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Fazit einer Vierteljahresreise mit Kleinkindern


Im Vorfeld gab es einige erstaunte, wenn nicht gar entsetzte Ausrufe, wenn wir von unseren Reiseplänen erzählten. Reisen mit so jungen Kindern erscheint vielen ein all zu beschwerliches Vorhaben. Nach einem Vierteljahr auf Achse mit zwei Kleinkindern kann ich sagen: Sie haben recht. Reisen ist beschwerlich. Reisen mit Kindern ist sehr beschwerlich. Manchmal. Es reist sich anders mit Kindern, so viel ist klar, denn, damit Nerven, Stimmbänder und Ohren aller Beteiligten so weit als möglich geschont werden können, müssen Kompromisse eingegangen, Kindesrhythmen berücksichtigt und manche kulturelle Sehenswürdigkeit zu Gunsten der allgemeinen Hochstimmung ausgelassen werden. Allerdings verspreche ich Ihnen, dass sich, ganz ohne Ihr zutun, alleine durch die Anwesenheit von Kindern, Begegnungen  und Einblicke ergeben, die ohne die Kinder so nie möglich gewesen wären. Ja, grösstenteils ist es unfassbar aufregend, bereichernd, spannend, öffnet Blick und Herz, ist schlicht allerwunderbarst und sofort nachzuahmen. Unbedingt.

Wir danken all den wunderbaren Menschen, die uns bei unserem Vorhaben irgendwie unterstützt haben von ganzem Herzen!

Die Reise in Zahlen:

  • 9968 Km (dazu kämen Strecken unbekannter Längen auf Fähren)
  • 10 Länder
  • 19 Grenzüberquerungen
  • 5 Fährfahrten
  • 75 Übernachtungsplätze, davon 68 Camping- oder Stellplätze, 1 Jugendherberge, 2 Hotels, 2 Appartements, 2 Fähren
  • 4 neue Reifen
  • 2 neue Scheinwerferglühbirnen
  • 1 maschineller Autowaschgang
  • 10 Wäschewaschgänge, davon 2 Handwäschen
  • 6 zusätzliche Zähne
  • 1 Besuch auf dem Notfall
  • 3 Besuche in Autowerkstätten
  • ungefähr 1680 Mückenstiche

Gefundene Gegenstände:

  • 2 hellgrüne Sandschaufeln
  • 1 hellgrüner Sandrechen
  • 1 pinker Öllöu-Kiddi-Sandeimer
  • 2 Wal-Sandförmchen (blau und grün)
  • 1 blaues Elefanten-Sandförmchen
  • 1 grünes Fisch-Sandförmchen
  • 1 gelbe Baggerschaufel
  • 4 Wäscheklammern
  • 1 Volleyball
  • 1 Springball
  • 1 Paar Wasserschuhe
  • 1 Sonnenbrille
  • 1 Plastikdinosaurier
  • 8 Heringe
  • 2 Karabiner
  • 1 Puppenkopf
  • 1 rechter, schwarzer Flip-Flop, Grösse 42
  • 1 Angelzubehör

Verlorene Gegenstände

  • 1 Kinderwagendach
  • >30 Wäscheklammern
  • 2 Heringe
  • 2 Schwimmringe
  • 1 Töpfchen
  • 2 Fläschchen
  • 1 Ball
  • 1 Plastikdinosaurier
  • 1 grüne Sandschaufel
  • 2 Wassermelonen
  • 1 Honigmelone
  • 1 i-Phone
  • 1 Zahnbürste
  • 1 Sonnenbrille
  • 2 Sonnenhüte
  • 1 Schlafsackhülle
  • 2 Kinderunterhosen

Geschenkt bekommen (Kitschkram wie schöne Erfahrungen und innige Momente zähle ich nicht)

  • 1 blaues Auge
  • 2 Halsketten mit blauen Augen
  • 1 Armkette mit blauem Auge
  • 2 Broschen mit blauen Augen
  • 1 Muschelmagnet mit blauem Auge
  • Obst (ganze Melonenrudel)
  • Gemüse
  • Viel zu viele Süssigkeiten
  • 3 Liter Milch
  • 3 Luftballone
  • 2 Kreisel
  • 1 rosa Delfin
  • 1 leuchtoranger Drache
  • 1 barbiedünne Minipuppe mit überdimensionalen Augen und Rosa Haar
  • 1 Frisbee
  • 1 Schleuderspielzeug

Top 5 der eingepackten Gegenstände

  • Frau Fankhauser
  • Wäsche- und/oder Geschirrzuber und/oder Kinderbadewanne
  • Wäschesack mit Wäscheleine (Danke Frau Blomma!)
  • Insektenschutzmittel
  • Europa-Atlas

    Treuer Begleiter, der Europa Atlas

    Treuer Begleiter, der Europa Atlas

Top 5 der eingepackten Gegenstände. Nicht.

  • Grill
  • Wolldecken
  • 2. Paar lange Hose
  • Nagellack
  • Föhn

Top 5 Glücksfälle

  • Mit krankem Kind in der Nähe des grössten Krankenhauses Siziliens landen
  • Platter Reifen neben Autowerkstatt
  • Magendarmprobleme wenn allzeit ein Klo bereit
  • Schlüssel wiederfinden, täglich
  • Keinerlei Autopannen (trotz Autokauf ohne klitzekleinste entsprechende Fachkenntnisse)

    Pannenfreies Daheim

    Pannenfreies Daheim

Top 5 Gegenden

  • Region Ploce, Kroatien
  • Die Troas, Türkei
  • Parco Nationale Cliento e Vallo di Diano
  • Hinterland um Corleone, Sizilien
  • Die Küste Südalbaniens

    Region um Ploce

    Region um Ploce

Top 5 Ortschaften

  • Istanbul
  • Berat
  • Chios Stadt
  • Diverse Dörfer in den Troas
  • Palermo

    Istanbul bei Nacht

    Istanbul bei Nacht

Top 5 Übernachtungsplätze

  • Hafen Chios, Griechenland
  • Berat, neben MiniMarket, Albanien
  • Namenloser Stellplatz in den Troas, Türkei
  • Eraclea Minoa, Sizilien, Italien
  • Murter, Kroatien

    Berat, neben MiniMarket, Albanien

    Berat, neben MiniMarket, Albanien

Top 5 Stellplätze. Nicht.

  • Neben pubertierenden Partypolen
  • Neben besoffener Schulklasse
  • Neben nimmerschliessender Bar mit immergleichem spanischem Partysong
  • Auf inoffiziellem Freikörperkulturanhängerfreiluftklo
  • In erheblich von Überbevölkerung betroffenem Mückenwohngebiet
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Mazara del Vallo – San Vito lo Capo (Nähe Trápani) – ísola delle Fémmine (Nähe Palermo) – Palermo – Bern (Tage 79-84)


Am Morgen brechen wir zeitig auf, Ziel ist San Vito lo Capo, wo es, laut Campingführer, noch einige offene Plätze hat und wir gerne unsere letzten Tage auf Sizilien verbringen möchten. Bis Trápani führen die Strassen, so scheint uns, durch ein einziges, langezogenes, nicht enden wollendes Riesendorf, dessen fast durchgängig ein- höchstens zweistöckigen, grauen Häuser ohne Vorgärten in ihrer konsequent linearen Aufstellung der staubigen Strasse entlang, ihm das Antlitz verschlafener Wildweststädchen verleihen. Die Gegend nach Trápani, in Richtung San Vito lo Capo ist pures Gegenteil: Wenig verbauen und von atemberaubender Schönheit. Hohe, karge Kippen, flache Täler in sanftem grün, die Küste umrandet von scharfkantigen Klein- und Grossfelsen, ist die Gegend, trotz zeitweise garstigsten Windbön, die uns den Atem und den Kindern die Standfestigkeit rauben und der Tatsache, dass Baden hier zumindest für die Kinder unmöglich ist, von derart einnehmender Schönheit, dass wir beschliessen zu bleiben. Das erstaunlich touristische und belebte Kleinstädchen San Vito veranstaltet die Tage, sehr zu Äms Freude, ein mehrtägiges Couscousfest und damit eine Feier rund um das Hauptnahrungsmittel unserer Reise. Selbstredend, dass wir die Abende im Dorf verbringen, während sich die Kinder die Bäuche mit Couscous vollschlagen und wir uns durch die Spezialitätenstände probieren. Wir verbringen wunderbare, ruhige, die Reise abrundende Tage und unterhaltende Abende. Schade nur, dass wir Couscousfest-Gaststar (und Gminggmanggscher Kinderzimmermusiker) Goran Bregovic um einen Abend knapp verpassen.

Am nächsten Tag brechen wir spät und gemächlich nach Ísola delle Fémmine auf, einenOrt den wir anfahren um die letzte Nacht vor der Fährenfahrt schon möglichst nah an Palermo zu verbringen, damit wir am nächsten Tag gemächlich den Hafen finden, den Gefährten abstellen und hernach noch Palermo besichtigen können. So unspektakulären wie geplant verläuft der Tag und wir richten uns ein letztes Mal in gewohnter Weise für die Nacht ein, sagen so vertraute Sätze wie „Ich mache noch rasch die Betten und richte die Moskitonetze ein.“ und „Haben wir schon Strom?“ im Wissen darum, dass wir sie wohl sehr lange nicht mehr in dieser Form benützen werden. Das Abschliessen hat endgültig begonnen, mit aller verbundenen Wehmut.

Den nächsten Morgen verbringen wir damit, unsere Sachen, die wir für die 24h dauernde Überfahrt mit der Fähre brauchen, so zu packen, damit wir in Palermo keine derartigen Dinge mehr erledigen müssen. Herr G. ist fürchterlich aufgeregt, haben wir doch so viele haarsträubende Geschichten über den Verkehr und dessen Teilnehmer in Palermo gehört. Als wir schliesslich einfahren sind wir alle angespannt und warten nur darauf, dass das Chaos über uns hereinbricht. „Gleich geht es los! Ich fahre einfach ganz langsam und lasse allen den Vortritt, bloss nicht jetzt noch einen Blechschaden riskieren. Uff, jetzt geht es gleich los.“ stöhnt Herr G. und ich halte schon mal nach den angedrohten, rücksichtslosen Blechlawinen Ausschau. Herr G. krallt sich ans Steuer, ich in die Sitzpolster. „Frau Fankhauser sagt, dass da vorne eine grosse Kreuzung ist, da wird es bestimmt gleich fürchterlich hektisch werden!“ warne ich und Herr G. versucht nicht in Schnappatmung überzugehen. Es ist seltsam still im Gefährten und wir tuckern weiter. „Uff, da vorne sehe ich Unmengen an Autos, ein Stau, ein Stau, Gott stehe uns bei!“ Herr G. wirkt jetzt etwas hysterisch. „Mist, ich sehe es auch, herrjee, bleib ruhig, du schaffst das!“ Rufe ich und checke sicherheitshalber bei Frau Fankhauser noch mal, wo genau wir uns befinden. Es ist der Hafenparkplatz. Liebe Leser mit Reiseabsichten in Richtung Palermo, ja, d Verkehr ist, verglichen mit den Strassen der Schweiz (und wohl auch Deutschland) gewöhnungsbedürftig, aber es fährt sich hier nicht schwieriger als in den hunderten italienischen Dörfern davor, nicht schwieriger als in Istanbul, Berat oder Durrës und ganz bestimmt nicht schwieriger als in Messina. Nach dem wir den Gefährten sicher parkiert wissen, begeben wir uns in Palermos Innenstadt und bereits nach wenigen Metern ist klar, dass sich der Ausflug lohnt. Wir marschieren mit den ungemein kooperativen Kindern den herrlich verlebten Häuserfronten entlang ins Blaue. Landen in verwinkelten Gässchen und Quartieren, die sich, ähnlich wie in Istanbul, auf Herstellung und Verkauf ganz bestimmter Produkte spezialisiert haben. So schlendern wir durch Gas- und Metallviertel, grüssen die gerade pausierenden Männern, die in Plastikstühlen sitzen, Kaffe und Zigarette in ihren riesigen, schwarzen Händen halten, und auf Kundschaft warten. Oder wir passieren die Gasse der Fischer und Fischverkäufer, wo der Kopf des eben verkauften Hechtes dekorativ neben den Mülleimern posiert. Als die Kinder müde wurden suchen wir uns einen Park, wurden fündig und lassen sie unter gigantischen, wunderschönen, uralten Fikus Benjaminus toben, essen Eis und tanken Sonne, bevor wir uns endgültig vom Sommer verabschieden müssen. Ja, Palermo gefällt und sollten wir je wieder nach Sizilien fahren, werden wir uns mit Sicherheit mehr Zeit für diese spannende Stadt nehmen.

Kurz vor 23 Uhr werden wir auf die Fähre gelotst, finden rasch unsere Kabine und schlafen erstaunlich tief und lang. Den nächsten Morgen verbringen wir hauptsächlich mit Lobliedern auf die Tatsache, dass wir uns für diese Überfahrt eine Kabine genommen haben. Erinnern Sie sich an unsere Schlafplatznot auf der griechischen Fähre? Die Kinder zeigen ganztags nicht die Spur von Langeweile, erforschen das Schiff von Oberst- bis Unterstdeck und wir treffen um 21 Uhr ziemlich entspannt in Genua ein. Eigentlich wäre es nun nicht mehr weit, die Kinder schlafen rasch in ihren Sitzen ein, aber wir entscheiden die Strecke nicht heute gänzlich zurückzulegen, wir wollen bei Tageslicht heimkommen und so stellen wir uns kurz vor Aosta neben ein Heer von Lastwagengiganten und übernachten.

„Noch 280 km bis zum Ziel.“ verkündet Frau Fankhauser, wir werden still. Das, worauf wir uns so lange vorbereitet und gefragt haben ist nun vorbei, die nächste Woche schon wieder verplant und die Realität gerade irgendwie unheimlich schwer zu fassen. „Noch 100 km bis zum Ziel.“ Wir versuchen uns zusammenzureissen, wir haben wunderbare Monate verbracht, Heimkommen ist schwer, die Eingewöhnung wird es auch, aber es gilt nun, die Wehmut ob dem Reiseende nicht überhand nehmen zu lassen und uns stattdessen über all die schönen Momente zu freuen, sie ab und an behutsam aus dem Erinnerungsschrank zu nehmen, gemeinsam zu betrachten, sie nicht all zu sehr verstauben zu lassen und lange noch davon zu zehren.

„Noch 1 km bis zum Ziel.“ Wir sind daheim.

Bemerknisse

  • Wenn in Palermo ein Fahrzeug an den Pfosten parkiert werden, ist das ganz und gar wörtlich zu nehmen, zwischen Stossstange und Pfosten wäre keine Psotkarte einschiebbar.
  • Wenn Sie als Fussgänger in Palermo den Fussgängerstreifen überqueren, müssen Sie mit wutentbrannten Zurechtweisungen oder mindestens bösen Blicken rechnen, denn grundsätzlich gilt: Wer im Auto sitzt hat Vortritt. Immer. Auch wenn die Fussgängerampel grün zeigt.
  • Ampeln sind in Sizilien nicht mehr als ungefähre und unverbindliche Vorschläge.
  • Auch wenn in Palermo grosse Strassen oft mehrere Spuren in gleicher Fahrtrichtung haben, sind diese nicht durch Bodenmarkierungen getrennt. das ergibt Sinn, die würden nämlich ohnehin nicht beachtet.
San Vito lo Capo

San Vito lo Capo

Ein Hecht in Palermo

Ein Hecht in Palermo

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Punto Braccetto (Nähe Vittória) – Eraclea Minoa (Nähe Agrigento) – Mazara del Vallo (Tage 77-78)


Heute Morgen erfreut sich Äm nach wie vor bester Verfassung und wir betrachten das Krankheitsintermezzo als abgeschlossen. Heute, Sonntag, mitgezählt bleiben uns noch sieben Tage bis unsere Fähre nach Genua Palermo verlässt, das Gefühl von Schlussspurt und Abschliessen nimmt endgültig überhand. Wir waren nur drei Monate unterwegs und doch fällt der Gedanke schwer, dass wir uns wieder an das alte, gebundene Leben gewöhnen müssen, ja, trotz Äms Krankheit und dem zwischenzeitlichen Wunsch nach der beruhigenden Instanz unserer Kinderärztin, könnten wir noch lange reisend weiterleben. Natürlich gibt es auch Dinge, auf die ich mich freue, mehrheitlich sind das kleine Bequemlichkeiten des alltäglichen Lebens, wie eine warme Dusche, mehr als zwei Herdplatten oder ein ämsicheres Gartentor, aber auch auf zeitweise vergrösserte Distanz zu den Kindern und Herrn G. freue ich mich, auf Zeit alleine und auf meine neue alte Arbeitsstelle. In jedem Falle gilt es unsere letzte Reisewoche noch in vollen Zügen auszukosten, Wärme, Meer und Fremde zu geniessen.

Wir brechen heute in Richtung einer Gegend auf, die für ihren Kreidefelswände bekannt ist, die Gegend um Agrigento und Eraclea Minoa. Der erste Teil der Fahrt führt durch ein schier unendliches Meer von Gewächshäusern, deren Arbeiter, zumindest die die wir sehen, zu 80% aus Einwandern zu bestehen scheinen. Nicht selten wohnen sie unmittelbar angrenzend in sehr einfach gehaltenen Behausungen und es ist unschwer zu erahnen, dass die Entlöhnung für ihre Arbeit sie nicht eben wohlhabend werden lässt. Was die Verschmutzung durch Müll anbelangt, ist die Gegend Nordalbanien mindestens ebenbürtig, wo keine Gewächshäuser stehen, liegen unfassbare Unmengen an Müll. Wir durchfahren den Teil Siziliens trotz Hitze bei geschlossenen Fenstern, zu gross ist die olfaktorische Belastung durch die Feuer, die allenthalben mit den Gewächsabfällen und, unweigerlich, dem umliegenden Müll entfacht worden sind. Nach dem wir Ragusa hinter uns gelassen haben, ändern sich sich Land- und Ortschaften relativ unmittelbar. Es ist wieder unverpacktes Grün zu sehen und die Verschmutzung nimmt deutlich ab. Dank „unseren Deutschen“ wissen wir schon, wo wir heute Nacht übernachten wollen und landen auf einem wunderbar einfach gehaltenen Platz, direkt am Meer und mit gigantischer Aussicht auf Kreidefelsen.

Obwohl es uns hier sehr gefällt, brechen wir bereits am nächsten Morgen auf. Das Landesinnere, insbesondere Corleone, der Geburtsort des Protagonisten aus „der Pate“, lockt. Bereits nach den ersten Kilometern ins Landesinnere hat sich der Abstecher gelohnt. Über steingkarge Hügel und kleinere Berge fahren wir an riesigen Schafherden und einsamen Pferden, Eseln und Mauleseln vorbei und passieren verwitterte, überwachsene Häuser, viele davon leerstehend. Alle paar Hügelhöchstpunkte trohnen kleinere und grössere Dörfer, die von Weitem oft gar nichts mit der Lieblichkeit der beschriebenen Bergdörfern von unlängst gemein zu haben scheinen. Aber die vermeintlich lieblos hingepappten, graubeigen Häuserklumpen haben fast immer einen historischen Kern, der nicht nur schön anzusehen ist, sondern auch genau die farbenfrohe Freundlich- und Lebendigkeit birgt, die mir an italienischen Kleinstädten so gefällt. Als wir in Corleone einfahren, sind wir etwas enttäuscht, die Stadt ist durchaus nett anzusehen, aber touristisch und längst nicht so voller Charme wie die diversen kleineren Dörfer, die wir auf dem Weg hierhin durchfahren haben. Trotzdem speisen wir vorzüglich und nach dem Besuch in der Gelateria machen wir uns auf den Rückweg ans Meer. weil wir schon einen relativ langen Fahrtag hinter uns haben, zögern wir nicht lang und nehmen den erstbesten, relativ schmucklosen Campingplatz und nach Abendessen und der obligaten Sielplatzerkundungsrunde begeben wir uns in mückengeplagten Nachtschlaf.

Bemerknisse

  • Eine Fähigkeit die sich Kinder bei dreimonatigen Ferien am Meer aneignen, ist das Badetuchausbreiten und sich danach genüsslich darauf legen. Auch Äm kann das nun. Auch mit Taschentüchern. Und auf dem Gehsteig.
  • Wenn Nichtschweizer uns vermeindlich standesgemäss begrüssen wollen, schmettern sie uns ein „Grüüützi.“ entgegen. Wir machen bereitwillig mit.
  • Die Mücken waren auf dieser Reise wohl die grösste Plage, wenn ich pro Nacht und Kopf fünf Mückenstiche rechne, habe ich damit eher unter- als übertrieben und wir kämen gemeinsam auf eine reiseschlussendlichen Anzahl von 1680 Stichen.

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Acireale (Sizilien) – Catánia – Punto Braccetto (Nähe Vittória) (Tage 74-76)


Wieder ist Äm morgen fieberfrei und in bester Verfassung. Wir brechen auf, in der Absicht erst den Ätna zu bestaunen und uns danach einen zentral gelegenen Platz zu suchen. Das wiederkehrende Fieber bereitet Sorgen und wir wollen bei erneutem Temperaturanstieg einen Arzt konsultieren. Die Fahrt gen Ätna ist wunderschön, die Sizilianischen Dörfer und Städe durch die wir fahren und ihre unbescheiden verzierten Bauten sind herrlich be- und verlebt und wirken damit ungemein charaktervoll. Selbst weniger alte Stadt- und Dorfteile, in denen in Bezug auf die Häuser an sich nicht von Schönheit gesprochen werden kann, ist ein ganz eigener, anziehender Charme eigen. Wir fahren einen Nebenkrater des Ätna an, denn nach unseren Informationen kostet die Fahrt auf den Hauptkrater um die 60 Euro, was uns eindeutig zu viel ist. Am Nebenkrater unternehmen wir eine kleine Wanderung auf einen der lavagesteinüberzogenen Hügel und geniessen die atemberaubende Aussicht. Als ich Äm, unten angekommen, wieder aus der Tragehilfe nehme, glüht sie wieder. Wieder hat sie um die 39*C Fieber. Nach einem Gespräch mit unserer Kinderärztin beschliessen wir in die nächstgelegene Stadt, Catánia, zu fahren, uns da einen Stellplatz zu suchen um von dort aus einen Ausflug zum Arzt zu unternehmen. Der Platzinhaber in Catánia, ein Deutscher, rät uns in den Notfall im nahegelegenen Krankenhaus zu fahren. In der Notfallstation des Regionalspitals ist einiges los, Ärzte, Schwestern und anderes Personal rennt hektisch durch die Gänge und brüllt sich immer mal wieder lautstark an. Als wir unsere Situation und Äms Beschwerden schildern, blickt man uns mit weit geöffneten Augen an: Fieber über 39* C? Über SECHS Tage? Wir fragen uns, ob derartiges in Italien nicht geschieht. Die erste Frage im Behandlungszimmer ist dann auch, ob wir Äm schon selber mit Antibiotikum behandelt haben, was wir natürlich, etwas verdutzt, verneinen. Äm wird unter ohrenbetäubendem Gebrüll gewogen, für zu leicht befunden, und an Hals, Rachen und Brustraum untersucht. Fall und Vorgehen scheinen für die Ärztin völlig klar: 1. Antibiotikumgabe, 2. stricktes Frischluftverbot, allerhöchstens „manchmal kurz das Fenster öffnen“. Mir fehlt es eindeutig an medizinischem, italienischem Vokabular und wir nehmen das Rezept das wir erhalten und verlassen die Station wieder. Erneut telefonieren wir mit Äms Kinderärztin, die zwar bemängelt, dass kein Infektbarometer gemacht und die Untersuchungen so oberflächlich gehalten wurden, rät aber auch dazu, Äm antibiotisch zu behandeln, zumal das Fieber schon so lange immer wieder ansteigt uns ansonsten keine Symptome auszumachen sind. Nach langem Hin und Her und einigen (uns)innigen Sinneskrisen, entscheiden wir uns gegen eine verfrühte Heimfahrt und dazu abzuwarten, ob Äms Zustand sich in ein, zwei Tagen verbessert hat. Am nächsten Morgen ist Äm, wie gewohnt morgens, fieberfrei. Wir brechen auf und ein kleines Stück Richtung Südwesten. Damit haben wir den mutmasslich (ev. war d auch schon auf dem Peleponnes) südlichsten Punkt unserer Reise erreicht. Da wir so früh weder nach einem Übernachtungsplatznsuchen, können wir überteuerte Angebote (40€ pro Nacht) getrost ausschlagen und finden eine ungemein sympathischen Platz, am Rande einer nebensaisonbedingt ausgestorbenen Feriensiedlung. Den Nachmittag verbringen wir am Strand, Äm geht es wunderbar und auch die Nacht wird die erste fieberfreie, seit acht Nächten.

    Bemerknisse

  • Wenn Fahrspuren nicht durch Doppelbefahrung künstlich verkleinert werden, dann durch parkende Autos. Stellen Sie sich hier bitte nicht ein 1/2 auf Trottoir, 1/2 auf Strasse geparktes Auto vor, sondern ein 0 auf Trottoir, ganz auf Strasse geparktes Auto und Zusätzliches daneben. Beidstrassenseitig.
  • Der kluge und äusserst packasketische Sizilienreisende reist per Smart.
  • Wo anders als in Italien (oder der Türkei) würden Receptionistin, Putzfrau und Gärtner des Campingsplatzes, unabhängig voneinander, vor Abreise extra nochmal vorbeikommen, um sich nach Fieberkindes Wohlergehen zu erkundigen.
  • Nebensaison ist, wenn der Campingplatzpatrone Herrn G und Y zum Lebensmittel- und Gefährtenscheinwerferbirneneinkauf ins nächstgelegene Dorf ausführt.
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    Marina di Camerota (Nähe Palinuro) – Cámpora San Giovanni (Nähe Amantea) – Acireale (Sizilien) (Tage 72-73)


    Es scheint aufwärts zu gehen, Äm hat nur noch erhöhte Temperatur und bewegt sich wieder mehr, wenngleich auch immer in Sichtnähe zu mir. Ich wage es kaum zu vermerken, aber der Zustand leichter Angeschlagenheit birgt durchaus auch Vorteile. Äm ist eine Ausreisserin erster Güte und die Tatsache, dass sie sich heute frei, aber lieber in meiner Nähe bewegt ist herrlich entspannend.
    Mit dem Ziel ungefähr die Hälfte der Strecke nach Sizilien zu bewältigen, brechen wir auf. Die Fahrt verläuft ungemein ruhig, Äm scheint die Zeit zur Regeneration zu brauchen und schläft ausdauernd. Der erste Streckenabschnitt führt weiter durch den Parco Nationale Cliento e Vallo di Diano, über seine herrlich bemärchenwaldete Hügel, in denn hie und da noch Nebelfetzen hängen, durch kleine, belebte Hügeldörfer, in denen sich das Leben offensichtlich tatsächlich noch auf der Strasse abspielt. Dicht aneinander gedrängt an die Hügel geschmiegt, stehen sie, die alten, so charaktervollen Häuser, der Gefährte kommt mir überdimensional und klobig vor und wenn ich meine Arme durchs offene Fenster Strecken würde, ich glaube ich könnte an jeder Haustüre klingeln, so eng sind die Strassen. Überall hängt Wäsche, vor den Türen stehen Tische, an denen alte, faltige Italienerinnen in geblümten Roben Gemüse schälen, während die Hausherren die Gazzette dello Sport studieren. Gepräche können problemlos von Wohnung zu Wohnung geführt werden und werden es offenkundig auch. Es ist Mitte Woche, Kinder sind hier kaum zu sehen, die werden alle in der Schule sein, aber an einem späten Spätsommersonntagnachmittag auf dem Dorfplatz muss hier das pure Leben toben.
    Nach einem kurzen Mittagsrast fahren wir aus dem Park, die Gegend ist sofort massiv weniger bewaldet, die Dörfer wieder grösser und wir steuern wieder die Küste an. Offene Campingplätze sind auch hier kaum zu finden, aber neben einer kleinen Pizzeria, direkt am Meer, dürfen wir den Gefähren für eine Nacht, direkt am Strand, stehen lassen.
    Kurz vor dem Abendessen heizt Äm wieder kräftig auf, scheint sich aber trotz über 39*C Fieber immer noch relativ wohl zu fühlen, spielt und isst sogar. Wir beschliessen das morgige Programm von Äms Zustand abhängig zu machen.
    Am nächsten Morgen ist Äm wieder fieberfrei, wir atmen auf. Da Bleiben augrund Schattenlosigkeit an diesem Platz keine Option ist, beschliessen wir heute, wenn die Kinder mitmachen, bis nach Sizilien zu fahren. Durch sanfte, adrett frisierte Hügel erreichen wir Villa San Giovanni und den dortigen Fährhafen. Das Besorgen des Tickets ist nur insofern etwa beschwerlich, als das wir unfreiwillige und unnötige Hilfe bei der Buchung erhalten und der übermoivierte Helfer hernach dafür auch noch bezahlt werden möchte. Auf der Fähre werden wir von überaus herzlichen Sizilianern mit inselbezogenen Ratschlägen versorgt, jemand will gar den Schiffsarzt holen, als wir am Rande erwähnen, dass Äm in den letzten Tagen fieberte. Messina lässt uns schliesslich erahnen, was uns in einer Woche in Palermo, in verstärktem Masse erwarten könnte: Massen von Autos. Parkiert wird, wo immer es Patz hat, gefahren ebenso. Wir kommen in Schneckentempo voran, während die Autos von hinten, vorn und sämtlichen anden Himmelsrichtungen nur so an uns vorbeizurauschen scheinen. Endlich erreichen wir Giardini Naxos, den Ort, der uns von allen Italienern empfohlen wurde. Leider mutet der ganze Küstenabschnitt derart touristisch an, dass wir sofort weiter fahren und uns einen Platz abseits suchen. Auf einem Felsen über dem Meer, von dem aus die Bucht per Aufzug erreichbar ist, stellen wir den Gefährten auf einem Campingplatz ab, in der Absicht hier mehrere Nächte zu bleiben.
    Äm hat den Tag in guter Verfassung, mehr oder weniger fieberfrei verbracht und wir legen uns, in der Hoffnung auf eine ruhige Nacht, früh schlafen. Die Hoffnung stirbt allerdings mit dem Aufkreuzen einer deutschen Schlklasse ausser Rand, Band und sich, die sich kollektiv bis zur Besinnungslosigkeit besäuft, kotzt und schliesslich schlafend grosszügig auf dem Gelände verteilt. Das ist schliesslich der Zeitpunkt den Murphy auserkoren, um Äm wieder ausgiebig fiebern zu lassen. Wir verzeichnen somit die wohl bescheidenste Nacht der Reise.

      Bemerknisse

  • Italien macht dick, während wir in den Wochen zuvor relativ viel Gewicht verloren haben, werden wir nun bei Pasta und Pizza wieder, äh, runder.
  • Wer in der Nebensaison Sandspielzeug kauft ist doof blöd tut Unnötiges: Mann gehe einfach mit den Kindern an den Strand und sammle was Brauchbar. Heute in der Ausbeute: „Öllöu Kiddi“-Eimer und Freudentänze seitens des grossen Mädchens mit Blödrosaglitzerkatzenzubehörmangel.
  • Sizilien scheint über mehr Autos als Einwohner zu verfügen.
  • Es es empfiehlt sich in Sizilien relativ strassenmittig zu fahren, denn der Sizilianer weiss: Wo ein Auto Platz hat, haben auch zwei, haben auch drei, haben auch vier (beliebig erweitern) Autos Platz.
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