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Fazit einer Vierteljahresreise mit Kindern und Hund


Als wir vor zwei Jahren für ein Vierteljahr zu reisen planten, ernteten wir einige erstaunt bis entsetzte Reaktionen. Ein Reisevorhaben mit so kleinen Kindern (damals 1 und 3) und erst noch in den Balkan, löste hie und da gemischte Gefühle aus, die auch gerne und ungefragt kommuniziert wurden. Das war bei unserem diesjährigen Reiseprojekt anders, unsere Begeisterung nach der letzten Reise hat wohl für sich gesprochen. Im Fazit der letzten Reise schrieb ich einiges von lohnender Beschwerlichkeit beim Reisen mit Kleinkindern, das Reisen mit 1- und 3-jährigen Kindern unterscheidet sich allerdings erheblich vom Reisen mit 3- und 5-jährigen Kindern. Mittlerweile hat die Brut ein Alter, in dem sie selber auf Erkundungstour gehen können, nicht mehr alles Essen, was sie so am Boden finden und ansatzweise auch Vernunft zeigen. Das führt dazu, dass wir, im Vergleich zur Reise von vor zwei Jahren, doch entspannter waren, mehr Sehenswürdigkeiten anfuhren und uns öfters auswärts bekochen liessen. Der Unsicherheitsfaktor Hund, der mir vor der Reise noch einige Sorgen bereitete, stellte uns auch vor keine grösseren Probleme. Die aufwändig besorgten Papiere, Impfungen und Antikörpertests interessierten niemanden auch nur im Geringsten und wurden nur einmal beachtet, von einer Grenzpolizistin, die den Ausweis für Autopapiere hielt. Reisen nach Osteuropa sind vorbehaltslos zu empfehlen, mit und ohne Kinder, Hunde und PartnerInnen, ja, ich wüsste nicht, wie man von einer derartigen Erfahrungen nicht mit geöffnetem Blick, erweitertem Horizont, gewärmten Herz und verschobenen Relationen zurückkehren könnte.

Wir danken all den wunderbaren Menschen, die uns bei unserem Vorhaben in mannigfaltiger Weise unterstützt haben von ganzem Herzen!

Die Reise in Zahlen:

11986 Km (dazu kämen Strecken unbekannter Längen auf Fähren)

14 Länder

22 Grenzüberquerungen

3 Fährfahrten

87 Reisetage, 57 Übernachtungsplätze, davon 45 Camping- oder Stellplätze, 6 Restaurantparkplätze, 1 Appartement, 1 Fähre, vor einer Garage, 2 bei Bekannten, 1 Spitalzimmer, 1 Klostervorhof

1 neues Reifenventil

2 neue (alte) Türgriffe

1 manueller Autowaschgang

9 Wäschewaschgänge, davon 1 Handwäsche

1 Krankenhausbesuch

1 Arztkonsultation

2 Besuche in Autowerkstätten

4 Polizeikontrollen

Gefundene Gegenstände:

2 grüne Sandschaufeln

1 pinke Sandschaufel

1 gelbe Sandschaufel

1 roter Sandeimer

7 Sandförmchen

1 Paar pinke Croks

1 Plastikfigur

1 Haarspange

2 Heringe

3 Fussbälle

1 Tennisball

1 Schaumstoffball

Ein Gala-Heft auf Niederländisch

1 einzelner Socken

2 Kaffeelöffel

Verlorene Gegenstände

>30 Wäscheklammern

2 Heringe

1 Schwimmring

3 Schwimmflügel

1 grüne Sandschaufel

1 pinke Sandschaufel

3 Fussbälle

1 Tennisball

1 Schaumstoffball

1 Wassermelone

1 Sonnenhut

3 einzelne Socken

2 Zahnbürsten

1 Kinderunterhose

1 Löffel

3,5 kg Körpergewicht (alle zusammen)

3 Flaschen Shampoo

Geschenkt bekommen (Kitschkram wie schöne Erfahrungen und innige Momente zähle ich nicht)

4 Maiskolben

3 türkische Gebäcksstücke

1 türkische Rahmsüssspeise

1 türkischer Milchreis

4 Wassermelonen

3 Honigmelonen

4 Nektarinen

4 Birnen

8 Äpfel

3 Kaktusfeigen

4 Handvoll Haselnüsse

2 Fleischknochen

14 Lutscher

21 Bonbons

2 Fresbees

1 Fotoshooting

1 Vergnügungsparkchip

1 Konfitüre

1 Bund Schnittlauch

1 Liter Milch

1 Parkplatzgebühren

32 Schokoladenprodukte

7 bulgarische Berliner

ein braunes Kindershirt

1 Halskette mit blauem Auge

8 Süssgetränke

2 Abendessen

2 Suppen

1, 2, 3, 4, äh, einige Trinkrunden

2 Pflaumen

2 Euro

37 Tomaten

2 Zucchini

1 Aubergine

23 scharfe, kleine Peperoni

4 Gurken

1 Bund Minze

2 Handvoll getrocknete Tomaten

Top 5 der eingepackten Gegenstände

Frau Fankhauser

Wäschesack mit Wäscheleine (Danke, schon wieder, Frau Blomma!)

Hängematte

Töpfchen

ReGa-Visitenkarte

Top 5 der eingepackten Gegenstände. Nicht.

Schwimmwesten

Grill

Nagellack

Sicherndes Hundegeschirr fürs Autofahren

Regenplane

(Ja, wie haben viel gelernt von der letzten Reise)

Top 5 Glücksfälle

Magendarmprobleme wenn allzeit ein Klo bereit

Schlüssel wiederfinden, täglich

Keinerlei ernsthafte Autopannen, Ventilproblem in Werkstattnähe, balkanverbreitetes Gefährt

Rega-Mitgliedschaft

Den richtigen (Nicht-)Sommer wählen

Top 5 Gegenden

Kappadokien, Türkei

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Türkische Schwarzmeerküste

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Peleponnes, Griechenland

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Albanische Berge

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Zwischen Jajce und der kroatischen Grenze, Bosnien und Herzegowina 

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Top 5 Ortschaften

Sarajevo, Bosnien und Herzegowina 

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Gjirokaster, Albanien

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Amasra, Türkei 

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Jajce, Bosnien und Herzegowina 

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Piratenfeenschiff, Pennepoles 

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Top 5 Übernachtungsplätze

Drvenik, Kroatien

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Irgendwo nach Antalya, Türkei 

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Fischrestaurant bei Cide, Türkei 

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Plav, Montenegro

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Irgendwo bei Kavarna, Blugarien 

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Top 5 Stellplätze. Nicht.

Wir scheinen einiges gelernt zu haben, jedenfalls bringe ich keine fünf Negativbeispiele zustande, dafür gibt es einen eindeutigen Kategroriesieger:

Spitalzimmer, Eregli 

Top 5 Begegnungen

Gaga aus Buna bei Mostar, Bosnien und Herzegovina 

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Die Bulgaren aus Sozopol 

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Nilüfer und Serhad mit Jaren aus Istanbul, Türkei 

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Christina und Michaela aus Skopie, Albanien 

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Bleonard aus Malisevo, Kosovo 

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Hier fielen Entscheidungen schwer, denn neben den fünf hier erwähnten Begegnungen, trafen wir auf weitere, ganz wunderbare Menschen, wie Ismail, der uns einen Kreisel drechselte, Antonio, der uns fürstlich bekochte, die Litauer, die uns zu sich nach Hause einluden, der Deutsche Rentner, der den Kinder einen Fingerspiel beibrachte, das sie noch heute täglich aufsagen, die vielen namenlosen aber herzerwärmenden Kurzbegegnungen und nicht zu vergessen die Störche, die uns von Bulgariens Mitte bis Istanbul in atemberaubend schönen Formationen begleiteten und Sinnbild unserer Reise bleiben werden.

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Tasucu – irgendwo zwischen Alanya auf Antalya – Kemer – Köygeniz (Tage 45-47)


Nach dem wir in Tasucu zwar schon einiges vom türkischen Mittelmeertourismus bemerkt haben, wenn auch noch in milden Formen, hauptsächlich auf türkische Besuche zugeschneidert, machen wir uns auf, Richtung den beiden Hochburgen Alanya und Antalya. Ich bin ein wenig gespannt, schliesslich muss es doch einen Grund geben, weswegen es die Touristenströme dahin zieht. Bis eine halbe Stunde vor Alanya gefällt mir die Gegend dann auch ziemlich gut. Wir fahren durch Bananengebiet, von dem ich nicht wusste, dass es in der Türkei in dem Masse existiert. Riesige Bananenplantagen säumen Strasse und Küste, scheinen die kleinen Dörfer regelrecht zu verschlucken, ja, manchmal ist die Moschee das einzige Gebäude, das die Existenz eines Dorfes, mitten im Bananenpalmenfeld, verrät. Alle paar Kilometer stehen Stände, an denen die frisch geernteten Bananen in Reinform oder verarbeitet gekauft werden können. Etwa eine halbe Stunde vor Alanya künden breiter und rissfreier werdende Strassen, erste Hotelkomplexe und unschöne Zersiedelung an, was uns auf nächster Strecke erwarten wird. Ich fasse zusammen: Resort an Resort, Bunkerbau an Bunkerbau, viel Verkehr, Ampeln, seltsame Basäre, durch Zersiedelung und Überbauung verunstaltete Landschaft, Grosse Irritation und viel Unverständnis. Da fliegen sie also alle hin, die Pauschlareisenden, und machen Ferien in einer Türkei, die so gar nichts mit dem Rest des Landes gemeinsam zu haben scheint. Wahrscheinlich muss ich das nicht verstehen. Irgendwo zwischen Alanya und Antalya können wir nicht mehr. Fahrmüde und schlecht gelaunt fahren wir eine kleine Pension an, die uns unser Reiseführer empfiehlt. Wir werden nett empfangen, der Garten ist wunderbar, verfügt über Meerblick und solange man den zugemenschten Strand nicht all zu genau ansieht, lässt es sich gut eine Nacht verbringen. Unser Ziel für morgen steht jedenfalls fest: Wir wollen hier raus.
Am nächsten Morgen fahren wir zügig los, schliesslich haben wir einen Plan. Um zu beschreiben was wir bis eine halbe Stunde nach Antalya noch so sehen, reicht es, den vorangehenden Abschnitt nochmal zu lesen. Antalya soll zwar eine nette Altstadt haben, aber die lassen wir aus. Wir sind, nun, ich gebe zu, hauptsächlich ich bin, unheimlich schlecht gelaunt. Ich fürchte, dass die ganze türkische Mittelmeerküste so aussieht und hadere. Mit allem und allen. Und ich fluche an jeder Ampel. Es hat hier unheimlich viele unheimlich ausdauernd rot stehende Ampeln. Ich weiss nun zumindest, dass mir die Türkei durchaus nicht überall gefällt. Als nach der oben erwähnten halben Stunde wieder unverbaute Meerstreifen, Berge und Natur zu sehen ist, schöpft zumindest Herr G. lautstark Hoffnug, ich erwarte hinter jeder Biegung weitere Hotelkomplexe. Blind folgen wir Frau Fankhauser zu einem Platz, den der Reiseführer abgeschieden und „in freier Natur“ nennt. Als wir wider Erwarten genau das finden, kann ich noch weniger fassen, was wir gerade durchfahren haben und dass da tatsächlich Menschen in aufwändig begrünten Poolbetonschaften plantschen, während sie in einer halben Stunde problemlos die ganze echte, unverbaute und betonfreie Schönheit präsentiert bekämen. Das hat der Platz, Sundance Camp, wirklich zu bieten, mit seinen uralten Bäumen, zugewachsenen Nischen, dem rauhen Steinstrand, dem Flussarm und dem weitläufigen Gelände ist der Platz,der mutmasslich von Alternativen und Hängengebliebenen liebevoll und mit Rücksicht auf die Natur geführt wird, durchaus nicht nur im Antalyavergleich ein Paradies. Wir essen zu Mittag und verbringen den Tagesrest mit im Wasser. Noch am Abend beschliessen wir uns möglichst bald nach Griechenland zu verschiffen, wir wollen genügend Zeit für die Rückreise.
Am nächsten Morgen brechen wir etwas gemächlicher auf, nichtsahnend, dass wir aufgrund einer Fehlplanung einen Fahrtag bewältigen werden, wie wir sie eigentlich explizit vermeiden wollen. Aber damit will ich Sie heute auch gar nicht langweilen. Landschaftlich zeigt sich der Tag jedenfalls divers und streckenweise sehr schön. Nur Ölüdeniz gilt es wohl in den Monaten Dezember bis März zu meiden, da findet man zwar nicht den Pauschaltourismus der Gegenden von Antalya und Alanya, aber viele Leute hat es allweil. So viele, dass wir unseren Fahrtag spontan nochmal verlängern und bis an den See bei Köygeniz fahren, wo wir einen botanisch reizvollen, ruhigen Platz finden, dessen Besitzer wohl auch schon fürstlicher von den Einnahmen der Besucher gelebt haben, wie ich aus der heruntergekommenen Anlage schliesse, die einst wohl einen intakten Tennisplatz und einen Streichelzoo beinhaltete. Ersterer existiert noch und kann auch benutzt werden, Hürdenläufer und Slalomprofis spielen da bestimmt gerne um die Wucherritzen rum. Der „Streichelzoo“ ist ein Ort des Grauens, tote und lebendige Tiere, bestialisch stinkend auf engem Raum. Ich werde den Reiseführer unsers Vertrauens auf diese Tatsachen aufmerksam machen und nahe legen, den Platz aus dem Verzeichnis zu nehmen.

Bemerknisse
Fast schon erheiternd sind die Hotelanlagen, die da neben anderen Hotelkomplexen dicht an dicht an mehrspuriger Strasse vor sich hin existieren, und ironisch anmutende Namen wie „Lonley Island“, Silent Beach Resort“ und „Blue Sea Club“ tragen.

Für die im Rohbau stehenden weiteren Komplexgiganten hätte ich bereits weitere Namensideen gesammelt, also wenn hier ein Verantwortlicher mitliest, für gelungen hielte ich beispielsweise: „Sea O Two“, „Idiot! Why don’t you go to the Black Sea?“ und „Catastropical Island“.

Kommt es auf türkischen Autobahnen zu kurzfristigen Staus, ertragen die gestauten Menschen das mit Ruhe und Gelassenheit. Man flaniert zwischen denAutos einher,hält hie und da ein Schwätzchen, verteilt Zigaretten und wenn auch noch Musiker unter den Wartenden sind, ist sogar für musikalische Unterhaltung gesorgt.

 

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Hattusha – Ortahisar (Kappadokien) – Tasucu (Tage 42-44)


Relativ zeitig verlassen wir Ömürs Vorgarten, wir wollen heute ein gutes Stück Weg zurück legen. Bis nach Kappadokien wollen wir kommen und ahnen, dass die Einsamkeit auf den Stellplätzen damit ein Ende finden wird. Nicht nur Kappadokien verspricht sehr touristisch zu werden, auch was danach folgen wird, die türkische Mittelmeerküste, die Region zwischen Adana, Alanya und Antalya, ist nicht gerade für ihre Menschenleere bekannt. Wir sind gewappnet. Glauben wir.
Um nach Kappadokien zu gelangen durchqueren wir ein türkisches Landesinnern, wie ich mir das vorgestellt habe: Kleine Dörfer, weite, karge Landschaft, der Kargheit trotzende Olivenbäume, Ziegen- und Schafherden, gelangweilt an Strassenrändern stehende Esel, winkende Einheimische und, auch wenn die meisten Hirten mit Smartphones unterwegs sind, ein wenig Zeitreise in die Vergangenheit. Kurz vor Kappadokien wird die öde Schönheit etwas unspektakulärer, so also wolle man sicher gehen, dass mit der Einfahrt in Kappadokien jedem Besucher klar wird, weswegen die Gegend hier so anziehend wirkt. An spektakulärem mangelt es Kappadokien wahrlich nicht, das wird uns schon bei der Anfahrt klar, ebensowenig mangelt es an Menschen, die das ebenso sehen. Wir fahren den allenthalben empfohlenen Platz, etwas Abseits des Geschehens an und sind etwas erstaunt, wie erstaunlich wenig belegt er ist. Die Lage ist grandios, absolut unverbauter Blick über einige kleine Schluchten in den bekannten Formationen aus Tuff.
Von Platz aus mache ich, allein und mit Gassirunde verbunden, eine kleine Erkundungstour durch die nahen Schluchten, die Orientierungssinne ebenso zu schlucken scheinen, wie sämtliche Aussengeräusche. Zurückgeworfen auf meine eigenen Atemgeräusche, und die des Hundes, wird das Tufflabyrinth, mit all seinen Nischen und Höhlen, erstaunlich schnell zur psychischen Herausforderung. Jedenfalls für mich. Meine innere Comiczeichnerin mit Hang zur Dramatik malt farbenfrohe Zeichnungen meines darbenden Alter Ego. Charlotte rennt auf meinen Befehl, mich zurückzuführen erfreut los und bringt mir ein Stöckchen, das von Nahem betrachtet eher der Rippenbogen eines Huftieres ist. Ich lege ihn auf einen der Bäume, was den Hund dazu veranlasst, mir genervte Blicke zu zuwerfen. Plötzlich überkommt mich der Gedanke, dass ich im Hundevieh zumindest etwas Essbares dabei hätte und tätschle ihr versöhnlich den Kopf. Vielleicht hätte ich ihr den Knochen doch füttern sollen? Wir irren hin und her, der Hund ist überhaupt keine Hilfe, der will nur spielen und sucht Knochen. Als ich schliesslich einen Aufstieg finde und sogar den Gefährten in der Ferne sehe, kichere ich leicht hysterisch vor mich hin. Ein Heimkommen scheint möglich, auch wenn noch etwa drei Canyons vor uns liegen. Von nun an gehe ich systematisch vor: Runter, links, erste Möglichkeit rechts, hoch usw. Dieses Prinzip bringt uns so weit, dass nur noch ein Canyon zwischen uns und dem Gefährten liegt. Ich produziere gerade irgendeinen peinlichen Jubellaut, als ich hinter uns ein Bellen höre und drei gigantische Kangals auf uns zu rennen sehe. Erinnern sie sich an meine Hundeangst? So leicht angepanikt hundeängstigt es sich famos, sage ich Ihnen. Ich überlege irgendjemanden zu rufen, aber es ist niemand in Sicht. Ich überlege auf einen Baum zu klettern, aber hier wachsen nur kniehohe Reben. Ich sehe meine einzige Überlebenschance, und das meine ich durchaus wortwörtlich, denn meine Innere Comiczeichnerin hat schon weiter, sehr rotlastige Bilder angefertigt, darin, den Bestien Charlotte und einige Belohnungsleckerchen zum Frass vorzuwerfen und den geordneten Rückzug anzutreten. Ich überlass meinen Hund also seinem Schicksal, geh langsam und so breitbeinig und breitarmig als möglich zum nächsten Canyon und stürze mich ausser Sichtweite. Danach marschiere ich im Tal strammen Schrittes von dannen. Ich höre bis auf meine eigenen Schritte und die Schnappatmung nichts, klettere aber, als ich dem nächsten Olivenbaum begegne, sicherheitshalber mal hoch. Tatsächlich höre ich einige Minuten später hündisches Traben und überlege, wie hoch so ein Kangal springen kann und wie ich das mit Charotte meinen Kindern erkläre. Um die Tuffrundung biegt allerdings Charlotte. Ziemlich fröhlich, sei gesagt, als hätte sie gerade eine nette Spielstunde hinter sich. Genau so motiviert trabt sie nun zum Platz, ich hinterher. Ein netter Spaziergang in Kappadokien eben.

Jenseits der Dramatik seien folgenden Kappadokienbemerknisse festgehalten:

Kappadokien ist sehr touristisch, besonders wenn man von der Schwarzmeerküste kommt.
Kappadokien ist atemberaubend schön und divers.

Wer Heissluftballonfahren ganz doll mag, so sehr, dass er eigentlich gar nichts anderes sehen möchte, als andere Heissluftballone beim Fliegen, der sollte in Kappadokien mit dem Heissluftballon fliegen. (Unglaubliche Bilder, deren Präsentation hier an meiner Faulheit liegt, den Apparat zu zücken, als ich die umvorstellbar vielen Heissluftballone beim gleichzeitigen Start erblickte.)

Wenn Sie auch gerne Höhlen sehen, aber die grosse Tourostenmasse meiden möchten, besuchen sie die Zelve-Höhlen, auch wenn diese noch weniger restauriert und wohl noch nicht gänzlich freigelegt sind. Dafür können Sie auch mal ganz alleine in einer Höhle bleiben, gänzlich ohne anzustehen.

Kappadokien ist auch mit kleineren Kindern empfehlenswert. In Kombination mit den Höhlen und Felsen Zelves wandern auch Laufmuffel eine gute Stunde am Stück.

Den Rest betrachten Sie lieber auf den unzureichenden Fotos.

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Sinop – Hattusha (Tag 41)


Wir haben uns für heute viel vorgenommen, beispielsweise so um halb 10 los zu fahren. Dann haben uns die Platzdeutschen noch eingehend verabschiedet und uns massig wertvolle Tipps auf den Weg gegeben. Der Mann hat hier nicht nur 20 Jahre gelebt, sondern auch als Guide gearbeitet, kompetente Beratung also. Jedenfalls fuhren wir um 11 Uhr los.
Wir fahren von Sinop auf relativ schlechter Strasse direkt in die Berge und brauchen relativ lange um einige Kilometer zurückzulegen. Dafür ist die Strecke wunderschön, knapp 900 Höhenmeter machen wir in kurzer Zeit und gelangen von der fruchtbaren Gegend rund ums Schwarze Meer, direkt in alpin anmutendes Mittelhochgebirge. Die Landschaft ist geprägt von dunkeln Nadelbäumen, kargen, gelben Wiesen und atemberaubenden Ausblicken. Zu Bergfüssen liegen kleine, in positiven Sinne verlebte Dörfer und erinnern, von Zeit und Lage gezeichnet, an vergangene, archaischere Tage. Woran die Häuser und Höfe der Gegend ebenfalls erinnern, ist an die Zeit, als es die Schnellstrasse noch nicht gab und jeder, der diese Strecke befahren wollte, hier durch kam. Verwitterte Picknickschilder, verwaiste Tankstellen und stillgelegte Restaurants zeugen von früherem Zusatzverdienst an Durchreisenden.
Nach den luftigen Höhen pasieren wir einige unspektakuläre, aber weite Täler um zwischen Merzifon und Osmancik relativ plötzlich in eine andere Welt einzutauchen. Wir fahren durch weite Reisfelder in hellem Grün, umgeben von riesigen, dunkelgrauen Felsen in den bizarrsten Formen und Formationen und hübschen kleine Dörfern, die sich in Ton in Ton in schützenden Winkeln halten, während ihr Moscheen die farbenfrohsten sind, die ich bisher in der Türkei gesehen haben. Wahrlich eine Landschaft, die tiefen Eindruck hinterlässt.
Danach wird die Gegend, nach einer erneuten Berg und Talfahrt, wieder etwas unspektakulärer und vor allem karger. Hier finden wir wieder die langezogenen, gelbbraunen Felder, steinmauerumgeben, von Olivenbäumen gespickt, mit riesigen Schaf-, Ziegen- und Kuhherden, samt ihren Hirten und gigantischen Hütehunden.
Nach einem relativ langen, aber wunderbaren Fahrtag, den selbst die Kinder quengelfrei bewältigt haben, fahren wir in Hattusha ein, biegen zum erstbesten Hotel mit becamparem Hof ab und finden einen weiten, gut begrünten Garten vor, den wir als einzige in Anspruch nehmen. Das war früher anders, meint der Besitzer, vor den Unruhen war hier um diese Jahreszeit alles voll. Jetzt herrscht Flaute und Leere in den Kassen. Kaum eingerichtet, werden wir schon vom Nachbarn, aus dem gegenüberliegenden Haus an den Zaun gerufen. Einzutreten wagt er nicht, die Hunde angst… Er heisst Ömür, hat gerade in seinem Garten gerabeitet, und überreicht uns einen Korb voll von seinem Gemüse. Ein Willkommensgeschenk sei es, sagt er lachend und klopft mit seiner rechten Hand auf sein Herz, ein Zeichen der Verbundenheit. Ich danke gerührt, und packe den Schatz in unsere Gemüsekiste. Gurken, Tomaten, Auberginen, Zucchini, irgendeine grüne Peperoniart, kleine scharfe Peroncini und frische Minze. Ömür will uns zeigen, wo das Gemüse herkommt und führt uns in seinen wunderschönen, liebevoll gepflegten Garten. Hier zieht er nicht nur frisches Gemüse, sondern trocknet auch Geerntetes für den Winter. Er überreicht uns eine Handvoll getrockneter Tomaten, gegen deren Geschmackintensität die teuren getrockneten Tomaten, die wir in der Schweiz zu kaufen kriegen, nur fader Abklatsch sind. Ömür hat den grünen Daumen, soviel steht fest.

Bemerknisse

Sollte uns auf dieser Reise je eine spontane Hungersnot ereilen, würden wir von den Vorräten in den Kindersitzenritzen noch mindestens eine Woche überleben.

Äm nennt Charlotte liebevoll „meine Praktikantin“, die Konsequenz mit der das Kind tituliert, schafft relativ grenzwertige Konversationen. (Ausführungen sind hier wohl nicht nötig, ich traue Ihrer vorstellungskraft einiges zu.)

Ein GPS-Update kann unter Umständen rekativ wichtig sein. Jedenfalls führte Frau Fankhauser uns heute gern jenseits der befsetigten Strassen durch Nirgendwo und unbeirrbar in Sackgassen, wie beispielsweise diese geradewegs in den See führende Strasse.

 

 

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Aydincik – Abana – Sinop (Tage 39 – 40)


Am nächsten Tag wachen wir ziemlich früh auf. Wir stehen so direkt in der Sonne, dass der Gefährte zum Backofen wird und an Schlaf nicht mehr zu denken ist. Im Reiseführer lesen wir, dass wir uns eine Übernachtungsmöglichkeit bei Inebolu sichern sollten, weil da die einzigen Optionen vor Sinop liegen. Cide, das letzte grössere Dorf vor Inebolu, scheint, zumindest an de Küste, mit seiner zugepflasterten Promenade, der Strasse direkt dahinter und den anschliessenden, Appartementblocks, eher öd und lieblos. Weil wir Geld brauchen, fahren wir ins Zentrum der Stadt, das nicht direkt am Meer, sondern gut zwei Kilometer im Landesinnern liegt. Hier steppt dann doch der Bär und wir finden buntes Treiben und Leben. Das Finden eines funktionierenden Geldautomaten ähnelt einer Lotterie, und das nicht nur für mich, mit ausländischer Karte, nein, auch die Einheimischen sind ganz offensichtlich oft nicht erfolgreich beim Geldabheben, nehmen das aber meist gelassener als ich. Nach Cide wird die Strasse kurz und schottrig, bereits nach wenigen Kurven treffen wir auf den Schweizer der schon auf einem unsere Schlafplätze stand und die Besitzer des Platzes nachhaltig beeindruckt hat. Der Mann ist zu Fuss unterwegs, mit einem Fahrradanhänger, jetzt seit fünf Monaten von insgesamt sechs Jahren. Er wird bis nach Indien gehen und von da aus weiter, tut dies, neben auf der Hand liegenden Reisefreudegründen, auch um auf Kindesmissbrauch aufmerksam zu machen und würde hie und da gerne ein wenig gesponsert. Fortan denken wir bei jedem Anstieg, den der Gefährte nur in tiefen Gängen bewältigt, an den Mann zurück und an die Tatsache, dass er die Strecke geht. Gefälle hat die Strasse zu Hauf, ebenso wie Kurven, Verengungen, Schlaglöcher und Schotter, dafür ist die Landschaft eine der schönsten Küstenabschnitte, die ich je gesehen habe. Übernachtungsplätze hat es hier allerdings wirklich keine, wir hätten nicht mal die Gelegenheit für eine Nacht neben der Strasse zu parken, andere Strassen gibt es, bis auf einige Feldwege gen Ufer, nicht und wirklichen Zugang zum Meer findet man nur manchmal in den vereinzelten Dörfern, die wir durchfahren. Die Küste fällt felsig und Steil ins Meer ab, ist aber ansonsten gut begrünt, streckenweise mit Laubbäumen, dann wieder eher nadelbaumlastig. Die Dörfer befinden sich meist rund um Fluss- oder Bacheinmündungen ins Schwarze Meer, verfügen auch bei minimer Grösse über mindestens eine, eher zwei Moscheen und bestehen aus einfach betonierten Bauten, den schon früher erwähnten windschiefen Holzhäusern, hier sind noch sehr viele davon, einige gut erhalten, zu finden, und backsteinernen Häusern, mit ihren ungemein schönen Holzrahmenfenstern und -Türen. Auch hier sind die Männer, wenn nicht bei der Arbeit, in den Teestuben zu sehen, die Frauen, in farbenfroher, leichter aber weiter Kleidung bekopftucht miteinander redend, oder auch bei der Arbeit. Hier werden grosse Körbe voller Heu, Holz oder Früchte auf dem Rücken der Strasse entlang getragen, Kühe, Esel und Schafe getrieben, Haselnüsse geerntet und in den Dörfer die Ernte verkauft. Nach Inebolu werden die Strassen wieder breiter, die Dörfer wieder grösser und charmloser und die Landschaft wieder etwas ebener. Als wir das sehen bereuen wir, uns nicht einfach für eine Nacht an eine der Flusseinmündungen gestellt zu haben, fahren aber trotzdem weiter, bis nach Abana, wo wir den erstbesten Platz, direkt am Hafen nehmen und den Rest des Tages mit Bootsbeschau, Eisessen und Stranden verbringen. Trotz Kleinstadtnähe und Wochenende ist der Ellenlange Strand aus abgewetzten Kieseln praktisch leer. Es wird eine ruhige Nacht.
Am nächsten Morgen stehen wir wieder mitten in der Sonne, brechen wieder früh auf und haben eineinhalb Stunden später bereits Sinop, unser Zwischenstopp, bevor wir die Schwarzmeerküste verlassen und ins Landesinnere reisen, erreicht. Wir verbringen einen unspektakulären Badetag an nach wie vor erstaunlich (Hochsaison, Sonntag) menschenleerem Strand.

Bemerknisse

Wir haben seit 20 Jahren in der Türkei lebende Deutsche nach dem Mülltrennungssystem gefragt, weil wir immer ein kleinwenig schlechtes Gewissen haben, wenn wir alles in einen Beutel schmeissen. Seine Antwort: „Alles was in eine kleine Tüte passt, kommt in die rechte Tonne, alles was nicht in kleine Tüten passt in die linke Tonne und was du nicht zuordnen kannst, verteilst du am Strand.“ Gemessen an Gesehenem hat er recht. So macht das wohl auch der halbe Balkan.

Über kurz oder lang werden wir ein weiters Eregli passieren. Wir haben Angst. (Siehe vorletzter Artikel, Eregli, Krankenhaus und Co.)

Man bekommt hier Çay wenn man aufs Essen wartet, man bekommt Çay wenn man auf Wäsche wartet, man bekommt Çay wenn man auf den Mann wartet, wenn man auf das gewaschene Auto wartet, wenn man auf gekürzte Hosen wartet und seltsamerweise warte ich hier plötzlich irgendwie lieber.

Campende Türken mögen ihren Grill. Campende Türken mögen ihren Grill mittags und abends. Der Grill von campenden Türken kann echt viel Rauch. Der Grill von campenden Türken kann Rauch für 16 Fussballfelder. Campende Türken grillen aber neben ihren Zelten. Die Zelte von campenden Türken sind Dampfabzüge. In Zelten von campenden Türken passt Rauch für 16 Fussballfelder.

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