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Was ich sollen tun sollte, aber nicht tun tue II


Hätten meine Eltern vor meiner Taufe nach einem Namen gesucht, der meinem Arbeitsverhalten entspricht, hätten sich meine Eltern ob der grossen Auswahl und Differenzen darum schon viel früher geschieden. (Ja, ich bitte um Aaahs und Ooohs fürs arme Scheidungs-, äh, Trennungskind, aber das ist eine andere Geschichte.) Verständlicherweise, wer würde sich schon gerne zwischen wohlklingenden Namen wie Prokrastination, Aufschieberei, Saumseligkeit und Undiszipliniertheit entscheiden müssen. Ein vielbesungenes, -beschriebenes und vor allem beklagtes Thema, ich weiss, aber ich komme nicht umhin, mich mit dieser nicht unbedeutenden Eigenschaft meiner selbst auseinander zu setzen, plädiere ich doch ständig und bei jeder sich bietenden Gelegenheit für weniger Regeln und mehr Vorbilden in der Erziehung. Wenn Y eine meiner Eigenschaften unter keinen Umständen übernehmen sollte, ist es die Tatsache, dass ich nur unter massivem Druck arbeite. Meist ist es so, dass ich zu Anfang neuer Aufträge hochmotiviert einen gut strukturierten Arbeitsplan erstelle, oder ihn mir zumindest vorstelle, oder mir zu allermindest vornehme mir einen vorzustellen, um hernach sogleich und unwiderruflich im Dauerverzug zu sein, bis zum Stichtag. Immer wieder unternehme ich Versuche, mich dem Unvermeidlichen zu stellen, lege benötigte Materialien bereit, setze mich hin. Aber, und das sei zu meiner Verteidigung betont, ich bin eben ein Mensch mit fürchterlich viel Verantwortung und es gibt eben in meinem Leben Dinge, die wichtiger sind als irgendwelche Aufträge, Dinge die Vorrang haben und kein Hinauszögern erlauben. Da sind unaufschiebbare Möbelverschiebereien (Diplomarbeit), da ist die Bleistiftsammlung aus Kindertagen, die alle paar Aufträge Monate neu sortiert werden muss (Unterrichtsvorbereitungen), da sind unhaltbare Zustände wie unregelmässig gestrichene Vorratskammerregale (Zeugnisse schreiben) und eine Nase, die all zu lange ungepierct weilte (Soziologieabschlussprüfung). Sie sehen, das effektive Arbeiten wird mir auch nicht eben leicht gemacht. Zum letztmöglichen Zeitpunkt, wenn alle anderen Wichtigkeiten endlich verrichtet, erledige ich in Rekordzeit und unter stressbedingtem Herzrasen was zu erledigen ist, während ich mich abwechslungsweise für meine Arbeitsmoral verfluche und Besserung gelobe, um schliesslich Alles pünktlich fertiggestellt zu haben und noch Wochen danach mit Nachfolgeerscheinungen (Kinder die bei meinem Anblick angstvoll zu brüllen beginnen, ich, die bei meinem Anblick angstvoll zu brüllen beginne, Kaffeeentzugserscheinungen, Desorientierung ausserhäusig und durch allzukreative Möbelumstellung auch innerhäusig usw.) zu kämpfen. Aber mit dem nächsten Auftrag beginne ich früher, ganz bestimmt.

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