüstung ob der Tatsache, dass gar keine Zeit für mich bleibt  X

 

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Die 10 Pendlertypen – ein Hilfsmittel zur Früherkennung und Pendlergewaltprävention (17.Dezember)


Seit unserer Reise pendle ich wieder wöchentlich mehrmals zum Arbeitsort und zurück. Von Haustür zu Haustür brauche ich, wenn alle Anschlüsse gegeben sind, 1 ½  Stunden, ich bin also mindestens drei Stunden arbeitstäglich in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Trotzdem ist es eine allarbeitsmorgentliche Herausforderung, einen Platz zu ergattern, der mich meine Pendlermörgen und -abenden tatsächlich so verbringen lässt, wie ich mir das wünsche, nämlich ruhig und ungestört. Andernorts  habe ich schon diverse Strategen aufgelistet, hier und heute möchte ich auf die diversen Pendlertypen, und wie sich ihre Anwesenheit auf mein pendelndes Wohlbefinden auswirkt, eingehen, auf dass es künftige Pendelanfänger dereinst leichter haben und mit diesem Hintergrundwissen Pendelstörungspräventionsmassnahmen ergreifen können.

Die Schläfer

Kurzbeschrieb: Sie betreten das Abteil, setzen sich, nesteln sich ein und befinden sich Sekundenbruchteile nach Abfahrt im Tiefschlaf.
Positivpotential: Sie schlafen und werden Sie deshalb nicht in ein Gespräch verwickeln.
Negativpotential: Es besteht die Gefahr, dass die Schläfer schnarchen, sabbern oder unabsichtlich und -bemerkt seitwärts kippen. Letzteres liesse sich durch ein Ausweichmanöver verhindern, hätte aber Verletzungen oder mindestens die Fremdbelegung des eigenen Sitzplatzes zur Folge. Desweiteren neigen gerade die Schläfer dazu, sich kurz vor Ankunft beim Zielbahnhof mit besonders fiesen Mobiltelefonklängen wecken zu lassen. Babylachen, beispielsweise, oder Möwenkreischen.
 

Die Fleissigen

Kurzbeschrieb: Sie tragen Anzug oder Deuxpiece und arbeiten die ganze Fahrt über an ihrem Laptop, blicken ab und zu genervt auf, beispielsweise wenn Sie atmen, um hernach wieder mit wichtiger Miene in die Tasten zu hauen.
Positivpotential: Auch sie würden Sie niemals in ein Gespräch verwickeln.
Negativpotential: Die Fleissigen haben einen Hang zu exzessivem Parfüm- und Aftershaveeinsatz, was das Atmen erheblich erschwert, was wahrscheinlich wiederum der Grund für die genervten Blicke darstellt. Ein wahrer Teufelskreis.
 

Die vermeintlich Fleissigen

Kurzbeschrieb: Sie sehen auf den ersten Blick aus wie die Fleissigen, benutzen den Laptop aber nicht um zu arbeiten, sondern gucken Podcasts oder spielen Solitär.
Positivpotential: Auch sie nehmen Kaum Kontakt auf, es erfolgen, im Gegensatz zu den Fleissigen, auch keine bösen Blicke, dafür sind sie zu absorbiert.
Negativpotential: Auch hier stelle ich vermehrt auffällig exzessiven Gebrauch von künstlichen Duftstoffen fest. Zusätzlich erfolgen ab und zu kleinere Lärmbelästigungen, wenn die Podcasts lustig, oder die Solitärspiele verloren werden.
 

Die Leser

Kurzbeschrieb: Sie lesen Zeitungen, Bücher und Magazine.
Positivpotential: Sie sind meist zu beschäftigt um ein Gespräch anzufangen.
Negativpotential: Zeitungsfrischlinge sind ab und zu relativ unkoordiniert beim Lesen auf engem Raum, es besteht die Gefahr von Seitenhieben. Beachten Sie, wieviel Stoff die Lesenden noch haben und ob für Nachschub gesorgt ist, die aufkommende Leere nach dem Auslesen eines Buches kann spontan zu massiver Steigerung der Gesprächsbereitschaft führen.
 

Die Esser

Kurzbeschrieb: Sie essen immer. Immer.
Positivpotential: Die Wohlerzogenen dieser Gattung werden aufgrund vollen Mundes nicht mit Ihnen sprechen.
Negativpotential: Die Schlechterzogenen werden Sie vollem Mund auf die drei Minuten Verspätung hinweisen, dabei kleinstpartikelgrosse Stücke ihres mit Spucke angereicherten Käsebrotes auf Ihnen verteilen, schmatzen und den Frass mit grosser Wahrscheinlichkeit mit geruchsintensiven Energydrinks runterspühlen.
 

Das Rudel

Kurzbeschrieb: Sie kommen zu Mehren
Positivpotential: Sehr wahrscheinlich werden Sie nicht ins Gespräch einbezogen. Mit etwas Glück ist das Gespräch so skurril, dass Sie darüber bloggen können.
Negativpotential: Das Rudel ist laut, ausdauernd und niemals ohne Gesprächsthemen.
 

Die Verreisenden

Kurzbeschrieb: Sie befinden sich auf dem Weg gen Urlaub und führen diverse Gepäckstücke mit sich.
Positivpotential: Sie lassen Sie in Reiseerinnerungen schwelgen. Sie werden aufgrund von Reisekrankheitsbefürchtungen und dem damit Verbundenen Auswurf von Mageninhalt nichts essen. Vielleicht. Wenn sie Glück haben stapeln sie ihr Gepäck rund um Sie, die perfekte Schutzmauer.
Negativpotential: Sie erzählen mit sich vor Aufregung überschlagender Stimme von ihrem Reiseziel, wuchten die Gepäckstücke eine halbe Stunde vor Ankunft in die Gänge, aus Angst sie könnten den Ausstieg verpassen, und fragen Sie mindestens sechs Mal, ob sie wirklich im richtigen Zug sitzen.
 

Die verdächtig Unterbeschäftigten

Kurzbeschrieb: Personen im Rentenalter, tragen oft Wanderschuhe und Windjacken.
Positivpotential: Sie nehmen Ihnen nicht die raren Stromzugänge im Zug weg.
Negativpotential: Sie sind äusserst mitteilungsbedürftig, hartnäckig und gnadenlos, Gesprächsverweigerung ist zwecklos auf demonstratives Lesen oder Kopfhöreraufsetzen wird allerhöchstens mit massivem anheben der Lautstärke reagiert.
 

Die Telefonisten

Kurzbeschrieb: Sie telefonieren.
Positivpotential: Telefonnetzlöcher retten Leben, Akkus haben ein Ende.
Negativpotential: Telefonnetzlöcher werden stetig kleiner, Akkus stetig langlebiger.
 

Die Musikhörer

Kurzbeschrieb: Dauerkopfhörerträger, mutmasslich hat bereits ein Verwachen mit dem Innenohr stattgefunden.
Positivpotential: Sie reden nicht, erst recht nicht mit Ihnen.
Negativpotential: Sie müssen unter Umständen die ganze Zugfahrt über Baschi mithören. 

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Filzen statt toben (3.Dezember)


Eigentlich war mir nach trotzen, bocken und grummeln, als die SBB mal wieder, völlig überraschend, im DEZEMBER (!), von einem Wintereinbruch und mindestens 2 cm Schnee heimgesucht ward und diese erschütternde Naturkatastrophe verschiedenste Zugausfälle und Verspätungen zur Folge hatte, gerade setzte ich zu einem spektakulären Eigenkörpewurf gen Zugboden an, holte, unter Nutzung sämtlichen Lungenvolumens Luft, als Lautsprecherplauderer nach der deutschen und französischen, nun zur englischen Durchsage wechselte: „Ladys an Gentlemen, this train is retarded.“ Mimimi… Was soll Frau Heilpädagogin da noch toben!? Ein retardierter Zug! Sofort waren sie weg, die Tob- und Rachegelüste, alles was ich nun noch wollte, war den entwicklungsverzögerten Zug einzeln fördern, etwas snoezelen und mit ihm Weihnachtsgeschenke für seine Eltern filzen.

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Pen(n)deln


Nach zwei Jahren Abstinenz habe ich mich ungemein auf die Langstreckenpendelei gefreut. In meiner Erinnerung war der Pendlerinnenalltag voller Kleinstabenteuer und verbloggbarer Begegnungen, jetzt, vier Wochen nach Rückkehr von unserer Reise und eine Woche nach Wiedereinstig in die Arbeitswelt, ist nichts davon zu merken. An mangelnder Wiedereingewöhnung kann es nicht liegen, auch wenn wir das Unterwegssein nach wie vor vermissen und uns manchmal sehnsüchtig an die kleinen Erinnerungsstücke und Rituale, die sich in unseren Reisealltag eingeschlichen haben, klammern, sie mit Innigkeit zelebrieren, an den letzten Blättern Klopapier aus Montenegro schnuppern, die Landkarte auf der Suche nach neuen Zielen durchforsten, uns durch die tausend Fotos wühlen, Einkäufe in diverse Währungen umrechnen  und spasseshalber Münzen mit unter die Dusche nehmen. Jedenfalls ist den Bahnfahrten der Gegenwart Spektakuläres fern und ward ich in derselben Situation einst Zeugin von Verlobungen, Scheidungen und Geburten, sitzt mir heute eine nägelkauende Greisin gegenüber. Aus lauter, gähnendster Langeweile sehe ich mich gezwungen zu ergoogeln, ob Nägel Kalzium enthalten und ob Senioren vermehrt an Kalziummangel leiden, wäre das doch ein ziemlich willkommener Nebeneffekt für die ganz offensichtlich passionierte Nägelkauerin. Aber wie das so ist: Wenn das Internet um wichtige Informationen gebeten wird, reagiert es mit Verweigerung oder unzusammenhängenden Behauptungen. Gerne hätte ich der Dame gesagt, dass ich um die Notwendigkeit ihres Tuns weiß und die Umstände, diese normalerweise verpönten Verhaltensweisen, durchaus legitimieren, ähnlich wie Marihuana in besonderen Krankheitsfällen. Sie hätte mich dankbar angelächelt und eifrig weitergeknabbert. Aber so ganz ohne Hintergrundinformationen erschien mir derartige Direktheit doch zu verwegen zumal es mich, nach genaueren Überlegungen, doch etwas verunsicherte, dass es sich bei der Nägelkauerin, wie gesagt, um eine ältere Person handelte, einer Person also, mit potentiellem Kalziummangel, deren Nägel demnach auch nicht eben einen hohen Kalziumgehalt aufweisen, was den Sinn der Nägelkauerei wiederum deutlich schmälert, es sei denn, sie würde die jüngeren Mitreisenden um Erlaubnis bitten ihre, kalziumreicheren, Nägel kauen zu dürfen.
Nun, ich denke, Sie haben verstanden: Ich warte noch immer auf Pendlerinspirationen.

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