Reise 2012

Bern – Sent (Tag 1)

Die Reise von Bern nach Sent gestaltete sich ruhig, um nicht zu sagen zeitweise langweilig, die Kinder waren wahre Engelchen, der erste Teil der Strecke all zu bekannt und das Gefühl jetzt Tatsächlich auf Reisen zu sein, beschlich uns nur, wenn Herr Gminggmangg oder ich von geistesblitzern von Gedanken an potentiell Vergessenes ereilt wurden. So gestalteten sich die Gespräche in den ersten beiden Reisestunden etwa so:
„Ou, Sch…, Äms Fiebernotfallmedikamente!“
„Eingepackt.“
„Mist, Fotospeicherkarten!“
„Eingepackt.“
„Abwaschmittel?“
„Mist.“
„Feuerzeug?“
„Eingepackt.“
„Eurostecker?“
„Sch…!“
Usw.
Der zweite Teil der ersten Reiseetappe führte über den …Pass und raubte uns vor Schönheit, dem Gefährten eher wegen des Anstiegs beinah den Atem. Bei jeder Pfütze in Sichtweite kreischte Y entzückt auf: „Das Meer, das Meer, dieses Wasser ist bestimmt salzig!“
gegen Abend gelangten wir mit Hilfe des GPS aus milder Spende, schliesslich nach Sent, wo wir mit Lasagne und Kuchen verköstigt wurden, eine Babyphoneapp herunterluden, sie benutzten, trotzdem alle 10 Minuten unter Pinkelvorwänden an der Türe lauschen gingen und noch eine Nacht in echten Betten verbrachten.

Bemerknisse:

  • Nicht alle Führer gemächlicherer Fahrzeugen schaffen es, die sich hinter ihnen bildende Autoschlange an geeigneter Stelle überholen zu lassen und Herrn Gminggmanggs Versuch mit gutem Beispiel vor- bzw. hintenan zu gehen scheiterte trotz gross Theatralik seinerseits stets an Nichtbeachtung.
  • GPS-Geräte sind lieb und wollen auch so behandelt werden, wir nennen das unsere Frau Fankhauser, Caroline Fankhauser.

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Sent – Trento (Tag 2)

Eine Fahrt durchs Bergferienpostkartenidyll, noch fehlt mir ein wenig das Gefühl WIRKLICH weg (von daheim) zu sein. Ein kleinwenig helfen vielleicht noch die Grenzübergänge, ein kurzer Sreckenabschnitt führte über Österreich, dann hatten wir es zumindest schon nach Italien geschafft. Gegen Nachmittag liessen wir uns von Frau Fankhauser zu einem Stellplatz führen und landeten mitten in den Niederlanden. Wir waren tatsächlich die einzigen Nicht-Niederländer auf dem Platz und während Herr Gminggmangg und ich uns Theorien zu diese Phänomen überlegten, spielten und sprachen die Kinder mit den anderen Kindern, als würden sie nichts davon bemerken.

Bemerknisse:

  • Das Reden einer gemeinsamen, verbalen Sprache wird überbewertet, Kinder können das problemlos auch so.
  • Niederländer sind entweder die wahren Rothäute, tragen Rotstich aus Trendgründen, oder kennen keine Sonnencreme.
  • Kleinstkinder per Ferbermethode, à la „Jedes Kind kann Schlafen lernen“ zum Schlafen zu bringen ist doof. Noch doofer ist es, Kleinstkinder auf dem Campingplatz per Ferbermethode zum Schlafen zu bringen. Doof für alle.
  • Aus der Sparte „Welche Plätze auf einem Campingplatz sich NICHT zur Wahl empfehlen“: Siehe oben

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Trento – Jésolo (Nähe Venedig) (Tag 3)

Stets am Talboden, an maisbepflanzten Feldern vorbei gen Meer, endgültig im Süden angekommen, kamen nun spätestens dann echte Feriengefühle auf, als wir im Meer badeten. Venedig haben wir, in der Annahme, dass da gerade Touristenhochsaison herrscht und in Anbetracht der Tatsache, dass Äms Vorliebe für Wasser an Zwanghaftigkeit grenzt, wir aber keine Kanalbadegelüste hegen, grosszügig umfahren.

Bemerknisse

  • italienische Kinder scheinen allesamt die Fähigkeit zu bestitzen STUNDEN im Kinderwagen still zu sitzen und die Umgebung zu betrachten.
  • Moskitonetze bringen nichts, wenn nicht an jedes Fenster gedacht wurde.
  • Aus der Sparte „Welche Plätze auf einem Campingplatz sich NICHT zur Wahl empfehlen“: Auf einem in der Not gewählten, gigantischen Platz, nahe des Pools mit abendlicher Kinderanimation zu Betrunkenenmusik.
  • Zu bevorzugen sind allerdings Plätze neben Elektrikern, denn wer zwar das nötige Werkzeug, endlich auch das noch fehlende Kabel, nicht aber die entsprechenden Fähigkeiten hat, ist auf nachbarschaftliche Hilfe angewiesen.

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Jésolo (Nähe Venedig) – Crikvenika (Nähe Rijeka) (Tag 4)

Erstmalig auf slowenischem Boden. Es war grün und rasch vorbei, denn wir wollten endlich an eine Grenze gelangen, die unsere, unter Strapazen erstandenen, Identitätskarten zu würdigen weiss. Danke, werte Kroaten. Noch haben wir von Kroatien nicht viel gesehen, aber was wir sahen hat gefallen: grünblaues Meer, viel Wald und Fels.

Es ist ein seltsamer Gedanke, dass wir nun seit vier Tagen unterwegs sind, damit aber erst einen minimalen Bruchteil unserer Reisezeit verbracht haben. Ypsilönchen ward von einem ersten Anflug von Heimweh befallen, der aber beim neuerlicher Aussicht auf ein Bad im Meer rasch verflog.

Bemerknisse

  • Ein absolut fixer Platz für den Autoschlüssel, damit wir ihn immer gleich finden und nicht ewig suchen müssen, bringt nur etwas wenn man ihn benützt.
  • Nicht jedes seltsame Geräusch oder jeder ungewöhnliche Duft, ist des Gefährten Sterbensröcheln, bzw. Verwesensgeruch.
  • Das Autoölbehältnisdings zu lokalisieren, das Ding mit Drahtding rauszuziehen, zu betrachten und für, äh, gut zu befinden, könnte als Autobesitzerfähigkeit bezeichnet werden.
  • Aus der Sparte „Welche Plätze auf einem Campingplatz sich NICHT zur Wahl empfehlen“: Neben einem deutschen, evangelischen Jugendlager mit Beteiligten in Kreischhöchstform.

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Crikvenica (Nähe Rijeka) – Murter (Nähe Šibenik) (Tag 5)

Für diesen Streckenabschnitt begaben wir uns ins kroatische Hinterland, durchfuhren erst grünstes, bewaldetes Land, auf dem hinter jeder Kurve Käseverkäufer (jedenfalls nehem ich an, dass es sich bei den gelb-orangen Laiber um Käse handelte) sassen und auf Kundschaft warteten. Je näher wir erneut der Küste kamen, desto karger wurde die Landschaft und an der Küste schliesslich, fanden wir uns ab und zu etwas orientierungslos wieder, liessen die vielen Meeresarme und Inseln machmal schwer erkennen, wo denn nun die Adria, wo Festland sich befindet. In der Absicht mehr als nur eine Nacht auf dm nächsten Gefährtenstellplatz zu verbringen, fuhren wir auf einige der unzähligen Halbinseln hinaus. Obwohl die Kinder sich beim Fahren bisher ungleich besser als erwartet gehalten haben, war an diesem Tag irgendwann der Punkt erlangt, an dem nichts mehr ging. Zusätzlich war Herr Gminggmangg erheblich fahrmüde und ich habe Frau Fankhauser mit unsinnigsten Daten gespeist und uns im unmögliche Irren geführt. kurz: Der nächstbeste Campingplatz, freicampen goutieren die Kroaten schneins nicht, müsste genommen werden. Am Rande einer wunderbar grünblau schimmernden Meeresbucht fanden wir einen Platz, der aber leider aus allen Nähten platzte, so dass wir uns im inoffiziellen, hinteren Teil einen Platz suchen mussten. Kein Problem, Strom brauchen wir nicht zwingend, ebensowenig fliessendes Wasser, auch mit den anfänglich irritierenden, vielen Nackten konnten wir umgehen, schade war allerdings, dass wir den Gefährten neben die mutmassliche Freikörperkulturcamperfreilufttoilette gestellt hatten und noch schader war, dass Äm diesen Umstand als Erste bemerkte.

Bemerknisse

  • Aus der Sparte „Welche Plätze auf einem Campingplatz sich NICHT zur Wahl empfehlen“: neben die mutmassliche Freikörperkulturcamperfreilufttoilette.
  • Nennen Sie mich prüde, aber bis auf Kinder will ich nie mehr jemanden nackt campen sehen.
  • Absurditäten sind toll, aber bei joggenden Nackten mit Rucksäcken und Hüllenlosen auf Surfbrettern ging die Ästhetik leise heulen.
  • Familie Gminggmangg war also durchaus schon mal overdressed auf dem Campinplatz.

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Murter (Nähe Šibenik) – Primošten (Nähe Šibenik) (Tag 6)

Nur eine kurze Strecke fahren, dafür viel Zeit aufwenden, um einen ruhigen, gut ausgerüsteten, es herrschte nach dem vorherigen Tag ausgeprägtes Wasch(maschinen)- und Dsuchbedürfnis, mindestens dreisternigen Platz, direkt am Meer zu finden und Frau Fankhauser, zuverlässig wie sie ist, führte uns genau da hin. Ja, wir stehen momentan gar neben Slowenen mit überschüssigen Nutellacrepes, tun allerhöchstens 20 Schritte und stehen im türkisen Wasser und man munkelt, es gebe hier gar W-lan. Es sind mindestens zwei Ruhetage und -Nächte geplant.

Bemerknisse

  • Wer Dinge nicht mehr findet, schaut mit Vorteil in meiner Tasche nach.

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Primošten (Nähe Šibenik) – Ploče (Tage 7-9)

Nach dem wir die Tage 7 und 8 pausierten hatten, Y und Äm haben weitere multikulturelle Freundschaften geschlossen, ausserdem haben wir Deutsche in ehemaligem Feuerwehrgefährt mit annähernd selben Reiseroute kennengelernt, fühlten wir uns ausgeruht genug, weite Kilometer zurückzulegen. In Gedanken sahen wir uns schon vor den Toren Dubrovniks übernachten, hatten aber nicht mit der all zu gut befahrenen, da wahnsinnig touristischen Küstenstrasse gerechnet. Die Küste Kroatiens zeigte sich gleichbleibend schön, kein Wunder boomt hier der Tourismus. In der Region um Ploče veränderte sich die Landschaft wieder, die Hügel und Berge wurden wieder höher und karger, während die Täler, durchzogen von Meeresarmen, Flüssen und Seen, sich erstaunlich flach und weit zogen. Eine Landschaft, die ich so noch nie gesehen habe, die mich aber unheimlich faszinierte. Unvorstellbar, dass in diesen, ich möchte fast sagen, schmerzlich schönen Teilen Kroatiens vor nicht all zu langer Zeit noch Krieg tobte. Gegen Am späteren Nachmittag liessen wir uns von Frau Fankhauser zu einem, dem einzig ersichtlichen nahen, Zeltplatz leiten. Der Platz war eigentlich eher eine einzige große CampWG, denn man teilte sich Kühlschrank, Waschmaschine, Quadratmilliemeter und vorallem das Hobby: Kitesurfing. Falls also tatsächlich Kitesurffanatiker unter den Lesern weilen sollten: In einer der Lagunen bei Ploče haben sich einige liebenswerte, wenn auch leider noch wenig umweltbewusste Freaks ein kleines Kitesurfparadies geschaffen, in dem wohl jeder mit offenen Armen empfangen wird.

Bemerknisse

Es gibt zwei mögliche Szenarien, wie sich Begegnungen um Fragen um Hilfe/Geldwechsel/Orientierung/Einkauf bisher gestaltet haben:

  • Szenario 1: Frau G. tritt gen Schalter, Mann/Frau dahinter ignoriert sie, Frau G. R
    räuspert sich hörbar, Mann/Frau ignoriert sie, Frau G. spricht die Person an, Mann/Frau grunzt unverständliches, Frau G. formuliert ihre Frage, Mann/Frau antwortet kurz grummelnd, meist unverständlich und widmet sich wieder der unterbrochenen Tätigkeit.
  • Szenario 2: Frau G., mit Äm auf dem Arm, tritt gen Schalter, Mann/Frau dahinter beginnt mit Äm zu schäckern, Frau G. stellt ihre Frage, Mann/Frau antwortet ausführlich und mit Unterbrechungen, um mit Äm zu schäckern.
  • Fazit: Der Kluge Reisende nimmt Kinder mit.

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Ploče HR – Tivat (Nähe Kotor) MNE (Tag 10)

Relativ früh brachen wir wieder auf, das vorläufige Ziel war weiterhin Dubrovnik. Der Weg dorthin führt für einen Kurzen Streckenabschnitt über Bosnien-Herzegowina, das Passieren der Grenzen vollzog sich für uns, wohl auch dank Schweizerpässen und offensichtlichem Ziel (Camping), komplikationslos. In Dubrovnik wurde rasch klar, dass wir nicht alleine mit unseren Besuchsabsichten waren, der Gefährte zeigte sich relativ unflexibel, was das Parken in Kleinstlücken anbelangt und so blieb und nur, die Stadt mit dem Ruf eine der Schönsten an der Adria zu sein, mit der Absicht zu umfahren, den Besuch im September nachzuholen. Wir führen also weiter, schafften es gar über eine weitere Grenze (Montenegro). Montenegro scheint bisher, noch sind wir nicht weit vorgedrungen, an der Küste landschaftlich hauptsächlich von hohenHügeln und kleinen Bergen bestimmt, die direk ins Meer abschiessen, bergig muss es ja wohlnauch sein, den Namen trägt das Land mit Recht. schön ist es alleweil. In der weitverzweigten Bucht Tivatski zaliv (wahrscheinlich war das grad ein Pleonasmus) verbrachten wir schliesslich auf einem Kleinstplatz, mit lauter Serben in Ferienstimmung, eine nicht ganz ruhige, aber billige Nacht.

Bemerknisse

  • Erkenntnis des Tages: Montenegro handelt mit Euros. Banausengmanggs.
  • Auf einem Campingplatz in Montenegro, würde Familie Gminggmangg auch in Clownskostümen nicht erheblich mehr auffallen. Der farbenfrohste unter uns bunten Hunden war aber Herr G., der hat nämlich den Abwasch gemacht. Als Mann!
  • Die Kroaten sagen, wir sollen nicht nach Albanien, die Serben finden Kroatienurlaube unnötig, die Griechen können unsere Reisepläne gen Türkei nicht verstehen und die Türken warnen uns vor Bulgarien, kurz: Wieso um himmelwillen macht man als Schweizer nicht „allinclusive“ Luxusurlaub?

Das Übertragen der Bilder von iPhone zu iPad klappt noch immer nicht, erst recht nicht das Übertragen der Fotos der Nikon, aber heute habe ich ans Schiessen eines iPadFotos gedacht. hier also Montenegro in Abendstimmung:

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Tivat (Nähe Kotor) MNE – Ulcinj (nahe der Albanischen Grenze) MNE (Tage 11 und 12)

Erneut brachen wir heute früh auf, um einerseits möglichst nahe zur albanischen Grenze zu gelangen und uns anderseits zeitig einrichten zu können, um den Nachmittag entspannt im Freien verbringen zu können. Die Kinder nehmen die Fahrerei zwar immer noch erstaunlich locker, aber es gilt ja an diesem Zustand auch nichts zum Negativen zu verändern.
Je länger wir der Küste Montenegros entlang fuhren, desto mehr Gefallen fand ich an der steil abfallenden Küste, der irre bergigen Landschaft, die in den Höhen immer wieder weite Blicke über das Land erlaubt und den dekorativ auf die Hügel und Inseln gestreuten Kleinstkirchen. Aufgrund eines Verfahrers machten wir einen kurzen, ungemein lohnenswerten Abstecher ins Ebensobergige Hintelandund befuhren auf dem Weg zurück gen Küste sogar, den laut Karte einzigen, montenegrische Autobahntunnel für den, so vermuten wir, Touristenpreis von 5 Euro.
Es ist Wassermelonensaison in Montenegro! Alle paar Meter werden am Strassenrand Melonen feilgeboten und das zu Preisen, zu denen ich in der Schweiz höchstens einen Melonenfünftel erhalten würde. Ich wähne mich im Schlaraffenland!
Kurz nach Ulicj fanden wir schliesslich einen Campingplatz direkt an eine langen Sandstrand und legten nach einer Übernachtung gleich noch einen Ruhe- und Strandtag ein.

Bemerknisse

  • Wenn Melonen eine Fünftel des gewohnten Preises kosten, ist zweifelsfrei die implizierte Aufforderng, das Fünffache an gewohnter Wassemelonenmenge zu verspeisen. Und keinenAngst von potentieller Dauerpinkelei, denn das Zeug kann, wenn man bei 30* im Auto niedergegart wird, leichtenst wieder ausgeschwitzt werden.
  • Ein Autostellplatz könnte durchaus auch mehrfach vermietet werden, wenn sich denn die bereits eingerichteten Durchreisenden kooperativer zeigen und ihr Fahrzeug mitten in der Nacht umparkieren würden.
  • Wenn kleine dreijährige Ypsilönchens sich in Hochdeutsch versuchen, klingt das so: „Hallo Arven, woschen du auchen mit meinen Wägelin schpilen?“
  • Wenn kleine dreijährige Ypsilönchens nach Tagesprogrammwünschen gefragt werden, antworten sie mit: „I d Landi ga iichoufe.“ (In die Landi (Landwirtschaftsmarkt, vorallem in ländlichen schweizer Gegenden anzutreffen) einkaufen gehen.)

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Ulcinij (nahe der albanischen Grenze) MNW – Kavajë (Nähe Durrës) Tage 13-14

Wer aberglaubt wird es geahnt haben: Tag 13, unserer bis anhin erstaunlich reibungslosen Reise, war von kleineren und grösseren Katastrophen geprägt.
Begonnen hat der Tag, ganz harmlos, mit der mittlerweil recht organisierten Zusammenpackerei, der Verabschiedung von netter Bekanntschaft aus Deutschland und einer kleinen Lästerrunde mit der jungen Receptionistin, bezüglich ihres vermeintlichen Chefs, der uns spät abends zum umparken aufforderte, um Platz zu schaffen. „Männer hier sind gerne Boss und wenn sie es nicht sind, tun sie zumindest so.“ erzählte sie kichernd und wies auf ihre Lehrbücher für höhere Mathematik, den Job hier hat sie nur zum Nebenverdienst fürs Studium, „Aber ich werde dereinst sein Boss sein.“.
Wir brachen auf, zur albanischen Grenze war es nicht mehr weit, doch die Hinfahrt brauchte Zeit, denn die grösste Strasse, die von Montenegro nach Albanien führt, ist eine schmale, schlaglochintensive, allerdings naheliegenderweise vielbefahrene Strasse. Kurz vor der Grenze wurde die Strasse urplötzlich mehrspurig und, im Vergleich zu vorher, irrsinnig eben und glatt. Das Passieren der Grenze verlief rasch und ruhig und eigentlich wären wir in einer guten Stunde bereits beim anversierten Schlafplatz angelangt. In dieser Zeitrechnung hatten wir allerdings nicht einkalkuliert, dass eine schwarzfahrende Biene, sehr wahrscheinlich aufgrund des schweizer Kennzeichens und mit Asylabsichten, ausgerechnet den Allergiker unter uns als Transportmittel ihrer Wahl auserkoren hatte, kurz nach der albanischen Grenze ihren Irrtum bemerkte und in ihrer Verzweiflung und vermuteter Perspektivelosigkeit ein Selbstmordattentat verübte. Es folgte gemeinschaftliches Hyperventilieren, ein Beratungstelefon, Medikamentation, Warten auf eine mögliche Reaktion, bei über 30* und an praller Sonne, allgemeines Garheitsgefühl, anschliessend Entwarnung und Weiterfahrt.
Den Weg zum wirklich wunderschön gelegenen Camingplatz fanden wird danach glücklicherweise problemlos, oder zumindest problemloser als das Einparken in die angestrebte Position verlief. Herr Gs. Probleme blieben nicht unbemerkt und der liebenswerte polnische Nachbar, der allerdings kein Wort Englisch sprach, versuchte Herrn G. winkend und gestikulierend zu manövrieren. Herr G. warf mir immer wiedre hilfesuchende Blicke zu, ich bedeutete ihm, dass das sonicht gehen werde, der Nachbar gestikulierte und rief Polnisches, deR Gefährte nährrte sich dem Abgrund, ich ging zum Schreien über, auch der Nachbar schrie mittlerweile und der Gefährte befand sich derweil in einer misslichen Lage, ein Rad über dem Abgrund, eins aufgrund der Schwergewichtsverlagerung ohne Bodenhaftung und ich sah ihn schon samt Herrn G. purzelbäumig gen Hügelfuss rollen. Unser andere Nachbar trommelte kurzerhand eine kleine Menschenmeute zusammen und nur die vereinten Kräfte anwesender Reisender vermochten unser temporäres Daheim wieder auf stabilen Grund zu schieben.
Des Abenteuers für heute genug, so dachten wir, atmeten wir auf und durch, begannen uns einzurichten, als wir den Platten am rechten, hinteren Rad bemerkten. Es fehlte an Energie vor dem nächsten Tag zu handeln und so taten wir so humorig wie möglich und erwachten schrägheitsbedingt am nächsten Morgen als Gminggmanggklumpen in der hinteren, rechten Ecke.
Die überaus freundlichen Platzbetreiber organisierten uns am nächsten Tag Mechaniker und Rad, wir genossen den, an Kitsch grenzend, idyllischen Ort (unbedingt empfehlenswert, äusserst kinderfreundlich, Kamping Pa emer bei Kavajë) und legten zwei weitere Ruhetage ein.

Bemerknisse

  • Seit der Schweiz habe ich nirgends mehr so viele schweizer Autokennzeichen gesichtet, wie an der albanischen Grenze.
  • Wann immer wir an Menschen vorbei fahren, wird gewunken, gepfiffen, ja, fast immer aufgestanden. Wie sich leider herausstellte tun die Albaner das nicht, weil sie sich so sehr über die Ankunft der Familie Gminggmangg freuen, sondern weil sieneiner Verwechslung anheimfallen. Taxibusse sind fast ausnahmslos weisse Mercedesbusse. Wir ignorieren die Tatsache und fühlen uns überall lautstark und freudig empfangen.
  • Was seit Kroatien bemerkenswert zunahm, nämlich unglaublich viele unfertige, aber bewohnte Häuser, manifestiert sich in Albanien. Hier sind fertige Häuser Ausnahme.
  • Wer in Reiseführern liest, dass sich auf Albaniens Schnellstrassen durchaus nicht nur Autos befinden, darf dem Glauben schenken. Bisher gesehen: Eselfurwerk, Kuhherde, Pferdegespann, Fahrräder, mit mehreren Personen beladen, auf der Gegenfahrbahn, und Fussgänger.

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Kavajë (Nähe Durrës) AL – Ljubaništa (Nähe Ohrid) MK (Tage 15-16)

Je weiter wir uns von unserem letzten Stellplatz entfernten und je weiter wir in Albanien eintauchten, desto mehr wurde uns bewusst, wie sehr sich die Familie die den Zeltplatz in Kavajë betreibt eine kleine Oase geschaffen hat. Eine kleine, verhältnismässig saubere, sichere und unheimlich schöne Oase, mitten in einem zugemüllten, unfertigen und seltsam zusammenhangslos anmutenden Land(esteil). Sie werden es bemerkt haben, wir wurden nicht warm mit Albanien, auch wenn die Albaner äusserst wahrmherzig sind, es alleweil ungemein spannend war und mein Reiseherz ob all der Andersartigkeit und den Gegensätzen in Ursprünglichem (Eselgespann und BMW) höher schlug, mit einem Kind ohne Verständnis für die Differenzierung in Abfall und Bespielbarkeiten, erschien uns dieses anscheinend fast lücken- aber ganz sicher gnadenlos zugemüllte Land nicht der richtige Ort. Ich befürchte, nein hoffe, dass es uns nur in die falschen Landesteile verschlagen hat.
Mazedonien gestaltete sich schon kurz nach der Grenze ungefähr so, wie ich mir das von Albanien vorgestellt hatte: Schöne, kleine, sehr ursprünglich gehaltene Dörfer, viel Landwirtschaft, lebendige, lärmige Ortskerne, schlechte Strassen und freundliches Volk.
Am Abend ereilte uns die grosse Sinneskrise in voller Schlagseite, denn, ja, wir landeten auf einem unheimlich schmuddeligen, wer ahnts?, zugemüllten Platz, in Mazedonien. Ja, das Reisen mit Kinden ist anders als das Reisen ohne Kinder. Wo wir früher notfalls auch in Stadtparks und anderen Gratisabstiegen nächtigten, sollte heute die nächtliche Umgebung zumindest ansatzweise kindergecht sein, immerhin müssen ja Teile ja des Abends und des Morgens an Ort verbracht werden. Wir beschlossen am nächsten Tag nach Griechenland aufzubrechen und es mit etwas Abstand auf der Rückreise nochmal mit den Balkanstaaten zu versuchen.

Bemerknisse

  • Der Gefähre tut nur so, als sei er ein albanisches Taxi, ist aber, oder besser gesagt, seine Besitzer sind, gänzlich unfähig. Ein Versuch in Stichworten: alter Mann an Strasse, auf Taxi wartend, weiche Herzen, Zielortabsprache in verschiedener Sprache, stilles Fahren, albanische Schimpftiraden, alter Mann an Strasse, auf Taxi wartend.
  • Schlaglochkategorien auf albanischen Strassen:
  • Kategorie 1, leichte bis mittelschwere Bodenunebenheiten – Kontaktlinsen verrutschen, Schuppen fallen, Autoreifen und Achsen weinen leise.
  • Kategorie 2, mittelschwere bis schwere Bodenunebenheiten – leichte Schütteltraumata, Reifen machen Platt, Achsen beten schreiend und knirschend um Gnade.
  • Kategorie 3, schwer bis nahtoderfahrungsspendende Bodenunebenheiten – Schleuder- und Schütteltraumata, Achsenbrechen, Reifen verabschieden sich.
  • Auf Wohnwagenstellplätzen ohne fixe Nummerierung empfiehlt es sich grundsätzliches Misstrauen gegenüber freien Plätzen abseits des steppenden Bärs. Touristen teilen sich übrigens das Händchen für die Stellplatzwahl in Freiluftklos.

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Ljubaništa (Nähe Ohrid) MK – Chalkidon (Nähe Gianitsa) GR (Tag 17)

Heute war ein versöhnlicher Tag. Mazedonien zeigte sich ziemlich genau so, wie ich mir Albanien vorgestellt hatte: Viel Landwirtschaft, ursprüngliche Dörfer, lebendige, lärmige Stadtzentren, schlechte Strassen und freundliches Volk. Obwohl ich mir durchaus hätte vorstellen können, länger in Mazedonien zu bleiben, denn was wir sahen gefiel ungemein, zieht es uns in Richtung Türkei. Wir fahren weiter, nach Griechenland, erreichen aber unser morgens gesetztes Tagesziel aufgrund akuter Müdigkeit nicht und müssen in einem Hotel nächtigen. Was sich komfortabel anhört, hatten wir doch ein eigenes Bad, erstmalig seit über zwei Wochen, war, zumindest als es ums Schläfen ging so qualvoll (schlaflos), dass wir kurz mit dem Gedanken spielten um elf Uhr nachts, mit den Kindern in den parkierten Gefährten umzuziehen und „daheim“ zu schlafen.
Spontan haben wir beschlossen, eine Ruhewoche in Istanbul einzulegen. Zugegeben, das klingt etwas widersprüchlich, ist doch Istanbul eine pulsierende Grossstadt, aber es wird unser vierter Aufenthalt in dieser Stadt sein und so etwas wie die Einfahrt in einen sicheren Hafen, nach all den neuen Eindrücken und Unsicherheiten. Istanbul kennen wir, wir können uns zumindest in der Stadtmitte kartenlos bewegen, müssen keine Sehenswürdigkeiten mehr zwingend aufsuchen, können zurückkehren an Orte, die uns gefallen haben, kurz: Der Gedanke an ein zwischenzeitliches „Heimkehren“ bereitet uns gerade sehr viel Vorfreude.

Bemerknisse

  • Phänomenal ist, wie urplötzlich sich Häuser, Dörfer, Städte und Strassen Sekunden nach Grenzübertritt verändern.
  • Ich bin pro Sesamgebäck, oder das planlose Einfahren auf Essenssuche in eine Stadt, landein einem wohl typischen Quartier, Esseneinkaufen am Quartierstand und Dinieren im Spitalpärkchen lohnt sich.
  • Was auch immer ich zu fotografieren bestrebe, es ist grundsätzlich das falsche Objektiv auf der Kamera.
  • Richtige Betten werden überschätzt, es geht nichts über das Gefährtenbett.

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Chalkidon (Nähe Gianitsa) GR – Neà Moudania (Nähe Tessaloniki) GR (Tag 18)

Nach einem unsäglich grässlichen Hotelfrühstück folgte die, trotz wirklich schöner griechischer Landschaft, unspektakuläre Fahrt zum angestrebten Stellplatz. Wir rechneten mit Massentourismus, immerhin befinden wir uns in unmittelbarer Nähe von Tessaloniki, und fanden massig freie Plätze. Wir werden hier nach den letzten beiden Vielfahrtagen mit Sicherheit mindestens zwei Nächte bleiben und unsere Schmutzwäscheberge abtragen.
Edit nach einer Nacht: Platzwahlfehler, Schlafen war erst nach 4:00 Uhr möglich, wir bleiben, verändern aber die Gefährtenposition.

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Bemerknisse

  • Ich wiederhole mich: Reisen Sie mit Kindern! Ist ein Tag relativ sensationsfrei, sorgen die Kinder garantiert für Spektakel. (Äm präsentierte uns heute ihren ersten Ohnmachtsanfall aufgrund allzulangem Kraft-, Luft- und Inbrunsttankens für besonders audrucksstarkes Protestgeschrei. Kleine Cholerikerin.)
  • Manche Griechen halten offensichtlich Schweizer für grundsätzlich blond, so kann es unmöglich sein, dass ich tatsächlich ebenso Schweizerin bin, wie meine blonden Kinder.
  • Edit nach einer Nacht: Aus der Kategorie „Welche Stellplätze Sie für Ihr(en) Gefährt(en) nicht wählen sollten: Neben pubertierenden Partypolen.

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Neà Moudaia (Nähe Thessaloniki) GR – Alexandropuli GR (Tage 19-21)

Der Gefährte eiert. Also sein Rad, aber das spielt eine herzlich kleine Rolle. Er eiert, natürlich, seit fünf Minuten nachdem wir ein Loblied auf seinen Rundlauf geträllert haben. Zwar haben wir unser Etappenziel, Alexandrupolis, erreicht, werden aber länger bleiben müssen als erwartet, befinden wir uns doch in einem ziemlich (griechisch) orthodoxen Land und Arbeiten am Sonntag (und nach 20 Uhr) (und zur Mittagschlafzeit, zwischen 14 und 17 Uhr) (und wenn es so heiss ist) ist reine Blasphemie. Die Stimmung bei der Ankunft war gedrückt, ein Grossstadtcampingplatz ist kein Ort den wir für mehr als eine Nacht hätten aufsuchen mögen. Die Receptionistin erklärte uns voller Begeisterung, sie hätte uns einen Platz im Griechenteil der Anlage in Mitten lauter Dauercamper verschafft, da sei es schattig und die Toiletten ganz nah. Wir verdrehten innere Augen, suchten den Platz und richteten uns ein. Nach der Entdeckung des W-lanbestückten Strandes und einem Bad in badewannenwarmem Wasser bestrebten wir, gleich zu essen und früh zu nächtigen. Es war schwül, immer noch heiss und das Lüftchen das wehte konnte noch nicht mal als lau bezeichnet werden und erinnerte eher an die Produktionen eines Heissluftföhns. Das war um sieben. Sie erinnern sich? Griechenteil der Anlage? Mittagsschlaf bis 18 Uhr? Jetzt steppte der Griechische Bär hier erst los, und wie! Rund um uns wurden die Grills auf die Strasse geschoben und mit grossem Bimborium und noch mehr Rauch angefeuert, erste Biere und Wein gereicht, Spiesse aller Gattung und Farben zubereitet und hernach auf die perfekte Glut gewartet. Mit der Dämmerung verbreiteten sich die allerköstlichsten Düfte nach gegrilltem Gemüse und Fleisch, Tische wurden auf den Strassen zusammengeschoben, Stühle eingesammelt, hie und da ein Feuer entfacht. Schliesslich versammelte man sich sitzend oder stehend um die Tische, und ass, trank, vorallem aber plauderte, mal hier mal da, Kinder rannten oder kurvten auf Fahrrädern von Tisch zu Tisch, bekamen hier eine Mund voll zu Essen, da ein liebevolles Tätscheln und dort Luftküsschen zugeschickt. Irgendwann begann jemand zu singen, es folgte der Auftritt einer spontan zusammengefundenen Band und gemeinschaftliches Tanzen und Singen alter, äusserst sentimentaler griechischer Lieder. Kurz: wir fanden uns urplötzlich in einem griechischen Kleinstdorf in Festlaune wieder. Y fand nach kurzer Zeit kleinmädchen- und zauberhaften griechischen Anschluss, mit dem sie bis Mitternacht durch die Gegend flanierte, Äm schlief irgendwann ein, Herr G. und ich wurden zu Gesprächsrunden geladen, abgefüllt, gemästet, zum Tanz genötigt und ab und zu an eine grosse, weiche griechische Brust gepresst.

Bemerknisse

  • Herr G. befahl dies hier niederzuschreiben: Herr G. trinkt Vodka mit Zitrone wie ein echter Grieche.
  • Wer Griechen erst belustigen, dann entsetzen möchte erzählt, dass er eine Wohnung im Haus seiner Eltern hat UND Miete bezahlt.
  • Wer neben Griechen campt, kommt mit Vorteil mit wenig Frischluft aus, denn das Auto bleibt besser geschlossen, man weiss nie, wann der nächste Grill rauchvoll angeworfen wird.
  • Wer einen (Hoch)Sommer in Griechenland verbringt, passe sich deren Zeiten an, denn erstens ist an Schlaf zu gewohnten Schlafenszeiten ohnehin nicht zu denken, zweitens ergibt es tatsächlich Sinn, die heisseste Zeit des Tages einfach zu verschlafen.
  • Griechen haben immer recht. Wird das Gegenteil bewiesen, war bestimmt der Vodka von gestern Schuld.

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Anmerkung: Mittlerweil weilen wir schon in Istanbul, Berichte folgen.

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Alexandropuli GR – Marmaraereglisi (Nähe Tekirdag) TR – Istanbul TR (Tage 22,23 und 24)

Y fiel der Abschied diesmal sehr schwer, ich fürchte, dass sie etwas reisemüde ist, lässt sie doch auch immer mal wieder verlauten, dass sie bald wieder nach Hause wolle. Noch lässt sie sich immer wieder von unserer Neugierde und Meist vorhandener Reisefreude anstecken und in Aussicht auf einen Besuch beim Gefährten-Arzt, liess sie sich auch heute Morgen schlussendlich doch zur Weiterfahrt überzeugen. Für Äm scheint die Reiserei überhaupt keine Herausforderung zu sein, sie ist ausgeglichen, meist gut gelaunt und bewegungsdringlich wie eh und je, Letzteres wiederum ist ein Umstand, der uns schon zu Zweifel bezüglich der Wahl des Zeitpunktes hinreissen liess. Tatsächlich ist Äm mittlerweile fast so schnell und mobil wie Y, aber noch meilenweit entfernt von Selbsteinschätzung und Vernunft einer Dreijährigen, was dazu führt, dass wir ihr andauernd hinterher rennen. Sie is(s)t schlicht ohne Furcht und Ekel.
Am Morgen liessen wir also den Gefährten wieder in Schuss bringen, glücklicherweise waren es wieder „nur“ die Reifen und nichts Aufwändigeres. Wir fahren also mittlerweile mit drei neuen Reifen. Leider wurde uns mit dem Bekanntwerden Preisen auch klar, dass wir in Albanien wohl einiges zu viel bezahlt hatten. Relativ zeitig brachen wir also auf, um Istanbul so nah als möglich zu kommen, ohne es schon zu erreichen, damit Herr G. am Dienstag frisch in die Stadt einfahren kann und sich nicht nach einem langen Fahrtag noch auf den mörderischen Verkehr konzentrieren muss.
Das Passieren der griechisch-türkischen verlief problemlos und bald hielten wir nach möglichen Campingplätzen Ausschau. Mit spontaner Hilfe eines Taxifahrers fanden wir schliesslich auf einem, als Campingplatz gekennzeichneten, Gelände einen Platz zum Übernachten. Zusammen mit 15 weissen Kaninchen, 7 Hühnern, drei Enten, drei angriffslustigen Truthähnen, einem zahmen und einigen wilden Hunden und einer liebesbedürftigen Kleinkatze. Die Kinder waren be-, wir eher entgeistert, aber die Nacht verlief, bis auf den bis am Morgen unbemerkten Katzenbesuch, störungsfrei.
Wir hatten noch um die hundert Kilometer bis Istanbul zurückzulegen, aber schon um die 70 Kilometer vor der Stadt, nahm das Häusermeer kein Ende mehr und wir näherten uns unweigerlich dem Verkehrschaos Istanbuls. Ausgerechnet in der Phase grösster Orientierungslosigkeit beschloss Frau Fankhauser, uns ein wenig zappeln zu lassen und so fuhren wir den fünf Meter langen Gefährten mehr oder weniger blind in Istanbul ein. Glückliche Fügung, das schlussendliche Erbarmen der Fankhauser und Intention liessen uns unser Ziel, einfaches Hotel im Stadtteil Beyoglu, das wir schon aus einem unserer früheren Istanbulbesuchen kannten, trotzdem finden. Es war ein Ankommen, ein kleinwenig Heimkommen, wir luden unser Hab und Gut aus, gaben den Gefährten in fähige Hände und spazierten gen Bosporus zum Çaytrinken.
Nun sind wir den dritten Tag in Istanbul und es ist angenehm entspannend, wir verbringen viel Zeit im Park und auf dem Bosporus, Genaueres bzw. Stimmungsvolleres wird nach weiterem oder weiteren Tag(en) hier berichtet.

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Bemerknisse

  • Türken lieben das Betätigen ihrer Hupen, ja, ich glaube insgeheim fahren sie nur Auto, um bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu hupen. Ampeln sind hierfür besonders beliebt, denn wer sich nicht an vorderster Stelle befindet, hupt mit Inbrunst, sobald die Ampel auf grün stellt, relativ unabhängig von der Schnelligkeit des Vordersten, ist doch der zwingend langsamer damit das Auto in Bewegung zu setzen, als die Hintermänner mit der Hupenbetätigung.
  • Wenn ich wichtige Dinge, wie Portemonnaie, Pässe, Geld, an strategisch günstigen und logischen Orten deponiere, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass ich Minuten später vergessen habe, wo diese strategisch besonders günstigen Orte sind.
  • Campingplätze in der Türkei, soweit wie wir das bisher feststellen konnten, sind Campingplätze, weil sie so heissen, nicht weil sie über entsprechende Anlagen verfügen. Um ein Campingplatz zu sein, reicht ein entsprechendes Schild.
  • Es ist UNGLAUBLICH wie kindervernarrt die Türken sind, eine Begeisterung die wohl bei Kleinkindern in Äms Alter ihren Höhepunkt findet und in Kombination mit blonden Haaren, unübertrieben, halbe Hyperventilationsattacken, spontanes Taschenfallenlassen, um Oktaven nach oben verschobene Stimmlagen in bemerkenswerter Lautstärke und Bitten um ein gemeinsames Foto auslöst.

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Und weil zuvor Zweifel aufkamen: Nein, ich bin keine der abgebildeten Damen.

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Istanbul (Tage 25-29)

Bezeichnenderweise habe ich, mitAusnahme von Bern, in keiner Stadt je so viele Kilometer zu Fuss zurückgelegt, wie in Istanbul. Die Gigantin auf zwei Kontinenten, der ich mich mittlerweil per Flugzeug, Bahn und Auto genähert habe, hat es mir angetan, nicht weiter verwunderlich also, dass ich hier schon vier mal weilte, zwei mal mit Kind(ern).
Ich schätze den Kontrastreichtum der Stadt, den ich bisher nirgends wo ich war, so wahrzunehmen vermochte. Einerseits die Strasse Istiklal, auf der zu jeder Tages- und Nachtzeit Menschenströme fliessen, als wäre ein Volkfest immenser Bedeutung im Gange. Gesäumt wird die Strasse von modernsten Geschäften und Boutiquen, und auch ein Grossteil des schlendernden Volkes lässt im ersten Moment kaum erahnen, dass wir uns hier quasi am Tor zum Orient und in einem Land mit islamischen geprägten Traditionen befinden. Spätestens im zweiten Moment allerdings, wenn man damit beginnt langsam einzutauchen, Kapazitäten für die Aufnahme der Sadt über mehrere Sinne entwickelt, langsam die allgegenwärtigen Düfte frischer Simit (Sesamkringel), Pilavreis und gegrilltem Mais erschnuppert, drei Speisen, die hier ganztags und ziemlich überall direkt von kleinen, spezialisierten Wägelchen verkauft wird, allerspätestens wenn behemdete Jünglige silberplatten mit Çay (Schwarztee) und die typischen Speisen in waghalsigen Manövern, massig Geschicklichkeit und stets rennend von A nach B bringen und allerallerspätestens, wenn zum Gebet gerufen wird, wird trotz aller Westlichkeit des Viertels klar, dass der Orient nahe ist und bereist wenige Schritte weiter, abseits des grossen Turisten- und Shoppingtrubels, befindet man sich mitten drin. Es lohnt, in Istanbul, wie wohl in allen andern Städten, einfach mal zu gehen, so weit die Füsse tragen, stets der interessantesten Gasse entlang und so zufällig auf ein Händlerviertel zu stossen, in desen eigentlich klarer Ordnung, denn jedes Geschäft hat seine Spezialität (Röhre, Netze, Zangen, Hammer, Schläuche usw.), sich die Waren aber derart türmen, dass die Ladeningänge erst gesucht werden müssen, oder man stösst auf uralte, relativ lotterig anmutende Holzhäuser, die zwischen imposanten, allerdings oft nicht weniger verwitterten, Steingebäuden stehen und irgendwie fehl an Platz wirken und bis heute und damit Beben und andere Wirren überlebt haben und nicht selten auch noch bewohnt sind, oder man betritt urplötzlich ein Viertel in dem Frau die einzige Kopftuchlose ist, in dem nach dem Ruf des Muezzins tatsächlich alle zur Moschee eilen und urplötzlich die Strassen, bis auf die allgegenwärtigen Strassenhunde und – Katzen leergefegt sind oder… Aber ich glaube Sie haben verstanden: Einfach loslaufen lohnt sich.

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Istanbul mit Kindern

Ich habe es schon beschrieben, ich liebe es, in mir fremden Städten Kilometer um Kilometer zu Fuss zurück zu legen und so eben auch auch viele Überraschungen zu stossen, mich ab und zu zu verirren oder gar in Gassen zu landen, die ich vielleicht als Touristin lieber meiden sollte. (Es ist mir noch nie etwas geschehen, aber ich bin schon von Einheimischen mit Nachdruck aus gewissen Gegenden geführt worden.) Das ist eine Vorgehensweise, wie sie sich mit Kindern wohl eher nicht empfiehlt, selbst wenn die Kleinen noch getragen werden können. Ich war deshalb froh, dass ich Istanbul schon bereist hatte und damit den Entdeckungsdrang nicht mehr ganz so sehr verspürte, wie früher, denn Istanbul bietet durchaus auch Attraktives für (Klein)Kinder, das auch Erwachsenen nicht schnarchen lässt.
Was Sie in Istanbul mit (und ohne) Kinder(n) unbedingt gemacht haben sollten:

  • Sonntag, früh morgens oder abends, rund um den grossen Bazar spazieren, wenn alle Geschäfte geschlossen, aber dennoch so viele Kleinigkeiten zu entdecken sind. Ich fand die Stimmung einfach wunderbar, spannend, Ruhe nach und vor dem grossen Sturm, kleine verwinkelte Gässchen, hier ein vergessener, herausgehängter Morgenmantel, da ein einsamer Neuschuh, dort gestapelte Schaufensterpuppen, aber sehen Sie selber.
  • Am Abend auf der Istiklal von Strassenkünstler zu Strassenkünstler gondeln, Kinder werden ohne Weiteres in die erste Reihe befördert und sehen so auch wirklich was geschieht.
  • Bisher verbrachten wir unsere Nächte in Istanbul in Hostels und Hotels, schade, denn Manzara Istanbul http://www.manzara-istanbul.com/, das wir dieses Jahr per Zufall entdeckt haben, bietet wunderbar renovierte und liebe- und stilvoll eingerichtete Altbauwohnungen in Galata an. Wählen kann man zwischen verschiedenen Grössen und Aussichten, wobei selbst die Wohnungen „ohne Aussicht“ nicht selten über eine Gemeinschaftsterasse mit gigantischem Ausblick verfügen. Die perfekte Variante, um mit Kindern in Istanbul zu weilen, wie ich finde, ist doch so einerseits diese kleine, intime Oase zu steter Vefügung, anderseits erlaubt der Besitz eines eigenen Wohnungsschlüssels, das Asyl in einer auch einheimisch bewohnten Nachbarschaft und das Tätigen und Heimschleppen von Einkäufen zur Selbstversorgung auch herrlich das Gefühl des Eintauchens in die Stadt.

Aussicht von der Gemeinschaftsterrasse:

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Manzara-Zimmer:

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  • Sie haben bewegungsdrängelnde Kinder, niemand der auf sie aufpasst, aber möchten Ihr Essen auswärts, für einmal zweihändig und nicht auf der Hetzjagd nach Ihrem Ausreisserkind zu sich nehmen? Dann empfehle ich Ihnen den traditionellen Teil des Restaurants Gani Gani in der Nähe des Taksim-Platzes. Gegessen wird hier ohne Schuhe, am Boden, auf Kissen, an tiefen Tischen und vorallem: in herrlich separierten Räumen mit Fenstern auf Babyhöhe. Das Essen ist nicht erheblich besser als andernorts, aber auch nicht erheblich teurer und manchmal ist eine ruhige Mahlzeit auch schon genug.
  • Ganze Nachmittage im Gülhane-Park verbringen, die meisten Touristen sind im nahegelegenen Park der Aya Sophia zu finden, so sind hier viele türkische Familien anzutreffen, die den Park durchschlendern, es gibt eine kleine Rutschbahnanlage, viele Bänke, einen Springbrunnen und massig Volk. Besonders zu empfehlen ist dieser Programmpunkt Sonntags, am frühen Nachmittag, dann können Sie nämlich am grossen Gemeinschaftspicknik teilnehmen, bereichernde Begegnungen garantiert.
  • Fahren Sie mit der Fähre auf die asiatische Seite Istanbuls, denn nicht nur gibt es auch da Einiges und vorallem Untouristischeres zu entdecken, wohl deswegen ist alles auch erheblich billiger, sondern auch die Fahrt auf dem Bosporus ist ein Ereignis. Letztere ist zu jeder Tages- und Nachtzeit und bei jeder Witterung schlicht wunderschön und beim diesmaligen Istanbulbesuch sind wir auch mal einfach sitzen geblieben und hin und her gefahren. Wichtig: Nehmen Sie keins der Touristenboote, die sind nicht nur erheblich teurer (ein alltägliches Fährticket kostet 2 Türkische Lira, also nicht mehr als ein Euro), sondern lassen auch all die Einheimischenbegegnungen auf der Fahrt missen.

Fährefahren bei jedem Wetter:

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  • Falls Sie Zuhause auch nicht gerade einen Frischfischmarkt um die Ecke haben, besuchen Sie ihn in Istanbul, wo Ihnen die Fische noch in aller Inbrunst zum Kauf empfohlen werden. Einige Schritte weiter, rund um die Galatabrücke, können Sie die Fischer beim Fischen per Angel und auf Booten, sowie den Fährverkehr beobachten und sich dabei in einem der Teegarten einen Çay genehmigen.

Gerade versuchende mit der Reiseberichterei aufzuholen, der Verzug ist entstanden, nach dem ich mich mit Händen, Füssen, Herrn G und Ibuprufen gerade noch so gegen eine Brustentzündung zu verteidigen vermochte und Freiminuten konsequent verschlafen wurden.

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Istanbul – Akçakese (Nähe Sile) (Tag 30)

Trotz wunderbarer Tage war es eine Wohltat, wieder aus der Stadt heraus zu kommen und so entschlossen wir uns, ziemlich abseits grösserer Ortschaften, am Schwarze Meer einen Platz zu suchen und da vielleicht einige weitere Tage zu verweilen. Das Schwarze Meer war das, wenn auch unter Vorbehalt, erklärte Ziel unserer Reise. Am Schwarzen Meer scheint es, so jedenfalls behaupten Reiseführer und Camper, nur sehr wenige Campingplätze zu geben und so recherchierten wir relativ sorgfältig, wo wir unsere Nacht verbringen wollten. Wir fanden einen menschenleeren Ypsilönchen-Traumplatz mit Pool, Meer und vorallem: Sich frei bewegenden Pferden auf dem Gelände. Leider waren die Platzpreise derart überrissen, dass wir beschlossen, nicht länger als eine Nacht zu bleiben. Schön war es alleweil und sowohl der Weg dahin, durch kleine, beschaulich ruhige Dörfer, als auch der Ort, um den Muezzin des nächstgelegenen Dorfes zu hören, bedurfte es Anstrengung, das will etwas heissen, waren angenehmer Kontrast zum geballten, lärmenden Alltag Istanbuls.

Gebetene Gäste (Fürs Blog fotografier ich nach wie vor mit iPhonekamera, man verzeihe deshalb nach wie vor schlechte Qualität):

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Bemerknisse

  • Istanbullen küssen sich zur Begrüssung, stellen Sie sich sowas mit Schweizer Polizisten vor!
  • Apropos Muezzin: Y gebraucht Wörter wie Muezzins und Minarett mittlerweile ganz selbstverständlich. Schleichende Islamisierung! Wann immer der Ruf zum Gebet ertönt wirft Äm die Arme in die Luft, klatscht, tanzt und singt, während sich Y die Ohren zu hält.
  • Äm und Y haben Kussvermeidumgsstrategien entwickelt: Während Y sofort zun Fuss, bei Gelegenheit auch per Laufrad die Flucht ergreift, verfällt Äm, sobald Kusswütige gesichtet, in spuckegeladenenes Dauergepruste. Ys Strategie ist deutlich effektiver.

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Akçakese (Nähe Sile) – Erdek (Nähe Bursa) (Tage 31 und 32)

Wir weichen vom Plan, länger am Schwarzen Meer zu bleiben, ab, denn zugegeben, wir
lassen uns von dem Gedanken, dass das Campen wieder schwieriger werden soll, abschrecken. In der Vorstellung war das alles einfacher, irgendwie haben wir die Anspannung mit einem derart ausreisserischen, entdeckungshungrigen Kind wie Äm, wenn der Platz nicht einigermassen müllfrei und sicher ist, nicht einkalkuliert. Wir fahren also wieder an die Ägäis. Mit ziemlicher Sicherheit haben die Wirren rund um unsere Mägen und Därme, sowie eine relativ kraftraubende Beinahbrustentzündung das Übrige zu dieser Entscheidung beigetragen und wahrscheninlich werden wir uns im Nachhinein zweifelnd fragen, wieso wir uns dermassen schwer taten, aber wir befinden uns wieder in Richtung Süden und sind hier im jetzt ganz zufrieden damit.
Für den heutigen Fahrtag, haben wir uns, mangels ansprechender Übernachtungsplätzen, denn ein Gewässer ist bei diesen Temperaturen (immer deutlich über 39*) und einem Gefährt(en) ohne Klimaanlage von grosser Bedeutung für das allgemeine Wohlbefinden. Wir fuhren also bis nach Erdek, auf der Halbinsel und legten damit um die 300 Km in einem Tag zurück, viel mehr also, als wir normalerweise fahren. Der Tag war dann auch mässig erfreulich, die Kinder wurden, verständlicherweise quengelig und wir fanden es ebenfalls reichlich unbefriedigend einen ganzen Tag hinter den Scheiben des Gefährten und damit doch irgendwie haarscharf am ganzheitlichen Erleben vorbei zu verbringen.
Glück hatten wir allerdings mit dem Stellplatz, dessen Ausmasse die unseres Gartens definitiv nicht überboten, direkt am Meer, fast allein auf weiter Flur, umsorgt von Einheimischen und den sehr herzlichen Betreibern des Platzes. Wir blieben zwei Nächte und widmeten uns dabei hauptsächlich der Regeneration.

Bemerknisse

  • Türken mögen Kreisel, also die im Verkehr, und deshalb werden sie auch in regelmässigen Abständen im Strassennetz eingebaut, gerne auch, wenn da gar keine weiteren Strassen sind, oder wenn das ganze Prinzip durch Ampeln und andere verwirrende Verkehrssignale wieder zunichte gemacht wird.
  • Das Restaurant mit vermeintlichem Traditionsbewusstsein, wohl aber eher Touristenzielpublikum, hat eine eigene Teigknetvorführfrau.
  • Das Schwarze Meer sei gefährlich, sagt der Pferdezeltplatzinhaber. Die Pferde auch. Der Pool auch. Ebenso die Hängematten. Und ganz besonders fallende Oliven, sollte man sich zufällig unter einem entsprechenden Baum befinden.

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Erdek (Nähe Bursa) – Geyikli Iskelesi (Nähe Çanakkale) (Tag 33)

Über Landwege, durch kleine Dörfchen, die teilweise ungemein rustikal und ursprünglich anmuteteten: Ziegenherden und Pferdegespanne auf den Strassen, handarbeitend erntende Frauen auf den Feldern, Fahrzeuge deren Fahrtauglichkeit an Under grenzt, Häuser, deren bröckelnder Lehmverputz den Blick auf hölzernes und strohener Innenleben freigibt und kleine spezialisierte Geschäfte mit getürmten Warenberge, kurz, ein Blick auf ein Leben, wie wir uns das käumlichst mehr vorzustellen vermögen.
Am Meer angelangt, hat es uns schon wieder ins Kinderparadies verschlagen: Wir verbrachten Nachmittag und Nacht in schattiger Lage, direkt am Meer, mit Enten und jungen Hunden. Die Begeisterung der Kinder kannte keine Grenzen und jetzt, noch während ich diesen Bericht verfasse, hängt neben mir Herr G. schlafend im Stuhl, im Arm einen der Junghunde.

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Bemerknisse

  • Das türkische Kleinkind fährt im Papamobil, äh, in einem überdachten Dreirad mit Sicherheitsgurten, integrierter Nervenreibe mit Knöpfen für Lärmgeräusche und Rückspiegeln spazieren.
  • Auch Türken können Schlaglöcher und Tiere auf Strassen. Apropos: Wie entstehen eigentlich Schlaglöcher?
  • Phänomenal ist das gigantische Angebot an zum Verzehr feilgebotenem Huhn, im Verhältnis zu bis anhin lebend gesichteten Hühnern.

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Geyikli Iskelesi (Nähe Çanakkale) – Irgendwo am Meer, in der Nähe von Gülpinar (Nähe Çanakkale) – Ören (Nähe Edremit) (Tage 34-36)

Die Gegend in der wir uns immer noch (tatsächlich ist heute der 13.8.) befinden nennt sich die Troas, der Name lässt erahnen, hier soll auch die sagenumwobene Schlacht von Troja stattgefunden haben, eigentlich bietet die Gegend aber einiges mehr als Mythen und tatsächliche Ausgrabungsstätten. Die Region ist kaum tourismusbetoffen, wenn, finden hauptsächlich türkische Urlauber hierher. Wir legen nur wenige Kilometer zurück, was nicht an den schlaglöcherdurchzogenen oder gar gänzlich unbefestigten Strassen, sondern an unserem Empfinden liegt, hier gerade ein ganz ausserordentlich schönes Stück Türkei gefunden zu haben: Weite, hügeliege Landschaft, weissegelbe Felder, besetzt mit tausenden von knorrigen Olivenbäumen, hie und da gesellen sich einsame Feigenbäume dazu, an besonders ungeschützten Stellen auf Anhöhen, trotzen nur einige mutige Olivenbäume noch Sonne und Wind, der Boden ist ungemein trocken, fast schon wähnen wir uns in Wüstengebiet, fänden wir nicht hinter dem nächsten Hügel wieder riesige Tomaten- und Paprikplantagen vor, auf denen Lastwagen voller bekopftuchter Frauen mit der Ernte beginnen oder hinter dem übernächsten Hügel das pinien-, feigen- und olivenbaumgesäumte, tiefblaue Meer vor. Die verhältnismässig spärlich gesäten Kleinstdörfer muten ursprünglich an, die Häuser sind aus Stein und/oder lehhmverputzt, Esel spazieren über staubige Dorfplätze, die Teegärten sind voller Männer mit Schnurrbärten, die Frauen tragen entweder schlichte Kleidung mit Kopftuch, oder farbenfrohe Trachten mit verzierten Kopftüchern, die Kinder auf den Rücken gebunden. Ich vermute Letztere gehören einer anderen Islamischen Glaubensrichtung an, verfüge aber leider nicht über das Wissen um Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Ich bin geneigt zu sagen: Bitte fahren Sie NICHT in diese Region, auf dass sie noch ein wenig vom grossen Massentourismus verschont bleibe, fürchte aber, dass ich zu spät bin, zeichnen sich doch hier schon erste Veränderungen ab und je weiter wir gen Izmir fahren, desto breiter werden die Strassen, desto höher die Bauten und desto hässlicher werden die Häuser- und Hotelfronten, die uns den Blick zum Meer nehmen.

Bemerknisse

  • Guter Kaffee ist wichtig, ich will nicht sagen Mordpräventionsmittel, auch hier, leider wissen das die Türken nicht, oder haben diesbezügliche Wahrnehmungsverschiebungen, jedenfalls ist er kaum zu finden und als dem doch mal so war, hyperventilierten wir vor Glück, und trugen ihn von da an mit den anderen Wertsachen stets am Körper. Leider ist er ausgetrunken. Wir trauern. Um erwägen einen Expressflug nach Italien.
    Sie kennen das politisch inkorrekte Kaffeelied? Ersetzen Sie das Wort “Kinder” durch “Kaffeesensibelchen”.
  • Ja die türkische Zeit verstreicht anders, ja, man nimmt es hier nicht so genau, ja, manchmal dauert es, aber bisweilen sehen wir uns auch mit Überfordeungsmomenten konfrontiert, dann nämlich, wenn der Çay vor uns steht, noch ehe wir ihn bestellt haben, oder wenn ein zufälliger Blick reicht, um den Schuhputzer vermeintlich aufzufordern, und Mann noch ehe er abwehrend die Hand zu heben vermag, mit blitzeblanken Schuhen da steht.
  • Der Tourist in der Türkei tut gut daran, sich im voraus über Preise zu informieren, oder sich zumindest zu überlegen, wie viel (mehr als die Einheimischen) er wofür zu zahlen gedenkt, denn an sonsten bezahlet er garantiert überall die Versuchen-kann-mans-ja-Preise.

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Ören (Nähe Edremit) – Ayvalik (Insel) – Gümüldür (Nähe Izmir) (Tage 37-40)

Der Tourismus hat uns wieder, so sehr wir uns bemühten, wir konnten nicht entfliehen. Selbst in der vermeintlich ruhigen Bucht, die wir zu unserem Schlafplatz auserkoren, wurden wir von Booten heimgesucht, die leider nicht, wie Y vermutete, Boote voller singender Muezzine, sondern Partyboote mit tanztorkelnden Betrunkenen waren.

Wir suchten uns also einen neuen Platz und fuhren, mit der Absicht von da aus in relativ kurzer Zeit nach Çesme und damit zur Fähre gen Griechenland zu gelangen, bereits in die Nähe Izmirs. Auf einem weitläufigen Campingplatz, der, nach seinen Anlagen zu vermuten, schon bessere Zeiten erlebt hatte, fanden wir eine schattige Stelle und viel Raum, also durchaus nicht, totale Urlaubermassen, wie wir sie von dieser Gegend erwartet hatten. Die Mitcamper waren ein kleiner, aber anscheinend harter Kern aus Ganzjahres- und Wiederholungscampern, der uns sofort mit so grosser Herzlichkeit empfing, als wären wir als geladene Gäste nach langer Fahrt in ihr Heim gelangt. Wir wurden beschenkt, mit Augen (das baue Auge, türkischer Glücksbringer) übrigens, zigfach, bekocht, mit frischen Früchten und Gemüse versorgt, ohne dass wir auch nur einen symbolischen Betrag hätten bezahlen dürften, ja, gar mussten wir aufpassen, unsere neuen türkischen Bekannten nicht unbeabsichtigterweise unnötig durch die Gegend zu jagen, reichte doch schon die blosse Andeutung, dass kaltes Wasser für den Abwasch nicht wahnsinnig praktisch ist, um den Wohnwagennachbarn Sekunden später mit heissem, gekochtem Wasser antraben zu lassen. Wir wurden angehalten mit allen etwaigen Sorgen, Nöten und Fragen an unseren Nachbarn auf Zeit, eigentlich eher Gastgeber, zu gelangen und, was durchaus floskelhaft klingen könnte, wurde hier mit einer kompromisslosen Gastfreundschaft vorgebracht, die mit der Umschreibung “ehrliche Sorge um unser Wohlergehen” trefflicher ausgedrückt wäre. Stelle Sie sich das bitte ungefähr so vor:
Herr G. arbeitet sich mit zwei Gasherdplatten gen vollwertige Mahlzeit und kocht in Schichten, die Pfanne mit den bereits gekochten Erbsen stellt er auf die Erde. Frau G. gelangt mit den Kindern, nach einem Ausflug zum nahegelegenen Pferdestall, zurück zum Ort des Geschehens. Äm, blitzschnell, hebt den Erbsenpfannendeckel und bricht umgehend in lautes Jaulen aus. Frau G. nimmt im ersten Moment an, sie hätte sich verbrannt, packt das Kind und rennt mit ihr zum nächsten Freiluftwasserhahn, wo sich gerade die türkische Frauschaft zum Schwatz eingefunden hat. Noch auf dem Weg dorthin merkt sie, dass Äm sich nicht ernsthaft verletzt haben kann, sondern wohl mittlerweile hauptsächlich schreit, weil sie von der Erbsenpfanne weggetragen wurde. Trotzdem beschliesst sie Kindes Hand vorsichtshalber unter den Wasserhahn zu halten, zumal Äm Wasser mag und dabei meist augenblicklich zufrieden wird. Allerdings hat sie nicht mit der Horde händeverwerfender, aufgeregter Frauen in Sorge gerechnet, die in aller Liebe und Fürsorge die heulende Äm weiter in ihr Elend hineinstürzen. Mit ungeschickt gewählten Worten wie “Pfanne” und “warm” versucht Frau G. die Lage unter Kontrolle zu bringen, als der erste männliche Besorgte, mit einem Sack Eis erscheint und Äm vorsorglich überall zu kühlen beginnt. Äm legt derweil an Schreiintensität zu. Ein weiterer Besorgte kommt mit Salbe angerannt, etwas ratlos suchen wir nach einer möglichen zu bestreichenden Stelle, aber bis auf einige rote Hautflecken, deren Farbe von der kürzlichen Behandlung mit Eis herrühren sind keine verdächtigen Stellen auszumachen und wir bestreichen sicherheitshalber und auf Anraten aller Umstehenden die Handinnenflächen. Äm schreit weiter, denn Salbe ist ihr ein Graus. Frau G. versucht weiterhin die richtigen Worte zu finden, um die Umstehenden zu beruhigen. Glücklicherweise hat nun auch Herr G. den Ernst der Lage erfasst, packt geistesgegenwärtig die Ebsenpfanne, galoppiert mitten in die aufgeregte Menschentraube und schreit sinnesgemäss “Pfanne gar nicht heiss!”, worauf Frau G. die Pfanne berührt und theaterreife Erleichtung spielt. Die Menschenmenge beruhigt sich etwas. Sämtliche Anwesenden verlangen danach, die Pfanne des Anstosses ebenfalls zu berhühren, um sich persönlich zu überzeugen. Reihum wird ehrfürchtig die Hand zur Pfanne ausgestreckt und erleichtert genickt, als ein schweissüberströmter Greis keuchend den Kreis durchbricht und sich mit winkendem Autoschlüssel in die Mitte stellt. “Ich habe ihn gefunden! Wo ist das Kind mit dem gebrochenen Arm.”

Bemerknisse

  • Nach langen Gesprächen über die heutige Stellung der Frau in der Türkei, bei der das türkische Gegenüber betont, wie ausgeglichen die Rollen- und Arbeitsteilung in modernen Familien wie der ihren sei, können abschliessende Sätze den Eindruck relativer Gleicherechtigung erheblich schmälern.
    Sie: “Bei euch ist das ja auch so. Wir haben Glück mit unseren Männen.”
    Ich: “Einen mit anderen Ansichten hätte ich nicht genommen.”
    Sie: “Ja, ich habe gemerkt, es ist ein Glück, Herr G. hilft dir sehr viel.”
  • Es ist unmöglich die Türkei zu besuchen ohne Atatürk kennen zu lernen, kein Dorf ohne seine Statue, kein Restaurant ohne sein Foto, kein Quadratmeter besiedelte, westliche Türkei ohne sein Abbild. Die türkische Liebe für Atatürk, wie wir sie in den letzten Tagen kennen gelernt haben, ist unkritisch und allumfassend, man liebt sein “Lebenswerk” ebenso wie seine “schönen Augen, die schöne Nase, die schönen Haare und die schöne Stirn”.
  • Ich empfinde mich als eher vorsichtige Mutter, und obwohl ich meine Kinder viel und gerne ausprobieren lasse und auch Schürfwunden und blaue Flecken in Kauf nehme, bin ich in heiklen Situationen meist in Auffang- und Abprallschutznähe, allerdings brachte mein scheinbares Nichteingreifen die türkischen Mütter schier um den Verstand und so manche Situation endete damit, dass ich Äm an die Hand nahm, obwohl ich dazu keinen Grund sah, nur um der Lärmbelästigung durch hysterische Kreischerei und Orkanböen aufgrund fuchtelnder Arme und flatternder Hände auf türkischer Seite ein Ende zu bereiten.

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Gümüldür (Nähe Izmir) TR – Chios GR – Isthmia (Nähe Korinthos) (Tage 41-43)

Mit ein kleinwenig schwerem Herzen und nicht ohne Adressenaustausch verabschiedeten wir uns heute Morgen von unseren türkischen Bekannten und fuhren nach Çesme, wo wir an Vortag mit Hilfe eines anderen Urlaubenden einen Platz auf einer Fähre nach Chíos reserviert haben. Die Fahrt nach Çesme verlief unkompliziert, der Aufenthalt vor Fährenabfahrt ebenso und wir genossen unseren letzten Stunden in der Türkei. Davon, dass die Fährfahrt gleichzeitig auch Grenzübertritt ist, haben wir bis auf einige Warteminuten und Identitätskartenzeigen, wenig bemerkt und auch der Gefährte wurde kaum behelligt. Die Überfahrt war (abend)stimmig und entsprechend schön, allerdings waren schon von Weitem hohe, dichte Rauchwolken über Chios auszumachen, offenbar wüteten dort gerade wüste Waldbrände, wovon wir mangels Internet oder Zeitung in den letzten Tagen nichts mitbekommen haben. In Chios angekommen, so der Plan, wollten wir uns so rasch als möglich Tickets für die Weiterfahrt besorgen, ein Bleiben auf Chios erschien uns in Anbetracht der Brände wenig angebracht, Essen gehen und danach entweder gleich am Hafen nächtigen oder schon weiterschiffen. Lassen Sie mich zusammenfassen: Wir fühlten uns bei der Ticketbeschaffung wider besseren Wissens als Pioniere in Sachen Fährfahrt mit Gefährten, denn von den Angestellten der Fährgesellschaften sprach weder jemand Englisch, noch Französisch, noch Italienisch, geschweige denn Deutsch, die Einstufung unseres Gefährts stellte die Damen und Herren vor schier unlösbare Aufgaben, uns blieben nur Deckpassagiertickets und die Kinder gingen lange nach ihrer Tageshaltbarkeitszeit schlafen.

Die Nacht verlief, bis auf den starken Wind, der durch alle Ritzen pfiff, erstaunlich ruhig und morgens erwachten die Kinder mit Entzückunsquietschern, lagen doch direkt vor den Gefährtenfenstern mehrere Schiffe an und es herrschte reges Kommen und Gehen im Chioser Hafen. Den Tag verbrachten wir im Park und der Altstadt, beides Kurzbesuche wert und durchaus kinderprogrammtauglich. Abends konnten wir den Gefährten, dank freundlichster Hilfe einer Hafenpolizistin, schon in Position bringen und so lohnte es auch, untere Bett herzurichten, damit zumindest die Kinder bis ein Uhr nachts, Abfahrtszeit, schon etwas Schlaf bekamen. Als das Schiff mit einiger Verspätung angelegt hatte, warteten wir erstmal, denn der Gefährte sollte seiner Grösse wegen eines der letzten einfahrenden Fahrzeuge sein, trotzdem war die Hektik plötzlich gross, wir hätten schon drin sein sollen und Herr G. schwitzte wahre Wasserfälle als er schliesslich aufgefordert wurde rückwärts in den Schiffsbauch zu fahren. Nach kleineren Schreiaus- meiner- und Nervenzusammenbrüchen seinerseits, parkten wir sicher direkt am Ausgang. Leider ward es uns untersagt im Gefährten zu nächtigen uns so zottelten wir nach einer spontanen und entsprechend unkoordinierten Packorgie gen Deck. Oder hatten es zumindest vor, denn die Garagetore waren schon fest verschlossen. Nachdem wir die kurz in Betracht gezogene Option, einfach wieder zurück zum Gefährten zu gehen aus Sicherheitsgründen verworfen hatten, drückten wir einen eigens für Zuspätkömmlinge angebrachten Knopf und warteten. Es folgte ein leicht verwirrender Auftritt abwechslungsweise vorwurfsvoller und begeisterter und ziemlich erheiterter Matrosen und eine zum Scheitern verurteilte Suche nach Schlafplätzen, auf einem hoffnungslos überfüllten Schiff. Wir kapitulierten ziemlich bald, Y rollte sich irgendwo als Stolperstein am Boden zusammen und schlief bis zum nächsten Morgen, bewacht von Herr G. und Äm ward von mir kilometerweit von Bug zu Heck und wieder zurück getragen.
Wieder von Bord suchten wir uns einen möglichst grosstadt- sprich piraäusfernen, aber nicht all zu weit entfernten Platz und schliefen, oh, gnädige Kinder, die Nacht nach.

Bemerknisse

  • Erstmals in meinem Leben habe ich ein Häfi (Töpfchen) verloren. Ja, ein Häfi (Töpfchen) im Keine-Windeln-mehr-Sinne, der Wind hat es wohl hinweg getragen und nun fristet es sein Dasein, sanft auf den Hafengewässern schaukelnd, in Chios.
  • In Piräusnähe machen die Griechen den Albanern die Erstplatzierung in Sachen Verschmutzung der Landschaft durch Müll mit Nachdruck streitig. Wir wähnten uns ungelogen zwischenzeitlich auf Abwegen in einer Mülldeponie.
  • Mit dem Grenzübertritt von der Türkei nach Griechenland wird alles sofort wieder doppelt und sogar drei-, viermal so teuer. Gut für die Linie, könnte der Sparsame vermuten, allerdings ist das griechische Essen, wie wir es bisher erlebt haben, auch ungleich fettiger.
  • Wer griechische Volksmusik nicht mag, sollte Bars und Restaurants lieber mit Gehörschutz betreten, die Beschallung ist lückenlos, laut und konsequent.

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Isthmia (Nähe Korinthos) – Ermioni (Peloponnes) – Mystra (Nähe Sparta) (Tage 44-46)

Die ersten Kilometer die wir auf dem Peleponnes zurücklegten werden uns wohl weniger wegen der durchaus ansehnlichen Landschaft in Erinnerung bleiben, sondern weil diese Gegend gerade von massiven Bränden heimgesucht wurde. Zwar brannte zum Zeitpunkt unserer Durchfahrt nichts mehr, aber so mancherorts stieg noch Rauch auf, der beissende Geruch des Feuers lag noch in der Luft und ganze Landstriche waren verkohlt, öd und schwarz. Als wir an den ersten betroffenen Familien, bzw. ihrn ehemaligen Häusern vorbei fuhren, kamen wir nicht umhin, uns seltsam fehl am Platz und dekadent in unserem Reisetun zu fühlen, erwogen die Umkehr und verwarfen wieder, denn offenbar sind auch andere Teile von Griechenland betroffen und das Land durchfahren müssen wir nun in jedem Falle. Wir fuhren also weiter und verbrachten die folgenden Nächte, nur wenige Kilometer von den Bränden entfernt, auf einem kleinen, feinen, ruhigen und unbedingt empfehlenswerten Platz (Hydras Wave bei Ermioni), in der Nähe eines menschenleeren Strandes.

Die Brände schienen allesamt gelöscht und tatsächlich fanden wir auf unserer Weiterfahrt keine weiteren brennenden Landstriche vor und konnten uns ganz auf die wundervolle Landschaft des Peleponnes konzentrieren, die ich irgendwie kaum zu beschreiben vermag ohne mich dauernd irgendwelcher Superlative zu bedienen. Auch wenn und gerade weil wir noch längst nicht alles gesehen haben steht fest, dass wir wiederkommen werden, am liebsten in der Nebensaison, die auch jetzt schon merklich begonnen hat. Die touristischen Dörfer sind leer, ebenso die Strände und die Strasse und überhaupt scheint dieser Teil Griechenlands wirklich nicht gerade überbevölkert zu sein. Landschaftlich gesehen erstaunlich, denn wer möchte hier nicht leben, wo sich Olivenbaumfelder kilometerweit ziehen, wo bewaldete Berge den Blick übers weite Land erlauben, wo kleine, verschlafene Nester aus Stein, und stets mit gigantischen Kirchen, sich dekorativ an die Berghänge schmiegen? Andseits vermag ich mir kaum vorzustellen, wovon man hier leben sollte. Wer studiert wird wohl unweigerlich zur Stadtflucht gezwungen.
In der Nähe von Sparta suchten wir uns eine Bleibe für die Nacht, Herr G. wollte das so, denn Herr G. mag die griechisch Mythologie und Geschichte und somit auch die Spartaner. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht in den Touristensouvenirläden die allerbesten Kleinstdinge (<4€) zusammenzukaufen um sie als Reiseerinnerungen irgendwo am Gefährten anzubringen und von Sparta musste, logischer und allerzwingendsterweise, ein Spartaner her. Das Nachtlager ist bezogen, wir haben nun einen Minispartaner, ein giganöses Vielfrassvöllegefühl und schlafen nun hoffentlich bald neben und trotz lauten italienischen Nachbarn.
(Man bemerke die Tatsache, dass ich mich soeben des Präsens bedient habe: Ich habe mit der Reiseberichteschreiberei aufgeholt!)

Bemerknisse

  • Irgendwo am Hinterteil des Peleponnes, nein, diese Widersprüchlichkeit lasse ich auf sich beruhen, sah klein Y. aus Bern, Schweiz, erstmal den Trickfilm “Heidi”, auf Griechisch.
  • Herr G. Hat einen kleinen Spartaner, ich liebe ihn trotzdem.
  • Der fleissige Italiener vernachlässigt es auch im Urlaub nicht, gängige Klischees zu erfüllen, ist laut, zahlreich, isst um Mitternacht Spaghetti, unterhält sich dabei schreiend über Pizza und telefoniert anschliessend mit der Nonna.
  • Reisen macht Kinder klug:
    Y: “Wofür sind diese Windräder?:
    Frau G., ziemlich unterbelichtet: “Die drehen sich im Wind.”
    Y: “Nein, die machen Strom.”
    Frau G.: “Weisst du denn wofür wir Strom brauchen?”
    Y: “Zum Kaffee machen.”

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Mystra (Nähe Sparta) – Finikoundas (47-49)

Unsere Route führte uns weiter über bergiges Gebiet, allerdings unterschied sich die Landschaft doch erheblich von unserem letzten Streckenabschnitt und erstmals seit sehr langem, durchquerten wir wieder dichte Nadelbaumwälder, die nicht aus Pinien bestanden. Der Gefährte meistert derartige Strecken nach wie vor erstaunlich gut und so können wir uns jeweils relativ sorgenfrei auf unsere Umgebung konzentrieren. Mit der Annäherung an die Küste und Kalamata änderten sich Dörfer, von klitzekleinen solide anmutenden Steinhaussiedlungen mit klarem und einzigem Ortskern- bzw. Platz und obligater Riesenkirche zu ausufernderen Kleinstädten, zunehmend bestehend aus Betonbauten, und zum Meer inklusive den typischen Bausünden im Dienste des Tourismus. Jawoll, aus war die Einsamkeit unserer bisherigen Reise auf dem Peleponnes, Messinien ist touristischer (hauptsächlich Touristen aus Deutschland und Italien) als jede Gegend, die wir seit Kroatien befahren haben und erstmal auf unserer ganzen Reise, wurden wir von einem Campingplatz weggeschickt, weil er restlos ausgebucht war. Trotzdem fanden wir in Finikoundas ein nettes Plätzchen und verleibten uns in einer Taverna im Städchen die allerbeste Mahlzeit seit unserem Eintreffen in Griechenland ein. Von irgendwelchen finanziellen Krisen, so der wohlgenährte Tavernenpatrone, der gerne voller Besitzerstolz am Tischchen an vordester Front trohnt, raucht und seine Tochter mit liebevoller Rüppelhaftigkeit durch die Räume scheucht, spüre man hier wenig, sein Geschäft wachse nach wie vor und er freue sich auf die Wiedeinführung der Drachmen. Als wir uns bei den beiden, beim Abschied für die vielen kleinen und liebevollen Aufmerksamkeiten (frittierte Zucchini und Auberginen, geschnittenes Obst als Dessert für die Kinder, ein Raki für uns Erwachsenen, unaufgefordert, kostenlos), bedanken und das vorzügliche Essen loben, klopft sich die Tochter nur seufzend auf den Runden Bauch. Sie weiss. (Taverna to Kyma, ortsmittig, wahnsinnig liebevolle Besitzer, sehr geeignet mit Kindern, da direkt am Strand (Sandel- und Plantschmöglichkeit für Kinder = ruhiges Essen für Eltern)).

Bemerknisse

  • Nach gut der Hälfte unserer Reise hüstelt der Gefährte langsam nach einer Rundumrestaurierung, noch fallen keine ernsthaften und teuren Reparaturen an, aber einige Keinigkeiten sollten wir wohl bei Gelegenheit mal angehen.
  • In Messinia versuchen wir es beim Sprachendurchprobieren erstmals erst im zweiten Durchgang auf Englisch, besser bedient ist man hier nämlich mit Deutsch.
  • Seit Istanbul hatten wir nie mehr auch nur einen Tropfen Regen.
  • Wenn Sie etwas von einem Griechen wollen, sagen Sie einfach erst etwas Nettes über das Land, Landschaft oder Einheimische, ich verspreche, Sie können damit nicht nur Wohlwollen sondern auch Tempo des Gegenübers erheblich positiv beeinflussen.

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Finikoundas – Messologi – Ioannina (49-50)

Die Strecke von Finikoundas bis Patras ist eher eintönig, die Dörfer die wir durchfahren scheinen hauptsächlich genau den Zweck zu erfüllen, nämlich durchfahren zu werden und den Reisenden hie und da Benzin, Verpflegung und eine Toilette zu bieten. Kurz: Wenig Leben, viel Industrie, dazwischen riesige Felder, Plantagen und Gewächshäuser. In Patras befahren wir schliesslich die fürchterlich teure aber schicke Brücke und hegen eigentlich das Ansinnen, ziemlich rasch einen Stellplatz zu suchen um den Kindern noch etwas Auslauf zu gönnen, hatten wir doch unser Maximum an Kilometern pro Tag längst überschritten (<300 km, in der Regel +/- 150 km und nie mehr als drei Fahrtage hintereinander), werden aber nicht fündig und fahren weiter, bis wir schliesslich nach Messologi gelangen, einen der erstaunlichsten Orte, die ich je besucht habe. Wir fahren, Campingplatzschildern folgend, über Umwege und die Ufpromenade in den Ort ein. Was nach Leben uns steppenden Touristentanzbären klingt, war es vielleicht einst auch, jedenfalls lassen grosszügig positionierte Bänke und elegante Promenadenbeleuchtung darauf schliessen, heute arbeitet die Natur an der Rückeroberung, das Ganze erinnert an apokalyptische Filmszenen. Nicht dass wir nur verschlossene Türen vorfänden, nein, hier und da hat ein Laden seine Türen offen, oder eine Taverne Tische und Stühle gedeckt, aber anstatt das Gefügl von Leben zunvermitteln, verstärken sie nur den Eindruck, dass hier die „besseren Zeiten“ länger schon Vergangenheit sind. Die Meerseite zeigt sich ebenso ungewöhnlich, wirkt sumpfig seicht und ist eine olfaktorische Katastrophe, vereinzelt stehen Pfahlbauten. Unvorstellbar, wie ein Ort so viel Trostlosig- und Verlassenheit ausstrahlen und trotzdem so eigentümlich schön wirken kann. Kurz nach dem Hafen führt eine Strasse urplötzlich ins Meer hinaus, wir folgen ihr gebannt, könnten gar nicht anders und fahren gut zwei Kilometer auf dem Damm meereinwärts. Am Ende finden wir eine kleine Pfahlbautensiedlung, einen Strand, eine Taverne, griechische Sonnenanbeter, Fischer und erstmals etwas Leben und beschliessen spontan hier zu bleiben.

Am nächsten Morgen brechen wir früh auf, es zieht uns zurück nach Albanien. Ich will dem Land unbedingt noch eine zweite Chance geben. Die Strecke zur Grenze ist Latin unspktakulär. In Ioannina übernachten wir, auf dem Gelände eines Ruderclubs, letztmalig auf griechischem Boden.

Bemerknisse

  • In den Filialen der IKEA merkt man nicht in welchem Land man sich befindet. (Eigentlich wollte ich DIESEN Verstoss gegen alle (Reise)Regeln ja verschweigen…)
  • Ich habe eine zweispaltige Liste angefertigt auf der gegfundene wie verlorene Gegenstände der Reise aufgelistet werden. Die Spalte mit den Verlusten ist unverhältnismässig länger und mein iPhone steht seit heute auch drauf.
  • Wer Griechisch lesen kann ist in Griechenland klar im Vorteil, insbesondere als Kartenleserin. Wer es nicht kann gewinnt ziemlich rasch an Fähigkeiten, die hauptsächlichen in Disziplinen wie Hochgeschwindigkeits-Finde-die-10-Unterschiede-Spielen dienlich sind.

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Ioannina GR – Himarë (Nähe Vlorë) (Tage 51-52)

Vor über einem Monat schieb ich:
“Sie werden es bemerkt haben, wir wurden nicht warm mit Albanien, auch wenn die Albaner äusserst wahrmherzig sind, es alleweil ungemein spannend war und mein Reiseherz ob all der Andersartigkeit und den Gegensätzen in Ursprünglichem und Modernstem (Eselgespann und BMW) höher schlug, mit einem Kind ohne Verständnis für die Differenzierung in Abfall und Bespielbarkeiten, erschien uns dieses anscheinend fast lücken- aber ganz sicher gnadenlos zugemüllte Land nicht der richtige Ort. Ich befürchte, nein hoffe, dass es uns nur in die falschen Landesteile verschlagen hat.”

Wir wollten es erneut versuchen, uns dem Land, auf das ich mich im Vorfeld unserer Reise mit derart grosser Spannung gefreut hatte, mit nicht mehr ganz so hohen Erwartungen, aber um so grösserer Hoffnung noch einmal nähern, diesmal hauptsächlich dem südlicheren Landesteil. Wir verabschiedeten uns von userem lauschigen Plätzchen am See in Ioannina, betankten den Gefährten nochmal auf Griechisch und brachen gen Grenze auf. An einem der wohl schönsten Orte an denen wir bisher Landesgrenzen überschritten hatten, in bergigem Gebiet, fielen fuhren wir erneut in Albanien ein. Einmal mehr war es erstaunlich, wie rasch sich Land- und Ortschaften auch Grenzen zu verändern vermögen. Waren die Berge auf Griechenlands Seite noch ziemlich bewaldet und wirkten Täler relativ fruchtbar, wurde die Landschaft in Albanien mit einem Schlag karger und dürrer, allerdings nicht minder eindrücklich und schön. In der Absicht einen Stellplatz am Meer aufzusuchen, den wir im Internet gefunden haben, jagten wir den Gefährten weiter hoch, in die albanischen Berge, die uns noch von der Küste trennten. Es war eine atemberaubende Fahrt auf ziemlich guten Stassen, den kahlen, kargen, steinigen, kaum besiedelten Berg hoch, an Ziegenherden und völlig stressfrei im Weg einhertrottenden Eseln vorbei und schliesslich direkt in einen, für albanische Verhältnisse relativ touristischen Vorort von Sarandë, ans Meer. Nach einer kleinen Irrfahrt durch Sarandë, aufgrund erhöhter Schlaglochkonzentration hatten wir die abführende Hauptstrasse nicht als solche erkannt, fanden wir doch noch den angestrebten Weg, der parallel zur Küste, im Landesinnern weiter durch die Berge führte. Bis Berges Höhepunkt präsentierte sich die Landschaft bekannt bergig, karg, mit gigantös wunderbaren Ausblicken aufs Meer. Die Abfahrt führte, weiter im Landesinnern, durch eine urplötzlich ungemein grüne, bewaldete Schlucht, einem kleinen Camperparadies mit vielen Stellplätzen und ebensokleinen Restaurants und schliesslich noch einen kürzeren Streckenabschnitt dem Meer entlang durch etliche schöne, alte Käffer mit dem Antlitz von alten, staubigen, verschlafenen Bergdörfern und grandiosem Ausblick aufs Meer. Ab und zu führen wir gemächlich hinter einem Mauleselgespann her oder musten warten bis die Kuh auf der Strasse ihr Kalb fertig gesäugt hatte, oder bis die entgegenkommenden Säue sich so in eine Reihe bequemten, dass die Strasse für uns passierbar wurde.
Hinter einem kleinen Restaurant, unter Oliven- und Orangenbäumen, fanden wir schliesslich ein Plätzchen für eine Nacht, ziemlich in Hochstimmung, muss gesagt werden, denn, man erinnere sich an die Einleitung, alleine für diesen Tag hat sich die Rückkehr nach Albanien gelohnt.

Bemerknisse

  • Das Verstehen des Phänomens derart teurer Autos (NICHT Geländerfahrzeuge) bei derart schlechten Strassenverhältnissen bleibt mir wohl ewiglich verwehrt.
  • Sie planen für Ihr Kind eine Karriere bei der Verkehrspolizei? Reisen Sie mit Gefährten und ähnlichen Fahrzeugen. Unser 15 Monate altes Kind beherrscht die Kunst des lautstarken Einweisens, inklusive gewichtiger Miene und ausdrucksstarken Gebärden.
  • Dass der Albanien(Griechenland-, Türkei-)gewöhnungsprozess eingesetzt hat merken Sie daran, dass sie nicht mehr jede auf Strassen daherbringende Kuh, oder schweinische Weglagerer ablichten.

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Himara (Nähe Vlorë) – Berat (Tag 53)

Die gestrige Hochstimmung hielt an und wir beschlossen weiter ins Landesinnere, nach Berat, dessen Altstadt UNESCO-Weltkulturerbe ist, zu fahren und da wenn möglich auch zu übernachten. Je weiter wir uns von der Küste entfernten, desto katastrophaler wurden die Strassen, ja, es wurde alles überboten, was wir bisher diesbezüglich erlebt hatten. mancherorts klafften troittoirrandtiefe Schlaglöcher, teilweise in so konzentrierter Anzahl, dass selbst ein Umfahren nicht mehr möglich war. Die Kinder fandens unterhaltsam, ich krallte mich abwechselnd ins Sitzpolster, versuchte Herrn Gminggmangg möglichst vorzeitig vor Hinternissen zu warnen und gleichzeitig aus zwei verschiedenen Karten und Frau Fankhauser (GPS) so etwas wie eine Idee von der zu befahrenden Strecke zu basteln. Auch die Strecke die uns durchs albanische “Flachland” führte, hatte landschaftlich einiges zu bieten, wenn auch nicht mehr von derart atemberaubender Schönheit wie am Tag zuvor. Die Dörfer bestanden meist wieder aus moderneren Bauten und den alltebkannten (siehe Albanien vor einem Monat) halbfertigen Häusern, was sich erstaunlicherweise nicht änderte, ist die Selbstverständlichkeit, mit der überall noch mit Pferdegespannen transportiert und Kühe, Schafe und Ziegen sich durch die Strassen bewegen. Irgendwann führen wir zufälligerweise an einen Markt heran, griffen die Gelegenheit beim Schopfe und schlenderten durch die Stände voller frischem Obst und Gemüse, Fleisch, das offen auf Pappe rumlag und ab und zu mal mit einem Lappen trockengewischt und von Fliegen befreit wurde, lebendigen Kleintieren und tierischen Produkten aller Art. Für gerade mal drei Franken kauften wir fünf Tomaten, drei Gurken, zwei (Riesen)Zucchinis, etliche Nektarinen, eine Wassermelone und Trauben. Auf der Weiterfahrt suchten wir die Gründe für unsere Nicht-warm-werden bei unserem letzten Albanienaufenthalt zu ergründen, vermochten aber nicht endgültig auszumachen, ob es nun eher an den tatsächlich sehr unterschiedlichen Landesteilen oder der Phase ziemlicher Reisemüdigkeit vor einem Monat lag. Es wird ein Zusammenspiel gewesen sein, zumal es nicht so ist, dass im Süden Albaniens die Abfallfrage als gelöst betrachtet werden könnte. Auch hier kündigen sich Dörfer mit wachsenden Abfallbergen am Strassenrand an, auch hier sind die zu Verfügung stehenden Mülltonnen stets heillos überfüllt und auch hier ist unweit des Dorfes mit Sicherheit irgendwo eine riesige, ungesicherte Müllhalde zu finden und der Müllgestank in Städten und Dörfern allgegenwärtig. Unglaublich schade für dieses so schöne Land!

Als wir in Berat einfahren, sind wir erst etwas enttäuscht, denn was wir sehen sind riesige braungraue Plattenbauten und verlassene, rostige Fabriken aus kommunistischen Zeiten, ein Häusermeer ohne Kern und Zusammenhang und ganz sicher keinen Ort um den Gefährten (und damit uns) für eine Nacht stehen zu lassen. Schon wollen wir resigniert wieder aufs Land fahren, als wir das kleine Altstädtchen doch noch finden, leider allerdings keinen Stellplatz für den Gefährten. Vor einem Minisupermarkt beraten wir uns und sehen dabei wohl etwas hilflos aus, denn die Inhaber bieten uns an, den Gefährten gleich bei ihnen stehen zu lassen, dass sei nicht nur praktisch, so mitten in der Altstadt, sondern auch das Sicherste, würden sie das Auto doch in unserer Abwesenheit bewachen. Wir nehmen dankend an und verbringen den Rest des Nachmittags und Abend in der Altstadt, erklimmen das Burgstädtchen, sogar Äm mit Eigenwill zu Fuss und unter dramatischen Erschöpfungsseufzern, was uns böse und ihr bewundernde Blicke und Bekundungen einbringt. Oben angekommen protzt die Sonne mit farbenfrohem Abgang, wir geniessen die Aussicht und speisen für 15 Euro vorzüglichste albanische Gerichte aus dem Kochtopf einer faltigen Greisin. Unten sind wir erheblich schneller, denn Äm lässt sich zum Getragenwerden überreden. Mitten im Altstädchen Berat, quasi am Tisch der Minimarktinhabersfamilie, die sich auch noch vollzählig darum eingefunden hat, schlagen wir unser Nachlager auf.

Bemerknisse

  • In Albanien empfiehlt es sich eher Italienisch, denn Englisch zu sprechen. Immer. Auch wenn das Gegenüber behauptet Englsich zu verstehen. Noch verlässlicher sind allerdings Gebärden.
  • Wenn Sie in Albanien Orientierungshilfe brauchen, empfiehlt es sich nach folgendem Schema vorzugehen: Person 1 nach Weg fragen, freundlich danken, Gesagtes merken, Person 2 nach Weg fragen, freundlich danken, Gesagtes merken, Person 3 nach dem Weg fragen, freundlich danken, Gesagtes merken, Informationen vergleichen, Deckungsgleiches befolgen, falls keine übereinstimmenden Informationen eingegangen sind, mit weiteren Personen verfahren wie oben beschrieben.
    Albaner helfen lieber schlecht als nicht.
  • Nach wie vor werden wir überall in Albanien mit erfreutem Winken, Pfiffen, ja, Luftsprüngen empfangen. Nach wie vor tut es gut an diesem Glauben wider besseren Wissens (Wir werden für ein Sammeltaxi gehaltem) festzuhalten.

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Berat – Kavajë (Nähe Durres) AL – Ulcinj (Nähe Albanisch-Montenegrische Grenze) MNE (Tage 54-57)

Nach einer relativ ruhigen Nacht entschlossen wir uns wieder in den Norden Albaniens zu fahren und unseren letzten vier Wochen in Kroatien und (per Fähre verschifft) SüditaIien zu verbringen. Die Fahrt in den Norden rief uns in Erinnerung, weshalb wir bei unserem letzten Albanienbesuch nicht dieselbe Begeisterung empfunden hatten wie in den letzten Tagen im Süden und so kehrten wir wieder an den Ort zurück, der uns schon vor Wochen als Stätte für einige Ruhetage gedient hatte.

Zwei Tage später fahren wir los, gen Montenegro, eine Strecke von kaum 150 km und eigentlich in einigen Stunden, Kinderverlüftungspausen eingerechnet, zu schaffen. Mit Ausnahme eines unbeabsichtigten Schlenkers fahren wir erstmals dieselbe Strecke zurück, die wir schon bei der Hinfahrt gefahren sind. Langweilig, könnte man meinen, und doch spannend die kleinen Veränderungen festzustellen bei dem was wir sehen und, nicht unwesentlich, wie wir es sehen. Zwei Kilometer vor der Grenze zu Montenegro stehen wir plötzlich im Stau, ohne Durchkommen und Ausweichsmöglichkeiten, hoffnungslos verkeilt, mit Hunderten von Heimkehrern nach Deutschland und Italien. Bachtet man, dass wir uns auch noch mit zwei Kleinkindern auf relativ engem Raum befinden, Aussteigen aufgrund gnadenloser Sonne und (Wer ahnt es?) flächendeckender Müllverschmutzung eher ungünstig ist, drohen die folgenden Stunden relativ ungemütlich zu werden. Während Äm, oh Gnade, noch schläft und Y sich noch mit der Anfertigung einer Fotoserie der Rückansicht des Fahrersitzes beschäftigt, planen und proben Herr G. und ich schon mal diverse Akrobatik- und andere Showeinlagen, legen Ohrapax und Knebel bereit und stocken das Fressablenkungsarsenal auf. Die Betreiber der Klitzekleinstläden am Strassenrand machen gerade die Geschäfte des Jahres. Ohnehin, wäre für uns Erwachsene für Unterhaltung und Beschäftigung gesorgt, beispielsweise konnten wir ins gemeinschaftliche Empörungshupen einstimmen, wenn wieder ein Ungeduldiger die ganze Autoreihe überholt. Oder wir versuchen das Rätsel rund um fahrzeugverlassende Fahrer und unbekannte Neuzusteiger, die hernach im neuen Vehikel grosszügig EU-Pässe verteilen, zu lösen. Oder wir konnten unseren Unmut hinausbrüllen, wie die Dame hinter uns: “So was wurde bei uns in Deutschland nie passieren! Niemals! Da kommt Polizei und macht Schluss!” (Lesen Sie den letzten Satz bitte mit albanischem Akzent.). Tatsächlich zeigen sich auch die Kinder erstaunlich gebannt von dem Geschehen ringsum und obwohl wir über vier Stunden warten, kommt es zu keiner grösseren Krise. Bis auf die innerlichen Gräueltaten, die ich an all zu stoischen Grenpolizisten verübe. Nach der Grenze geht es erstaunlich schnell und auch wenn wir für die 150 km gute 10 Stunden gebraucht haben, erreichen wir unseren Platz vor dem Eindunkeln.

Bemerknisse

  • Haben Sie keine Angst vor der albanischen Polizei, auch wenn Sie mit Blaulicht verfolgt und rausgewunken werden, wenn sich Ihnen drei grimmige Polizisten nähern und barschen Tones Anweisungen bellen, vielleicht wird auch bei Ihnen nur die Fahrertür geöffnet, ein Blick auf schlafende Kinder geworfen, das Standlich angemacht und möglichst leise, fast liebevoll, die Tür wieder geschlossen.
  • Ganz offensichtlich ist das Küstenkaff Kavajë Kleinitalien in Albanien, 50% der Autos tragen jedenfalls entsprechende Kennzeichen.
  • Wer Albanien bereist, muss mindestens einen Xhiro mitgemacht haben. Xhiro bedeutet, dass die Einwohner einer Stadt sich abend vollzählig und gleichzeitig in einer Stasse versammeln und dann versuchen diese auf und ab zu gehen. Der Unterhaltungswert ist mindestens so gross wie das Gedränge.

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Ulcinj MNE – Mlini (bei Dubrovnik) HR (Tag 58)

In den Tagen in Montenegro haben Y und Äm jede Minute, die nicht gerade mit schlafen oder essen befüllt war mit zwei Kindern aus Deutschland verbracht. Derart intensive Freundschaftspflege zwischen Kindern führt unweigerlich dazu, dass die Eltern sich ebenfalls miteinander befassen müssen. Pech, wenn die Wellenlängen derart auseinanderdriften, dass auch Strecken und Recken zu keinen konstruktiven Berührungspunkten führt, um so grösser das Glück, wenn sich, wie im Falle der neu bekannten Münchner (die übrigens ihre Reise hier (Bulli on Tour auf Facebook) auch dokumentieren), aus den Kinderfreunsschaften bereichernde, spannende und erheiternde Gespräche oder gar der Beschluss gemeinsam ein Stück zu reisen ergeben.

Wie schon auf der Hinfahrt geplant, wollen wir heute Dubrovnik anfahren, diesmal allerdings besser vorbereitet und ohne Ansinnen mit dem Gefährten in der Stadt einzufahren, sondern mit der Absicht, ihn auf einem nahegelegenen Campingplatz abzustellen, um die Stadt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Die Strecke die wir zurücklegen haben wir bereits auf unserer Fahrt in die andere Richtung grösstenteils gesehen, was aber keineswegs etwas an empfundener Schönheit mindert, im Gegenteil, wie schon andernorts erwähnt, hinterlässt die Tatsache unserer veränderten Wahrmehmung doch tiefe Eindrücke und mehr als je sind wir sicher: Reisen verändet und öffnet Blickwinkel. Auch haben die sechs, sieben Wochen die zwischen damals und heute liegen, dem Herbst ganz eindeutig Tor und Tür geöffnet, was karg war ist noch karger, Wiesen gelber und die Bäume zeigen eindeutige Anzeichen erster Verfärbung.
Am Stellplatz angekommen, essen wir zu Mittag und brechen bald Richtung Stadt auf. In Reiseführern und -berichten wird Duvrovnik als eine der schönsten, wenn nicht die schönste Stadt an der Adria, über alle Massen gelobt und mit entsprechend hohen Erwartungen betreten wir die Stadt. Anzunehmen, dass das Altstädchen auch durchaus seinen Reiz hätte, wenn es denn unter den ganzen Touristenmassen auch zu sehen wäre. Ob es nun die Umstellung zu Albanien ist, in dessen “touristischem” Bergdorf Berat wir bis auf eine englische Reisegruppe keine anderen Ausländer getroffen haben, oder schlichte Müdigkeit und die Tatsache, dass wir der Stadt gar keine Chance liessen, Dubrovnik erscheint uns zu touristisch und damit irgendwie charakterlos, eben einfach eine, zugegeben sehr ansehnliche, nette Filmkulisse, ohne grossen Charme. So richtig Gefallen finde ich jedenfalls erst, als wir uns nach dem Eindunkeln, auf der Suche nach der Bushaltstelle, treppauf, mitten in ein hoch über der Altstadt gelegenes Wohnquartier verirren.

Bemerknisse

  • Dass im Öffentlichen Verkehr im Ausland nicht unbedingt mit schweizerschen Tüpflischissergenauigkeit zu rechnen ist, habe ich gewusst und erwartet, wenig aber die offensichtlich institutionalisierte, allgegenwärtige Verspätung von 3/4h. Uns solls recht sein, ersparten diese Umstände doch 1/2 stündiges Warten mit vier Kindern mit erhöhtem Quengelpotential.
  • Ich empfehle dringendst die adriatische Küste von Norden (Kroatien) nach Süden (Albanien) zu fahren, umgekehrt ist der, je nördlicher, je anwachsendere Massentourismus am Meer doch eher eine grosse Umstellung und, hat man einst die herrliche Ruhe genosse, vielleicht schwer zu ertragen. Faszinierend ist es alleweil, wie frappant die infrastrukturellen und touristischen Anlagen sich verändern.
  • Nach der offenen Herzlichkeit der Albaner und dem Gefühl überall willkommen zu sein (Nein, nicht nur weil wir ständig freudig als Sammeltaxi begrüsst wurden.), fällt es schwer die oft lächellose (aber eigentlich nicht minder vorhandene) Freundlichkeit der tourismusverwöhnten Kroaten als solche zu erkennen.
  • Im Vorfeld wurde auf unser Ansinnen mit den Kindern durch Länd wie Albanien zu reisen teilweise eher verständnislos, oder wohl eher vergangenheitsbefangen, reagiert und immer wieder kam die Frage nach der Sicherheit. Ich kann versichern: Albanien ist, bis auf teilweise katastrophale Strassenverhältnisse, sicher. Trotzdem ulken wir seither gerne mit dem vermeindlichen Kriesenherd Albanien rum und wann immer es Beschwernisse aller Art gibt, winken wir ab: “Macht uns nichts aus, wir waren in Albanien.” Auch das kann ich versichern: Die Reaktionen der Gegenüber sind divers, aber meist unterhaltsam.

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Dubrovnik – Murter (Tage 59-61)

Schon in Montenegro haben uns “unsere Deutschen” von einer per Brücke erreichbaren, kroatischen Insel vorgeschwärmt, die sie auf dem Rückweg unbedingt besuchen wollten und lieferten gar kinderfreundliche Tipps, Wegbeschriebe und Hinweise auf der Karte. Nach dem den Kindern und uns die letzten gemeinsamen Tage in Montenegro und Kroatien so gefallen haben, beschliessen wir, ihnen auch noch nach Murter zu folgen, einige Tage zu bleiben und von da aus eine Fähre nach Bari zu organisieren, wollen wir doch die letzten Wochen gerne in Süditalien verbringen. Um von Dubrovnik nach Murter zu kommen müssen 370 km zurückgelegt werden, mehr Kilometer haben wir nie an einem Tag hinter uns gebracht und so halten wir uns die Option eines Zwischenstopps offen. Wir verabschieden uns temporär und fahren los. Das Glück scheint uns Hold, denn die Kinder schlafen lange und ausdauernd uns so kommen wir rasch sehr weit. “Unsere Deutschen” sind vor uns am Ziel, organisieren einen Schlafplatz und senden uns die entsprechenden Koordinaten. Dankbar uns quasi ins gemachte Nest setzen zu dürfen folgen wir der Beschilderung Richtung Murter durch niedliche Dörfer am türkisblauen Meer und erfreuen uns ob der Tatsache, dass wir an ein derart lauschiges Fläckchen Erde gelotst werden. Die kroatische Insellandschaft erstrahlt also in altbekannter Schönheit und wir fahren bis wir in dem Dorf ankommen, dass Murter und Kroatien per Zugbrücke verbindet. Der aufmerksame Leser wird es bemerkt haben, wenn hier gerade noch von “altbekannter Schönheit” geschrieben wurde, ist dies durchaus wörtlich zu nehmen, denn beim Warten auf die Zulassung zur Zugbrücke bemerken auch wir: Nun, äh, hier waren wir schon mal vor acht Wochen. Sie erinnern sich an unseren Schlafplatz auf dem Klo der Nackten?

“Am Rande einer wunderbar grünblau schimmernden Meeresbucht fanden wir einen Platz, der aber leider aus allen Nähten platzte, so dass wir uns im inoffiziellen, hinteren Teil einen Platz suchen mussten. Kein Problem, Strom brauchen wir nicht zwingend, ebensowenig fliessendes Wasser, auch mit den anfänglich irritierenden, vielen Nackten konnten wir umgehen, schade war allerdings, dass wir den Gefährten neben die mutmassliche Freikörperkulturcamperfreilufttoilette gestellt hatten und noch schader war, dass Äm diesen Umstand als Erste bemerkte.”

Ja, der war auf Murter. Wir kichern lautstark vor uns hin, denn das Nichterinnern an Namen und Ort der Insel ist so bezeichnend dafür, wie wir reisen. Der Blick auf die Karte ist sekundär, wir fahren wortwörtlich meist der Nase nach. Auf einen erfreulicheren Aufenthalt hoffend folgen wir dem Wegbeschrieb zum Campingplatz, der uns zielsicher noch haargenauer an den uns bekannten Schlafort des Grauens bringt. In Lachtränen aufgelöst erreichen wir “unsere Deutschen”. Lassen Sie mich kurz fassen: Wir haben viel gelacht, einen ungemein schönen Platz (abseits der Freikörperkulturcamperfreilufttoilette) bezogen und den Kindern und uns (in Kleidung) mit Feuermachen, Pfützenspringen, Angeln, Tintenfische-, Krebsebeobachten Drachensteigenlassen, Bootfahren, Schorcheln, Plantschen und Baden zwei paradiesische Tage auf Murter beschert.

Bemerknisse

  • Wer, nach dem er erst vor acht Wochen an einem Ort war, vergessen hat, dass ebenda überhaupt schon mal war, liefert unweigerlich die Vorlage für einen Wiederholungsscherz.
    “Was, ihr wart noch nie in München, seid ihr sicher?”
  • Permanente Nacktheit wird auch nach mehreren Tagen nicht ästhetischer.
  • Es gibt Gelegenheitsnackte und Prinzipnackte, Letztere können bei kälterem Wetter nicht aus ihren Wohnwägen.
  • Konservierte Konversationen (siehe Kategorien), die Reiseedition
    Frau G.: “Was ist los? Du wirkst so…” (wortesuchend)
    Herr G.: “Irgendjemand muss ja wirken.”
    Frau G.: “Hast du das Gefühl, dass ich nichts mache?”
    Herr G.: “Doch, du machst Feien.”

Schlafzimmerfensterblick:

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Murter HR – Jesolo (Nähe Venedig) I – Jesolo (Nähe Venedig) I (Tage 62 – 63)

Unser Fährenplan ward vereitelt, denn von Split fahren schlicht keine Fähren nach Süditalien. Wir haben also, nach kurzer Sinneskrise, beschlossen, den Weg einfach umgekehrt, also nach Sizilien, von Palermo aus per Fähre Genua und von da aus nach Hause zu fahren. Drei Wochen bleiben uns für dieses Vorhaben. Weil wir ohnehin da vorbei fahren, ist unser nächster bekannte Stopp das Daheim von Herrn Gminggmanggs Grosseltern in der Nähe von Arezzo, ein Zwischenstopp ist irgendwo bei Venedig geplant.

Wir verabschieden uns, nach grossem Datentausch, also von “unseren Deutschen” und fahren alleine weiter. Die Fahrt verläuft unspektakulär zwischenfallsfrei, sehr autobahnlastig und in Jesolo, nahe bei Venedig, stellen wir den Gefährte mangels Alternativen und aufgrund unüberwindbarer Fahrmüdigkeit auf einen gigantischen Platz mit bemerkenswert wenig Charme. Waren wir auf unserer Reise bisher eher als Touristen unter Einheimischen bunthündisch, sind wir es jetzt als Durchreisende im Selbstausbau, mitten in Horden von Gigantodauercamperbussen. Wir werden derart schamlos angestarrt, dass wir uns erstmalig aus Wäscheleinen und Tüchern einen notdürftigen Sichtschutz bauen. Den Tag zwischen den beiden Nächten verbringen wir in Venedig, ein Ausflug, der unseren Zwischenstopp gerade noch so rausreisst.

Bemerknisse

  • Satz des Tages: “Franziiiskaaa, wir gehen nicht in der Windel zum Strand!”
  • Wie man an Unbekannten vorbeispricht:
    Frau Erzgebirge: “Und, gefällt es Euch hier?”
    Frau G.: “Hm, der Platz ist etwas gross, also für mich, und so, hm, quadratisch bis steril.”
    Frau Erzgebirge: “Ernsthaft? Der ist doch so klein, es gibt doch viel grössere! Aber die Sanitäranlagen sind top sauber, das stimmt. Und wieviele Wochen bleibt ihr?”
    Frau G.: “Ein bis zwei…”
    Frau Erzgebirge: “Ach, ihr habt nur ein, zwei Wochen Zeit? Wir sind bald vier Wochen hier.”
  • Nach den beiden Nächten dürften wir mit Fug und Recht behaupten, auch Deutschland bereist zu haben. (98% Deutsche)

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Jesolo (Nähe Venedig) I – Zenna (Nähe Arezzo) (Tage 63 – 64)

Relativ zeitig verlassen wir morgens den unattraktiven Platz relativ zeitig und fahren Richtung Zenna bei Arezzo, wo Herrn G.s Grosseltern leben. Ich habe mich nicht sonderlich auf die kommenden Streckenabschnitte gefreut, ja, eigentlich habe ich innig mit dem Gedanken gehadert, unsere letzten Wochen in Italien zu verbringen, einem Land das wir schon so oft bereist haben, es zieht weiter das Fremde, gleichzeitig wollten wir aber gerne weiter am Meer und vorallem im Süden bleiben und genaugenommen ist mir Italiens Süden noch weitgehend unbekannt. Ich hadere nicht mehr lange. Wie könnte ich auch? Die Toskana wirkt, in ihrer unspektakulären Schönheit, und ebenso die tausenden wunderbar alten, so offensichtlich geschichtsträchigen, bewohnten und verlassenen Fabrikgebäude und Häuser mit ihren verwilderten Gärten, wie sie in dieser Gegend so oft zu finden sind, versöhnen mich rasch, stundenlang möchte ich sie betrachten und mir Vergangenes erdenken.

Kurz vor Arezzo wollen wir noch unsere Wasser- und andere Vorräte aufstocken, halten beim erstbesten Supermarkt an und kaufen ein. Als Herr G. bei der Rückkehr zum Gefährten den obligaten “Wir haben keine Luuuuft mehr”-Ruf trällert, lächle ich nur müde, denn derartige Witze sind nach drei zerfahrenen Pneus so ausgeleiert wie platt. Platt ist allerdings auch des Gefährten Hinterrad, Flachrad Nr. 4. Das Glück ist uns hold, denn wir stehen quasi vor einer Garage, deren Angestellten uns den Pneu prompt und billiger als in Albanien wechseln. Nicht ohne Ausrufe des Erstaunens allerdings, denn der alte Reif weist erhebliche Gebrauchsspuren auf, so das es wohl eher verwunderlich ist, dass wir es noch so weit geschafft haben.
Pünktlich zum frühen Abendessen erreichen wir schliesslich Herrn G.s Grosseltern, liebevoll “Nonnis” genannt, die abgeschieden auf einem Hügel mit grandiosem Ausblick wohnen. Aus einem alten Steingehöft haben sie sich da oben ein kleines Paradies mit viel Umschwung erbaut, den sie zu einem grossen Teil auch noch selber bewirtschaften. Und falls ihnen, neben Pflanzengiessen, Ernten, Ernteverwerten, Jäten, Säen, Holzen, Mähen und usw. trotzdem mal langweilig wird, bauen die Leutchen mit über 80 Jahren eben den Keller aus oder Pingpong- und Billardttische und verbringen die Zeit mit Spielen. Mit wunderbarer Aussicht auf den Fluss Arno schlafen wir erschöpft ein.
Den nächsten Tag verbringen wir hauptsächlich mit Spaziergängen und damit den Gefährten innerlich und äusserlich gründlichst zu reinigen, Details erspare ich Ihnen, in der Anahme, dass Sie kein Interesse an Herstellungsprozessen von Alkohol aus Trauben in Kindersitzritzen haben.

Bemerknisse

  • So getan und für gut befunden: Ich empfehle Ihnen von Herzen platte Reifen erst nach dem Grosseinkauf und 30 Meter vom nächsten Autoreifenhändler entfernt zu entdecken, das erspart massenhaft Stress, ehrlich.
  • Nach dem Sie Ihr Auto mit Aufwand und Anstrengung sorgfältigst innerlich und äusserlich gereinigt haben, stellen Sie das Gefährt mit Vorteil nicht unter einen Baum voller reifer Feigen.
  • Nach der Einverleibung von Kaffe aus allen Herrenländern rund um die Adria versichere ich: der Italienische ist der Beste.
  • Rotbackigkeit ist hierzulande kein sicherer Fieber- oder Zahnungsindikator, sondern kann auch an der Kinderwangenkneifbesessenheit der Italiener liegen.

Flachrad 4:

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Gefährte mit innerer Leere:

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(Noch immer vier Tage Berichtrückstand, man reiche mir Zeit.)

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Zenna (Nähe Arezzo) – Casteglione della Pescaia (Nähe Grossetto) – Parco Nationale di Circeo (Nähe Latina) (Tage 65 – 66)

Ich muss die letzte Woche im Zeitraffer zusammenfassen, es fehlte mir schlicht an Zeit Einzelheiten festzuhalten. Äm kämpft seit vier Tagen mit anhaltend hohem Fieber (um 40*) und ich verbringe die Zeit mit Kind im Arm, was wiederum die Schreiberei insofern nicht begünstigt, als dass ich für ein Wort mehrere Minuten brauche und das Geschriebene schlussendlich noch vertipper- und autokorrekturfehlergeplagt ist, als meine Reiseberichte es ohnehin schon sind.

Nach dem wir uns von Herrn Gminggmanggs Grosseltern verabschiedet haben, machen wir uns auf, wieder ans Meer, zu unseren Füssen eine Tasche mit Marmelade, Trauben, getrockneten Aprikosen, einem Duftsäckchen mit Lavendel und einigen Ratschlägen (unter anderen den, aufgrund schlechter Strassen nicht nach Sizilien zu fahren). Eigentlich haben wir geplant, heute in den Nationalpark Maremma zu fahren und da zu übernachten, aber dann fahren wir an dem Schild vorbei, das uns in Richtung des Campingplatzes weist, den wir schon drei mal mehr oder weniger gemeinsam, teilweise auf Durchreise bewohnt haben und in seltsam sentimentalen Anwandlungen (wir waren einmal als Freunde, einmal zu Anbeginn unserer Beziehung und einmal mit Kleinst-Y, schwanger mit Äm an diesem Ort) biegen wir ab und fahren hin und verbringen eine ruhige, erholsame Nacht.
Am Morgen bezahlen wir irrsinnige 38€ und haben somit die teuerste Nacht der ganzen Reise verbracht, sogar Äm wurde zur Kasse gebeten. Wir fahren auf der Autobahn Richtung Süden, verlassen dabei die bekannten toskanischen Landschaften und fahren den Nationalpark Circeo an. Den Platz den wir finden sieht auf den ersten Blick geschlossen aus, aber die Fahrmüdigkeit und der zuvor getätigte Blick auf die wunderschönen, einsamen Sanddünen am Meer, lassen uns auf Einlass pochen. Hier werden wir ihrer erstmals richtig gewahr, der Nebensaison, dafür allerdings um so mehr, denn wir sind bis auf ein älteres Dauercamperehepaar die einzigen auf dem grosszügig angelegten Platz. Unter mutmasslich uralten Pinien stellen wir den Gefährten ab und geniessen den Rest des Abends/Nachmittags bei spektakulär düsterschöner Weltuntergangswetterstimmung am Meer, mit Aussicht auf den Monte Circeo.
In der Nacht regnet und stürmt es erstmalig auf dieser Reise ununterbrochen und mit grosser Lautstärke. Mitten in der Nacht merke ich, dass Äm in einer Pfütze liegt und es unablässig von der Decke tropft. Der Gefährte rinnt. Herr Gminggmangg und ich stimmen in gedämpftes Wehklagen ein und versuchen der Situation Herren zu werden, was allerdings nur per Zweckentfremdung der Schuhkiste zur lebensrettenden Wasserauffangsinstanz gelingt. Derweil Äm nun friedlich im Trockenen schlummert, schnorchle schnarche ich, ganz altruistisch, im Nassen ein, begleitet von diversen wasserlastigen Träumen.

Bemerknisse

  • Die quantitätsbezogene Wachstumskurve von Campingplatzsternen und -charme verläuft umgekehrt parallel.
  • Nebensaison ist, wenn in den Campingplatzsupermärkten das Leereecho hallt.
  • “24h heisse Duschen” bringen wenig, wenn damit Rinnsale gemeint sind, die unter 30 Minuten nicht mal zum Auswaschen von Kurzharbaarbies Haupthaar reichen würden.
  • Wieso ein Kind mit 15 Monaten ausgerechnet in Italien, dem Land in dem Kinder in dem Alter noch nichtmal mit Füssen die Sandkörner am Boden verschieben, weil sie ganztags in ihren Babymobilensitzen, auf Campingplätzen ebenfalls zu bezahlen hat, ist mir schleierhaft.

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Spineto Nuova (Nähe Salerno) – Marina di Camerota (Nähe Palinuro) (Tage 66 -71)

Am nächsten Morgen regnet es immer noch, erstmalig sehen wir uns dazu genötigt, unser Frühstück in Regenkleidung einzunehmen. (Und ja, es war genau so ungemütlich, wie es klingt, nix da mit Regentageromantik, einziger Vorteil waren ausbleibende Klagen ob trockenem Brot.) Nach dem ersten Kaffee scheint zwar weder die Sonne, noch der Regen aufzuhören, aber Familie Gminggmangg bereit gen Napoli aufzubrechen. Napoli hört sich wieder nach Süden an und im Süden ist es, himmelnochmal, warm, so unsere Idee und wir fahren los. Die Region rund um Napoli erinnert etwas an Nordalbanien, scheint sehr dicht besiedelt, ein unzusammenhängendes, wenig attraktives Häusermeer ohne End und ersichtlichen Zusammenhang, nur der Vesuv imponiert mit Grösse und Prägnanz. Wahrscheinlich tue ich der Gegend Unrecht, vermag die Wettertrübe doch kaum die jene der Laune zu überbieten, trotzdem fahren wir rasch weiter, bis wir bei Spineto Nuovo an einen Küstenabschnitt kommen, der laut Karte einige Stell- und Campingplätze zu bieten hat. Anstatt eines netten Plätzchens finden wir allerdings nur verschlossene Platztüren und offenherzige Protistuierte. Ja, die Nebensaison hat begonnen. Nach Kilometern des Fahrens der Rotlichstrandpromenade entlang finden wir endlich Zuflucht in einer Ferienanlage mit mehr Sternen als Anziehungskraft. Kaum angekommen beginnt es erneut wie aus Kübeln zu giessen, glücklicherweise hält das notdürftig mit Isolationsklebeband versehene Gefährtendach einigermassen dicht. Wir werfen uns in Regenkleidung und trotzen den Naturgewalten bis wir endlich schlafen dürfen.
Obwohl wir eigentlich von hier aus, aufgrund wunderbarsten Anregungen, danke Urs, den Stiefelabsatz und die Küste rund um Lecce hätten anfahren wollen, entscheiden wir uns spontan dagegen. Die Zeit ist zu knapp, die Fähre von Palermo nach Genua bereits gebucht und auch Sizilien, das wir somit ohnehin anfahren müssen, lockt. Wir fahren also gemächlich der Küste entlang, bis wir in den Parco Nationale Cliento eVallo di Diano gelangen, eine wunderschöne Gegend mit kleinen, lauschigen Dörfchen aus eng aneinander gedrängten Häusern, meist erhöht und mit gigantischem Blick aufs blaue Meer. Wo keine Dörfchen stehen, dehnt sich ein weiter tiefgrüner Wald, bestehend aus effeubewachsenen, knorrigen Laubäumen, die, noch mehr als anderswo, aussehen, als würden sie geheime Leben führen, wenn gerade niemand hinsieht. Liebe Kinder, hier leben bestimmt die letzten Einhörner. In einem dichten Pinienwald, zum Meer hin besteht der Wald meist aus Pinien, finden wir einen sympathischen Campingplatz und erhalten gar ein Plätzchen direkt am Meer. Als ich Äm aus dem Kindersitz nehme beginnt sie seltsam zu zittern, sie glüht vor Fieber. Das Thermometer zeigt irgendwas über 40*. Den Abend verbringen wir zwischen schlechten Witzen über albanische Spitäler und dem krampfhaften Versuch, uns nicht zu sehr zu sorgen. Die Nacht ist eine Katastrophe, nur Y schlummert, von Äms Schüttelfrosteskapaden und Protestgeschrei bei der Medikamenteneingabe, völlig unbeeindruckt.
Es ist Sonntag. Äms Temperatur hält sich auch heute konstant bei 40*. Unterbrochen von halbstündigen Hochs nach fiebersenkenden Mitteln, hängt Äm ganztags in meinem Arm und verweigert jede feste Nahrung. Wir besorgen uns vorsorglich alle nötigen Informationen rund um die nächsten Spitäler und Kinderärzte, schaffen es trotzdem den so schönen Ort, an dem wir uns befinden, zu geniessen, machen ausgedehnte Spaziergänge dem Strand entlang und suchen, sehr zu Ys Vergnügen, im Schwemmgut nach Schätzen. In d Nacht hat Äm erneut sehr hohes Fieber, wir beschliessen einen weiteren Tag hier zu verbringen und am nächsten Morgen unse Kinderärztin zu kontaktieren.
Wie gewohnt erreichen wir die Ärztin erst nach dem 12. Anrufversuch, die Leitungen sind um diese Uhrzeit schlicht dauernd besetzt, sie zeigt sich relativ unbeeindruckt ob der geschilderten Fieberei, rät uns zum Abwarten und bei Bedarf Abgabe fiebersenkender Mittel. Wieder verbringen wir den Tag mit Schwemmgutschatzsuchspaziergängen, Kaffeetrinken und der Hoffnung auf Äms Genesung. Gegen Abend beginnt sie endlich wieder etwas zu essen und wir gehen leicht euphorisch schlafen.

Bemerknisse

  • Bei den Restaurant- und Hotelbesitzern der Küste zwischen Agroli und Palinuro gehört es wohl zum guten Ton, sich auf 5 Quadratmeter grossen Schildern mit den Sprachen zu brüsten derer das Personal mächtig sei. Macht ja auch Eindruck sowas. So gesehen unter Anderem: “Hir spricht man Deutch” und “Mann sprechen Deutsch”.
  • Nebensaison ist, wenn die Öffnungszeiten auf Campingplätzen zu einem derart minimalen Zeitfenster schrumpfen, dass Treffen zu purer Glückssache wird. Ungefähr so, beim Brotholen in der Nebensaiaon: 8:00 Supermarkt ist geschlossen, 8:30 Supermarkt ist geschlossen, 9:00 Supermarkt ist geschlossen, auf Anfrage an der Reception wird versichert, dass in einer Viertelstunde geöffnet und frisches Brot Verfügbar ist, 9:30 Supermarkt ist geschlossen, WIEDER geschlossen, wie die Reception verbessert, denn es war ja niemand da, der etwas kaufen wollte.
  • Nebensaison ist, wenn es derart in Strömen regnet und windet, dass Kochen für Gefährtenreisende ohne Massivgigomatencamper unmöglich wird und die Stellplatzbesitzer den durchnässten Gminggmanggs nicht nur das Kochen im geschlossenen (****) Restaurant erlauben, sondern die Campingplatznonna der gminggmanggschen Bande voller Erbarmen kurzerhand “zwei Teller Spaghetti mit etwas Tomaten” (siehe Bild) serviert.

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  • Nebensaison ist, wenn in den Campingplatzsupermärkten alles zu erstehen ist, was das Herz nicht begehrt: Beispielsweise Tiefkühlpizza, aber keine Milch, Raumduftspray, aber kein Klopapier und Fertigkuchenmischungen abe kein frisches Gemüse.

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Marina di Camerota (Nähe Palinuro) – Cámpora San Giovanni (Nähe Amantea) – Acireale (Sizilien) (Tage 72-73)

Es scheint aufwärts zu gehen, Äm hat nur noch erhöhte Temperatur und bewegt sich wieder mehr, wenngleich auch immer in Sichtnähe zu mir. Ich wage es kaum zu vermerken, aber der Zustand leichter Angeschlagenheit birgt durchaus auch Vorteile. Äm ist eine Ausreisserin erster Güte und die Tatsache, dass sie sich heute frei, aber lieber in meiner Nähe bewegt ist herrlich entspannend.

Mit dem Ziel ungefähr die Hälfte der Strecke nach Sizilien zu bewältigen, brechen wir auf. Die Fahrt verläuft ungemein ruhig, Äm scheint die Zeit zur Regeneration zu brauchen und schläft ausdauernd. Der erste Streckenabschnitt führt weiter durch den Parco Nationale Cliento e Vallo di Diano, über seine herrlich bemärchenwaldete Hügel, in denn hie und da noch Nebelfetzen hängen, durch kleine, belebte Hügeldörfer, in denen sich das Leben offensichtlich tatsächlich noch auf der Strasse abspielt. Dicht aneinander gedrängt an die Hügel geschmiegt, stehen sie, die alten, so charaktervollen Häuser, der Gefährte kommt mir überdimensional und klobig vor und wenn ich meine Arme durchs offene Fenster Strecken würde, ich glaube ich könnte an jeder Haustüre klingeln, so eng sind die Strassen. Überall hängt Wäsche, vor den Türen stehen Tische, an denen alte, faltige Italienerinnen in geblümten Roben Gemüse schälen, während die Hausherren die Gazzette dello Sport studieren. Gepräche können problemlos von Wohnung zu Wohnung geführt werden und werden es offenkundig auch. Es ist Mitte Woche, Kinder sind hier kaum zu sehen, die werden alle in der Schule sein, aber an einem späten Spätsommersonntagnachmittag auf dem Dorfplatz muss hier das pure Leben toben.
Nach einem kurzen Mittagsrast fahren wir aus dem Park, die Gegend ist sofort massiv weniger bewaldet, die Dörfer wieder grösser und wir steuern wieder die Küste an. Offene Campingplätze sind auch hier kaum zu finden, aber neben einer kleinen Pizzeria, direkt am Meer, dürfen wir den Gefähren für eine Nacht, direkt am Strand, stehen lassen.
Kurz vor dem Abendessen heizt Äm wieder kräftig auf, scheint sich aber trotz über 39*C Fieber immer noch relativ wohl zu fühlen, spielt und isst sogar. Wir beschliessen das morgige Programm von Äms Zustand abhängig zu machen.
Am nächsten Morgen ist Äm wieder fieberfrei, wir atmen auf. Da Bleiben augrund Schattenlosigkeit an diesem Platz keine Option ist, beschliessen wir heute, wenn die Kinder mitmachen, bis nach Sizilien zu fahren. Durch sanfte, adrett frisierte Hügel erreichen wir Villa San Giovanni und den dortigen Fährhafen. Das Besorgen des Tickets ist nur insofern etwa beschwerlich, als das wir unfreiwillige und unnötige Hilfe bei der Buchung erhalten und der übermoivierte Helfer hernach dafür auch noch bezahlt werden möchte. Auf der Fähre werden wir von überaus herzlichen Sizilianern mit inselbezogenen Ratschlägen versorgt, jemand will gar den Schiffsarzt holen, als wir am Rande erwähnen, dass Äm in den letzten Tagen fieberte. Messina lässt uns schliesslich erahnen, was uns in einer Woche in Palermo, in verstärktem Masse erwarten könnte: Massen von Autos. Parkiert wird, wo immer es Patz hat, gefahren ebenso. Wir kommen in Schneckentempo voran, während die Autos von hinten, vorn und sämtlichen anden Himmelsrichtungen nur so an uns vorbeizurauschen scheinen. Endlich erreichen wir Giardini Naxos, den Ort, der uns von allen Italienern empfohlen wurde. Leider mutet der ganze Küstenabschnitt derart touristisch an, dass wir sofort weiter fahren und uns einen Platz abseits suchen. Auf einem Felsen über dem Meer, von dem aus die Bucht per Aufzug erreichbar ist, stellen wir den Gefährten auf einem Campingplatz ab, in der Absicht hier mehrere Nächte zu bleiben.
Äm hat den Tag in guter Verfassung, mehr oder weniger fieberfrei verbracht und wir legen uns, in der Hoffnung auf eine ruhige Nacht, früh schlafen. Die Hoffnung stirbt allerdings mit dem Aufkreuzen einer deutschen Schlklasse ausser Rand, Band und sich, die sich kollektiv bis zur Besinnungslosigkeit besäuft, kotzt und schliesslich schlafend grosszügig auf dem Gelände verteilt. Das ist schliesslich der Zeitpunkt den Murphy auserkoren, um Äm wieder ausgiebig fiebern zu lassen. Wir verzeichnen somit die wohl bescheidenste Nacht der Reise.

Bemerknisse

  • Italien macht dick, während wir in den Wochen zuvor relativ viel Gewicht verloren haben, werden wir nun bei Pasta und Pizza wieder, äh, runder.
  • Wer in der Nebensaison Sandspielzeug kauft ist doof blöd tut Unnötiges: Mann gehe einfach mit den Kindern an den Strand und sammle was Brauchbar. Heute in der Ausbeute: “Öllöu Kiddi”-Eimer und Freudentänze seitens des grossen Mädchens mit Blödrosaglitzerkatzenzubehörmangel.
  • Sizilien scheint über mehr Autos als Einwohner zu verfügen.
  • Es es empfiehlt sich in Sizilien relativ strassenmittig zu fahren, denn der Sizilianer weiss: Wo ein Auto Platz hat, haben auch zwei, haben auch drei, haben auch vier (beliebig erweitern) Autos Platz.

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Acireale (Sizilien) – Catánia – Punto Braccetto (Nähe Vittória) (Tage 74-76)

Wieder ist Äm morgen fieberfrei und in bester Verfassung. Wir brechen auf, in der Absicht erst den Ätna zu bestaunen und uns danach einen zentral gelegenen Platz zu suchen. Das wiederkehrende Fieber bereitet Sorgen und wir wollen bei erneutem Temperaturanstieg einen Arzt konsultieren. Die Fahrt gen Ätna ist wunderschön, die Sizilianischen Dörfer und Städe durch die wir fahren und ihre unbescheiden verzierten Bauten sind herrlich be- und verlebt und wirken damit ungemein charaktervoll. Selbst weniger alte Stadt- und Dorfteile, in denen in Bezug auf die Häuser an sich nicht von Schönheit gesprochen werden kann, ist ein ganz eigener, anziehender Charme eigen. Wir fahren einen Nebenkrater des Ätna an, denn nach unseren Informationen kostet die Fahrt auf den Hauptkrater um die 60 Euro, was uns eindeutig zu viel ist. Am Nebenkrater unternehmen wir eine kleine Wanderung auf einen der lavagesteinüberzogenen Hügel und geniessen die atemberaubende Aussicht. Als ich Äm, unten angekommen, wieder aus der Tragehilfe nehme, glüht sie wieder. Wieder hat sie um die 39*C Fieber. Nach einem Gespräch mit unserer Kinderärztin beschliessen wir in die nächstgelegene Stadt, Catánia, zu fahren, uns da einen Stellplatz zu suchen um von dort aus einen Ausflug zum Arzt zu unternehmen. Der Platzinhaber in Catánia, ein Deutscher, rät uns in den Notfall im nahegelegenen Krankenhaus zu fahren. In der Notfallstation des Regionalspitals ist einiges los, Ärzte, Schwestern und anderes Personal rennt hektisch durch die Gänge und brüllt sich immer mal wieder lautstark an. Als wir unsere Situation und Äms Beschwerden schildern, blickt man uns mit weit geöffneten Augen an: Fieber über 39* C? Über SECHS Tage? Wir fragen uns, ob derartiges in Italien nicht geschieht. Die erste Frage im Behandlungszimmer ist dann auch, ob wir Äm schon selber mit Antibiotikum behandelt haben, was wir natürlich, etwas verdutzt, verneinen. Äm wird unter ohrenbetäubendem Gebrüll gewogen, für zu leicht befunden, und an Hals, Rachen und Brustraum untersucht. Fall und Vorgehen scheinen für die Ärztin völlig klar: 1. Antibiotikumgabe, 2. stricktes Frischluftverbot, allerhöchstens “manchmal kurz das Fenster öffnen”. Mir fehlt es eindeutig an medizinischem, italienischem Vokabular und wir nehmen das Rezept das wir erhalten und verlassen die Station wieder. Erneut telefonieren wir mit Äms Kinderärztin, die zwar bemängelt, dass kein Infektbarometer gemacht und die Untersuchungen so oberflächlich gehalten wurden, rät aber auch dazu, Äm antibiotisch zu behandeln, zumal das Fieber schon so lange immer wieder ansteigt uns ansonsten keine Symptome auszumachen sind. Nach langem Hin und Her und einigen (uns)innigen Sinneskrisen, entscheiden wir uns gegen eine verfrühte Heimfahrt und dazu abzuwarten, ob Äms Zustand sich in ein, zwei Tagen verbessert hat. Am nächsten Morgen ist Äm, wie gewohnt morgens, fieberfrei. Wir brechen auf und ein kleines Stück Richtung Südwesten. Damit haben wir den mutmasslich (ev. war d auch schon auf dem Peleponnes) südlichsten Punkt unserer Reise erreicht. Da wir so früh weder nach einem Übernachtungsplatznsuchen, können wir überteuerte Angebote (40€ pro Nacht) getrost ausschlagen und finden eine ungemein sympathischen Platz, am Rande einer nebensaisonbedingt ausgestorbenen Feriensiedlung. Den Nachmittag verbringen wir am Strand, Äm geht es wunderbar und auch die Nacht wird die erste fieberfreie, seit acht Nächten.

Bemerknisse

  • Wenn Fahrspuren nicht durch Doppelbefahrung künstlich verkleinert werden, dann durch parkende Autos. Stellen Sie sich hier bitte nicht ein 1/2 auf Trottoir, 1/2 auf Strasse geparktes Auto vor, sondern ein 0 auf Trottoir, ganz auf Strasse geparktes Auto und Zusätzliches daneben. Beidstrassenseitig.
  • Der kluge und äusserst packasketische Sizilienreisende reist per Smart.
  • Wo anders als in Italien (oder der Türkei) würden Receptionistin, Putzfrau und Gärtner des Campingsplatzes, unabhängig voneinander, vor Abreise extra nochmal vorbeikommen, um sich nach Fieberkindes Wohlergehen zu erkundigen.
  • Nebensaison ist, wenn der Campingplatzpatrone Herrn G und Y zum Lebensmittel- und Gefährtenscheinwerferbirneneinkauf ins nächstgelegene Dorf ausführt.

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Punto Braccetto (Nähe Vittória) – Eraclea Minoa (Nähe Agrigento) – Mazara del Vallo (Tage 77-78)

Heute Morgen erfreut sich Äm nach wie vor bester Verfassung und wir betrachten das Krankheitsintermezzo als abgeschlossen. Heute, Sonntag, mitgezählt bleiben uns noch sieben Tage bis unsere Fähre nach Genua Palermo verlässt, das Gefühl von Schlussspurt und Abschliessen nimmt endgültig überhand. Wir waren nur drei Monate unterwegs und doch fällt der Gedanke schwer, dass wir uns wieder an das alte, gebundene Leben gewöhnen müssen, ja, trotz Äms Krankheit und dem zwischenzeitlichen Wunsch nach der beruhigenden Instanz unserer Kinderärztin, könnten wir noch lange reisend weiterleben. Natürlich gibt es auch Dinge, auf die ich mich freue, mehrheitlich sind das kleine Bequemlichkeiten des alltäglichen Lebens, wie eine warme Dusche, mehr als zwei Herdplatten oder ein ämsicheres Gartentor, aber auch auf zeitweise vergrösserte Distanz zu den Kindern und Herrn G. freue ich mich, auf Zeit alleine und auf meine neue alte Arbeitsstelle. In jedem Falle gilt es unsere letzte Reisewoche noch in vollen Zügen auszukosten, Wärme, Meer und Fremde zu geniessen.

Wir brechen heute in Richtung einer Gegend auf, die für ihren Kreidefelswände bekannt ist, die Gegend um Agrigento und Eraclea Minoa. Der erste Teil der Fahrt führt durch ein schier unendliches Meer von Gewächshäusern, deren Arbeiter, zumindest die die wir sehen, zu 80% aus Einwandern zu bestehen scheinen. Nicht selten wohnen sie unmittelbar angrenzend in sehr einfach gehaltenen Behausungen und es ist unschwer zu erahnen, dass die Entlöhnung für ihre Arbeit sie nicht eben wohlhabend werden lässt. Was die Verschmutzung durch Müll anbelangt, ist die Gegend Nordalbanien mindestens ebenbürtig, wo keine Gewächshäuser stehen, liegen unfassbare Unmengen an Müll. Wir durchfahren den Teil Siziliens trotz Hitze bei geschlossenen Fenstern, zu gross ist die olfaktorische Belastung durch die Feuer, die allenthalben mit den Gewächsabfällen und, unweigerlich, dem umliegenden Müll entfacht worden sind. Nach dem wir Ragusa hinter uns gelassen haben, ändern sich sich Land- und Ortschaften relativ unmittelbar. Es ist wieder unverpacktes Grün zu sehen und die Verschmutzung nimmt deutlich ab. Dank “unseren Deutschen” wissen wir schon, wo wir heute Nacht übernachten wollen und landen auf einem wunderbar einfach gehaltenen Platz, direkt am Meer und mit gigantischer Aussicht auf Kreidefelsen.

Obwohl es uns hier sehr gefällt, brechen wir bereits am nächsten Morgen auf. Das Landesinnere, insbesondere Corleone, der Geburtsort des Protagonisten aus “der Pate”, lockt. Bereits nach den ersten Kilometern ins Landesinnere hat sich der Abstecher gelohnt. Über steingkarge Hügel und kleinere Berge fahren wir an riesigen Schafherden und einsamen Pferden, Eseln und Mauleseln vorbei und passieren verwitterte, überwachsene Häuser, viele davon leerstehend. Alle paar Hügelhöchstpunkte trohnen kleinere und grössere Dörfer, die von Weitem oft gar nichts mit der Lieblichkeit der beschriebenen Bergdörfern von unlängst gemein zu haben scheinen. Aber die vermeintlich lieblos hingepappten, graubeigen Häuserklumpen haben fast immer einen historischen Kern, der nicht nur schön anzusehen ist, sondern auch genau die farbenfrohe Freundlich- und Lebendigkeit birgt, die mir an italienischen Kleinstädten so gefällt. Als wir in Corleone einfahren, sind wir etwas enttäuscht, die Stadt ist durchaus nett anzusehen, aber touristisch und längst nicht so voller Charme wie die diversen kleineren Dörfer, die wir auf dem Weg hierhin durchfahren haben. Trotzdem speisen wir vorzüglich und nach dem Besuch in der Gelateria machen wir uns auf den Rückweg ans Meer. weil wir schon einen relativ langen Fahrtag hinter uns haben, zögern wir nicht lang und nehmen den erstbesten, relativ schmucklosen Campingplatz und nach Abendessen und der obligaten Sielplatzerkundungsrunde begeben wir uns in mückengeplagten Nachtschlaf.

Bemerknisse

  • Eine Fähigkeit die sich Kinder bei dreimonatigen Ferien am Meer aneignen, ist das Badetuchausbreiten und sich danach genüsslich darauf legen. Auch Äm kann das nun. Auch mit Taschentüchern. Und auf dem Gehsteig.
  • Wenn Nichtschweizer uns vermeindlich standesgemäss begrüssen wollen, schmettern sie uns ein “Grüüützi.” entgegen. Wir machen bereitwillig mit.
  • Die Mücken waren auf dieser Reise wohl die grösste Plage, wenn ich pro Nacht und Kopf fünf Mückenstiche rechne, habe ich damit eher unter- als übertrieben und wir kämen gemeinsam auf eine reiseschlussendlichen Anzahl von 1680 Stichen.

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Mazara del Vallo – San Vito lo Capo (Nähe Trápani) – ísola delle Fémmine (Nähe Palermo) – Palermo – Bern (Tage 79-84)

Am Morgen brechen wir zeitig auf, Ziel ist San Vito lo Capo, wo es, laut Campingführer, noch einige offene Plätze hat und wir gerne unsere letzten Tage auf Sizilien verbringen möchten. Bis Trápani führen die Strassen, so scheint uns, durch ein einziges, langezogenes, nicht enden wollendes Riesendorf, dessen fast durchgängig ein- höchstens zweistöckigen, grauen Häuser ohne Vorgärten in ihrer konsequent linearen Aufstellung der staubigen Strasse entlang, ihm das Antlitz verschlafener Wildweststädchen verleihen. Die Gegend nach Trápani, in Richtung San Vito lo Capo ist pures Gegenteil: Wenig verbauen und von atemberaubender Schönheit. Hohe, karge Kippen, flache Täler in sanftem grün, die Küste umrandet von scharfkantigen Klein- und Grossfelsen, ist die Gegend, trotz zeitweise garstigsten Windbön, die uns den Atem und den Kindern die Standfestigkeit rauben und der Tatsache, dass Baden hier zumindest für die Kinder unmöglich ist, von derart einnehmender Schönheit, dass wir beschliessen zu bleiben. Das erstaunlich touristische und belebte Kleinstädchen San Vito veranstaltet die Tage, sehr zu Äms Freude, ein mehrtägiges Couscousfest und damit eine Feier rund um das Hauptnahrungsmittel unserer Reise. Selbstredend, dass wir die Abende im Dorf verbringen, während sich die Kinder die Bäuche mit Couscous vollschlagen und wir uns durch die Spezialitätenstände probieren. Wir verbringen wunderbare, ruhige, die Reise abrundende Tage und unterhaltende Abende. Schade nur, dass wir Couscousfest-Gaststar (und Gminggmanggscher Kinderzimmermusiker) Goran Bregovic um einen Abend knapp verpassen.

Am nächsten Tag brechen wir spät und gemächlich nach Ísola delle Fémmine auf, einenOrt den wir anfahren um die letzte Nacht vor der Fährenfahrt schon möglichst nah an Palermo zu verbringen, damit wir am nächsten Tag gemächlich den Hafen finden, den Gefährten abstellen und hernach noch Palermo besichtigen können. So unspektakulären wie geplant verläuft der Tag und wir richten uns ein letztes Mal in gewohnter Weise für die Nacht ein, sagen so vertraute Sätze wie “Ich mache noch rasch die Betten und richte die Moskitonetze ein.” und “Haben wir schon Strom?” im Wissen darum, dass wir sie wohl sehr lange nicht mehr in dieser Form benützen werden. Das Abschliessen hat endgültig begonnen, mit aller verbundenen Wehmut.

Den nächsten Morgen verbringen wir damit, unsere Sachen, die wir für die 24h dauernde Überfahrt mit der Fähre brauchen, so zu packen, damit wir in Palermo keine derartigen Dinge mehr erledigen müssen. Herr G. ist fürchterlich aufgeregt, haben wir doch so viele haarsträubende Geschichten über den Verkehr und dessen Teilnehmer in Palermo gehört. Als wir schliesslich einfahren sind wir alle angespannt und warten nur darauf, dass das Chaos über uns hereinbricht. “Gleich geht es los! Ich fahre einfach ganz langsam und lasse allen den Vortritt, bloss nicht jetzt noch einen Blechschaden riskieren. Uff, jetzt geht es gleich los.” stöhnt Herr G. und ich halte schon mal nach den angedrohten, rücksichtslosen Blechlawinen Ausschau. Herr G. krallt sich ans Steuer, ich in die Sitzpolster. “Frau Fankhauser sagt, dass da vorne eine grosse Kreuzung ist, da wird es bestimmt gleich fürchterlich hektisch werden!” warne ich und Herr G. versucht nicht in Schnappatmung überzugehen. Es ist seltsam still im Gefährten und wir tuckern weiter. “Uff, da vorne sehe ich Unmengen an Autos, ein Stau, ein Stau, Gott stehe uns bei!” Herr G. wirkt jetzt etwas hysterisch. “Mist, ich sehe es auch, herrjee, bleib ruhig, du schaffst das!” Rufe ich und checke sicherheitshalber bei Frau Fankhauser noch mal, wo genau wir uns befinden. Es ist der Hafenparkplatz. Liebe Leser mit Reiseabsichten in Richtung Palermo, ja, d Verkehr ist, verglichen mit den Strassen der Schweiz (und wohl auch Deutschland) gewöhnungsbedürftig, aber es fährt sich hier nicht schwieriger als in den hunderten italienischen Dörfern davor, nicht schwieriger als in Istanbul, Berat oder Durrës und ganz bestimmt nicht schwieriger als in Messina. Nach dem wir den Gefährten sicher parkiert wissen, begeben wir uns in Palermos Innenstadt und bereits nach wenigen Metern ist klar, dass sich der Ausflug lohnt. Wir marschieren mit den ungemein kooperativen Kindern den herrlich verlebten Häuserfronten entlang ins Blaue. Landen in verwinkelten Gässchen und Quartieren, die sich, ähnlich wie in Istanbul, auf Herstellung und Verkauf ganz bestimmter Produkte spezialisiert haben. So schlendern wir durch Gas- und Metallviertel, grüssen die gerade pausierenden Männern, die in Plastikstühlen sitzen, Kaffe und Zigarette in ihren riesigen, schwarzen Händen halten, und auf Kundschaft warten. Oder wir passieren die Gasse der Fischer und Fischverkäufer, wo der Kopf des eben verkauften Hechtes dekorativ neben den Mülleimern posiert. Als die Kinder müde wurden suchen wir uns einen Park, wurden fündig und lassen sie unter gigantischen, wunderschönen, uralten Fikus Benjaminus toben, essen Eis und tanken Sonne, bevor wir uns endgültig vom Sommer verabschieden müssen. Ja, Palermo gefällt und sollten wir je wieder nach Sizilien fahren, werden wir uns mit Sicherheit mehr Zeit für diese spannende Stadt nehmen.

Kurz vor 23 Uhr werden wir auf die Fähre gelotst, finden rasch unsere Kabine und schlafen erstaunlich tief und lang. Den nächsten Morgen verbringen wir hauptsächlich mit Lobliedern auf die Tatsache, dass wir uns für diese Überfahrt eine Kabine genommen haben. Erinnern Sie sich an unsere Schlafplatznot auf der griechischen Fähre? Die Kinder zeigen ganztags nicht die Spur von Langeweile, erforschen das Schiff von Oberst- bis Unterstdeck und wir treffen um 21 Uhr ziemlich entspannt in Genua ein. Eigentlich wäre es nun nicht mehr weit, die Kinder schlafen rasch in ihren Sitzen ein, aber wir entscheiden die Strecke nicht heute gänzlich zurückzulegen, wir wollen bei Tageslicht heimkommen und so stellen wir uns kurz vor Aosta neben ein Heer von Lastwagengiganten und übernachten.

“Noch 280 km bis zum Ziel.” verkündet Frau Fankhauser, wir werden still. Das, worauf wir uns so lange vorbereitet und gefragt haben ist nun vorbei, die nächste Woche schon wieder verplant und die Realität gerade irgendwie unheimlich schwer zu fassen. “Noch 100 km bis zum Ziel.” Wir versuchen uns zusammenzureissen, wir haben wunderbare Monate verbracht, Heimkommen ist schwer, die Eingewöhnung wird es auch, aber es gilt nun, die Wehmut ob dem Reiseende nicht überhand nehmen zu lassen und uns stattdessen über all die schönen Momente zu freuen, sie ab und an behutsam aus dem Erinnerungsschrank zu nehmen, gemeinsam zu betrachten, sie nicht all zu sehr verstauben zu lassen und lange noch davon zu zehren.

“Noch 1 km bis zum Ziel.” Wir sind daheim.

Bemerknisse

  • Wenn in Palermo ein Fahrzeug an den Pfosten parkiert werden, ist das ganz und gar wörtlich zu nehmen, zwischen Stossstange und Pfosten wäre keine Psotkarte einschiebbar.
  • Wenn Sie als Fussgänger in Palermo den Fussgängerstreifen überqueren, müssen Sie mit wutentbrannten Zurechtweisungen oder mindestens bösen Blicken rechnen, denn grundsätzlich gilt: Wer im Auto sitzt hat Vortritt. Immer. Auch wenn die Fussgängerampel grün zeigt.
  • Ampeln sind in Sizilien nicht mehr als ungefähre und unverbindliche Vorschläge.
  • Auch wenn in Palermo grosse Strassen oft mehrere Spuren in gleicher Fahrtrichtung haben, sind diese nicht durch Bodenmarkierungen getrennt. das ergibt Sinn, die würden nämlich ohnehin nicht beachtet.

San Vito lo Capo

San Vito lo Capo

Ein Hecht in Palermo

Ein Hecht in Palermo

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Fazit einer Vierteljahresreise mit Kleinkindern

Im Vorfeld gab es einige erstaunte, wenn nicht gar entsetzte Ausrufe, wenn wir von unseren Reiseplänen erzählten. Reisen mit so jungen Kindern erscheint vielen ein all zu beschwerliches Vorhaben. Nach einem Vierteljahr auf Achse mit zwei Kleinkindern kann ich sagen: Sie haben recht. Reisen ist beschwerlich. Reisen mit Kindern ist sehr beschwerlich. Manchmal. Es reist sich anders mit Kindern, so viel ist klar, denn, damit Nerven, Stimmbänder und Ohren aller Beteiligten so weit als möglich geschont werden können, müssen Kompromisse eingegangen, Kindesrhythmen berücksichtigt und manche kulturelle Sehenswürdigkeit zu Gunsten der allgemeinen Hochstimmung ausgelassen werden. Allerdings verspreche ich Ihnen, dass sich, ganz ohne Ihr zutun, alleine durch die Anwesenheit von Kindern, Begegnungen  und Einblicke ergeben, die ohne die Kinder so nie möglich gewesen wären. Ja, grösstenteils ist es unfassbar aufregend, bereichernd, spannend, öffnet Blick und Herz, ist schlicht allerwunderbarst und sofort nachzuahmen. Unbedingt.

Wir danken all den wunderbaren Menschen, die uns bei unserem Vorhaben irgendwie unterstützt haben von ganzem Herzen!

Die Reise in Zahlen:

  • 9968 Km (dazu kämen Strecken unbekannter Längen auf Fähren)
  • 10 Länder
  • 19 Grenzüberquerungen
  • 5 Fährfahrten
  • 75 Übernachtungsplätze, davon 68 Camping- oder Stellplätze, 1 Jugendherberge, 2 Hotels, 2 Appartements, 2 Fähren
  • 4 neue Reifen
  • 2 neue Scheinwerferglühbirnen
  • 1 maschineller Autowaschgang
  • 10 Wäschewaschgänge, davon 2 Handwäschen
  • 6 zusätzliche Zähne
  • 1 Besuch auf dem Notfall
  • 3 Besuche in Autowerkstätten
  • ungefähr 1680 Mückenstiche

Gefundene Gegenstände:

  • 2 hellgrüne Sandschaufeln
  • 1 hellgrüner Sandrechen
  • 1 pinker Öllöu-Kiddi-Sandeimer
  • 2 Wal-Sandförmchen (blau und grün)
  • 1 blaues Elefanten-Sandförmchen
  • 1 grünes Fisch-Sandförmchen
  • 1 gelbe Baggerschaufel
  • 4 Wäscheklammern
  • 1 Volleyball
  • 1 Springball
  • 1 Paar Wasserschuhe
  • 1 Sonnenbrille
  • 1 Plastikdinosaurier
  • 8 Heringe
  • 2 Karabiner
  • 1 Puppenkopf
  • 1 rechter, schwarzer Flip-Flop, Grösse 42
  • 1 Angelzubehör

Verlorene Gegenstände

  • 1 Kinderwagendach
  • >30 Wäscheklammern
  • 2 Heringe
  • 2 Schwimmringe
  • 1 Töpfchen
  • 2 Fläschchen
  • 1 Ball
  • 1 Plastikdinosaurier
  • 1 grüne Sandschaufel
  • 2 Wassermelonen
  • 1 Honigmelone
  • 1 i-Phone
  • 1 Zahnbürste
  • 1 Sonnenbrille
  • 2 Sonnenhüte
  • 1 Schlafsackhülle
  • 2 Kinderunterhosen

Geschenkt bekommen (Kitschkram wie schöne Erfahrungen und innige Momente zähle ich nicht)

  • blaues Auge
  • 2 Halsketten mit blauen Augen
  • 1 Armkette mit blauem Auge
  • 2 Broschen mit blauen Augen
  • 1 Muschelmagnet mit blauem Auge
  • Obst (ganze Melonenrudel)
  • Gemüse
  • Viel zu viele Süssigkeiten
  • 3 Liter Milch
  • 3 Luftballone
  • 2 Kreisel
  • 1 rosa Delfin
  • 1 leuchtoranger Drache
  • 1 barbiedünne Minipuppe mit überdimensionalen Augen und Rosa Haar
  • 1 Frisbee
  • 1 Schleuderspielzeug

Top 5 der eingepackten Gegenstände

  • Frau Fankhauser
  • Wäsche- und/oder Geschirrzuber und/oder Kinderbadewanne
  • Wäschesack mit Wäscheleine (Danke Frau Blomma!)
  • Insektenschutzmittel
  • Europa-AtlasTreuer Begleiter, der Europa AtlasTreuer Begleiter, der Europa Atlas

Top 5 der eingepackten Gegenstände. Nicht.

  • Grill
  • Wolldecken
  • 2. Paar lange Hose
  • Nagellack
  • Föhn

Top 5 Glücksfälle

  • Mit krankem Kind in der Nähe des grössten Krankenhauses Siziliens landen
  • Platter Reifen neben Autowerkstatt
  • Magendarmprobleme wenn allzeit ein Klo bereit
  • Schlüssel wiederfinden, täglich
  • Keinerlei Autopannen (trotz Autokauf ohne klitzekleinste entsprechende Fachkenntnisse)Pannenfreies DaheimPannenfreies Daheim

Top 5 Gegenden

  • Region Ploce, Kroatien
  • Die Troas, Türkei
  • Parco Nationale Cliento e Vallo di Diano
  • Hinterland um Corleone, Sizilien
  • Die Küste SüdalbaniensRegion um PloceRegion um Ploce

Top 5 Ortschaften

  • Istanbul
  • Berat
  • Chios Stadt
  • Diverse Dörfer in den Troas
  • PalermoIstanbul bei NachtIstanbul bei Nacht

Top 5 Übernachtungsplätze

  • Hafen Chios, Griechenland
  • Berat, neben MiniMarket, Albanien
  • Namenloser Stellplatz in den Troas, Türkei
  • Eraclea Minoa, Sizilien, Italien
  • Murter, KroatienBerat, neben MiniMarket, AlbanienBerat, neben MiniMarket, Albanien

Top 5 Stellplätze. Nicht.

  • Neben pubertierenden Partypolen
  • Neben besoffener Schulklasse
  • Neben nimmerschliessender Bar mit immergleichem spanischem Partysong
  • Auf inoffiziellem Freikörperkulturanhängerfreiluftklo
  • In erheblich von Überbevölkerung betroffenem Mückenwohngebiet

3 Antworten zu “Reise 2012

  1. Pingback: 2013 | Gminggmangg

  2. Pingback: Glück und Kitsch auf Reisen mit Kindern | Gminggmangg

  3. Sun

    Danke für den unglaublich coolen Bericht!!!

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