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Vom Vorbildsein oder klitzekleine rosa Utopien


Ypsilönchen ist das freundlichste 19 Monate alte Kind, das ich bis anhin kennengelernt habe (Zugegebenermassen habe ich mich vorher nicht vorsätzlich unter so junge Kinder begeben.). Wenn immer jemand niest (oder auch hustet) wünscht sie „Zundheit!“ (Gsundheit), sie bedankt sich für jeden Sinn und Unsinn, der ihr gereicht oder positiv angetan wird wahlweise mit „Danke!“ oder „Messi!“, begrüsst Kassiererinnen mit einem „Güssech!“ (Grüessech), verabschiedet sich nach Besuchen mit einem „Ade, messi.“ (Ade, merci) und murmelt „Bado.“ (Pardon), wenn sie jemanden unbeabsichtigt schlägt, rülpst oder sich den Kopf stösst und hängt ihren Forderungen neuerdings auch gerne mal ein „(…) bitte.“ an. Nicht selten werden wir für unser wohlerzogenes Töchterchen gelobt und immer wenn dies geschieht, fühle ich mich genötigt festzuhalten, dass Y durchaus nicht durch aktives Einfordern dieser Verhaltensweisen, sondern allein durch Nachahmung unserer Gewohnheiten zu ihren freundlichen Umgangsformen gekommen ist. Ich sehe mich genötigt diese Tatsache hervorzuheben, weil das Prinzip des Zusammenspiels von Vorbildfunktion und Nachahmungsverhalten Grundlage meiner Vorstellung davon ist, wie ich Ypsilönchen und die kleine Uterusbewohnerin zu erziehen gedenke. Ich stelle damit impliziert Anforderungen an mein Kind: Ich verlange von ihm, dass es merkt, worauf wir Wert legen und uns entsprechend nachahmt, ohne dass wir es darauf aufmerksam machen müssen. Mir ist bewusst, dass es wohl utopisch wäre, mich allein darauf zu verlassen und ansonsten keine weiteren Gedanken an die Erziehung meiner Kinder zu verschwenden. Obwohl ich prompt mit Widerstand reagiere, wenn Sätze wie „Kinder brauchen Regeln und Grenzen“ fallen, ich höre, wohl bedingt dadurch wie ich erzogen wurde, meistens ein impliziertes „Kinder brauchen VIELE Regeln und VIELE Grenzen“ heraus, ist es klar, dass ein einigermassen harmonisches Zusammenleben gewisser Regeln und eben auch Grenzen bedarf. Die allerwichtigsten Regeln und Grenzen setzen wir Ypsilönchen da, wo unsere persönlichen Grenzen beginnen, einige davon sind unumstösslich (Z.B, Gewaltlosigkeit), andere dagegen haben keine allgemeine Gültigkeit und sind in ihrer Ausprägung von persönlicher Verfassung abhängig. Auch setzen wir Y aktiv Grenzen und stellen Regeln auf, wenn sie sich mit einer Handlung selbst erheblich gefährdet (Auch ich lasse Ypsilönchen nur auf verkehrsarmen Autobahnen von Mittellinie zu Mittellinie hüpfen.) ABER bin ich nicht gewillt Y dazu anzuhalten mit Gabel und Löffel zu essen oder am Tisch zu bleiben bis alle ausgegessen haben, bloss weil „man das so macht“, (Ypsilönchen isst sehr gesittet und manierlich meist mit Besteck. Das hat sie nicht von mir.) Y wird nicht untersagt Spielzeuge zum Tisch zu nehmen oder mit Essen zu matschen, bloss „weil man das nicht macht“. Ich sehe keine Gründe ihr irgendetwas vom Genannten aufzuzwingen oder zu untersagen, vielmehr gehe ich davon aus, dass sie ihr Verhalten in all diesen (und mehr) Dingen dereinst dem unseren anpasst, einfach weil sie es will und sie Sinn darin sieht. Ich will keine Regeln und Grenzen aufstellen um konsequent zu sein, ich will Kompromisse schliessen, ich will verhandeln, ich will Ausnahmen machen. Vielleicht bin ich etwas rosa-verklärt, dogmatisch bis utopisch, und ja, Y ist erst 20 Monate alt, ich weiss nicht was kommen wird, aber ich weiss, dass dieser Weg der für mich naheliegendste ist und ich sehe wie wunderbar Ypsilönchen sich entwickelt, wie sensibel und fürsorglich sie mit ihren Mitmenschen umgeht und eben, ich bin ein kleinwenig abgeschweift, wie viele der vorgelebten kleinen Verhaltensweisen sie schon übernommen und verinnerlicht hat.

Und morgen wieder Ulk mit Frau Gminggangg.

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