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Fazit einer Vierteljahresreise mit Kindern und Hund


Als wir vor zwei Jahren für ein Vierteljahr zu reisen planten, ernteten wir einige erstaunt bis entsetzte Reaktionen. Ein Reisevorhaben mit so kleinen Kindern (damals 1 und 3) und erst noch in den Balkan, löste hie und da gemischte Gefühle aus, die auch gerne und ungefragt kommuniziert wurden. Das war bei unserem diesjährigen Reiseprojekt anders, unsere Begeisterung nach der letzten Reise hat wohl für sich gesprochen. Im Fazit der letzten Reise schrieb ich einiges von lohnender Beschwerlichkeit beim Reisen mit Kleinkindern, das Reisen mit 1- und 3-jährigen Kindern unterscheidet sich allerdings erheblich vom Reisen mit 3- und 5-jährigen Kindern. Mittlerweile hat die Brut ein Alter, in dem sie selber auf Erkundungstour gehen können, nicht mehr alles Essen, was sie so am Boden finden und ansatzweise auch Vernunft zeigen. Das führt dazu, dass wir, im Vergleich zur Reise von vor zwei Jahren, doch entspannter waren, mehr Sehenswürdigkeiten anfuhren und uns öfters auswärts bekochen liessen. Der Unsicherheitsfaktor Hund, der mir vor der Reise noch einige Sorgen bereitete, stellte uns auch vor keine grösseren Probleme. Die aufwändig besorgten Papiere, Impfungen und Antikörpertests interessierten niemanden auch nur im Geringsten und wurden nur einmal beachtet, von einer Grenzpolizistin, die den Ausweis für Autopapiere hielt. Reisen nach Osteuropa sind vorbehaltslos zu empfehlen, mit und ohne Kinder, Hunde und PartnerInnen, ja, ich wüsste nicht, wie man von einer derartigen Erfahrungen nicht mit geöffnetem Blick, erweitertem Horizont, gewärmten Herz und verschobenen Relationen zurückkehren könnte.

Wir danken all den wunderbaren Menschen, die uns bei unserem Vorhaben in mannigfaltiger Weise unterstützt haben von ganzem Herzen!

Die Reise in Zahlen:

11986 Km (dazu kämen Strecken unbekannter Längen auf Fähren)

14 Länder

22 Grenzüberquerungen

3 Fährfahrten

87 Reisetage, 57 Übernachtungsplätze, davon 45 Camping- oder Stellplätze, 6 Restaurantparkplätze, 1 Appartement, 1 Fähre, vor einer Garage, 2 bei Bekannten, 1 Spitalzimmer, 1 Klostervorhof

1 neues Reifenventil

2 neue (alte) Türgriffe

1 manueller Autowaschgang

9 Wäschewaschgänge, davon 1 Handwäsche

1 Krankenhausbesuch

1 Arztkonsultation

2 Besuche in Autowerkstätten

4 Polizeikontrollen

Gefundene Gegenstände:

2 grüne Sandschaufeln

1 pinke Sandschaufel

1 gelbe Sandschaufel

1 roter Sandeimer

7 Sandförmchen

1 Paar pinke Croks

1 Plastikfigur

1 Haarspange

2 Heringe

3 Fussbälle

1 Tennisball

1 Schaumstoffball

Ein Gala-Heft auf Niederländisch

1 einzelner Socken

2 Kaffeelöffel

Verlorene Gegenstände

>30 Wäscheklammern

2 Heringe

1 Schwimmring

3 Schwimmflügel

1 grüne Sandschaufel

1 pinke Sandschaufel

3 Fussbälle

1 Tennisball

1 Schaumstoffball

1 Wassermelone

1 Sonnenhut

3 einzelne Socken

2 Zahnbürsten

1 Kinderunterhose

1 Löffel

3,5 kg Körpergewicht (alle zusammen)

3 Flaschen Shampoo

Geschenkt bekommen (Kitschkram wie schöne Erfahrungen und innige Momente zähle ich nicht)

4 Maiskolben

3 türkische Gebäcksstücke

1 türkische Rahmsüssspeise

1 türkischer Milchreis

4 Wassermelonen

3 Honigmelonen

4 Nektarinen

4 Birnen

8 Äpfel

3 Kaktusfeigen

4 Handvoll Haselnüsse

2 Fleischknochen

14 Lutscher

21 Bonbons

2 Fresbees

1 Fotoshooting

1 Vergnügungsparkchip

1 Konfitüre

1 Bund Schnittlauch

1 Liter Milch

1 Parkplatzgebühren

32 Schokoladenprodukte

7 bulgarische Berliner

ein braunes Kindershirt

1 Halskette mit blauem Auge

8 Süssgetränke

2 Abendessen

2 Suppen

1, 2, 3, 4, äh, einige Trinkrunden

2 Pflaumen

2 Euro

37 Tomaten

2 Zucchini

1 Aubergine

23 scharfe, kleine Peperoni

4 Gurken

1 Bund Minze

2 Handvoll getrocknete Tomaten

Top 5 der eingepackten Gegenstände

Frau Fankhauser

Wäschesack mit Wäscheleine (Danke, schon wieder, Frau Blomma!)

Hängematte

Töpfchen

ReGa-Visitenkarte

Top 5 der eingepackten Gegenstände. Nicht.

Schwimmwesten

Grill

Nagellack

Sicherndes Hundegeschirr fürs Autofahren

Regenplane

(Ja, wie haben viel gelernt von der letzten Reise)

Top 5 Glücksfälle

Magendarmprobleme wenn allzeit ein Klo bereit

Schlüssel wiederfinden, täglich

Keinerlei ernsthafte Autopannen, Ventilproblem in Werkstattnähe, balkanverbreitetes Gefährt

Rega-Mitgliedschaft

Den richtigen (Nicht-)Sommer wählen

Top 5 Gegenden

Kappadokien, Türkei

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Türkische Schwarzmeerküste

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Peleponnes, Griechenland

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Albanische Berge

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Zwischen Jajce und der kroatischen Grenze, Bosnien und Herzegowina 

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Top 5 Ortschaften

Sarajevo, Bosnien und Herzegowina 

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Gjirokaster, Albanien

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Amasra, Türkei 

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Jajce, Bosnien und Herzegowina 

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Piratenfeenschiff, Pennepoles 

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Top 5 Übernachtungsplätze

Drvenik, Kroatien

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Irgendwo nach Antalya, Türkei 

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Fischrestaurant bei Cide, Türkei 

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Plav, Montenegro

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Irgendwo bei Kavarna, Blugarien 

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Top 5 Stellplätze. Nicht.

Wir scheinen einiges gelernt zu haben, jedenfalls bringe ich keine fünf Negativbeispiele zustande, dafür gibt es einen eindeutigen Kategroriesieger:

Spitalzimmer, Eregli 

Top 5 Begegnungen

Gaga aus Buna bei Mostar, Bosnien und Herzegovina 

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Die Bulgaren aus Sozopol 

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Nilüfer und Serhad mit Jaren aus Istanbul, Türkei 

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Christina und Michaela aus Skopie, Albanien 

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Bleonard aus Malisevo, Kosovo 

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Hier fielen Entscheidungen schwer, denn neben den fünf hier erwähnten Begegnungen, trafen wir auf weitere, ganz wunderbare Menschen, wie Ismail, der uns einen Kreisel drechselte, Antonio, der uns fürstlich bekochte, die Litauer, die uns zu sich nach Hause einluden, der Deutsche Rentner, der den Kinder einen Fingerspiel beibrachte, das sie noch heute täglich aufsagen, die vielen namenlosen aber herzerwärmenden Kurzbegegnungen und nicht zu vergessen die Störche, die uns von Bulgariens Mitte bis Istanbul in atemberaubend schönen Formationen begleiteten und Sinnbild unserer Reise bleiben werden.

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Visoko (Sarajevo) – Jajce (Bosnien und Herzegowina) – Omiš (Kroatien) (Tage 70-71)


Wir brechen heute sehr zeitig auf. Nicht gänzlich freiwillig, sei zu sagen, aber es ist derart kalt, dass wir uns nur eines wünschen: Die Autoheizung aufdrehen. Herr G. will das bosnische Handtuch werfen und ans Meer zurück fahren, wo es gut 10 Grad wärmer ist. Mit dem Versprechen, dass ich nach einer weiteren Nacht Bosnien widerstandslos mitfahre, steuern wir Jajce an, wo es neben einem netten Übernachtungsplatz auch zahlreiche Wassermühlen und auf dem Weg dahin sehenswerte Landschaft und ebensolche Dörfer gebe. Bis Visoko fahren wir bekannte Strecken, danach folgt Neuland. Eine Weile fahren wir entlang der Bosna und ihren zahlreichen Schwüngen und Biegungen. Wir sehen, wie viel Wasser sie nach den Regenfällen der letzten Woche hat und denken an die Überschwemmungen, unter denen Bosnien und Herzegowina vor wenigen Monaten noch zu leiden hatte. Wir haben die betroffenen Gebiete bisher bewusst umfahren, denn obwohl wohl die meisten dringlichen Schäden provisorisch behoben wurden, kann man da mit Sicherheit keine Touristen brauchen. Wir fahren also offenen Auges weiter und informieren uns bei WLAN-Kontakt über die aktuelle Lage. Aber es scheint Entspannung in Sicht, jedenfalls drückt die Sonne mit aller Kraft durch die Wolken und schliesslich fahren wir unter blaustem Himmel unseres Weges. Die Landschaft zeigt sich grün, fruchtbar und hügelig, die Dörfer sind hie und da kriegsgezeichnet, aber verfügen über einigermassen intakte, lebendige Ortskerne von malerischer Schönheit. Was sage ich hier „aber“? Ich habe es schon anderswo erwähnt: Gerade da wo Granatenlöcher zugemauert und die kriegsversehrten Häuser belebt werden, wo gezeigt wird, dass Wärme und Menschlichkeit überleben kann, auch wenn einst alles dagegen sprach, ist pure Schönheit zu sehen. Das Städtchen Jajce selber, ist eines von vielen, hat aber einen stadteigenen, kleineren Wasserfall, eine hübsche Altstadt und eine Burg, für die wir einen kleinen Eintritt bezahlen, die aber an Eindrücklichkeit und Grösse nicht an die Burg von Stolac heranreicht. Nach einem kleinen Mittagessen und weiteren Stolperrunden durch die Stadt, fahren wir zum empfohlenen Campingplatz. Auf der Strecke nach Jajce haben wir schon mehrere kleine Plätze gesehen die wir wohl unter normalen Umständen bevorzugt hätten, aber allesamt waren direkt am Fluss angesiedelt, was uns bei den gegenwärtigen Wassermassen und ohne genauen Wetterbericht eher unsicher vorkommt. Auf Umwegen finden wir schliesslich zum relativ grosszügig angelegten Platz, zusammen mit ungefähr 20 französischen Gigantomobilen, die sich aber glücklicherweise ziemlich Dicht gedrängt auf einen Achtel des Platzes stellen, so dass wir im Grunde weder irgendwas von ihnen sehen, noch irgendwas von ihnen hören. Den Abend verbringen wir damit, den Rest unserer Reise zu planen. Wir haben noch fast zwei Wochen, wobei wir mindestens eine halbe Woche für die Rückreise einberechnen, weil wir noch ein, zwei Tage in München verbringen werden. Der Umstand, dass es hier immer noch ziemlich kalt ist und die Aussicht auf den nahenden Winter, in Anbetracht des schweizerischen Sommer habe ich keine grosse Hoffnung auf milden Herbst, lässt uns zum Entschluss kommen, dass wir abschliessend noch eine Woche Strand und Sonne an der kroatischen Adria verdient haben und auch unsere Sommerbräune aus türkischen Tagen bedarf etwas Auffrischung.
Am Morgen brechen wir also nach Kroatien auf, gen Wärme. Wir durchfahren bergiges Gebiet und überqueren, eine wohl in Kriegsjahren umkämpfte, Hochebene, die zwar landschaftlich unglaublich schön, nach wie vor Hauptsächlich in Ruinen liegt. Der Aufbau hat sich wohl hier nicht wieder gelohnt und hier, im Nirgendwo, zeigt sich, ganz ohne Bimborium und Gedenktafeln, die ganze Destruktivität des Krieges und ganz ohne deklariertes Mahnmal bin ich gemahnt und inniglich dankbar für den Ort, an dem ich gross werden durfte. Auch wenn der Eindruck, den ich von der Konstruktivität, mit der mit der kriegerischen Vergangenheit zu fühlen glaubte, vielleicht nicht richtig war, denn vor einigen Tagen las ich davon, dass mehr als 60% aller Bosnier, eigentlich dem einen oder anderen der Nachbarstaaten angehören möchte, verlasse ich Bosnien und Herzegowina mit etwas Wehmut. Ich habe mich in dieses Land verliebt, in seine Landschaft, in seine Menschen, seine Dörfer, Städte und Spinatböreks. An der Grenze werden wir wieder nicht gross beachtet, dafür ist es wieder wärmer. Wir sind wieder in Kroatien und damit hat sich irgendwie ausgereist, denn unsere Restzeit werden wir mit schnödem, aber in Anbetracht des Steilstartes nach Ankunft daheim, wohl angebrachtem Urlauben verbringen. Die Berichte werden wohl etwas unausführlicher, da wohl kaum jemand von Strandgelagen und Sonnencrèmes lesen möchte.

Bemerknisse
Wenn ich hier von Bosnien schreibe und dabei immer Herzegowina mitmeine, ist das eine Formulierung, die wohl kein Einheimischer wählen würde. Hier wird klar zwischen den Landesteilen differenziert und Zugehörigkeit kommuniziert.

Ein kleiner Kosovonachtrag: Auf unsere Frage nach seiner Adresse antwortete uns Bleonard mit Name und Dorf, ohne weitere Angaben. Was wir erst für unvollständige Angaben hielten und nach Strassennamen, -nummern und Postleitzahl verlangten, ist tatsächlich die vollständige Anschrift. „Wir haben hier noch keine Strassennamen ;-)“, meint Bleonard.

Nach mehreren Tagen bosnischer Wetterkälte und Herzenswärme, wirkt Kroatien zwar wieder etwas sommerlicher, aber auch deutlich unfreundlicher.

Bosniens Stellplätze bieten zwar morgens vielleicht kein frisches Brot feil, verfügen aber über äusserst weitreichendes, schnelles WLAN. Überhaupt ist die WLAN-Dichte und -Qualität in Albanien und Bosnien grandios. Das tourismusverwöhnte Kroatien hingegen hat diesbezüglich Aufrüstungs- und Modernisierungsbedarf, bietet aber allenthalben frisches Brot. Unnötig zu erwähnen, dass ich ganz gut ohne Brot kann.

 

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Moulat – Trebinje (Bosnien in Herzegowina) – Ston (Kroatien) – Stolac (Bosnien in Herzegowina) – (Tage 66 – 67)


Wir wollen wieder nach Bosnien, wo wir, neben der Tatsache, dass wir in ein Land zurückkehren, das uns beeindruckt und gefallen hat, auch dem Massentorismus entfliehen wollen. Wir fahren zunächst nach Trebinje, einer kleinen Stadt, die wir über eine ziemlich schmale Strasse, mitten durch bosnisch mittelhohes Bergland erreichen. Mein Eindruck von Bosnien bleibt auch bei der Anfahrt nach Trebinje derselbe: Ich mag dieses Land, ich mag wie sie es wiederaufgebaut haben, ich mag die gelebte Hoffnung, wo Spuren der Vergangenheit noch so deutlich sichtbar sind. Trebinje selber ist eine unspektakuläre Kleinstadt mit charmantem, lebendigem Ortskern. Als wir ankommen beginnt es gerade in Strömen zu regnen, die Verkäufer des grossen Lebensmittelmarktes mitten auf dem grosszügig begrünten Dorfplatz, wo hohe Bäume wahlweise Schatten und Schutz vor Regen bieten, zeigen sich unbeeindruckt, decken bedächtig ihre Wahre und klappen Regenschirme auf, während wir auf der Suche nach Unterstellmöglichkeiten über den Platz rennen. Wir irren etwas durch die Strassen, irgendwo kaufen wir den Börek unseres Lebens und verzehren ihn im Gefährteninnern, stadtmittig, aber regengeschützt. Viel mehr sehen wir nicht von diesem Trebinje, der Regen lässt uns weiterfahren, denn auf der Karte haben wir ein Stellplatzzeichen ganz in der Nähe gesichtet. Wahrscheinlich hat sich hier jemand ein aspässchen erlaubt, denn da wo er sein sollte, ist Niemandsland, weites, bebuschtes Land. Um drei Uhr scheint es hier Nacht zu werden, der Regen strömt sintflutartig und wir sehen keine erfolgsversprechendere Möglichkeit, als zurück ans Meer zu fahren, wo man manchmal von Unwettern verschont bleibt und wir Übernachtungsmöglichkeiten auf sicher haben. Über Strassen, die jetzt eher an kleine Bäche erinnern, fahren wir zurück nach Kroatien, steuern eine nahen Platz an und treffen es wunderbar menschenleer und zudem regenfrei. Mit der Absicht morgen, wenn denn das Wetter will erneut Bosnien anzusteuern, verbringen wir eine ruhige, relativ trockene Nacht.
Am nächsten Morgen fahren wir zur nächstgelegenen bosnischen Grenze, überqueren sie erneut problemlos und steuern ins Landesinnere. Heute ist es auch hier etwas heiterer und sogar ziemlich warm. Über relativ kleine Strasse, so klein jedenfalls, dass ich um jeden Meter ohne Gegenverkehr froh bin, fahren wir, erneut über bosnische Berge, nach Stolac. Bosnien Scheint hauptsächlich aus Bergen und dramatisch schön gelegenen Dörfern zu bestehen. Stolac ist genau so ein Dorf, dass sich dem Fluss entlang, mit einigen Ausuferungen, an die Berghänge schmiegt. Auch Stolac erzählt noch immer mit Nachdruck vom Krieg, Kaum ein Haus ohne Einschusslöcher, kaum eine Strasse ohne mindestens eine Kriegsruine, vorallem aber ist es geschichtsunabhängig eine nette, etwas verschlafene Kleinstadt mit grünem Ortskern und einer Burgruine ohne ernsthafte touristischen Absichten. Zur Ruine findet man berghoch, irgendeiner Quartierstrasse entlang unter etwas irritierten Blicken von Einheimischen. Die Ruine selber gibt noch einiges her, der Thronsaal, wenn heute auch ungedeckt, lässt vergangenen Erhabenheitsgefühle erahnen und die Aussicht ist fantastisch. Die Burg wäre in Westeuropa der Renner für Mittelalterfeste und Musikfestivals, würde täglich von Schulklassen erklommen und hätte eine Eingangspforte, an der man etwas Geld liegen lassen müsste. Hier scheint die Ruine relativ sich selbst überlassen, oder vielmehr der Natur, denn obwohl wohl einst Instandhaltungsavance gehegt wurden, muss beim Aufstieg über die Treppe nach oben heute gegen Wildwuchs gekämpft werden. Lohnen tut sich die Anstrengung alleweil. Jedenfalls für Menschen ohne Schlangenphobien.
Ganz in der Nähe finden wir einen kleinen, ganz neuen Stellplatz, betrieben von Mostarern. Der Sohn spricht gut Englisch und sucht das Gespräch. Er arbeitet hier täglich von 8 bis 20 Uhr, die Nachtschicht übernimmt sein Vater. Sein ganzer Stolz ist ein Junghund, den er mit Liebe erzieht. Zu Kriegszeiten war er 2, aber er kann sich nicht erinnern und will es auch nicht. Er beklagt sich über „slow bosnian workers“, denn Wlan gibt es hier noch nicht obwohl es auf den Wegweiserschildern extragross angeschrieben ist. Wie schlafen trotzdem selig, dafür wohl etwas früher.

 

Bemerknisse
Sollten Sie Schmiggelbedürfnisse zwischen Bosnien und Kroatien hegen, dann wählen Sie Regentage. Wir hätten sieben bosnische Schafe, samt kleiner Schnapsbrennerei über die Grenze karren können, denn was wir von den Grenzpolizisten zu sehen bekamen, war eine halbe Nasenspitze und ein Durchwinkzeigefinger.

Wenn Kinder beim Anblick von Schlösser Burgen sofort damit begonnen die Game of Thrones- Titelmelodie zu singen, sagt das nichts über den kindlichen Fernsehkonsum aus, vielmehr zeugtes von elterlichen Reiz-Reaktions-Schemata.

Wer plötzlich mitten im Satz fragt, in welchem Land wir denn gerade sind, ist wohl schon eine Weile unterwegs.

Bosnien ist der Börekhimmel.

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Shkodra (Albanien) – Ulcinj (Montenegro) – Moulat (Kroatien) (Tage 64 – 65)


Die Strecke, die wir heute angedacht haben beträgt ungefähr 60 Kilometer, nicht die Welt also, aber als wir letztmals diesen Grenzübergang passierten, warteten wir drei Stunden im Stau auf Einlass nach Montenegro, diesmal sind wir vorbereitet. Wir starten früh, man weiss ja nie, wie weit der Stau heute reicht.
Von Albanien verabschieden wir uns wohl für längere Zeit, die nächsten Reisen werden wohl, bei aller Liebe, in andere Richtungen führen. Ich hatte meine Kämpfe, mit diesem Land, besonders zu Beginn, als ich äusserste Mühe damit bekundete, über die hoffnungslose Vermüllung hinweg zu sehen und mich nur an der westlichen Küste Albaniens aufgehalten hatte, wo nun auch nicht die landschaftlichen oder architektonischen Höhepunkte zu finden sind. Jedenfalls hat Albanien mehr zu bieten, als Müll, Zersiedelung und schlechte Strassen, hier findet man quasi unvermenschte Mittelmeertrände, archaisches Bauernleben, pulsierendes Stadtleben, wilde, karge Berge, historische Ausgrabungen und UNESCO-Städte. Aber der Tourismus kommt, die zwei Jahre, die zwischen den beiden Besuchen hier liegen, zeigen es deutlich. Ich hoffe Albanien ist dem gewachsen und behält sich seine müllfreien Ecken und verzichtet auf weitere Hässlichbauten im Tourismusdienste. Ich wünsche dem Land, dass seine klugen Köpfe sich nachhaltigen Auf- und Ausbaukonzepten widmen, damit es sich seine Schönheit bewahren kann.
Die Abschiedsrede wäre hiermit gehalten und wir fahren weiter gen Grenze. Alle paar Meter fragen wir uns, ob hier vor zwei Jahren schon im Stau standen, sind uns hier sicher, dass dem so war und können uns dort überhaupt nicht mehr erinnern. Jedenfalls stehen wir plötzlich und etwas überrumpelt vor der gänzlich staufreien Grenze. Die Papiere interessieren heute wieder niemanden und so legen wir die restlichen Kilometer bis Ulcinj ebenfalls mühelos zurück. In Ulcinj möchten wir uns auf den Platz stellen, auf dem wir vor zwei Jahren unsere Lieblingsdeutschen kennengelernt haben, aber als wir ankommen, erkennen wir den Ort nicht wieder. Wo wir einst mit Umschwung und einigen wenigen Nachbarn standen, reiht sich heute Riesenmobil an Riesenmobil, die platzeigenen Dünen wurden aufgeschüttet, die alten Pinie gefällt, kurz:, Der Platz ist all das, was wir nicht wollen. Einige Meter weiter sehen wir ein altes Campingschild mit Pfeil dem wir unauffällig folgen, in der Angst der Flotte hier Fährte zu legen. Wir finden einen Platz auf grosszügigem Pinien-Dünen-Gelände, drei andere Parteien die verstreut in knapper Rufweite stehen und eigentlich ziemlich alles was wir wollen, ausser Internet. Hier erfahren wir, dass der Besitzer des anderen Platzes die landschaftlichen Verschlimmerungen wieder rückgängig machen muss und kichern ein wenig.
Der nächste Tag verspricht unspektakulär zu werden. Wir fahren morgens los, der attraktiven montenegrischen Küste entlang, wo mächtige Berge steil ins Wasser abfallen, Dörfer sich an ihre Vorsprünge klammern, oder sich gleich auf den nahe vorgelagerten Inseln und Halbinseln zentrieren, gelangen zur wunderbaren Bucht von Kotor, bewundern die weitläufigen Meeresarme vor grünen Bergen, setzten mit der Fähre über, steuern der kroatischen Grenze zu, werden durchgewunken und suchen uns gleich danach einen Platz, in einem pittoresken, kroatischen Mittelmeerdorf.

 

Bemerknisse

Finden wir eigentlich unser Haus wieder?“, Fragen eines reisenden Kindes.

Wenn ich hier einst türkischen Abfallsystem schrieb „Alles was in eine kleine Tüte passt, kommt in die rechte Tonne, alles was nicht in kleine Tüten passt in die linke Tonne und was du nicht zuordnen kannst, verteilst du am Strand“ , müsste das albanische System in ähnlicher Weise erwähnt werden: „Was du gerade in der Hand hast, wenn du an der Mülltonne vorbei kommst, wirfst du da rein, was du gerade in der Hand hast, wenn du an einem Abfallhaufen vorbei kommst, wirfst du da drauf, wenn du ein Feuerzeug dabei hast, zündest du den Haufen an, wenn du sonstirgendwo vorbei kommst und gerade was in der Hand hast, wirfst du es da hin.

Ich habe in keinem Land je so viele Menschen einfach gehen oder fahrradfahren sehen, wie in Albanien. Wenn es danach ginge, müssten hier die gesündesten Menschen leben. Aber wahrscheinlich gleichen sie alles mit verschmutztem Grundwasser und eingeatmetem Müll wieder aus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ploče (Kroatien) – Buna bei Mostar (Bosnien und Herzegowina) (Tag 7)


„Nur etwas mehr als eine Stunde Fahrt,“ versprach uns Frau Fankhauser (GPS), „dann seid ihr in Mostar!“ Und wir glaubten ihr. Unaufgeregt verabschiedeten wir uns von Wunderschön-Ploče und fuhren zügig gen Bosnien. Frau Fankhauser mag ja Abkürzungen, wir mögen die auch, weil sie uns meist über kleinere Strassen mitten durch die Pampa irgendwie doch zum Ziel führen. So folgten wir den Anweisungen Frau Fankhausers auch heute, stets etwas abseits der Hauptstrassen, zu einem kleinen kroatisch-bosnischen Grenzüberrgang. Man nahm unsere Dokumente an, prüfte jedes einzelne eingehendst, notierte unsere Daten auf ein grosses, weisses Blatt Papier (!), sorgfältig, sehr sorgfältig und sehr genau und sehr eingehend. Sehr. Dabei würdigte man uns keines Blickes. Nach der Überprüfung werden wir auf kroatisch oder bosnisch instruiert, was nun zu tun sei. Wir betonen unsere mangelnden Kroatisch-Bosnischkenntnisse in diversen Sprachen, man weicht auf Gebärden aus und verbalisiert parallel in Englisch-Deutsch-Mix. Mit weit ausholenden Bewegungen bedeutet man uns in einem Halbkreis zurück zu fahren. „Nur local People hier!“ Wir verlangen unsere Paipere zurück, etwas irritiert ob der Tatsache, dass für den Halbkreis auf bosnischem Land tatsächlich all unsere Papiere studiert und kommentiert werden müssten, taten aber, wie uns geheissen. An der offiziellen Grenze schwante uns schliesslich, weswegen eine Grenze touristenfrei gehalten wird. Stau ohne Ende, mitten in erbarmungsloser Sonne. Zu diesem Zeitpunkt war die geplante Fahrtdauer schon weit überschritten. Glücklicherweise zeigte sich die Brut gnädig und nahm Hitze und Rumstehen, zumindest nach ausgiebiger Verpflegung, mit Humor. Am Grenzposten wollte niemand unsere Papiere sehen. NIEMAND! Leicht angedeppert folgten wir, sobald wir in der Nähe von Mostar waren, irgendwelchen Campingschildern auf einen Platz, auf dem eine ungefähr 70 jährige Bosnierin nur darauf gewartet zu haben schien, uns und die Kinder voller Willkommensfreude an die Brust zu drücken. Eine Frau, mit der beeindruckenden Gabe, trotz der Tatsache, dass sie keine der Sprachen spricht, die wir auch verstehen, jedes Anliegen so zu vergesten und verlauten, dass es ohnehin verstanden wird. Jedenfalls würde uns ziemlich schnell klar, dass Mostar zwar von Platz aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist, aber im Bus keine Hunde erlaubt sind. Kein Problem für die Zeltplatzpatronin, die rief kurzer Hand ihren Sohn, Gaga, an, der uns eine Stunde später mit seinem Auto abholte und und nach Mostar fuhr. Es entwickelte sich ein spannendes Gespräch rund um den Balkankrieg und seine diversen Konfliktherde. Ganz offen erzählte uns Gaga vom damals, als sein Vater zum Kämpfen abgeholt wurde und davon wie es war, in Angst vor Bomben und Granaten zu leben. Er erzählte uns von dem Tag, als sie wieder mal im Bunker sassen, zu Mittag assen, während Detonationen in der Nähe ihnen die Suppe von den Löffeln schüttete und sein Onkel ohne nachzudenken aufsprang, vor den Bunker rannte und rief: „Lasst mich in Ruhe essen!“ Damals, so Gaga, sei ihm die Sinnlosigkeit dieses Krieges so richtig bewusst geworden. Mit dreizehn Jahren floh er nach Kroatien, wurde mal hier, mal dahin transportiert, ohne zu wissen, wohin man ihn wieder brachte. Er erzählte von den vier Jahren in der Fremde und davon, wie er heim kam und in dem Haus, in dem er aufgewachsen war, fremde Menschen lebten. Er erzählte von Mängeln, von Kämpfen und von Leid und er erzählte vom unerschütterlichen bosnischen Humor, den sie auch in Kriegszeiten, leicht angeschwärzt, nicht verloren hatten. „Weisst du, wenn wieder jemand in die Heimat fuhr, um nach den Häusern zu sehen, wurde er bei der Wiederkehr immer gefragt „Wie geht es meinem Haus?“ und die Antwort war immer: „Du hast jetzt ein Cabrilolet, wie du es magst!“ So war das. Ein geflügeltes Wort wie: Wenn Spinat schmeckt, ist der Hase ein Bär.“ Gaga erzählte uns das lachend, er und seine Familie hatten Glück gehabt. Sie haben ihr Land zurückbekommen.
Der Gard der Zerstörung, den Mostar erlitten hat, wird mit Drestens Zustand nach dem zweiten Weltkrieg verglichen, die Stadt wurde hart umkämpft. Soweit ich das verstanden habe, kämpften erst Kroaten und bosnische Muslimen gegen Serben, später die bosnischen Muslime gegen die Kroaten. Letzteres war wohl schlussendlich der Grund für die Flucht der Familie Gaga. Noch immer ist Mostars Geschichte an jeder Ecke zu sehen, Ruinen, Einschusslöcher, aber auch die alle ungefähr gleich alten Dächer sind stumme, aber eindrückliche Zeitzeugen. Die Häuser rund um Mostars eindrückliche Steinbrücke mit ihrem glattgelaufenen Pflaster wurden nach altem Vorbild restauriert. Mostar scheint hier hauptsächlich vom Tourismus zu leben, jedenfalls kommen Menschen in Scharen und es gibt Jugendliche, die sich etwas dazu verdienen, in dem sie Toristen Geld für einen Sprung von der Mostarbrücke abknöpfen. Beeindruckend ist sie, die Stadt, die gegografischen Gegebenheiten, in die Sie eingebettet ist, der Fluss und die in den Himmel ragenden Minarette vor kargen Bergen. Vor den Bergen, die Gaga vor 20 Jahren so fürchten musste, weil die Angreifer alte Pneus mit Sprengstoff füllten und sie bergab rollen liessen, wie uns Gaga auf der Rückfahrt am Abend erzählte. Zurück in Buna, wo der Campingplatz am gleichnamigen Fluss liegt, reichte es, die Kinder, im Licht der letzten Sonnenstrahlen, noch rasch in die 12*C kalte Buna zu tunken.

Bemerknisse
In Reiseführern wird sorgfältig darauf hingewiesen, dass sich zwingend an die Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten sei. Leider sind diese nur schwer zu finden und wenn denn da mal ein Schild ist, lesen die Bosnier sie eindeutig anders.

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Strassenhunde und unser Köter sind hauptsächlich an einem Merkmal zu unterscheiden: Wenn man einen Stein vom Boden aufhebt, rennende einen mit eingekniffenem Schwanz von dannen, der andere springt vorfreudig auf und ab und erwartet gepflegtes Apportierspiel.

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