Tage 17 und 18: Tarifa (Portugal) – Chefchaouen (Marokko) – Azrou


Wir schlafen fast etwas zu lange und kommen gegen halb 11 noch etwas in Zusammenpackstress, denn um 11 sollen wir am Hafen stehen. Wir schaffen es trotzdem pünktlich und stellen uns in die Reihe. Aus Spanien Auschecken und Einfahren ins Schiff verlaufen unspektakulär, die Spanier scheinen gut organisiert und auch die marokkanischen Grenzbeamten erledigen die Passkontrolle und -bestempelung gleich schon während der 35minütigen Überfahrt. Beinah euphorisch fahren wir in Tanger aus dem Schiff, werden aber gleich danach schon wieder angehalten und müssen ein weiteres Formular für unser Fahrzeug ausfüllen. Danach muss Herr G., auf den das Auto läuft, nochmal ins Büro, damit erneut seine Daten aufgenommen werden können. „Wo ist der Autoschlüssel?“ rufe ich ihm hinterher, weil ich ungern ohne Schlüssel im Auto warte, sondern den Wagen auch wegbewegen können möchte. Ein beistehender Grenzbeamter missversteht mich etwas und holt zu einer mehrminütigen Beruhigungsrede aus, weil er davon ausgeht, dass ich aus unerfindlichen Gründen Angst habe. Ich versuche mehrfach erfolglos ihn zu unterbrechen, bleibe aber chancenlos und lasse ihn mir schlussendlich beruigend zureden. Als ich Herrn G. allerdings wiederkommen sehe, bin ich ziemlich erleichtert. Nach gut 3/4h auf marokkanischem Land, dürfen wir endlich losfahren. Der ersten Blick, den wir von Tanger erhaschen, erfüllt so ziemlich all die Vorstellungen, die ich von diesem Land hatte: Es ist heiss, staubig, die Häuser sind flachdächern, niedrig und überwiegend weiss, überall spazieren Menschen in weiten Kleidern und kurz nach Tanger sind auch schon die ersten Lastesel auszumachen. Waren scheint man hier per überbeladene Lastwagen, Esel oder tragend zu transportieren, offensichtlich werden auch längere Strecken zu Fuss zurückgelegt und wie in Albanien, sind auch hier zahlreiche Sammeltaxis unterwegs, die lustigerweise, wie in Albanien, nicht selten weisse Mercedes-Busse sind, was zur Folge hat, dass wir auch hier immer wieder freudig begrüsst und herangewinkt werden. Wir erreichen Chefchaouen am Nachmittag und finden den Campingplatz dank hervorragender Beschilderung auf Anhieb. Der Platzwächter begrüsst uns freundlich, die Preise sind schnell geklärt und wir finden einen angenehm schattigen Platz unter Pinienbäumen. Kaum steigen wir aus dem Bus, werden wir auch schon begrüsst. Auf Berndeutsch. Der Grüssende ist Beat, Berner, seit 6 Monaten hier hängengeblieben. Mit seiner Hündin Virus wohnt er in einem Anhängerzelt, tuckert schon seit geraumer Zeit durchs Land und ist, wie erwähnt, seit einem halben Jahr hier, der Hauptstadt einer Region, die für ihren Hanfanbau bekannt ist. Er „geniesst, chillt, raucht und ist einfach“, wie er sagt und zeigt sich sichtlich erfreut, wiedermal in Berndeutsch schwadronieren zu können. Er nimmt sich viel Zeit, unsere Karte mit massenhaft Stellplätzen zu bekritzeln, so dass wir bestimmt nie in Schlafplatznot kommen werden. Gegen Abend marschieren wir noch zum Aussichtspunkt über Chefchaouen, zusammen mit der halben Stadt, besser gesagt, der männlichen Hälfte der Stadt. Mit der Dunkelheit wird es kühler, unsere Nacht verspricht angenehm zu werden.
Am Morgen verabschieden wir uns von unserer Berner Bekanntschaft und dem Platzwart und fahren weiter. Unser Tagesziel ist Merkes, eine Stadt, die als eine der marokkanischen Städte mit den schönsten Souks beschrieben wird. Die Strassen sind zwar ziemmlich wellig, aber vorwiegend schlaglochfrei, so dass wir zwar geschaukelt, aber kaum durchgeschüttelt werden und zügig vorwärts kommen. Nach wie vor bin ich erstaunt, wie viele Menschen überall auf der Strasse sind, wieviele offensichtlich längere Strecken zu Fuss und Esel zurücklegen und selten habe ich so viele Menschen wartend (auf Busse, Sammeltaxis und Taxis) gesehen. Anfänglich fahren wir noch durch Landschaftsabschnitte, in denen rege angepflanzt wird, immer wieder riechen wir Canabispflanzen, schaffen es aber nicht die Felder optisch mit Sicherheit auszumachen. Je weiter wir ins Land fahren, desto karger wird die Landschaft und je weiter wir in den Tag fahren, desto heisser wird es. Gegen Mittag hat die Luft Backofentemperatur angenommen und unsere Mittagspause fällt deswegen und weil wir keinen Schatten finden, relativ kurz aus. Ganze Dörfer und kleine Städte scheinen im Nirgendwo, in schatten- und schutzloser Einöde zu stehen, nicht wenige Häuser sind sehr einfach aus Ziegelstein, mit Lehm-Strohdächern gehalten und zwischen Chefchouen und Merkes, wo die Dörfer deutlich ärmer wirken, als noch zuvor, stehen ganze informelle Siedlungen aus Lehm und Wellblech an der prallen Sonne, nicht auszumalen, welche Temperaturen dort herrschen müssen. Kurz nach Mittag sind wir in Merkes, an unserem angestrebten Platz. Der bietet allerings keinen Schatten und kein Wasser, was bei diesen Temperaturen sehr ungünstig ist. Wir fahren also noch etwas weiter und streben Azrou an. Dafür überqueren wir einen kleineren Pass und Atlasvorgeschmack. Die imposante Aussicht über das vorunsliegende, bergigkarge Land, lässt Vorfreude auf den wirklichen Atlas aufkommen, den wir mutmasslich in den nächsten Tagen streifen werden. Bis nach Azrou veränderrt sich die Landschaft kaum, krage, kaumbewachsene Wiesen, Schaf- und Ziegenherden und einsame Esel, die doch überall etwas Essbares zu finden scheinen. Kurz nach Aurou hat es zwei Campingplätze, einer davon ist ein riesiger Komplex, der auf Saudi-Arabien macht, der andere ein kleiner Familienbetrieb. Beide Plätze sind kaum besucht, überhaupt treffen wir, bis auf den Berner von Chefchouen, kaum auf Ausländer und wenn mal ein nichtmarokkanisches Autonummernschild auszumachen ist, dann meist ein Französisches von Heimaturlaubern. Jedenfalls fahren wir zum kleineren der beiden Plätze und werden freundlich begrüsst. Der Besitzer der Herberge, mit angegliedertem Restaurant und Stellplatz, spricht perfektes Deutsch, er hat 20 Jahre lang in Köln gelebt und den wunderbar grünen Platz voller Kirschbäume von seinem Vater geerbt. Wir brauchen nicht lange, um uns dafür zu entscheiden hier zu bleiben. Die Kinder sind, kaum ausgestigen, schon auf dem ersten Baum, der Hund freundet sich sofort mit einem der Hofhunde an und ich spanne die Hängematte zwischen zwei alte Kirschbäume. Wir merken schon abends, dass die Nacht wohl etwas geräuschvoller wird, als wir es uns gewohnt sind, immer wieder hören wir Hunde bellen und Kühe muhen, die Nacht überrascht uns dann aber doch mit auditiver Intensität: Hunde bellen und jaulen, Kühe muhen, Esel rufen, Pferde wiehern, Störche klappern und kreischen, der Muezzin brüllt allenthalben und wir behelfen uns mit einem lauten Ventilator zur Geräuscheübertönung, um etwas Schlaf zu finden.
Bemerknisse

Kakteen sind die Tuijas der Marokkaner.

Marokko bescherte mir schon am ersten Tag einen neuen, unerwarteten Duschhöhepunkt: Wenn die Dusche in einer Kabine angelassen wird, kommt das Wasser in der nächaten Kabine raus.

Nach den EU-Ländern Frankreich, Spanien und Portugal, erlebt man in Marokko einen kleinen Preisschock: Hier übernachtet man für kaum 10 Euro und isst Gemüsetajine für 3 Euro.

Strassenmarkierungen, insbesondere Mittel- und Spurstreifen, sind unverbindliche Empfehlungen, dafür wird sehr genau auf die Einhaltung der Tempolimiten geachtet. Letzteres wird an den omnipräsenten Polizeikontrollen liegen. Wir haben, ohne Übertreibung, in den zwei Tagen schon mindestens 20 passiert.

 

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Tage 13 bis 16: Setùbal – Carrapateira – Zambujera – Armação de Pêra – Tarifa


Ich werde die Tage 14 bis 16 in Einem zusammenfassen, weil wir zwei Tage am selben Ort blieben und weil ich damit Spanien vorerst abschliessen und mich hernach Marokko widmen kann.

Nach einem üppigen Frühstück und herzlicher Verabschiedung, samt multipler Beteuuerung, dass wir jederzeit wieder mit offenen Armen empfangen würden, machten wir uns auf den Weg, Richtung Carrapateira zu fahren. Dieser Ort, oder viel mehr seine Strände, wurden uns von mehreren vertrauenswürdigen Quellen empfohlen. Wir schaffen die Strecke nicht, zu früh bekunden die Kinder Weiterfahrunwille und so steuern wir einen kleinen Platz, in einem netten, etwas zu touristischen Küstendorf an. Aber die Kinder geniessen das ausgiebige Spiel und ein Poolbad so sehr, dass sich der Zwischenstopp durchaus lohnte. Wir verbringen eine angenehm kühle Nacht.

Am nächsten Tag starten wir erneut mit Carrapateira als Ziel und tatsächlich erreichen wir den Ort, und einer der Strände, der uns als Übernachtungsplatz empfohlen wurde, kurz vor Mittag. Der erste Eindruck ist ernüchternd, der Strand zwar nett, aber total überfüllt, ebenso der schattenlose Kiesplatz, wo wir stehen sollten. Kurz erwägen wir einfach weiter zu fahren, aber nach einer kurzen Konsultation „unserer Deutschen“ werden wir auf den rechten Weg gelotst und befahren auf gut Glück eine der unzähligen Sandschotterstrassen, die zwischen Carrapateira und dem westlichen Nachbardorf gen Meer führen. Als wir mit unserem Gefährt nicht mehr weiterkommen, laufen wir den Rest zu Fuss und finden einen der schönsten Strände, an denen ich je war, eine kleine Bucht, ganz für uns allein. Der Atlantik tut wild und wellig und wunderschön und wir verbringen einen wahnsinnig wunderbaren Nachmittag. Gegen Abend wird es kühler, die Kinder sind sandbefüllt und müdegetobt. Wir denken kurz darüber nach, zurück zum Gefährten zu laufen und gleich da zu übernachten, entschliessen uns aber aus Wassermangelgründen dagegen. Ein Entscheid, den wir sehr bald bereuen, denn voller Energie entscheiden wir uns dafür, noch etwas weiter zu fahren und landen küstabwärts mitten im Algavretourismus, wo wir notgedrungen übernachten.

Am nächsten Morgen beschliessen wir einhellig: Wir haben genug. Den Algavretourismus wollen wir uns nicht antun. Wir legen einen unschönen Fahrtag ein und erreichen am Abend Tarifa, eine Hafenstadt, von der aus wir nach Marokko überzusetzen gedenken. Der Strand ist zwar gut besucht, aber so weitläufig, das kein Platzmangel herrscht. Die Kinder spielen sich im seichten Wasser der aufkommenden Flut in Erschöpfung und fallen nach dem Abendessen bald ins Bett. Die Nacht wird, trotz gut besuchtem Camping platz, ruhig und schlafvoll.

Am nächsten Morgen stehen wir sehr früh auf, ja, die Kinder sind kaum wach zu kriegen. Wir wollen Wale und Delphine beobachten gehen und haben dafür eine Stiftung gewählt, die uns von Bekannten empfohlen wurde. Die Firmm-Fondation, eine nonprofit Organisation, die mit „respectfull Whalewaching“ werben, bei Ausfahrten bewusst auf zu viel Tempo, zu aggressivs Annähern und Radar und andere Ortungsgeräte verzichtet, um die Tiere nicht zu stören. Ausserdem setzen sie sich für eine Verkehrsregulierung auf der Strasse von Gibraltar ein, kümmern sich um den Tierbestand, forschen, klären auf (Nach den Touren per Vorträge) und setzen sich nachdrücklich für die Meeressäuger und den Umweltschutz der Region ein. Eine durchaus unterstützenswerte Stiftung, die auch Patnschaften für ihre beobachteten Tiere anbieten, um den Erlös weiter für ihre Arbeit einzusetzen. Als wir das Schiff besteigen, ist das Meer relativ ruhig, aber im kleinen Boot ist der Wellengang doch deutlich spürbar, einigen der Mitgereisten schlägt das offensichtlich auf den Magen. Mir kommt der Gedanke an Gummiboote und Flüchtlingsrouten… Gut in der Mitte der Gibraltarstrasse treffen wir auf einen Schwarm grosser Tümmler, die furchtlos neben dem Boot vorbeispringen. „Wie wunderschön!“ ruft Kind2 aus, „Nie soll man Delphine haben!“ (Meint Delphine halten, wie in manchen Zoos. „Frei müssen sie sein!“ Tatsächlich, wenn man sieht, mit welchem Tempo und Ausdauer sich diese Tiere fortbewegen, bis zu 120 Kilometer weit am Tag, wird ziemlich eindeutig, wo diese Tiere hingehören. Zurück an Land hören wir den informativen Vortrag über Organisation, Region und Tiere, buchen unsere Überfahrt nach Marokko und begeben uns zur Mittagszeit zurück zum Gefährten, wo wir den Rest des Tages lesend, spielend und plantschend verbringen.
Bemerknisse:

Ein wirklich toller Nebeneffekt des Unterwegsseins: Man verreist, verwundert und verschläft das Weltgeschehen.

Partygiesen sind laut.

Nach zwei Wochen Reise, kommt es mitr so vor, als wären wir schon wieder Monate unterwegs. Alles ist eingespielt und fühlt sich richtig an.

 

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Tage 11 und 12: Nähe Manteigas, Parque Natural da Serra da Estrela – Ericerira – Lissabon – Setùbal


Am Morgen fahren wir aus dem Park und relativ autobahnlastig ans Meer, wo wir gegen Mittag in Ericeira ankommen. Dort landen wir mitten im Surfertrubel. Der Campingplatz ist allerdings so weitläufig, dass wir eine gut geschützte Ecke für uns finden. Danach verbringen wir den Rest vom Tag am relativ gemässigt besetzten Strand, beim Spiel mit Sand und Wellen. Am Abend spazieren wir gen Stadtkern, um dort zu essen. In der Abendsonne präsentiert sich Ericeira, mit seinen weissgetünchten, eng aneinandergeschmiegten Niedrigbauten, mit blauen oder gelben Farbakzenten durchaus lieblich. Die Gassen sind schmal, das Klopfsteinpflaster unregelmässig, ab und zu findet sich sogar eines dieser ganz und gar wunderbaren Häuser mit Plättchenfassade und die Stadt ist so angelegt, dass man erhoben, Sicht über Klippen und Fischerhafen hat. Über unseren Köpfen schwirren die Schwalben, zu unsern Füssen, im Hafen, zettern Möwen im Kampf um Fischreste und ja, man könnte sich in dieses Städtchen verlieben, hegte man diese Gefühle nicht zeitgleich mit einer Horde anderer Touristen. Nach einem Tag mit etwas zu viel Sonne schlafen wir spät und tief ein. Der Plan für den neuen Tag lautet: Nach Lissabon fahren, gucken, ob wir nahe dem Hafen parkieren könnn, zu Fuss los laufen, nach Stadtbesichtigung zu der Familie eines Schülers des Herrn G. nach Setùbal fahren, abendessen und da übernachten. Kind2, das über Nacht fieberte, vereitelte den Fusslaufplan und so fahren wir zumindest in Lissabon ein, um zu sehen, ob wir uns da zumindest für ein Eis irgendwo hinsetzen können. Wir finden tatsächlich einen schattigen Parklatz, direkt neben der Station des Yellow Buses. Der Yellow Bus ist ein Hop on Hop Off Bus, der Touristen linienfährtig zu den Sehenswürdigkeiten bringt. Toll, denken wir und fragen nach dem Preis. Man winkt ab, der Preis ist unwichtig, aber Hunde sind nicht erlaubt. Toll, denken, wir, dann lassen wir Charlotte eben schattig parkiert im Bus. Die Tour soll immerhin nur 1 3/4 h gehen, so viel Schattenwarten ist dem Vieh zuzutrauen. Wir erwischen dann auch gleich den nächsten Bus, Kinder fahren gratis mit und sind anfänglich ziemlich begeistert. So von oben herab und dachlos, hat man einen ziemlich guten Ausblick und, Himmel, endlich mal Stadtfahrt ohne lästiges Navigieren. Dann stehen wir ewig an einer Ampel, fühlen uns ziemlich sonnengetrocknet, wie so Biotrockentomaten, schöpfen wieder Mut, als der Bus weiter fährt, für zwölf Sekunden, um dann wieder an einer Ampel zu stehen. Wir haben mittlerweile Status geröstet und leicht gesalzen erreicht und gesehen haben wir eigentlich auch nicht mehr, als die Strasse, über die wir angereist sind. Man kann vielleicht sagen, dass wir die falsche Tour erwischt haben (es gibt mehrere), aber viel Hoffnungsvolleres gab es der Tour nicht abzugewinnen. Schade. Nach Rückkehr zu unserem Gefährten fahren wir direkt los nach Setùbal, wo wir von Herrn Gs Schüler und dessen Grossltern schon aufgeregt erwartet werden. Der Schüler, nennen wir ihn Vincent, übersetzt so gut es geht, die Grosseltern sprechen kaum Englisch und nur wenig Spanisch. Wir werden äusserst freundlich empfangen und gleich in „unsere Schlafzimmer“ geführt, wo wir auch ein eigenes Badezimmer haben. Herr G. wendet sein ganzes Verhandlungsgeschick auf, um zu erreichen, dass wir im Bus schlafen können, ein Anliegen, das für ziemliches Kofschütteln sorgt, aber schlussendlich gebilligt wird. Nachdem alle Umstände geklärt sind, werden wir auch schon zu Tisch gebeten, wo die Grossmutter Salate, Käse, Wurst, Sardinenpaste, Berge verschidenartigen Fleischs und Brot reicht. Wie es sich für eine richtige Grossmutter gehört, findet sie, dass wir alle zu wenig essen, dass die Kinder zu dünn sind und kann sich einen entsetzten Ausruf nicht verkneifen, als ich kund tue, dass ich kein Fleisch esse. Dafür kredenzt uns der Grossvater einen vorzüglichen Wein, bei dessen Beschreibung er sich bedeutungsvoll am Ohrläppchen zupft, eine Geste, mit der hier, wie Herr G. erfragt, gerne Gefallen unterstrichen wird. Nach dem Essen entsteht eine längere Gesprächspause, bis der Grossvater, offensichtlich um Überwindung ringend, Herrn G. die Frage stellt, welche beruflichen Perspektiven Tobias als Sonderschüler in der Schweiz habe. Es wird ein langes Gespräch, über ein versagendes Schul- und Sozialsystem und ungleiche Chancen. Der Grossvater scheint zu verstehen: „Das System,“ sagt er, „das System..“ Nach dem Essen tun wir, was alle nach dem Essen tun: Wir spazieren durchs Dorf. Tobias‘ Familie wohnt nahe dem Industrieteil der Stadt, die Kamine des naheliegenden Zementwerks, wo Tobias‘ Vater bis vor Kurzem noch gearbeitet hat, in Sichtweite. Man kennt sich hier, Tobias grüsst hier, winkt da und führt uns zu seinem anderen Grossvater, der auf der anderen Seite der Eisenbahnlinie wohnt, die wir irgendwann barrierefrei überqueren. Das ist ungefährlich, die Züge sind nämlich ohrenbetäubend laut, man hört sie von Weitem, weil das System hier noch nicht auf Elektrizität umgestellt wurde und die Loks mit Diesel oder Öl betrieben werden. Hinter jedem Gartenzaun kläfft, bellt oder knurrt ein Hund, hie und da kräht ein Hahn, der Mond beleuchtet die laternenlosen Strassen. Langsam sind wir alle müde, wir verabreden uns zu zeitigem Frühstück und legen uns schlafen. Im Bus.
Bemerknisse

Lissabon hat Ampeln. Lissabon hat viele Ampeln und aie zeigen rot, rot, rot, rot, grün (wenn du gerade weg siehst), orange, orange, rot, rot, rot, rot, rot, rot, rot, rot.

Sobald die Städte kleiner werden, werden die Zäune höher und die Hunde dahinter lauter.

Mein Versuch, Gefallen durch Ohrläppchenziehen zu bekunden, blieb unbemerkt. Niemand hat hingesehen.

 

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Tage 9 und 10: Mougàs – Sátão – Nähe Manteigas, Parque Natural da Serra da Estrela


Am Morgen beschliessen wir, nach der Grenzüberquerung zu Portugal, zügig ins Landesinnere, Richtung eines Parkes zu fahren, der mich alleine aufgrund eines Bildes, das ich einst irgendwo gesehen habe, äusserst fasziniert. Auf dem Bild sind zwei, aus dem spiegelglatten Wasser ragende, erstaunlich runde Steine zu sehen, vor attraktiver Bergkulisse. Schon nach eingien Kilometern merken wir, dass sich die Strecke strecken und nicht in einem Tag zu bewältigen sein wird, denn wir fahren über Kleinststrassen in semiformitabelm Zustand und oft mit gerade mal 30/40km/h. So durchqueren wir das als romantisch lobpriesene Valle Duoro, ein Weinanbaugebiet entlang eines breiten Flusses, der uns allerdings trotz Hitze in seiner Kloakigkeit nicht richtig zum Baden einzuladen vermochte. Am anderen Ufer des Flusses führt uns unsere Route plötzlich steil bergauf und wir finden uns irgendwann in Passhöhe wieder. Der Ausblick ist wundervoll: Obwohl noch kilometerweit vom angestrebten Nationalpark entfernt, sind die abwechselnd strohiggelb und farngrünen Wiesen übersäht mit riesigen, abgerundeten Steinen die nicht selten auf verwunderlich kleiner Liegefläche stehen und den Anschein erwecken, es brauche nur einen Kleinfingerstoss, um sie ins Rollen zu bringen. Wir halten an, um einen der trockenflechtig überwucherten Riesen zu besteigen. Talwärts durchqueren wir einige kleine Dörfer, allesamt mit eigener Kapelle, auch wenn das Dorf kaum fünf Häuser gross ist. Irgendwann folgen wir einem Campingschild und landen auf einem Platz, wo man uns als erste Interaktion bei Bier und Limonade zu Preisverhandlungen einlädt. Zu vernünftigem Preis erhalten wir massig Platz, einen Pool für uns alleine und penibel gereinigte Toiletten und schlafen äusserst zufrieden ein.

Am nächsten Tag wollen wir auch die restlichen Kilometer zum Park bewältigen und starten, nach dem uns der Hund per Wildtieranbellen geweckt hat, zeitig. Die Landschaft wird etwas weniger spektakulär, auch wenn immer noch hie und da riesige, runde Felsbrocken auszumachen sind, dafür sind die Kleinstrassen spektakulärer, einzige Flickenteppiche und die Dörfer unregelmässigst bepflastersteint. Als wir schliesslich in den Park einfahren, bin ich etwas enttäuscht. Landschaftlich nett, vermisse ich die Felsbrocken und bergdörfernen Weiler, wie sie mir im Führer angekündigt wurden. Dafür finden wir an einem kleinen, von portugiesischen Familien mit Badewillen frequentierten Fluss einen Schlafplatz. Das Wasser des Flüsschens ist kalt, aber so erfrischend und nachhaltig prickelnd, dass wir uns vor dem Schlafengehen gleich mehrfach ein Stücklein treiben lassen. Morgen wollen wir wieder Meer sehen.

Bemerknisse

Dafür dass, wie in den letzten Bemerknissen erwähnt, quasi jeder Spanier einen verzogenen Kleinsthund hat, sind Hunde erstaunlich oft allenthalben durch Verbote ausgeschlossen. Vielleicht auch deswegen.

Sonntägliche Badeausflüge der Portugiesen scheinen sich nach folgenden Mustern abzuspielen: Mann fährt an Badeort, Frau schleppt Tische und Stühle von Auto zum Platz, Mann setzt sich, Frau schleppt kleinwagengrosse Kühltruhe neben den Tisch, Mann und man isst und trinkt reichlich.

In der momentanen Region gehört Herr G. plötzlich zu den Grossgewachsenen.

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Tage 7 und 8: Garaña – Santiago de Compostela – Mougàs


Am nächsten Morgen stehe ich früh auf und geleite den Hund zur Morgenrunde. Ich, gesegnet mit überhaupt keinem Orientierungssinn, komme auf die spassige Idee, dass ich statt über Strassen und Wege, querfeldein zu den Klippen finden könnte. Sagen wir es so: Nach stündigem Marsch sah ich die Klippen von Weitem. Zurück bei Familie und Gefährt, brechen wir auf, wir wollen heute einen Platz in Santiago de Compostela erreichen, den uns unsere Deutschen empfohlen haben. Die Strecke zieht sich unerfindlich lange und als wir gegen 16 Uhr ankommen, beschliessen wir den Ausflug ins Stadtzentrum auf den nächsten Tag zu verschieben und den Nachmittag und Abend stattdessen in Pool (Kinder), Stuhl (Mann) und Hängematte (Ich) zu verbringen.

Wir dürfen den Gefährten auf dem Platz lassen, obwohl wir keine weitere Nacht hier bleiben wollen. Der Platz, ein kleiner Campingplatz, 2 Kilometer vom Zentrum entfernt, ist überhaupt sehr weiter zu empfehlen: Die Plätze sind schattig, die Bäume stehen in hängemattetauglichen Abständen und die Betreiber sind freundlich und unkompliziert. Während ich und die Kinder den Bus nehmen wollen, will Herr G. die Strecke ins Zentrum mit dem Hund zurücklegen, weil der nicht in den Bus darf. An der Haltestelle angelangt, stellt sich aber heraus, dass wir noch 20 Minuten warten müssten. Da ich ohnehin schon fast hyperventiliere, weil mich der Umstand minim in Stress versetzt, dass ich weder Namen noch Nummer der Haltestelle, an der ich aussteigen müsste weiss, beschliessen wir alle zu laufen. Das ist kein Problem, wie sich herausstellt, die Kinder lieben es, den allenthalben eingegossenen Muscheln (Jakobsweg) zu folgen und bald sind wir mitten im hübschen Stadtkern. Sie Gassen sind eng, die Häuser niedrig, weissgetüncht mit Sichtbalken oder steinern, dafür höher, mit schönen, alten, oft farbigen Toren. Die Stadt wirkt klein und lebendig, überall sind Pilger mit ihren obligaten Wanderstöcken und zu grossen Rucksäcken. Nahe der Kathetrale treffen wir auf Iria Ribadomar. Ihre Bilder stechen massiv aus der Masse kitschiger Stadtmalereien heraus. Sie zeichnet, wie sie sagt, unser Morgen, Kühe, Dudelsackspieler und Pilger in Gasmasken, alles auf Karton. Eine der Kühe nennen wir nun eigen, von der Stadt haben wir genung. Wir fahren wieder raus ans Meer. Vor der portugisischen Grenze finden wir einen kleinen freundlichen Platz, wo man zwar, aufgrund der scharfkantigen Felsen nicht baden kann, dafür aber Krebse, Seeigel und kleine Fische findet. Einheimische finden auch mal eben in 5 Minuten 3 Gigantofische. Erstaunt sehen wir dabei zu, wie ein Mann mit seinem Sohn ans Ufer geht, ein rundes Netz ins Wasser hält und drei Fische raus zieht. Nach dem er wieder gegangen ist und wir seinen Platz eingenommen haben, sehen wir auch wieso: Sein Netz hat genau über das Abwasserrohr einer nahen Fabrik gepasst. Ich will nicht wissen, was die Fische alls so intus haben. Erstmals bleibt es abends lange heiss und auch der Kläffer von nebenan lässt die Nacht zu kurz werden

Bemerknisse

Sie haben alle Hunde, die Spanier, jedenfalls wenn man kleinen aggressiven Köterchen mit minimalistischer Körpergrösse und gigantischem Kläffstimmvolumen so bezeichnen mag. Die Hunde gehorchen nicht die Bohne, Leinen schleifen sie allerhöchstens dekorativ lose am Boden hinterher und sie kacken offensichtlich so blitzschnell und dezent, dass ihre Besitzer den Prozess irgendwie nie sehen und folglich auch nicht beseitigen können.

Wer auf Reisen die Strassen des Balkans gewohnt ist, wird auf Reisen in andere Richtungen allenthalben Erstaunen ob den tollen Strassen bekunden.

Je näher an Santiago, desto schneller wird gepilgert. Kurz vor der Kathedrale gilt es Deckung zu suchen, wenn wieder eine Herde berucksackter, beinverbundener, stockschwingender Pilger ins Ziel galoppiert.

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