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Ich führe – Ein Drama in fünf Akten


Ich habe es vor 12 Jahren schon angekündigt und seit gestern darf ich hochoffiziell ganz alleine Autofahren. Das war der letzte Schritt ins Erwachsensein, oder zumindest das temporäre Gefühl des Erwachsenseins. Nicht nur dieser letzte Test, nein, das ganze Unterfangen war eine Prüfung für mich oder ein Drama in fünf Akten, das ich hier für Sie, falls Sie auch noch unbescheint sind und sich gerne darauf vorbereiten würden, in Stichworten zusammengefasst habe:

 

Der erste Akt – Der Nothelferkurs

Protagonisten: Hochschwangere Frau G., Schwester des Herrn G., Jugendlicher 1, Jugendlicher 2, Jugendlicher 3, Jugendlicher 4, Jugendlicher 5, Jugendlicher 6, Jugendlicher 7 ein narzisstisch veranlagter Kursleiter und eine Beatmungspuppe namens Gertrud

Handlung: Viel Situationskomik, nur zwei die darüber lachen, einige langatmige Ausschweifungen, und alle beatmen Gertrud, nur Frau G. nicht.

Leseprobe: (…) „Und damit alles hygienisch bleibt, desinfizieren sie Gertruds Mund und Nase nach Beatmung mit diesen Tüchern.“ „Das sind Babypotücher!“ „Ja, damit desinfizieren Sie Gertruds Mund und Nase:“ „Das sind Babypofeuchttücher mit Mandelöl!“ „Genau, damit desinfizieren Sie Gertruds Mund und Nase.“ (…)

 

Der zweite Akt – Die theoretische Prüfung:

Protagonisten: Frau G., Jugendliche 1, Jugendliche 2, Jugendlicher 1, Jugendlicher 2, Jugendlicher 3, Jugendlicher 4, Jugendlicher 5, Jugendlicher 6, Jugendlicher 7, aufgeregter Mittzwanziger, Mittelalterlicher mit Mittelungsbedürfnis, Prüferin mit Feierabendbedürfnis

Handlung: 1/6 der Anwesenden scheidet aufgrund fehlender Papiere aus, Frau G. demonstriert dem aufgeregten Mittzwanziger einige Beruhigungsatmungsübungen, der beginnt zu hyperventilieren beginnt, alle reissen Nothelferkurswitze und die Prüferin mahnt energisch zu Ruhe, der mitteilsame Mittelealterliche bekundet Mühe beim iPadhandling und Frau G. besteht die Prüfung knapp.

Leseprobe: (…) Mittelalterlicher (MA): „Prüfungen regen mich fühürchterlich auf.“ Frau G.: „…“ MA: „Wirklich, ich bin so nervös.“ Frau G.: „…“ MA: „SO NERVÖS!“ Frau G.: „Das wird schon.“ MA: „Was soll ich nur tun?“ Frau G.: „Tief in den Bauch atmen.“ MA: „Schnaaufschnaaufschnaaufschnaauf.“ Frau G.: „Atmen Sie nicht so schnell, ganz ruhig und lang ausatmen!“ MA: „Doch, das hilft, ich merks schon! Schnaufschnaufschnaufschnauf.“ Frau G.: „NICHT SO SCHNELL!“ MA: „Schnaufschnaufschnaufhechelhechelumkipp.“ Jugendlicher 4: „ICH beatme den nicht! Erster, Bode gchrützt*!“ (…)

 

Der dritte Akt – Der Verkehrskundeunterricht

Protagonisten: Frau G., Kursleiter 1, Kursleiter 2, Hellraumprojektor, Jugendliche, Jugendlicher 1, Jugendlicher 2, Jugendlicher 3, Jugendlicher 4, Jugendlicher 5, Jugendlicher 6, Jugendlicher 7, Jugendlicher 8

Handlung: Viel Testosteron, viele künstliche Goldkettchen, viel ebenso künstlicher Akzent in Jugendsprache, versucht autoritärer Kursleiter (1), ein Kursleiter (2) mit Verbrüderungsansinnen, veraltete Lehrfilme und ein greiser Hellraumprojektor in heiterem, interaktivem Wechselspiel.

Leseprobe: (…) Kursleiter: „Sie wissen alle weshalb dieser Kurs wichtig ist, oder?“ Jugendlicher 3: „Ja, weil mit ohne kannst du nicht zur Prüfung.“ Kursleiter: „Ja, aber hauptsächlich verlangt man den Kurs, weil der Kurs euch helfen soll interne und externe Risiken besser einzuschätzen.“ Jugendlicher 3: „Ich weiss was, ich weiss was! Drogen! Und Selbstbewusstseinserweiternde Substanzien!“ (…)

 

Der vierte Akt – Die Fahrstunden

Protagonisten: Frau G., Fahrlehrer, Frau Gs Mutter, Verkehrsteilnehmer aller Gattungen

Handlung: Multiasking, Multitasking, Multifailing, Multibremsing, Multimotorabwürging, Multihuping und Multifluching, alles drin.

Leseprobe: (…)“Was mir bisher nie so richtig bewusst war, ist wie seltsam sich die ungeübten, unterforderten Beifahrer benehmen, die verkrampfte Haltung, die gellenden Schreie, das Krallen ins Sitzpolster und geflüsterte Stossgebete. Ehrlich, alle meine bisanhinen Beifahrer sind grundsätzlich liebe und geschätzte Menschen, aber ich hoffe sehr, dass sie diese derart irritierenden Verhaltensweisen, die doch schon vermehrt brenzlige Situationen provoziert haben, beizeiten ablegen oder dafür Zeitfenster jenseits meiner Fahrstunden finden.“(…)

 

Der fünfte Akt – Die praktische Prüfung

Protagonisten: Frau G., der Prüfer

Handlung: Frau G. bereitet sich minutiös auf die Konversationssituation im Prüfungsauto vor, geplantes Thema ist der Führerscheinerwerbungsgrund, die geplante Reise, Frau G. ist sehr aufgeregt, der Prüfer nicht, aber er findet Reisen doof, Frau G. und der Prüfer schweigen, Frau G. besteht und ist so erleichtert, dass sie, statt die zur Gratulation ausgestreckte Prüferhand zu schütteln, die Autoschlüssel darin parkiert.

Leseprobe: (…) Prüfer: „Sie haben frei?“ Frau G.: „Ja.“ (Denkt: „Sonst wäre ich ja wohl kaum hier. Ich muss jetzt aufs vorbereitete Thema kommen, wie komme ich jetzt zum Thema Reisen? Um Himmelswillen bin ich nervös!) Prüfer: „Wieso?“ Frau G.: „Weil ich am Mittwoch nie arbeite.“ (Denkt: „Sehr intelligent, gna. Reisen, das Thema Reisen! Und Himmelarsch bin ich nervös!) Prüfer: „Was arbeiten Sie denn an den anderen Tagen?“ Frau G.: „Ich bin Heilpädagogin. Und Sie?“ (Denkt: „Autsch. Gna. Autsch. Reisen! Nervös!“) (…)

Ende.

 

 

*       Sagt man hierzulande um die zwingende Gültigkeit des Gesagten zu unterstreichen, wer ebenfalls um die angestrebte Position kämpft kann jetzt höchstens noch sagen „Zweiter, Bode gchrützt!“ und der/die Unglückliche, der/die als Letzte/r Bode chrützt, vierliert, bzw. müsste in dem Falle beatmen. Ein Usus der ungefähr so viel Sinn ergibt wie: „Ich habe immer einmal mehr Recht als du.“

 

 

 

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Eingeordnet unter Begegnungen, Konservierte Konversationen, Neulich, Reisen

Vom Führen und Samaritern


Ungefähr mit unschuldigen 10 Jahren beschloss ich mit 18 unbedingt umgehend den Führerschein zu erwerben. An diesem Entschluss hielt ich fest bis mich die pubertäre bipolar-anarcho-öko-ich-trage-Doc-Marteens-und-meine-Fingernägel-erstrahlen-immer-in-mindestens-drei-verschiedenen-Farben-die-obligaten-schwarzen-Dreckränder-nicht-eingerechnet-Phase mit voller Wucht heimsuchte und nicht in nützlicher Frist wieder entliess. Danach bedurfte ich einiger Jahre um mich irgendwo zwischen Fanat- und Fatalismus wiederzufinden und aus den Bruchstücken ein fremdzumutbares Selbstbild zu basteln, fehlte es mir an Geld, danach an Zeit. Heute, fast 10 Jahre nach errechnetem Führerscheingeburtstermin, führt Herrn Gminggmanggs unverhoffter Führerscheinerwerb und damit verbundene Annehmlichkeiten, wie Wocheneinkäufe ohne bleibende Rückenschäden, zu erneutem Aufkeimen des Wunsches. Nach dem Erwerb des Nothelferausweises, den ich trotz meiner Weigerung Beatmungsübungen an einer nicht sterilisierten Puppe vorzunehmen sehr verdient erhielt, immerhin lauschte ich gnädig und ohne zu murren den öden Ausführungen des Prototypen eines Füdlibürgers Samariters, der keine Gelegenheit ausliess darauf hinzuweisen, dass er seinem kehlkopflosen Freund ein lebenswertes leben ermögliche, dabei erwartungsvoll in die Runde blickte, die seine barmherzige Seele undankbarerweise so gar nicht mit anerkennenden Worten zu tätscheln gedachte. Doch genug der Stichelei, das Ganze war erträglich, denn ich wurde von Herrn Gminggmanggs Schwester begleitet und lief so nie Gefahr einzuschlafen, musste ich doch, Dank sei ihr, immer mal wieder unkontrollierbarer Lachanfälle Herrin werden. Geplant wäre desweiteren gewesen, die Theorieprüfung samt Verkehrsunterricht in dickbauchigem Zustand zu absolvieren, um danach den Mutterschaftsurlaub für die Praxis nutzen zu können. Gar so dick bin ich nicht mehr, theoriegeprüft allerdings auch noch nicht und lasse damit leise kichern, wer schon bei der Schilderung meines Vorhabens nur müde lächelte. Dabei ist daran, das müssen Sie glauben, nur die Tatsache schuld, dass die Äm so pünktlich kam. Natürlich hätte ich alles geschafft, wenn sie uns, wie angenommen, erst im Juni mit ihrer Geburt beehrt hätte.

Aber ich gelobe feierlich, den Mutterschaftsurlaub zumindest für die Theorieprüfung zu nutzen, ehrlich, ich prokrastiniere nicht mehr. Und nun zum eigentlichen Grund für diesen Artikel: Sie, oh werte Leser, sind Zeugen für mein Vorhaben und werden mir, sollte ich wieder der Führerscheinprokrastination verfallen, virtuelle Allerwertestentritte verpassen.

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Von Volks- und anderen T(r)ümmern


Die letzten paar Tage verbrachten die Gminggmanggs in den Bergen. Da wir (noch) führerscheinfrei leben, wurden wir von Ypsilönchens Patenonkel chauffiert. Ich vermute, dass er zum Zeitpunkt seiner Zusage entweder ganz von altrusitischen Geistern beseelt oder auf der Suche nach Nahtoderlebnissen war. Autofahrten mit Ypsilönchen sind die Hölle eher anstrengend. Sie schreit. Laut Ohrenbetäubend. Grell bis schrill. Bis zum Beinaherbrechen. Es hilft kein Spielzeug, kein Kauzeug, kein Trinkzeug und kein waghalsiges Stillmanöver in  voller Fahrt (keine Angst, Ypsilönchen blieb stets angeschnallt in ihrem Autositz) keine eigentlich unerlaubten aber heissinniglichst geliebten Lutschkaupatschgegenstände wie Ypsilönchenpapas auseinanderfallende Birkenstöcke oder Ypsilönchenmamas Winterlederstiefel, Kind mit Schuhtick, ganz der Papa. Unser Aussehen und Verhalten, das bei Hinfahrten, nach wochenlanger Arbeit und mit nachvollziehbaren Ferienbedürfnissen für jeden verständlich, sorgt nach Rückfahrten eher für ungläubige Blicke und Kopfschütteln: Wir altern mit jeder Autofahrt mit Ypsilönchen um Jahrzehnte, verlieren an Hörvermögen und Aufnahmefähigkeit, gewinnen an Falten, Augenringen und Begriffsstutzigkeit. Entsprechend semidelirisch ging die Übergabe unseres Feriendomizils vonstatten, wir nickten beflissen wann immer unser urchiges Gegenüber während der Erklärung der Gepflogenheiten im Umgang mit der Ferienwohnung längere Sprechpausen machte, lächelten lieblich und schüttelten ihm die Hand, wenn immer er sie uns entgegenstreckte, in der Annahme er wolle sich verabschieden. Tatsächlich muteten die ansonsten eher all zu schnellen und körperkontaktscheuen Gminggmanggs, zwar halbdebil, so doch zumindest auch gemütlich und ganz doll lieb an. Ja, da oben wird Langsam- und Freundlichkeit noch geschätzt, Idyllidyll und Friedundfreud.

Besonderen Wert legte der Hausbesitzer darauf, alles wieder genau so vorzufinden, wie es beim Betreten der Wohnung war. Genau so. Ganz genau. Nach dem die nun tatsächlich zur Verabschiedung gereichten Hand geschüttelt und Herr Urchig verschwunden war, nisteten wir uns, hurtig jede Ecke fotografiert keine Weltordnung hält unserem Chaos stand, ein.

Als relativ uneineheimisch entlarvten wir uns spätestens, als wir uns bis zur Bewegungsunfähigkeit angezogen, Berge = kalt, nach draussen begaben und Herr Gminggangg in sein langgezogenes und mit fragwürdig eingesetzten urchigen Begriffen bespicktes Ichbinkeintouristberndeutsch verfiel, das nur so haarscharf daneben ist, dass zum einen jeder bemerkt das er ein Tourist ist, sich zum andern jeder Einheimische leicht veräppelt vorkommt. Ich pflege Herrn Gminggmangg per Fingerzeig abzulenken und den Beleidigten einen meiner stapelweise mitgeführten Entschuldigungsunderklärungszettel zuzustecken: „Ich wurde zwangsverheiratet! Dieser Mann meint jeden Dialekt fliessend zu beherrschen, eine Tatsache auf der ein nicht unerheblicher Teil seines Selbstbewusstsein gründet, üben Sie sich in Nachsicht und tun Sie so als halten Sie ihn für einen Ihresgleichen, ihr Karma wird es Ihnen danken. Ich auch!“

Um noch auf den Artikeltitel zu kommen: Ich fand den schlicht gelungen und beim Versuch die Reise mit Ypsilönchen per Auto anzutreten, waren wir zumindest volksdümmlich.

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