Das Litterding.


(Der folgende Artikel erschien als Blogpost im Blog der Schweizerischen Bundesbahnen.)

Minuten vor der Zugausfahrt besorge ich mir neben Kaffee und der gehaltvollen Pendlerzeitung auch noch die Ausgabe einer Lokalzeitung, mein Arbeitsweg dauert nämlich länger als 20 Minuten. Auf dem Perron stehe ich genau richtig, ich weiss wie Hasen laufen und Züge halten. Der Wagen hält so, dass die Türe sich exakt neben meinem rechten Fuss öffnet und ich schiele nach bewundernden Blicken für mein Ort- und Timing.

Ich finde eine Platz in einem der Zweierabteile mit Einzelsitzen, ohne dass meine Ellenbogen zum Einsatz kommen müssten, völlig leer vor. Meinen Kaffee stelle ich auf den Tisch, die Lokalzeitung lege ich daneben, die Gratiszeitung behalte ich vorerst in der Tasche, mehr so als Joker, falls ich zu einem der langen Artikel in der Lokalzeitung auch noch die Kurzvariante mit reisserischem Titel lesen möchte. Während ich meine Jacke ausziehe und dabei versuche, keine der durch die Gänge strömenden Mitreisenden zu verletzen, werde ich nach dem Besetzungsgrad des gegenüberliegenden Sitzes gefragt. Mit einladender Geste bedeute ich der Dame Platz zu nehmen, hänge meine Jacke auf und setze mich ebenfalls.

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Mit Zeitung und Kaffee im Zug.

«Brauchen sie die noch?»

Planungsfehler: Ich habe Zucker und Löffel in der Jackentasche vergessen und auch die Kopfhörer liegen noch sorgsam um den gesamten Tascheninhalt verknotet ausserhalb meiner direkten Reichweite. «Brauchen sie die noch?» Fragt meine Mitreisende und deutet auf die Lokalzeitung. »Ja, ich werde sie lesen, sobald ich den Kopfhörerkabel-Houdini gemacht und meinen Kaffee gesüsst habe», erwidere ich freundlich, während ich mich um das tascheninterne Chaos kümmere und hoffe, dass ich es schaffe, meine Kopfhörer zu befreien, bevor der Kaffee zu kalt ist. «Entschuldigen Sie, kann ich rasch etwas nachschauen, während sie die Zeitung noch nicht lesen?» Mein Gegenüber nimmt die schutzlos rumliegende Zeitung fast schon zur Hand, aber ich erkläre: «Ich bin gleich fertig und möchte dann gerne lesen, aber ich kann sie Ihnen gerne überlassen, sobald ich ausgelesen habe.» Kurz im Kaffee gerührt, Kopfhörer aufgesetzt, passende Musik gewählt, irgendwas Episches, passend zu Pendlerwerbung und Mörder-Drummer, versenke ich mich genussvoll in die Dramen der Welt, etwas Realität vor dem jobbedingten Heilpädagogenflausch.

Begehrtes Papier.

Gerade will ich vom Auslandteil zur Wirtschaft wechseln, ich lese gerne kreuz und quer, als meine Sitznachbarin winkend um meine Aufmerksamkeit bittet. Ich setzte die Kopfhörer ab und versuche fragend auszusehen. «Dürfte ich den Teil, den Sie jetzt gerade gelesen habe schon haben?» Sie fragt freundlich, das muss man ihr lassen, und blickt dabei so freudig erwartungsvoll wie mein Hund, wenn ich am Schrank mit dem Hundefutter vorbeilaufe. «Ich lese kreuz und quer, müssen Sie wissen. Das tue ich immer schon unchronologisch und ich würde das gerne auch heute tun.» Offensichtlich enttäuscht lehnt sie sich in ihren Sitz zurück, ein spontaner Tagtraum zeigt sie mir in Dreijährigenmanier mit Fäusten gegen meine Brust schlagen, aber nichts Derartiges geschieht. Ich bin erleichtert. Sie leidet still. Langsam wird mir etwas unwohl und plötzlich fällt mir die Gratiszeitung ein, die unterbetrachtet in meiner Tasche liegt. Ich krame sie hervor und reiche sie meiner lesehungrigen Mitreisenden, die sie zögerlich nimmt. «Die lese ich ja normalerweise nicht… Würden Sie auch tauschen?» fragt sie, fügt aber, nach dem sie meinen leicht entnervten Blick bemerkt, beschwichtigend hinzu: «Wenn Sie fertig sind, wenn Sie fertig sind, natürlich! Sie lesen die Zeitung sehr gründlich, das ist ja heute auch nicht mehr selbstverständlich, bei so Jungen, das sollte man ja eigentlich unterstützen.»«OK», brumme ich und irgendwas von «ich bin im Fall 30, ey».

Gelitten oder gelittert?

Kurz vor Zürich beschliesse ich fertig zu sein, falte die Zeitung zusammen und lege sie auf den Zugtisch. «Ich habe ausgelesen», sage ich. «Sehr gut», meint mein Gegenüber. Ich packe meine Sachen zusammen, die Umsteigzeit in Zürich ist knapp bemessen, weswegen ich darauf bedacht bin, vor den desorientierten Ausflüglern auszusteigen. Auch meine Mitreisende richtet sich aufbruchsfertig, steht auf und verlässt das Abteil Richtung Treppe, die hart umkämpfte Lokalzeitung liegt einsam auf dem Zugtisch, die Gratiszeitung auf dem Sitz. «Sie haben die Zeitung vergessen!», rufe ich ihr zu. Und wedle gen verlassenes Abteil. «Das ist nicht meine Zeitung! Jetzt schieben Sie das nicht auf mich. Erst geizen, dann littern ‒ die hat man gern!» Ich tue so, als würde mich das alles nichts angehen und als der Zug hält, versuche ich mich zu beherrschen und weder nervös zu trippeln noch mit den Füssen zu scharren. «Die Leute denken, dass sie die Zeitungen überall liegen lassen können, irgendjemand räumt die ja schon weg. Das ist Zeitungslittering! Dabei gibt es da draussen EXTRA so Altzeitungskübel!», sie zeigt theatralisch nach draussen, wo der Zug langsam in den Bahnhof einfährt.

Karmabedingtes Altpapiersammeln.

Der Moment zwischen Halt und Türöffnung scheint mir heute besonders lang. «Erst geizen, dann littern, jaja, die hat man gerne!» Höre ich sie mir hinterher rufen, während ich in die nächste S-Bahn spurte und leichte Schuldanwandlungen verspüre. War das nun Littering? Um Himmelswillen, habe ich gelittert? Um mein Karma wieder zu besänftigen, sammle ich in der S-Bahn Gratiszeitungen und werfe sie in einer der «EXTRA-so-Altzeitungskübel». Dann finde ich eine alte Ausgabe des GEO Reisen, setze mich, will gerade die Kopfhörer aufziehen, als ich gefragt werde: «Entschuldigen Sie, brauchen Sie das Heft noch?»

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Übers Ziel hinaus


“Mama findet blöd, wenn ich rosa Kleider trage!” spricht die fünfjährige Y und schiebt die Turnschuhe, die ihr der Schuhverkäufer zeigt, weg. Ich schäme mich ein wenig, denn das ist nicht, was ich meiner Tochter vermitteln wollte. Einmal zu oft, habe ich ihre Beweggründe wohl kritisch hinterfragt, wenn sie sich Rosarotes aussuchte. “Willst du das, weil dir die Farbe gefällt, oder weil du denkst, dass es für Mädchen ist?”, pflegte ich zu fragen. “Mir gefällt es, weil es für Mädchen ist.”, antwortete sie jeweils. “Alles ist für Mädchen. Alles ist für Jungs. Du sollst tragen, was dir gefällt.”, erklärte ich wiederum, während ich hier ein Paar türkisene Halbschuhe, da ein Paar braune Stiefel in den Händen hielt. Mein Kind ist nicht blöd. Mein Kind bemerkt meine Vorlieben, es bemerkt meine Aversionen und es ist, mir hinterher, unfreiwillig übers Ziel hinausgeschossen.
Dabei kenne ich die Gefahr. Als es vor einigen Jahren darum ging, ob Herr G. und ich zu heiraten gedenken, war meine erste Reaktion ablehnendes Entsetzen. Ich stamme aus christlich freikirchlichen Kreisen, habe mich mit Kraftaufwand und Mühe, unter anderem von den dort geltenden Moralvorstellungen bezüglich des Zusammenlebens von Mann und Frau, distanziert und nichts lag mir ferner, als diese Ideen von Moral und Tugend durch mein Tun zu bestätigen. Ich wollte also unbedingt nicht heiraten. Ich brauchte eine ganze Weile, bis ich bemerkte, dass mir damit mein Tun in gleichem Masse von mir fremden Moralvorstellungen bestimmen lasse, wie wenn ich ihretwegen heiraten würde: Ich fällte eine Entscheidung aufgrund einer Ideologie, die nicht meine ist, anstatt zu tun, was MIR gut tut. Wenig später heirateten wir.
Ich scheine nicht die Einzige zu sein, die mit ihren Abgrenzungsabsichten übers Ziel hinaus schiesst. Da ist der Bekannte, der sich darüber mokiert, dass Herr G. die handwerklichen Arbeiten beim Busausbau übernommen hat, während ich den Anstrich bewältigte. Dass er auch Vorhänge genäht und dekorative Bordüren angebracht hat, vergass ich wohl zu erwähnen, das spielt aber eigentlich auch keine Rolle, weil er solche Dinge gerne macht, während ich eben lieber male oder mich administrative Reiseaspekte und die Routenplanung kümmere. Da ist die Kindergartenmutter, die mir stolz erzählt, ihr Kind halte das Wäschefalten für Männerarbeit und bei deren Aussage ich mich frage, weshalb das Geschlecht hier eine Rolle spielt. Die Umkehrung der Rollenverteilung kann per se nicht Ziel gleichberechtigender Anstrengungen sein, geht es doch um gleiche Möglichkeiten und Voraussetzungen.
Wahrscheinlich ist es menschlich, dass der Versuch der Abgrenzung in erstem Reflex im Versuch des gelebten Gegenteils resultiert, auch wenn uns allen mittlerweile klar sein dürfte, dass Gegenteile oft mehr gemeinsam haben, als man erwarten würde. Sie diktieren und definieren sich gegenseitig, können alleine nicht existieren. Wirkliche Abgrenzung und Unabhängigkeit kann so nur auf einem “Mittelweg” stattfinden, der sich furchtlos mal hier, mal da auch mit Teilaspekten der Ideologien kreuzt, die man grundsätzlich ablehnt. Ich heiratete, trotz christlichen Moralvorstellungen. Ich backe, trotz traditionellen Rollenvorstellungen. Mein Kind trägt pink, trotz der Genderdingens.

Ich habe fertig.

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Kontaktbörse Zug.


Sie sind offen, gesprächsfreudig und nehmen jede soziale Interaktion dankbar an? Ich erkläre Ihnen heute in 10 Punkten, weshalb Sie öfters Zug fahren sollten und wie Sie garantiert und ohne grossen Aufwand schnell zu Kontakten mit Menschen kommen, die Sie sonst wohl nie getroffen hätten.

  1. Platzwahl I: Der Sitz.

Wenn Sie Ihren Sitzplatz mit Geschick wählen, müssen Sie vielleicht gar keine weiteren Schritte mehr unternehmen, weil es zwangsläufig zu Kontakten kommt. Ein Erfolgsgarant im Doppelstöcker ist beispielsweise die Sitzbank vis à vis der Sitzbankrondells, denn aufgrund des Beinplatzmangels kommen sie mit jedem Passant, spätestens mit Minibarführer und bekofferten Touristen, meist in Berührung und sicher in Verbalkontakt. Hinzu kommen fast garantierte Oberschenkelreibungspunkte, da die Sitze selbst für Durchschnittsgewichte eng bemessen sind und über keine Armlehnen verfügen, da reicht ein Zentimeter mehr Hüftumfang eines einzelnen Banksitzenden und alle rücken sich lauschig nah. Vermeiden Sie Einzelsitze und Zweierabteile, denn damit teilen Sie Ihre Kontaktchancen mal eben durch 4.

  1. Platzwahl II: Die Mitreisenden.

Auch mit der sorgfältigen Aufarbeitung dieses Punktes könnten Sie bereits die ganze Kontaktanbahnungsarbeit gleich zu Anfang erledigen. Sie werden erwartungsvoll angesehen? Hinsetzen! Sie werden überhaupt angesehen? Hinsetzen! Zögernde Griffe zur sitzbelegenden Tasche? Hinsetzen! Einsame Senioren? Hinsetzen! Mensch ohne Zeitung, Buch und Smartphone? Hinsetzen! Aber auch wenn Sie keinen Platz innerhalb der oben genannten Optimalsettings finden, gibt es keinen Grund zu verzweifeln, bisher haben Sie sich nur, relativ passiv, die beste Startposition gesucht, tatsächlich aber können Sie aus jeder Position gewinnen.

  1. Der aufmerksame Zuhörer I: Telefonkonversation.

So müssen Sie zum Beispiel im Abteil mit aktiven TelefonistInnen nicht kontaktleer ausgehen, nein, hören Sie aufmerksam zu, merken Sie sich das Besprochene: Versuchen Sie sich den ungehörten Teil der Konversation auszumalen, machen Sie sich wenn nötig Notizen und vor allem: Verpassen Sie Ihren Einsatz nicht! Ihr Einsatz liegt nämlich in den Netzlöchern. Die zu füllen ist Ihre Mission. Gehen Sie auf den letzten Gesprächsteil vor dem Verbindungsunterbruch ein. «Hallo!? … Hörst du mich? … ich verstehe dich nicht! … Hallo!?» Mögliche Antworten wären: «Hallo! … Ja! … Vielleicht lenkt Sie das Telefon zu sehr ab? … Hallo! … Wie geht’s?»

  1. Der aufmerksame Zuhörer II: Gruppenkonversation.

Auch wenn Sie, wohin das Auge reicht, nur geschwätzige Gruppen erblicken, muss Sie das nicht weiter beunruhigen, setzten sie sich mitten unter sie, hören Sie zu, versuchen sie das Gesprächsthema zu erfassen, die Erstellung eines kleinen Mindmaps kann dabei helfen, und ergreifen Sie zum richtigen Zeitpunkt das Wort. Sie werden sehen: Selbst zunächst konsternierte Reaktionen können sich, wenn die Aussagen entsprechend tiefgründig und treffend sind, in Wohlgefallen, vielleicht sogar Bewunderung auflösen. Falls Sie keine Ahnung vom Thema haben, stellen Sie einfach pointierte Fragen oder benutzen Ihr Smartphone für eine Kurzrecherche im Internet.

  1. Ungeschicktheit

Für einige unter Ihnen wird es kein Problem sein, etwas Ungeschicklichkeit an den Tag zu legen, für einige wird es gar schwierig sein, dies nicht zu tun, und für einmal sind Sie damit gut bedient, denn Ungeschicklichkeit baut Brücken. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Missgeschicke insgeheim absichtlich geschehen oder die Neigung quasi angeboren ist, solange das Gegenüber die Intention nicht bemerkt. Natürlich müssen Sie darauf achten, dass Ihr Ungeschick bemerkt wird, oder die Mitreisenden gar involviert werden, mit einsamem Stolpern im Zugeingang ist niemandem geholfen. Am zuverlässigsten funktionieren die bewährten Klassiker, die ich Ihnen in der folgenden Liste zusammengestellt habe:

  • Dinge fallen lassen und entweder «nicht bemerken» oder erst bemerken, wenn sich das Gegenüber bückt, dann ebenfalls bücken. Die zweite Variante sollte nur von Personen mit ausreichender Möglichkeit zu Bewegungskontrolle und Kraftdosierung durchgeführt werden, denn unkontrollierte Kopfkollisionen gilt es trotz immenser Kontaktfreude zu verhindern.
  • Auch Kurven, Holperer und andere Turbulenzen auf der Zugfahrt lassen sich gut nützen, Stolpern leichtgemacht, quasi. Stolpern sie sich in Kontakt! Mit etwas Theatralik und Schmerzensschreien werden sie sogar noch bemitleidet, auch wenn sie ungefragt grosszügig verteilt auf zwei Fremdschossen liegen.
  • Schliesslich gibt es da noch die Varianten, bei denen Sie eine Handlung suchen, deren Durchführung das Ansprechen des Gegenübers erfordern würde, was Sie aber leider nicht bemerken. Pendlerehrensache, dass sie dabei niemandem Schmerzen zufügen. Beispiele: Lehnt die Mitfahrerin seinen Kopf ans Fenster, müssen Sie zwingend das Rollo hoch- oder runterziehen. Ragt das Bein des Fahrtgenossen etwas über die Trennlinie zwischen den Sitzen, müssen sie dringend die Armlehne runterklappen. Ist sie bereits runtergeklappt und ihr Sitznachbar hat seinen Ellenbogen darauf, muss die Lehne dringend hochgeklappt werden. Hat ihr Vis-à-vis lange Beine, müssen Sie zwingend den Abfalleimer öffnen und wenn Ihr Gegenüber sein Buch zugtischmittig plaziert hat, müssen sie diesen zwingend aufklappen. Alles selbstredend mit ausschweifenden Entschuldigungen und verlockenden Wiedergutmachungsangeboten unterlegt.
  1. Lebensgeschichte

Erzählen Sie ihre Lebensgeschichte und legen Sie dabei den Fokus auf besonders dramatische Ereignisse, denn auch wenn es Ihrem Gegenüber unangenehm werden sollte, bedarf es doch einer grossen Dosis Abgebrühtheit, um nicht auf derartige Erzählungen zu reagieren.

  1. Interessensprofil erstellen und entsprechende Pfortenöffnungsfragen platzieren.

Manchmal sieht man den Mitreisenden schon von Weitem an, wo ihre Interessen liegen könnten. In dem Falle gilt es, DIE eine Schleusenöffnungsfrage zu stellen, die unweigerlich zu einem Monolgoausbruch und damit zig Anknüpfungspunkten führt. Einige Beispiele:

  • Frühzwanziger in Unterleibchen: «Wie oft machst du Krafttraining?» (Es spielt dabei keine Rolle, ob tatsächlich auch nur Ansatzweise Muskeln zu sehen sind.)
  • Senioren in Wanderuniform: «Welche Wanderwege können Sie mir empfehlen?»
  • Bereisegepäckte: «Wohin reisen Sie? »
  • Kinder: «Ich habe soeben gepupst. »
  • Frischeltern: „Hat es schon die ersten Zähnchen? »
  • Mutmasslich mittleverdienender Pendler: «Die GA-Preise steigen. » 
  1. Buch erzählen.

Sollten Sie eine/n Mireisende/n sehen, die/der ein Buch liest, das Sie kennen, dann ergreifen Sie die Chance zu einer Buchbesprechung. Und haben Sie keine Angst vorzugreifen, die Annahme, dass sowas unerwünscht sei, ist falsch. Man wird Ihnen danken, dass das Buch nun nicht mehr gelesen werden muss.

Was auch immer sie gerade essen, lesen, hören oder sehen, bieten Sie Ihrem Gegenüber davon an, teilen Sie! Stösst Ihr Angebot auf Ablehnung, bieten Sie es lieber zwei weitere Male an, halten Sie sich die Gepflogenheiten anderer Länder (z.B. Türkei: 3x ablehnen, erst dann annehmen) im Hinterkopf, Sie wissen nicht, woher ihr Gegenüber stammt.

Hilfsbereitschaft ist eine gerngesehene Eigenschaft, eine Handlungskonnotation, die es zu nutzen gilt. Ihr/em Gegenüber…

… fällt etwas runter: Heben Sie es sorgfältig auf, säubern Sie es mit Spitzentaschentuch und reichen überreichen sie es mit ausladender Geste zurück.

… niest, hustet oder zieht die Nase hoch: Reichen Sie ein Taschentuch und fragen Sie besorgt nach Gesundheitszustand und letzter Krankheit, erfühlen Sie Stirntemperatur und reichen Sie bei Bedarf ein Thermometer.

… hat ein Kopfhörerknotenwirrwarr: Lösen Sie es.

… findet bei Kontrolle das Billet oder Abonnement nicht gleich: Helfen Sie suchen. Überall.

… findet irgendwas anderes nicht mehr: Hier können Sie bei Bedarf, in einem unbeobachteten Moment, auch nachhelfen, den Gegenstand verschwinden lassen, ihn ausgiebig suchen und schliesslich heldenhaft wiederfinden.

usw.

 

 

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Guerillaflauschen


Ich bin ja nun im Herzen eine Revoluzzerin. Sie werden das vielleicht nicht merken, denn klar, ich bin Lehrerin, habe Mann, zwei blonde Kinder, einen Hund und ein Haus mit Gartenzaun, bezahle (fast) pünktlich meine Steuern, lüge nur selten und fahre nur unabsichtlich schwarz, aber im Herzen bin ich Revoluzzerin, im Herzen bin ich eine Guerilla. Ich bin eine Guerilla mit einem Problem. Mittlerweil kann mann ja glücklicherweise derartige Anwandlungen wild und mannigfaltig ausleben, beim Guerillastricken beispielsweise, oder beim Guerillayoga. Man guerillatanzt, guerillafilzt, guerillasät, guerillastillt, man macht eben ganz unheimlich oppositionelle Guerillasachen. Das klingt nach viel Gelegenheit guerillaktiv zu werden, nur dass ich weder stricken noch Yoga kann, eindeutig ausgestillt habe und mein einziges Filzwerk je, ein unbeabsichtigtes Rasta im unteren Hinterkopfhaar war. Es bleibt also nichts anderes übrig, als mir eine andere verwegene Guerilladisziplin zu erfinden. Auf der Hand lägen Dinge wie Guerillaheisseleimen, Guerillatackern und Guerillaohrenputzen, aber ach, ich weiss, nicht, das ist mir alles zu, uuuh, revolutionär, zu riskant und gefährlich. Vielleicht werde ich einfach jeden, der den Begriff “Guerilla” vor jede mehr oder minder kreative Tätigkeit stellt, die in mehr oder minder grossen Gruppen, an mehr oder minder öffentlichen Orten, mehr oder minder erfolgreich durchgeführt werden, wohlmeinend guerillaklapsen.

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Fazit einer Vierteljahresreise mit Kindern und Hund


Als wir vor zwei Jahren für ein Vierteljahr zu reisen planten, ernteten wir einige erstaunt bis entsetzte Reaktionen. Ein Reisevorhaben mit so kleinen Kindern (damals 1 und 3) und erst noch in den Balkan, löste hie und da gemischte Gefühle aus, die auch gerne und ungefragt kommuniziert wurden. Das war bei unserem diesjährigen Reiseprojekt anders, unsere Begeisterung nach der letzten Reise hat wohl für sich gesprochen. Im Fazit der letzten Reise schrieb ich einiges von lohnender Beschwerlichkeit beim Reisen mit Kleinkindern, das Reisen mit 1- und 3-jährigen Kindern unterscheidet sich allerdings erheblich vom Reisen mit 3- und 5-jährigen Kindern. Mittlerweile hat die Brut ein Alter, in dem sie selber auf Erkundungstour gehen können, nicht mehr alles Essen, was sie so am Boden finden und ansatzweise auch Vernunft zeigen. Das führt dazu, dass wir, im Vergleich zur Reise von vor zwei Jahren, doch entspannter waren, mehr Sehenswürdigkeiten anfuhren und uns öfters auswärts bekochen liessen. Der Unsicherheitsfaktor Hund, der mir vor der Reise noch einige Sorgen bereitete, stellte uns auch vor keine grösseren Probleme. Die aufwändig besorgten Papiere, Impfungen und Antikörpertests interessierten niemanden auch nur im Geringsten und wurden nur einmal beachtet, von einer Grenzpolizistin, die den Ausweis für Autopapiere hielt. Reisen nach Osteuropa sind vorbehaltslos zu empfehlen, mit und ohne Kinder, Hunde und PartnerInnen, ja, ich wüsste nicht, wie man von einer derartigen Erfahrungen nicht mit geöffnetem Blick, erweitertem Horizont, gewärmten Herz und verschobenen Relationen zurückkehren könnte.

Wir danken all den wunderbaren Menschen, die uns bei unserem Vorhaben in mannigfaltiger Weise unterstützt haben von ganzem Herzen!

Die Reise in Zahlen:

11986 Km (dazu kämen Strecken unbekannter Längen auf Fähren)

14 Länder

22 Grenzüberquerungen

3 Fährfahrten

87 Reisetage, 57 Übernachtungsplätze, davon 45 Camping- oder Stellplätze, 6 Restaurantparkplätze, 1 Appartement, 1 Fähre, vor einer Garage, 2 bei Bekannten, 1 Spitalzimmer, 1 Klostervorhof

1 neues Reifenventil

2 neue (alte) Türgriffe

1 manueller Autowaschgang

9 Wäschewaschgänge, davon 1 Handwäsche

1 Krankenhausbesuch

1 Arztkonsultation

2 Besuche in Autowerkstätten

4 Polizeikontrollen

Gefundene Gegenstände:

2 grüne Sandschaufeln

1 pinke Sandschaufel

1 gelbe Sandschaufel

1 roter Sandeimer

7 Sandförmchen

1 Paar pinke Croks

1 Plastikfigur

1 Haarspange

2 Heringe

3 Fussbälle

1 Tennisball

1 Schaumstoffball

Ein Gala-Heft auf Niederländisch

1 einzelner Socken

2 Kaffeelöffel

Verlorene Gegenstände

>30 Wäscheklammern

2 Heringe

1 Schwimmring

3 Schwimmflügel

1 grüne Sandschaufel

1 pinke Sandschaufel

3 Fussbälle

1 Tennisball

1 Schaumstoffball

1 Wassermelone

1 Sonnenhut

3 einzelne Socken

2 Zahnbürsten

1 Kinderunterhose

1 Löffel

3,5 kg Körpergewicht (alle zusammen)

3 Flaschen Shampoo

Geschenkt bekommen (Kitschkram wie schöne Erfahrungen und innige Momente zähle ich nicht)

4 Maiskolben

3 türkische Gebäcksstücke

1 türkische Rahmsüssspeise

1 türkischer Milchreis

4 Wassermelonen

3 Honigmelonen

4 Nektarinen

4 Birnen

8 Äpfel

3 Kaktusfeigen

4 Handvoll Haselnüsse

2 Fleischknochen

14 Lutscher

21 Bonbons

2 Fresbees

1 Fotoshooting

1 Vergnügungsparkchip

1 Konfitüre

1 Bund Schnittlauch

1 Liter Milch

1 Parkplatzgebühren

32 Schokoladenprodukte

7 bulgarische Berliner

ein braunes Kindershirt

1 Halskette mit blauem Auge

8 Süssgetränke

2 Abendessen

2 Suppen

1, 2, 3, 4, äh, einige Trinkrunden

2 Pflaumen

2 Euro

37 Tomaten

2 Zucchini

1 Aubergine

23 scharfe, kleine Peperoni

4 Gurken

1 Bund Minze

2 Handvoll getrocknete Tomaten

Top 5 der eingepackten Gegenstände

Frau Fankhauser

Wäschesack mit Wäscheleine (Danke, schon wieder, Frau Blomma!)

Hängematte

Töpfchen

ReGa-Visitenkarte

Top 5 der eingepackten Gegenstände. Nicht.

Schwimmwesten

Grill

Nagellack

Sicherndes Hundegeschirr fürs Autofahren

Regenplane

(Ja, wie haben viel gelernt von der letzten Reise)

Top 5 Glücksfälle

Magendarmprobleme wenn allzeit ein Klo bereit

Schlüssel wiederfinden, täglich

Keinerlei ernsthafte Autopannen, Ventilproblem in Werkstattnähe, balkanverbreitetes Gefährt

Rega-Mitgliedschaft

Den richtigen (Nicht-)Sommer wählen

Top 5 Gegenden

Kappadokien, Türkei

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Türkische Schwarzmeerküste

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Peleponnes, Griechenland

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Albanische Berge

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Zwischen Jajce und der kroatischen Grenze, Bosnien und Herzegowina 

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Top 5 Ortschaften

Sarajevo, Bosnien und Herzegowina 

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Gjirokaster, Albanien

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Amasra, Türkei 

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Jajce, Bosnien und Herzegowina 

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Piratenfeenschiff, Pennepoles 

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Top 5 Übernachtungsplätze

Drvenik, Kroatien

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Irgendwo nach Antalya, Türkei 

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Fischrestaurant bei Cide, Türkei 

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Plav, Montenegro

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Irgendwo bei Kavarna, Blugarien 

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Top 5 Stellplätze. Nicht.

Wir scheinen einiges gelernt zu haben, jedenfalls bringe ich keine fünf Negativbeispiele zustande, dafür gibt es einen eindeutigen Kategroriesieger:

Spitalzimmer, Eregli 

Top 5 Begegnungen

Gaga aus Buna bei Mostar, Bosnien und Herzegovina 

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Die Bulgaren aus Sozopol 

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Nilüfer und Serhad mit Jaren aus Istanbul, Türkei 

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Christina und Michaela aus Skopie, Albanien 

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Bleonard aus Malisevo, Kosovo 

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Hier fielen Entscheidungen schwer, denn neben den fünf hier erwähnten Begegnungen, trafen wir auf weitere, ganz wunderbare Menschen, wie Ismail, der uns einen Kreisel drechselte, Antonio, der uns fürstlich bekochte, die Litauer, die uns zu sich nach Hause einluden, der Deutsche Rentner, der den Kinder einen Fingerspiel beibrachte, das sie noch heute täglich aufsagen, die vielen namenlosen aber herzerwärmenden Kurzbegegnungen und nicht zu vergessen die Störche, die uns von Bulgariens Mitte bis Istanbul in atemberaubend schönen Formationen begleiteten und Sinnbild unserer Reise bleiben werden.

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