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San José, Gapo di Gato – Mesones, Rìo Mundo – Cuenca – Lago do Caspe – Rio Segre (Spanien) – Agde (Frankreich) – Bern Tage 28-33)


(Vorgestern ist mir aufgefallen, dass wir gemäss Blog, noch immer unterwegs sind, schön wärs, aber deswegen der Nachtrag:)

Immer noch magenbeschwerdengeplagt brechen wir am Morgen auf und fahren ziemlich zielgerichtet ins Landesinnere. Rasch merken wir, dass sich unsere Entscheidung lohnt, denn schon nach wenigen Kilometern finden wir statt überfrequentierten Küstenschnellstrassen einsame Landstrassen, statt Hotelbunkern und Appartementkomplexen verschlafene Käffer und statt verbauter Landschaft den freien Blick auf Feld und Wald, die allgemeine Zufriedenheit steigt erheblich. Sobals wir uns dem Nationalpark Rìo Munde nähern, in dem wir zu übernachten gedenken, wirddie Landschaft bergig karg, farbtönern atlasgleich, aber benadelwaldeter und deutlich schroffer. Kantig ragen hohe Felsen in dieTäler hinein und auf höchsten Gipfeln trotzen besonders widerborstige Nadelbäumchen der sie umgebenden Felsigkeit. Zwei Plätze werden im ADAC in der Umgebung beschrieben, beide klingen ähnlich, aber wir entscheiden uns für den, der in einem kleinen Dorf, Fuente del Taif, liegt. Über enge, semiformidabel geteerte Kleinststrassen, auf denen ich nur ungern ein entgegenkommendes Fahrzeug kreuzen würde, landen wir in einem Weiler mit ungefähr vier Häusern, Fuente del Taif. Die eine und einzige Dorfstrasse, die um eines der ungefähr vier Häuser führt, ist leer, nir an einer der randständigen Hauswänden klettert ein einsamer Maurer. Ihn fragen wir nach dem Campingplatz und ernten irritierte Blicke. „Hier gibt es keinen Campingplatz.“ meint er und lächelt milde. Er erklärt uns temporeich in Nuschelspanisch den Weg, wir fahren irgendwie und landen erneut in Fuentes del Taif. Unauffällig versuchen wir den gekommenen Weg einfach zurück zu fahren, um dann einem Campingschild, das wir vor 33 Km gesehen haben, zu folgen. Aber unauffällig durch ein Dorf fahren, das nur eine Strasse hat, ist eher schwierig und so bescheren wir dem Maurer zumindest einen Nachmittagslacher. Wieder auf dem richtigen Weg und ziemlich pampamittig, merken wir, dass die Benzinlampe leuchtet. Mit Schweissverlust, bergabwärts-Kuppeln und den letzten Tropfen Benzin schaffen wir es zur Tankstelle, die unweit des ausgeschilderten Campingplatzes liegt. Unser Schlafplatz ist schattig liegt am Fluss, umgeben von Bergen, ist ruhig und so ganz anders als die Küstentrubelplätze. Und er hat Wlan. Auch auf dem Klo.

Wir beschliessen nun endgültig den Heimweg anzutreten, wenn auch mit einem kleinen Abstecher nach Agde, wo wir schon zweifach einige Zeit verbracht haben. Die Landschaft vermag uns erneut zu begeistern und nach dem bergigen Gebiet des letzten Tages, fahren wir heute in eine Gegend ein, bei der mir unweigerlich das Wort „lieblich“ einfällt: Sanfte, sonnenblumen- und kornbewachsene Hügel, hie und da knorrige, alte Olivenbäume und allenthalben ein kleines, hübsches Dorf mit belebtem Ortskern. In Cuenca, einer Kleinstadt umgeben von hohen, engen Schluchten, in die Häuser wie Schwalbennester gebaut wurden, legen wir eine Stadtbesichtigungspause ein. Cuencas Altstadt, mit ihren wunderschönen, alten Häusern, in Erdtönen, die, zwar gut erhalten, doch von gelebten Leben und Zeitspuren zeugen, sucht an Pittoreskität ihresgleichen, alleine die Enge mancher Gassen, die immer mal wieder den Blick über umliegende Schluchten und Berge freigeben, lassen multiple Verzückung erleben. Aber genug des Kitschs, nach der Besichtigung fahren wir zum nahegelegenen Campingplatz, finden einen netten Übernachtungsplatz und geraten, 5 Sekunden nach dem Herr G. endlich seine langersehnte Paella bestellt hat, mitten in einen paukisch und trompetal begleiteten Paellawettbewerb, bei dem 8 Parteien immense Pfannen (Mindestens 1,5m Durchmesser) auf den Platz schleppen und zum Probieren animieren. Schade, dass mir sowas nicht schmeckt.

Wie haben uns unsere Fahrtage bis Agde auf 3h-Strecken eingeteilt, um nicht dem Fahrkoller anheim zu fallen. Trotzdem brechen wir morgens relativ spät auf, um schon nach wenigen Kilometern wieder anzuhalten, weil wir eine spontan entdeckte Schlucht genauer betrachten wollen. Eine kleine Aussichtsplattform nahe Cuenca gibt den Blick frei über die steil abfallenden Felsen, gen tiefgrünblauen Fluss am Schluchtgrund, der förmlich „Spring rein!“ schreit. Einige Kilometer weiter finden wir schon wieder Zwischenstoppgründe: Ein herrlich blauer Stausee, leider zu versumpft um bebadet zu werden. Danach kommen wir etwas zügiger vorwärts, mittagen an einem kleinen Fluss und stossen dann auf grotesk in der Landschaft rumdarbende Dorfruinen. Danach führt unser weg über eine Kleinstrasse auf eine unheimlich weite, plateauartig anmutende Ebene voller gemähter, sonnengebleichter Strohfelder, neben uns der Abgrund ins Tal, hinter dem, begrenzt durch steil abfallende, farblichschichtern hinreissend schöne Sandsteinfelsen, schon das nächste Platteau beginnt. So eben das Platteau, so gerade verläuft die Strasse, Kurven passieren wir nur beim Höhengradwechsel zwischen den Plateaus. Nach dem Wechsel ins Tal finden wir uns am Ufer des Sees wieder, an dem wir zu nächtigen gedenken, werden fast sofort schlafplatzfündig und verbringen eine ruhige Nacht.

Die nächsten beiden Tage verbringen wir hauptsächlich in den Pyrenäen, auf Durchfahrt und in Pyrenäenflüsschen badend, bis wir, wieder im Flachland, sehr direkt nach Agde fahren, um uns da noch einmal ausgiebig vom Meer zu verabschieden, ziemlich zufrieden mit der Entscheidung, grundsätzlich den Weg durchs Landesinnere, statt der Mittelmeerküste gewählt zu haben. Von Agde fahren wir schliesslich direkt heim, nach Bern.

Bemerknisse:

Wo Bergankündigungsschilder wie Zeltplatzschilder aussehen, herrscht Daueraufruhr.

Spanier können ihre Klischees, von Quichotte über Stiere, Cerveja und Paella war alles dabei, nur „Olé!“ hat niemand gerufen, ausser Herr G., der dafür multipel. Sekündlich. Enttäuschend.

Ich müsste endlich damit aufhören, mich meines bescheidenen Spanischs zu bedienen, denn ich bereite die Bröselsätze jeweils so akribisch und einigermassen akzentfrei vor, dass meine Gegenüber vermuten, ich spräche gutes Spanisch und mich mit minutenlangen Speedmonologen bedenken.

Fantastisch ist auch, wie Herr G. spanischkenntnisfrei, spanischsprechende Gegenüber deutlich schneller versteht, weinfach weil er mit einer äusserst ausgeprägten Begabung, Kontexte und Nonverbalitäten zu deuten, gesegnet ist.*

*(Mutmasslich und ehrlicherweise bin ich wohl eher mit einer diesbezüglichen Unterentwicklung „gesegnet“.)

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Tage 5 und 6: Vieux-Boucau-les-Bains – Santoña – San Vincente – Garaña


Wir schlafen lange, eigentlich zu lange für meinen Geschmack, und brechen erst gegen 11 Uhr Richtung San Sebastián auf. Ich bin erstmals seit meiner Kindheit wieder in Spanien, für Mann, Kinder und Hund ist es sogar das erste Mal. Eigentlich wollten wir irgendwann am Vormittag in San Sebastiàn sein, 1, 2 Stunden durch die Innenstadt trampeln und uns gegen Nachmittag ein Schlafplätzchen ausserhalb der Stadt suchen. In die Stadt eingefahren, regnet es, es hat massenhaft Autos, noch mehr Menschen und einen geeigneten Parkplatz finden wir auch nicht. Wir beschliessen die Stadt, nach einem Zwischenhalt an der Bucht, vis-à-vis des alten Stadtzentrums, wieder zu verlassen und umfahren dabei auch gleich noch de nächste grössere Stadt, Bilboa. Bilboa. Bilboa. Ich hätte die Stadt ja alleine wegen ihres Namens besuchen wollen, aber nach dem übervollen San Sebastiàn fehlte auch mir die Motivation. Bilboa. Bilboa. Der Küste entlang, fernab der Autobahn, wird es wieder ruhiger, wilder und einsamer. Wir finden uns beeindruckt unter einem Schwarm Weisskopfadler wieder, die über den rauen Klippen kreisen. Nach dem Storchenzug über Bulgarien und der Türkei wohl eines meiner beeindruckendsten Tiererlebnisse. Bei Santoña, wo das Meer sich tief in die Schwemmlandebene gräbt, beschliessen wir nach einem Schlafplatz zu suchen und folgen einem Campingschild, das mitten durch die Industriezone führt. Für einige Minuten verschlägt es uns schier den Atem, denn Santoña liegt nicht nur optisch wirklich attraktiv, es liegt offensichtlich auch günstig für Sardellenfang und -verarbeitung und ist Sitz mehrerer Ölsardinenfabriken. Während Mann, Kind 2 flach durch den Mund atmen, um den penetranten Fischgeruch zu entfliehen, atmet Kind 1 in vollen Zügen jubilierend ein. „Fisch, hier gibt es Fisch!“ Zwei Fünftel von uns (Der Hund hätte wohl auch nichts gegen etwas Fischewälzen einzuwenden.) sind dann auch einigermassen erleichtert, als die Beschilderung uns wieder aus der Industrie, an eine weitläufigen Strand, abgegrenzt durch hohe Felsen führt. Der Camping liegt direkt angrenzend und noch ehe wir Genaueres abklären können, sind die Kinder schon auf dem Weg zum Meer. Für echtes Baden ohne Neoprenanzug ist das Wasser zu kalt, aber rund um riesige Findlinge hat sich dank der Gezeiten etwas Wasser gesammelt, das sonnengewärmt angenehme Badetemperatur erreicht hat und die Kinder glücklich macht. Die Nacht ist kühl, windreich und gemütlich.
Am Morgen ist das Wetter durchzogen, kalt und regnerisch. Wir brechen bald auf, umfahren die nächste Stadt um dann wieder der Küste entlang zu tuckern. Irgendwo nach San Vincence machen wir eine lange Pause und schlendern einem wunderschönen Flussdelta entlang, das sich über eine weite, moorige, grün umsäumte Ebene erstreckt. Baden ist verboten, was uns in Anbetracht des rauhen Klimas kaum kümmert. Nach dem ausgiebigen Zwischenhalt fahren wir weiter, verschmähen überfüllte Campingplätze und folgen irgendwann einem unschinbaren Schild, das auf Campingmöglichkeit verweist. Wir fahren und fahren, über Kleinststrasse in ein unscheinbares Kaff, namens Garaña, das mit ebenso unscheinbaren Schildern für einen Strand und „Bufones“ wirbt. Der Campingplatz ist im Garten eines Hotels und herrlich unüberfüllt. Wir parkieren den Gefährten und marschieren zwei Kilometer, den Schildern eintlang zum Strand, in Form eines weit ins Land hinein reichenden, in Sand gebettteten, meterlang seichtwässirigen Meeresarmes. Ein perfekter Kinderbadestrand. Neben diesem einen Meeresarm sind hier „nur“ steile, felsige Klippen zu finden und eben die ausgeschilderten Bufones, Löcher in den Klippen, die bei entsprechendem Wellengang Wasser empospritzen wie kleine Geishire. Letzteres sehen wir leider nicht, atemberaubend schön sind die Steilklippen alleweil.

Bemerknisse:

Sagte ich schon, dass Bilboa ein ziemlich toller Stadtname ist?

JakobswegwandererInnen unterscheiden sich hauptsächlich am Gesichtsausdruck vom gemeinen Wanderer. Je leidender desto jakobsweger.

Die Sache mit den Campinduschen habe ich schon mal erörtert: Ein Fakt den es auch zu beachten gilt: Aufgeweichte, abblätternde Duschendecke ist ein schlechtes Zeichen, bereiten Sie sich auf ein abgekalteten, über Deckenumwege indirekten Duschstrählchen vor.

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Tage 3 und 4: Lapalisse – Dune du Pyla – Vieux Boucau les Bains


Am Morgen des dritten Reisetages stehe ich früh auf, um den Hund auf seine Morgenrunde zu begleiten. Der Spaziergang führt in den Park, am Fusse des Schlosshügels, wo ich schliesslich beim Albern mit dem Vieh erstmalig auf dieser Reise mein Handy verliere, danach panisch den Rest der angehörigen Zweibeiner wecke, um das Gerät einige Minuten später im Gras wieder zu finden. Nun sind zumindest auch die unsäglich langschlafenden Herr G. und Kind 2 wach und mein Tageszeitplan gerettet. Wir künden den Kindern für den Tag lange Fahrzeiten, im Dienste der Meererreichung an, ein Ziel, das auch die beiden motiviert und wir schaffen viele unattraktive Autobahnkilometer bis kurz vor Bordeaux. Dort kramen wir das Notizbuch hervor, wo „unsere Deutschen“ (Bekannte, die wir vor 6 Jahren in Albanien kennengelernt hatten und die seither zu Freunden geworden sind) uns zuvor ihre Höhepunkte niederschreiben liessen, unter anderem die Dune du Pyla. Europas grösste Wanderdüne soll unsere erste Station am Meer werden, beschliessen wir und fahren die Kilometer gen Düne zügig durch. Am Fusse der sandigen Attraktion hat es einige Campingplätze, deren blosses Antlitz uns schon von Aussen einigermassen abschreckt, aber die gigantische Düne, die sich im Hintergrund, durch den Pinienwald erahnen lässt, zieht uns so sehr in ihren Bann, dass wir uns überwinden und ein Plätzchen auf einem der beengenden, überfüllten, masslos überteuerten Plätze suchen. Meine Laune sinkt stetig, diese Enge, diese Menschen, die Düne muss wirklich was hergeben, damit sich dieses Opfer lohnt. Nach Ankunft brechen wir sofort auf, die Düne zu erklimmen. Weltuntergangesk liegt sie vor uns, ungefähr so würde ich mir eine gigantische Flutwelle vorstellen, schlicht eindrucksvoll. Mit Elan und dem Willen das Meer zu sehen, machen wir uns daran, die Gigantin zu besteigen. Das ist ein ziemlich anstrengendes Unterfangen, besonders für die Beine einer Fünfjährigen, es geht einen Schritt voran, 1/2 Schritt rutscht man wieder hinunter, aber spätestens nach 1/3 ist das Schweissopfer, das man beim Aufstieg gebracht hat, zu hoch, um aufzugeben. Man muss sich die Aussicht zwar verdienen, aber oben angelangt, ist der Blick atemberaubend, gen Landesinnere über weite Wälder, gen Meer über weite Strände, Küste und eine vorgelagerte, sandige Erhebung, die wohl mit der Flut zur seichten Untiefe wird. Das Runterrennen von der Düne, mach dann um so grösseren Spass, auch wenn der Sand in jede Ritze dringt. Abends starten die Bleus dann die grosse Finalparty und wo ich vorher noch kurz den Gedanken hegte, dass ein Europameisterschaftssieg des Gastlandes, in dem ich gerade weile, irgendwie nett wäre, verliere ich den Gedanken ziemlich schnell, als mit klar wird, welche Lärmkonsequenzen so ein Sieg nach sich trüge. Man kann durchaus sagen, dass ich nicht unerheblich erleichtert bin, als mit dem Schlusspfiff auch Stille einkehrt. Bereits im Bus liegend, hörte ich die Masse desillusioniert zu ihren Gefährten und Zelten schlurfen, heimlich jubilierend.
Am nächsten Tag fahren wir über kleine Strassen, parallel zur Küste, Richtung Spanien. Anfänglich führt uns der Streckenabschnitt durch ausgedehnte Nadelwälder, die mutmasslich dem Handel mit Holz dienen, sind doch immer wieder weite Strecken abgeholzt und neu bepflanzt. Spätestens nachdem wir an riesigen Holzstapeln und ebensoriesigen Haufen ungeordneter Baumwurzelstöcke vorbeifahren, scheint die Sachlage klar: Man lebt hier vom Holzschlag. Es scheint, als hätte sich hier jeder mal eben seine Lichtung geschlagen und ein Haus hingebaut, lose verteilt stehen die Häuser, in Teils sehr weiten Abständen allein, oder zu mehrt, dicht an der Strasse, jedes grosszügig mit Rasen versehen und umzäunt, wie ich das bisher eher von den USA kannte. Immer wieder fahren wir an wunderschönen, sehr gepflegt wirkenden Häusern vorbei, die mit ihren massiven Längsbalken aussehen, als wären sie absichtsvoll gestreift gestrichen worden. Irgendwann nehmen wir eine nett aussehende Querstrasse nach rechts und landen an einem ausgedehnten Sandstrand, wo wir eine ausgiebige Pause machen. Danach fahren wir nur noch wenige Kilometer weiter, finden einen Stellplatz, dinieren im Dorf und schlafen früh und lärmunbelastet.
Bemerknisse:
Finalfranzosenfans färben sich flaggig. Alle.
Erstmeeresblick beim Klettern über Gigantodünen sieht besonders gut aus.
Je sandzischenzähnenknirscher bei nächtlichem Erwachen, desto ferier.

 

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Tag 1 und 2 Bern – Jura – irgendwo zwischen Schweizer Grenze und Besançon – Lapalisse


In der letzten Woche vor meinem Urlaub, Brut und Mann hatten schon eine Woche früher Schuljahresende, habe ich erledigt, was mit zu erledigen möglich war, damit wir noch am Freitag, meinem letzten Arbeitstag, losfahren können. Ich wollte mir damit auch ein wenig die Chance nehmen, bei erstmöglicher Durchatemgelegenheit mit Erschöpfungskränkeln zu beginnen und war damit erfolgreich, wie es scheint. (Jedenfalls bin ich jetzt, am zweiten Urlaubstag, ziemlich gesund.) Ich habe es schon andernorts lobpriesen, aber ich liebe unsere Reiseauszeiten als Familie. Nach insgesamt ungefähr 40 Unterwegswochen, gibt es kaum eine Zeit, oder und erst recht nicht in unserem Alltag, in der unsere Tage routinevoller und störungsfreier verlaufen. Unsere Rollenverteilungen sind klarer, unsere Tagesstrukturen sind regelmässiger und externe Sozialkontakte durch echte oder erfundene Sprachbarrieren seltener. Unsere Tage verlaufen, jedenfalls so lange ich das Zepter in der Hand halte, und Zepter liegen gerne in meiner Hand, nach immergleichem Raster: Aufstehen – Hunderunde – Frühstücken – Sachen zusammenpacken – zwischen 10 und 11 Uhr losfahren – Fahren mit attraktiven Zwischenhalten – zwischen 15 und 16 Uhr einen Schlafplatz suchen – Hängematte aufhängen – Baden, Aufstellen, Spielen – Abendessen – die Fahrtrichtung des nächsten Tages planen – Schlafen. Wenn mein dreiköpfiger Anhang sich mal wieder zu sehr nach einem „Ausruhtag“ sehnt, und damit meinen sie, mehr als einen Tag am selben Ort bleiben, Kontakte knüpfen, untätig Rumliegen uns sowas, willige ich hie und da im Dienste des Weltfriedens ein und versuche dadurch entstehende Unruhe und Stress durch Intensivschreiben und Reiseplanen zu kompensieren.

Jedenfalls sind wir jetzt unterwegs und der erste Tag entsprach auch ganz meinen Reisevorstellungen. Nach dem wir gestern zwar noch kurz den Jura angefahren haben, weil wir gedachten die Nacht da zu verbringen, entschlossen wir uns, nach dem wir am ersten Platz, nach Rückkehr von einem Abendspaziergang zum Moorsee, von einer Herde grimmiger Kühe umzingelt wurden, doch noch einige Kilometer, schon über die französische Grenze zu fahren. Sie guckten WIRKLICH grimmig, eine scharrte schon mit dem Fuss, ich habe es genau gesehen! Schlussendlich landeten wir auf einem Parkplatz, wo wir die Nacht, anstatt mit grimmigen Kühen, am Waldrand mit Mäusen und weniger identifiziebarem Vieh, irgendwo zwischen der Schweizer Grenze und Besançon verbrachten.
Am nächsten Tag brachen wir zeitig auf, wir hatten ja auch nichts einzuräumen, und tuckerten durchs attraktive Frankreich, Meereslust im Rücken. Gegen 15 Uhr landeten wir in Lapalisse, einem schmucken Dorf in der Nähe von Vichy. Lapalisse hat ein gut erhaltenes, renoviertes Schloss und darumherum einen hübschen Dorfkern. Im Schlosspark stiessen wir auf eine Hochzeit und eine Hundeshow und, nun, die Parallelen waren nicht von der Hand zu weisen. Auf dem weitläufigen Dorfplatz vor der Kirche darf man mit Campern und ähnlichen Gefährten stehen, wovon wir angesichts des Trubels allerdings absahen. Stattdessen fanden wir am Dorfrand einen, in Anbetracht der Saison, erstaunlich leeren Campingplatz, auf dem wir uns preiswert für eine Nacht einmieteten und sogar einen Platz mit perfekt distanzierten Bäumen für die Hängematte fanden.

Bemerknisse:

Grimmige Kühe schauen grimmig.

Hundeshowhunde und Bräute werden angestarrt.

Zwischen Jura nach Frankreich liegt nur eine Doubsbreite, aber Feldergrössenverhältniswelten.

Home is where the Hängematte is.

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Schweiz – Normandie – Schweiz, ein Kurzurlaub


Nach drei Tagen bei brütender Hitze auf der Wiese eines Thurgauer Bauern, stand fest, dass uns unser Kurzurlaub gen Normandie verschlagen soll. Da die Schweiz und die französische Atlantikküste aber doch einige Kilometer trenne, war klar, dass wir das Stück nicht an einem Tag durchfahren, sondern lieber gemütlicher tuckern und dafür ein bis zwei Nächte Zwischenlager aufschlagen wollen. Nach Verabschiedung von „unseren Deutschen“ mit denen wir wieder mal höchst erquickliche Stunden verbracht haben, fuhren wir in strömendem Regen Richtung schweiz-französischer Grenze. Über die Grenze kamen wir allerdings vorerst noch nicht, denn obwohl der Gefährte sich grundsätzlich endlich wieder bester Gesundheit erfreut, fegte das garstige Wetter kurzerhand einen Scheibenwischer weg und kostete uns mit Garagensuche und Reparatur einige Zeit. Trotzdem schafften wir danach noch einige Kilometer. Unsere erste gemeinsame Nacht im Gefährten verbrachten wir, in Frankreich, ungefähr 100 Kilometer von der Schweizergrenze entfernt, abseits der Hauptrouten, wieder auf dem wunderschön gelegenen Land eines Bauern: Vor uns die Aussicht auf umliegende Wälder und Felder, die sich nur in ihrer unbebauten Weite erheblich von der Schweizer Landschaft unterschieden, hinter uns eine Weide voller, wie der Bauer meinte, liebenden und liebenswerter Esel, Pferde, Hochlandrinder, einem Ziegenbock und einem, dem betont einzigen, etwas verrückten Lama, das auf den bezaubernden Namen Chocolat fou hört. Die Kinder waren selbstredend bis Sonnenuntergang beschäftigt, liessen sich auch durch gelegentliche Schauer und einem ausdauernden Regenbogen nicht ablenken und fanden hernach sehr schnell in den Schlaf.

Früh am nächsten Tag brachen wir auf, die Kinder zeigten sich vorerst herrlich fahrfreudig und wider Erwarten schafften wir es bereits am zweiten Reisetag an die Küste der Normandie. Auf den letzten Metern bekundete Äm allerdings grossen Unmut und weigerte sich lauthals, auch nur drei Meter weiter fahren zu wollen und so stellten wir uns auf den erstschlechtesten Campingplatz und bezahlten zu viel für zu viele Nachbarn und zu wenig Natur. Besonders Y genoss das Campingplatzleben trotzdem und kurvte auf ihrem Fahrrad völlig unabhängig durchs Gelände. Der angrenzende Strand war, um nicht ungerecht zu werden, auch nicht zu verschmähen, auch wenn das Wetter keine ausgiebigen Baderunden zuliess.

In den darauffolgenden Tagen erkundeten wir hauptsächlich die Küstenabschnitte der Normandie. Eine grüne und doch karge, baumlose und windgezeichnete Landschaft mit weiten, nicht all zu bevölkerte Strände, teilweise umgeben von schroffen, steil abfallenden Felswänden, gezeichnet von den Ebbe, Flut und vergangenen Zeiten: Die Erinnerungen, Denkmäler, Mahnmale die an die Invasion und darauffolgende Befreiung durch die Alliierten 1944 erinnern sind allgegenwärtig, der Tourismus ist fast gänzlich auf diese Thematik ausgelegt. Mich hat das völlig überrumpelt, ja,  erschlagen. Denn obwohl ich selbstredend um die geschichtsträchtige Rolle der Normandie weiss und auch aufklärende, informative Tafeln an den strategisch wichtigen Punkten erwartet habe, empfand ich die Flut an touristisch präsentabel aufgearbeiteten Erinnerungen an diese Ereignisse als störend. Die Überresten des künstlichen Hafens bei Omaha Beach störten mich nicht, sie fügen sich in die Landschaft ein, sie haben diese Zeit und Gezeiten getrotzt und harren aus, erinnern stumm und doch ungleich eindrücklicher, als die künstlichen Panzer, Plakate und Museen die alle paar Schritte am Wegesrand stehen. Ich kam nicht dafür. Ich kam für das Land, gänzlich losgelöst von aller Zeit und ihrer Geschehnisse, ich für das Fleckchen Erde, für seine Schönheit, die da war, bevor Hitler kam und trotz ihm seither anhält. Wir haben diskutiert, Herr G. und ich, ob unsereins, so unbehelligt, so unbeteiligt und unbetroffen so über die Erinnerungskultur urteilen darf und nein, wir kamen zu keinem Schluss, denn das Erinnern ist wichtig und nötig, natürlich, ebenso vermögen wir die Bedeutung, die dieser Ort für Hinterbliebene nach wie vor haben mag, kaum zu ermessen, ja, es mag vermessen von uns sein, Natur zu verlangen, wo Menschen für Befreiung gestorben sind, aber die Diskussion, und ein eventueller Schluss daraus, tun, so oberflächlich es klingen mag, nichts zu meinen Gefühlen: Ich fühlte mich gestört.

Im Landesinnern zeigte sich die Normandie weniger Geschichtsversunken und bot neben Calvados und Cidre wunderschöne steingemauerte und efeuüberwachsene Häuser und himmlische Anwesen, in einer schier unglaublichen Dichte. Etwas weiter nordwestlich, an der Küste, erhofften wir uns schliesslich eine Pause von den Kriegsrinnerungen und fanden dafür multiplizierte Toristenmasse, minimierte Strandschönheit, die Lust uns langsam gen Heimweg zu machen und den Anstoss zu erneutem Überdenken unserer Reiseroute für die Vierteljahresreise 2014.

Die Rückreise gingen wir gemächlich an und planten mindestens drei Etappen, also zwei Zwischennächte. Tatsächlich gestaltete sich die erste Strecke so ruhig wie geplant, die Kinder froh, wir Erwachsenen ebenso, landeten wir, ziemlich spät, auf einem Stellplatz an der Saône, voller alteingesessenen Dauersteher, die uns mit offenen Armen empfingen.

Am nächsten Tag fanden wir uns urplötzlich am Doubs wieder und damit fast schon in heimischen Gefilden. Bereits am Mittag fanden wir ein nettes Plätzchen und verbrachten mit den entspanntesten, schönsten Nachmittag unseres Kurzurlaubes am Doubs, beim Baden und Planschen. Neben uns zeltete ein älteres russisches Paar mit einem Wellensittich, den sie liebevoll „mein Baby“ nannten. Es war ihre erste Nacht in Frankreich, das Zelt haben sie extra dafür besorgt und während wir beim Aufbau halfen, versorgten sie die Kinder mit Obst und Süssigkeiten und machten gefühlte 2000 Gemeinschaftsfotos von Äm, Y und dem Sittich. Früh am nächsten Morgen wurden wir nicht nur durch gleissend helle Blitze, sondern auch durch die mindestens ebenso helle Aufregung unserer Nachbarn geweckt, die in den frühen Morgenstunden einen Fisch gefangen hatten und sich nun mit dem fang in Fotopose warfen. Die Kinder stürzten sich vom Bett direkt in Regenkleidung, bekundeten angemessen ihre Bewunderung und posierten mindestens ebenso stolz, mit Fisch und Wellensittich. Nach inniger Verabschiedung brauchten wir für den Rest der Heimreise kaum zwei Stunden.

Grundsätzlich hat es wohl kaum eine Rolle gespielt, wo wir in unserem Kurzurlaub hingefahren sind, was bleibt ist die Freude am gemeinsamen Unterwegssein, aufgewärmte Erinnerungen an unsere letzte Reise und belebte Vorfreude auf unsere nächste Reise und das Gefühl jeden Ort zum Daheim werden lassen zu können.

Bemerknisse

  • Die Frau Fankhauer unserer Reise (GPS-Gerät) haben wir damals nur ausgeliehen, deswegen haben wir uns eine eigene Ausgabe besorgt und im Sinne der Diversität und Individualität Frau Schüpbach getauft. Erfolglos, denn unsere GPS-Gerät-Namensspeicherkapazität scheint mit einem Namen ausgeschöft. Wir nennen unser Gerät also weiterhin Frau Fankhauser.
  • Frankreich ist teuer, eine Vierteljahresreise durch dieses Land könnten wir uns kaum leisten.
  • Die Masse an Niederländern in der Normandie, liessen uns zwischenzeitlich mutmassen, ob uns Frau Fankhauser zu weit nordöstlich geleitet hat.
  • Niederländer scheinen allesamt drei Köpfe grösser und drei Kilo leichter als wir und grundsätzlich mit dem (keinem) Kälteempfinden zweijähriger Kinder ausgestattet zu sein.
  • Wer an seinem Leben hängt, sollte in der Normandie nicht nach gutem Wein fragen, sondern einfach wortlos Cidre und Calvados kaufen.

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