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Meine Mutter weiss, dass ich keine Pilze mag.


Als ich jünger war, viel jünger, ungefähr 28 Jahr jünger, also etwa mit zwei Jahren, kochte meine Mutter Pilzrisotto. Ich mochte den Risotto nicht und kommunizierte dies ziemlich deutlich. Meine Mutter überlegte kurz und ging die beigefügten Zutaten innerlich durch. Ich stelle mir das etwa so vor: „Hmmm… Reis und Gemüse mag sie normalerweise, Zwiebeln isst sie meist im Kontext mit und sogar Weisswein verschmäht sie nicht, zumindest wenn er kurz unbeachtet auf dem Salontischchen rumsteht, es MUSS ALSO AN DEN PILZEN LIEGEN!“ An jenem Tag beschloss meine Mutter, mich fortan vor ähnlich leidvollen gustatorischen Erfahrungen zu schützen und all ihre Kraft und Muse dafür einzusetzen, dass ich nie wieder auch nur an Pilzen lecken muss. Wann immer ich eines ihrer Gerichte verschmähte, rief sie enttäuscht: „Aber da hat es doch gar keine Pilze drin!“, wann immer sie Pilzgerichte kochte, kochte sie für mich eine pilzfreie Variation mit und wo immer wir uns zu Besuch anmeldeten, sorgte sie dafür, dass der Gastgeber um meine Pilzaversion wusste oder prüfte die Speisen, bevor sie an mich weitergereicht wurden, auf Pilzkontamination. Sie war eine gute Vorkosterin, das sei hier festgehalten, denn bis zu einer unglücklichen Menuverwechslung, die sich zutrug, als ich bereits 15 Jahre alt war, hatte ich seit dem Risotto von damals, keine Pilze mehr gegessen. Ich hatte ein gutes Leben, so ohne Pilze, nein, ich vermisste sie wahrlich nicht, aber an jenem ominösen Abend im Restaurant, als mir statt der bestellten Spargelsuppe irrtümlicherweise die Pilzcrèmesuppe für meine Cousine serviert wurde und ich nichts als Wohlgefallen löffelte, keimte erstmals der Verdacht, dass es sich bei Pilzen nicht um die Ausgeburt allen Übels handelte. Drei Löffellängen später, als meine Mutter mir das Besteck mit den Worten „Aber das sind Pilze!“, hektisch aus der Hand schlug, fand das kulinarische Erlebnis zwar ein jähes Ende, blieb aber unvergessen. Heimlich sammelte ich in fremdelterlichen Küchen, jedenfalls in denen, die noch nicht von meiner Mutter über meine Pilzabneigung informiert wurden, so lange Pilzerfahrungen, bis ich ganz sicher war: Ich hatte nichts gegen Pilze. Die Zeit war reif, auch meine Mutter an diesem entscheidenden Wissenzuwachs teilhaben zu lassen. An diesem Punkt stehe ich heute, 15 Jahre später, noch immer, denn, egal wie oft ich es ihr sage, demonstriere, gebärde, singe, schreibe, morse: Meine Mutter WEISS, dass ich keine Pilze mag. Und deswegen ist es für mich immer noch sehr schwer, an Pilze zu kommen. Denn meine Mutter liebt mich sehr und sie tut alles für mich, zum Beispiel die Menschheit über meine Pilzunverträglichkeit informieren, deswegen weiss auch Herr G., dass ich keine Pilze mag. Und meine Töchter. Und meine Schwiegermutter. Und meine Schwiegergrosseltern. Und meine Arbeitgeberin. Und sämtliche Restaurantbesitzer in unserem Kanton. Und wahrscheinlich auch der Postbote. Und wahrscheinlich wussten auch Sie das schon.

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Jähriges Rauschen


Bevor ich sie zu Gesicht bekam, hörte ich die Ärztin feststellen, dass das Kind gross sei und schöne Ohren habe, Sekunden danach wurde mir klar, dass sie schamlos untertrieben hat, denn vor genau einem Jahr lernte ich die 3600 phänomenalsten Gramm Kind, die fabelhaftesten 53 Centimeter Persönlichkeit, mein unersetzlich wertvolles ewigliches Anhängsel, mein Ypsilönchen kennen:

Längst über dem Termin, fürchterlich ungeduldig, befüllt mit dosenweise Ananas und literweise nach Heu schmeckendem Tee, der den irreführend wohlklingenden Namen Himbeerblättertee trägt, muskelbekatert nach Küchenputzepisoden und ausserpustig elefantös anmutenden Treppen- und Hausbergbesteigungen sowie den darauf folgenden schwerkraftkontrollierte Abstiegen, war ich schwangerschaftsübersatt. Wirklich. Sehr.
In jedes wehenähnliche Schmerzintervall interpretierte ich Startschuss und als die Abstände kleiner und die Schmerzen grösser, für mein Empfinden jedoch immer noch bestens erträglich, wurden, beschloss ich, im Wissen um mein gelinde gesagt gestörtes Schmerzempfinden (Platzblinddarm ahoi!), die Klinik zumindest telefonisch zu konsultieren. Eigentlich eher um mir versichern zu lassen, dass Wehen ohne Weiteres auch für mich als solche zu erkennen sind. Allerdings habe ich wohl die Hebamme durch meine allzu dramatische Darstellung meiner zeitweiligen Schmerzempfindungsstörungen so erschreckt, dass sie mich, von meinen nachträglichen Abschwächungsversuchen unbeeindruckt und mit dem Einwand, dass alles andere unverantwortlich von mir wäre, umgehend in die Klinik zitierte, bloss um uns nach einem CTG wieder zu entlassen. Alles andere wäre auch fatal gewesen, hatte ich doch meine Kliniktasche Daheim vergessen.
Die Geschehnisse rund um Schleimpfropfen- und tröpfchenweise Fruchtwasserverluste tatsächlich geburtsannähernde Gegebenheiten, die dazu führten, dass wir Madame Pränatallönchen per Geburtseinleitung zur Ypsilönchenwerdung zu zwingen gezwungen, erspare ich der Leserschaft, auch die darauffolgenden beiden wirkungslos wehenvollen Tage, die ich kügelchenschluckend, geburtshölzchenpressend und Kopf bis Zeh mit Nadeln versehen abwechselnd badend und treppensteigend ungeduldete. Was ich Ihnen hingegen gerne genauer beschreiben würde ist die Scrabblepartie, in der ich den Ypsilönchenpapa unter nicht unerheblichen Wehen glorreich besiegte, aber auch das würde Sie wohl käumlich interessieren. Nach dem ich unter weiterhin wirkungslosen Wehen schon stundenlang Urlaute, und zwischenzeitlich wüste Verwünschungen gen Hebamme, die sich zu Wortspielereien mit meinem Nachnamen hinreissen liess (so was wie „Denken Sie daran, sie sind eine ‚Heldin’, Frau ‚Heldin’!“), ausgestossen hatte, wurde eine eigentlich urangstweckende PDA und anschliessender Kaiserschnitt verordnet und ich empfand nichts als unermessliche Erleichterung ob der Absehbarkeit der Warterei. Unter der PDA, nach durchwachwehter Nacht, unendlich aufgekratzt und definitiv nicht mehr gänzlich bei Sinnen, galt meine ganze Aufmerksamkeit kurz vor der Geburt der Tatsache, dass meine Finger nicht flach, sondern gekrümmt lagen, ich mich aber ausser Stande sah sie zu bewegen. Hier glänzte der Ypsilönchenpapa endlich mit einer heroischen Tat und brachte meine Finger in geburtsfähige Position. Kaum geschehen, wurde auch schon an mir rumgenestelet, ich wurde erschüttert und gequetscht, die paar Minuten vebrachte ich damit abwechselnd zu fragen, ob sie denn nun schon geschnitten haben und mit der Aufforderung an den Ypsilönchenpapa, doch bitte hinter den Vorhang zu schauen und mir eine mündliche Echtzeitübertragung zu liefern, als auch schon Yspilönchens erster Schrei, und damit das allerwunderbarste Geräusch das je gehört ward, erklang und ich mich widerstandslos dem Glückshormonrausch ergab, der, so scheint mir manchmal, bis heute in Bezug auf Ypsilönchen anhält.

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Zitronenfalter und Sentimentalitäten


Gestern las ich in den Weiten des weltweiten Netzes „Wer glaubt, dass Sozialarbeiter sozial arbeiten, glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten.“, wie ich heute nach klammheimlichem Gekicher und umgehender Weitergabe im Glauben Witziges kund zu tun ernüchtert erfahren, ein uralter Schenkelklopfer, der eigentlich schon vor einer ganzen Weile genüge getan. Überhaupt war heute was wohl mit der Suchanfrage „ein Tag der nicht dein Freund“ gemeint war. Herzlichtens Dank, liebe® Suchanfragende® (Ha, schon wieder, anstatt ein r in Klammer ein r im Kreis! Oh Schicksal mein, gar schlecht meinst du es heut mit mir!), dass Sie mir meine offensichtliche Feindschaft mit dem heutigen Tage so undiskret unter die Nase reiben, solche Leute wie Sie werden gemeinhin als unsensibel bezeichnet, jawohl. Ich will die werte Leserschaft nun nicht mit allzupersönlichen Details meines miserablen Tages belasten, ABER…

…Ich sass mit einer dezibelmächtig kauenden, atemwegeverätzend parfümtragenden Mitreisen im selben Abteil, in überquellend voller Bahn, Platzwechsel ausgeschlossen.

Nun stellen Sie sich eine manigfaltige Multiplikation derartiger Gegebenheiten vor und bemitleiden Sie mich innig. Danke.

Meiner Laune ebenfalls wenig zuträglich ist die Tatsache, dass morgen den ganzen Tag arbeite, während Ypsilönchen eigentlich den ganzen Tag befeiert, verehrt und beschenkt werden müsste, denn sie wird ein Jahr alt. Ja, sie konsultiert ihre Agenda tatsächlich relativ selten und ja, sie würde ihren eigenen Geburtstag ohne unser Zutun käumlichst bemerken und ja, wir werden das einjährige Ypsilönchendasein am Samstag ausgelassen und hemmungslos wild feiern, unser Wunderlönchen mit Küssen, Geschenken und Freudentränen überschütten, aber der Mutter-Teil meines Herzen, der verklärte, der gluckt und stets stölzert und vor allen Dingen unermesslich sentimental ist, lässt sich nicht täuschen und wird mich, so schwant mir, morgen zu einer dauerberührten Beinahheulsuse machen. Es bleibt wohl nur Bindenhautentzündungsvortäuschung.

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