Guerillaflauschen


Ich bin ja nun im Herzen eine Revoluzzerin. Sie werden das vielleicht nicht merken, denn klar, ich bin Lehrerin, habe Mann, zwei blonde Kinder, einen Hund und ein Haus mit Gartenzaun, bezahle (fast) pünktlich meine Steuern, lüge nur selten und fahre nur unabsichtlich schwarz, aber im Herzen bin ich Revoluzzerin, im Herzen bin ich eine Guerilla. Ich bin eine Guerilla mit einem Problem. Mittlerweil kann mann ja glücklicherweise derartige Anwandlungen wild und mannigfaltig ausleben, beim Guerillastricken beispielsweise, oder beim Guerillayoga. Man guerillatanzt, guerillafilzt, guerillasät, guerillastillt, man macht eben ganz unheimlich oppositionelle Guerillasachen. Das klingt nach viel Gelegenheit guerillaktiv zu werden, nur dass ich weder stricken noch Yoga kann, eindeutig ausgestillt habe und mein einziges Filzwerk je, ein unbeabsichtigtes Rasta im unteren Hinterkopfhaar war. Es bleibt also nichts anderes übrig, als mir eine andere verwegene Guerilladisziplin zu erfinden. Auf der Hand lägen Dinge wie Guerillaheisseleimen, Guerillatackern und Guerillaohrenputzen, aber ach, ich weiss, nicht, das ist mir alles zu, uuuh, revolutionär, zu riskant und gefährlich. Vielleicht werde ich einfach jeden, der den Begriff “Guerilla” vor jede mehr oder minder kreative Tätigkeit stellt, die in mehr oder minder grossen Gruppen, an mehr oder minder öffentlichen Orten, mehr oder minder erfolgreich durchgeführt werden, wohlmeinend guerillaklapsen.

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Fazit einer Vierteljahresreise mit Kindern und Hund


Als wir vor zwei Jahren für ein Vierteljahr zu reisen planten, ernteten wir einige erstaunt bis entsetzte Reaktionen. Ein Reisevorhaben mit so kleinen Kindern (damals 1 und 3) und erst noch in den Balkan, löste hie und da gemischte Gefühle aus, die auch gerne und ungefragt kommuniziert wurden. Das war bei unserem diesjährigen Reiseprojekt anders, unsere Begeisterung nach der letzten Reise hat wohl für sich gesprochen. Im Fazit der letzten Reise schrieb ich einiges von lohnender Beschwerlichkeit beim Reisen mit Kleinkindern, das Reisen mit 1- und 3-jährigen Kindern unterscheidet sich allerdings erheblich vom Reisen mit 3- und 5-jährigen Kindern. Mittlerweile hat die Brut ein Alter, in dem sie selber auf Erkundungstour gehen können, nicht mehr alles Essen, was sie so am Boden finden und ansatzweise auch Vernunft zeigen. Das führt dazu, dass wir, im Vergleich zur Reise von vor zwei Jahren, doch entspannter waren, mehr Sehenswürdigkeiten anfuhren und uns öfters auswärts bekochen liessen. Der Unsicherheitsfaktor Hund, der mir vor der Reise noch einige Sorgen bereitete, stellte uns auch vor keine grösseren Probleme. Die aufwändig besorgten Papiere, Impfungen und Antikörpertests interessierten niemanden auch nur im Geringsten und wurden nur einmal beachtet, von einer Grenzpolizistin, die den Ausweis für Autopapiere hielt. Reisen nach Osteuropa sind vorbehaltslos zu empfehlen, mit und ohne Kinder, Hunde und PartnerInnen, ja, ich wüsste nicht, wie man von einer derartigen Erfahrungen nicht mit geöffnetem Blick, erweitertem Horizont, gewärmten Herz und verschobenen Relationen zurückkehren könnte.

Wir danken all den wunderbaren Menschen, die uns bei unserem Vorhaben in mannigfaltiger Weise unterstützt haben von ganzem Herzen!

Die Reise in Zahlen:

11986 Km (dazu kämen Strecken unbekannter Längen auf Fähren)

14 Länder

22 Grenzüberquerungen

3 Fährfahrten

87 Reisetage, 57 Übernachtungsplätze, davon 45 Camping- oder Stellplätze, 6 Restaurantparkplätze, 1 Appartement, 1 Fähre, vor einer Garage, 2 bei Bekannten, 1 Spitalzimmer, 1 Klostervorhof

1 neues Reifenventil

2 neue (alte) Türgriffe

1 manueller Autowaschgang

9 Wäschewaschgänge, davon 1 Handwäsche

1 Krankenhausbesuch

1 Arztkonsultation

2 Besuche in Autowerkstätten

4 Polizeikontrollen

Gefundene Gegenstände:

2 grüne Sandschaufeln

1 pinke Sandschaufel

1 gelbe Sandschaufel

1 roter Sandeimer

7 Sandförmchen

1 Paar pinke Croks

1 Plastikfigur

1 Haarspange

2 Heringe

3 Fussbälle

1 Tennisball

1 Schaumstoffball

Ein Gala-Heft auf Niederländisch

1 einzelner Socken

2 Kaffeelöffel

Verlorene Gegenstände

>30 Wäscheklammern

2 Heringe

1 Schwimmring

3 Schwimmflügel

1 grüne Sandschaufel

1 pinke Sandschaufel

3 Fussbälle

1 Tennisball

1 Schaumstoffball

1 Wassermelone

1 Sonnenhut

3 einzelne Socken

2 Zahnbürsten

1 Kinderunterhose

1 Löffel

3,5 kg Körpergewicht (alle zusammen)

3 Flaschen Shampoo

Geschenkt bekommen (Kitschkram wie schöne Erfahrungen und innige Momente zähle ich nicht)

4 Maiskolben

3 türkische Gebäcksstücke

1 türkische Rahmsüssspeise

1 türkischer Milchreis

4 Wassermelonen

3 Honigmelonen

4 Nektarinen

4 Birnen

8 Äpfel

3 Kaktusfeigen

4 Handvoll Haselnüsse

2 Fleischknochen

14 Lutscher

21 Bonbons

2 Fresbees

1 Fotoshooting

1 Vergnügungsparkchip

1 Konfitüre

1 Bund Schnittlauch

1 Liter Milch

1 Parkplatzgebühren

32 Schokoladenprodukte

7 bulgarische Berliner

ein braunes Kindershirt

1 Halskette mit blauem Auge

8 Süssgetränke

2 Abendessen

2 Suppen

1, 2, 3, 4, äh, einige Trinkrunden

2 Pflaumen

2 Euro

37 Tomaten

2 Zucchini

1 Aubergine

23 scharfe, kleine Peperoni

4 Gurken

1 Bund Minze

2 Handvoll getrocknete Tomaten

Top 5 der eingepackten Gegenstände

Frau Fankhauser

Wäschesack mit Wäscheleine (Danke, schon wieder, Frau Blomma!)

Hängematte

Töpfchen

ReGa-Visitenkarte

Top 5 der eingepackten Gegenstände. Nicht.

Schwimmwesten

Grill

Nagellack

Sicherndes Hundegeschirr fürs Autofahren

Regenplane

(Ja, wie haben viel gelernt von der letzten Reise)

Top 5 Glücksfälle

Magendarmprobleme wenn allzeit ein Klo bereit

Schlüssel wiederfinden, täglich

Keinerlei ernsthafte Autopannen, Ventilproblem in Werkstattnähe, balkanverbreitetes Gefährt

Rega-Mitgliedschaft

Den richtigen (Nicht-)Sommer wählen

Top 5 Gegenden

Kappadokien, Türkei

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Türkische Schwarzmeerküste

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Peleponnes, Griechenland

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Albanische Berge

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Zwischen Jajce und der kroatischen Grenze, Bosnien und Herzegowina 

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Top 5 Ortschaften

Sarajevo, Bosnien und Herzegowina 

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Gjirokaster, Albanien

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Amasra, Türkei 

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Jajce, Bosnien und Herzegowina 

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Piratenfeenschiff, Pennepoles 

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Top 5 Übernachtungsplätze

Drvenik, Kroatien

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Irgendwo nach Antalya, Türkei 

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Fischrestaurant bei Cide, Türkei 

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Plav, Montenegro

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Irgendwo bei Kavarna, Blugarien 

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Top 5 Stellplätze. Nicht.

Wir scheinen einiges gelernt zu haben, jedenfalls bringe ich keine fünf Negativbeispiele zustande, dafür gibt es einen eindeutigen Kategroriesieger:

Spitalzimmer, Eregli 

Top 5 Begegnungen

Gaga aus Buna bei Mostar, Bosnien und Herzegovina 

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Die Bulgaren aus Sozopol 

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Nilüfer und Serhad mit Jaren aus Istanbul, Türkei 

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Christina und Michaela aus Skopie, Albanien 

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Bleonard aus Malisevo, Kosovo 

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Hier fielen Entscheidungen schwer, denn neben den fünf hier erwähnten Begegnungen, trafen wir auf weitere, ganz wunderbare Menschen, wie Ismail, der uns einen Kreisel drechselte, Antonio, der uns fürstlich bekochte, die Litauer, die uns zu sich nach Hause einluden, der Deutsche Rentner, der den Kinder einen Fingerspiel beibrachte, das sie noch heute täglich aufsagen, die vielen namenlosen aber herzerwärmenden Kurzbegegnungen und nicht zu vergessen die Störche, die uns von Bulgariens Mitte bis Istanbul in atemberaubend schönen Formationen begleiteten und Sinnbild unserer Reise bleiben werden.

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Visoko (Sarajevo) – Jajce (Bosnien und Herzegowina) – Omiš (Kroatien) (Tage 70-71)


Wir brechen heute sehr zeitig auf. Nicht gänzlich freiwillig, sei zu sagen, aber es ist derart kalt, dass wir uns nur eines wünschen: Die Autoheizung aufdrehen. Herr G. will das bosnische Handtuch werfen und ans Meer zurück fahren, wo es gut 10 Grad wärmer ist. Mit dem Versprechen, dass ich nach einer weiteren Nacht Bosnien widerstandslos mitfahre, steuern wir Jajce an, wo es neben einem netten Übernachtungsplatz auch zahlreiche Wassermühlen und auf dem Weg dahin sehenswerte Landschaft und ebensolche Dörfer gebe. Bis Visoko fahren wir bekannte Strecken, danach folgt Neuland. Eine Weile fahren wir entlang der Bosna und ihren zahlreichen Schwüngen und Biegungen. Wir sehen, wie viel Wasser sie nach den Regenfällen der letzten Woche hat und denken an die Überschwemmungen, unter denen Bosnien und Herzegowina vor wenigen Monaten noch zu leiden hatte. Wir haben die betroffenen Gebiete bisher bewusst umfahren, denn obwohl wohl die meisten dringlichen Schäden provisorisch behoben wurden, kann man da mit Sicherheit keine Touristen brauchen. Wir fahren also offenen Auges weiter und informieren uns bei WLAN-Kontakt über die aktuelle Lage. Aber es scheint Entspannung in Sicht, jedenfalls drückt die Sonne mit aller Kraft durch die Wolken und schliesslich fahren wir unter blaustem Himmel unseres Weges. Die Landschaft zeigt sich grün, fruchtbar und hügelig, die Dörfer sind hie und da kriegsgezeichnet, aber verfügen über einigermassen intakte, lebendige Ortskerne von malerischer Schönheit. Was sage ich hier “aber”? Ich habe es schon anderswo erwähnt: Gerade da wo Granatenlöcher zugemauert und die kriegsversehrten Häuser belebt werden, wo gezeigt wird, dass Wärme und Menschlichkeit überleben kann, auch wenn einst alles dagegen sprach, ist pure Schönheit zu sehen. Das Städtchen Jajce selber, ist eines von vielen, hat aber einen stadteigenen, kleineren Wasserfall, eine hübsche Altstadt und eine Burg, für die wir einen kleinen Eintritt bezahlen, die aber an Eindrücklichkeit und Grösse nicht an die Burg von Stolac heranreicht. Nach einem kleinen Mittagessen und weiteren Stolperrunden durch die Stadt, fahren wir zum empfohlenen Campingplatz. Auf der Strecke nach Jajce haben wir schon mehrere kleine Plätze gesehen die wir wohl unter normalen Umständen bevorzugt hätten, aber allesamt waren direkt am Fluss angesiedelt, was uns bei den gegenwärtigen Wassermassen und ohne genauen Wetterbericht eher unsicher vorkommt. Auf Umwegen finden wir schliesslich zum relativ grosszügig angelegten Platz, zusammen mit ungefähr 20 französischen Gigantomobilen, die sich aber glücklicherweise ziemlich Dicht gedrängt auf einen Achtel des Platzes stellen, so dass wir im Grunde weder irgendwas von ihnen sehen, noch irgendwas von ihnen hören. Den Abend verbringen wir damit, den Rest unserer Reise zu planen. Wir haben noch fast zwei Wochen, wobei wir mindestens eine halbe Woche für die Rückreise einberechnen, weil wir noch ein, zwei Tage in München verbringen werden. Der Umstand, dass es hier immer noch ziemlich kalt ist und die Aussicht auf den nahenden Winter, in Anbetracht des schweizerischen Sommer habe ich keine grosse Hoffnung auf milden Herbst, lässt uns zum Entschluss kommen, dass wir abschliessend noch eine Woche Strand und Sonne an der kroatischen Adria verdient haben und auch unsere Sommerbräune aus türkischen Tagen bedarf etwas Auffrischung.
Am Morgen brechen wir also nach Kroatien auf, gen Wärme. Wir durchfahren bergiges Gebiet und überqueren, eine wohl in Kriegsjahren umkämpfte, Hochebene, die zwar landschaftlich unglaublich schön, nach wie vor Hauptsächlich in Ruinen liegt. Der Aufbau hat sich wohl hier nicht wieder gelohnt und hier, im Nirgendwo, zeigt sich, ganz ohne Bimborium und Gedenktafeln, die ganze Destruktivität des Krieges und ganz ohne deklariertes Mahnmal bin ich gemahnt und inniglich dankbar für den Ort, an dem ich gross werden durfte. Auch wenn der Eindruck, den ich von der Konstruktivität, mit der mit der kriegerischen Vergangenheit zu fühlen glaubte, vielleicht nicht richtig war, denn vor einigen Tagen las ich davon, dass mehr als 60% aller Bosnier, eigentlich dem einen oder anderen der Nachbarstaaten angehören möchte, verlasse ich Bosnien und Herzegowina mit etwas Wehmut. Ich habe mich in dieses Land verliebt, in seine Landschaft, in seine Menschen, seine Dörfer, Städte und Spinatböreks. An der Grenze werden wir wieder nicht gross beachtet, dafür ist es wieder wärmer. Wir sind wieder in Kroatien und damit hat sich irgendwie ausgereist, denn unsere Restzeit werden wir mit schnödem, aber in Anbetracht des Steilstartes nach Ankunft daheim, wohl angebrachtem Urlauben verbringen. Die Berichte werden wohl etwas unausführlicher, da wohl kaum jemand von Strandgelagen und Sonnencrèmes lesen möchte.

Bemerknisse
Wenn ich hier von Bosnien schreibe und dabei immer Herzegowina mitmeine, ist das eine Formulierung, die wohl kein Einheimischer wählen würde. Hier wird klar zwischen den Landesteilen differenziert und Zugehörigkeit kommuniziert.

Ein kleiner Kosovonachtrag: Auf unsere Frage nach seiner Adresse antwortete uns Bleonard mit Name und Dorf, ohne weitere Angaben. Was wir erst für unvollständige Angaben hielten und nach Strassennamen, -nummern und Postleitzahl verlangten, ist tatsächlich die vollständige Anschrift. “Wir haben hier noch keine Strassennamen ;-)”, meint Bleonard.

Nach mehreren Tagen bosnischer Wetterkälte und Herzenswärme, wirkt Kroatien zwar wieder etwas sommerlicher, aber auch deutlich unfreundlicher.

Bosniens Stellplätze bieten zwar morgens vielleicht kein frisches Brot feil, verfügen aber über äusserst weitreichendes, schnelles WLAN. Überhaupt ist die WLAN-Dichte und -Qualität in Albanien und Bosnien grandios. Das tourismusverwöhnte Kroatien hingegen hat diesbezüglich Aufrüstungs- und Modernisierungsbedarf, bietet aber allenthalben frisches Brot. Unnötig zu erwähnen, dass ich ganz gut ohne Brot kann.

 

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Stolac – Medugorje – Visoko (Sarajevo) (Tage 68-69)


Von Stolac aus fahren wir gen Westen weiter, Ziel haben wir vorerst keines, nur noch etwas in Bosnien zu bleiben. Als wir die Gegend rund um Medugorje erreichen, wird es landschaftlich eindeutig unattraktiver und auch die Dörfer und Kleinstädte wirken deutlich charakterloser und zersiedelter, als noch einige Kilometer zuvor. Wir beschliessen spontan, doch noch etwas weiter ins Landesinnere zu fahren und uns die Kleinstädte Vasuko, Travnik und Jajce anzusehen. Nach dem wir aber nun doch schon eine Weile gefahren sind und die nächste Etappe etwas grösser ausfallen wird, lesen wir uns kurz über dieses Medugorje, in dem wir uns gerade befinden, schlau. Es gibt einen Campingplatz mit WLAN, das ist dafür, dass wir uns in Bosnien und Herzegowina befinden schonmal ziemlich gut, allerdings scheint Medugorje auch die bosnische Hochburg esoterisch spiritueller Katholiken zu sein, wenn denn derartige Begriffsaneinanderreihungen legitim sind, weil vor 23 Jahren mehrere Teenager hier irgendwelche mariaschen Visionen hatten. Das zuvor verschlafene Weindorf hat den pubertären Halluzinierenden jedenfalls einen massiven touristischen Aufschwung und einigen Reichtum zu verdanken, wohl aber für eher minimalspirituelle Zeitgenossen wenig zu bieten.Trotzdem wollen wir den Campingplatz anfahren, weil er mitten im Dorf zu stehen scheint und so bei trübem Regenwetter für etwas Zerstreuung gesorgt wäre. Ausserdem neigen sich unsere Wäschevorräte dem Ende zu und auch auf die Gefahr hin, dass wir das Zeug wegen Regen im Auto aufhängen müssen, verlockt der Gedanke an saubere Sachen ungemein. Bei der Einfahrt in die Stadt begegnen wir ersten mit Gehstöcken und Rosenkränzen ausgerüsteten Pilgern, die in Herden durch die Strassen, von Semisehenswürdigkeit zu Quasiattraktion galoppieren. Im Zentrum reiht sich Souvenirladen an Souvenirladen, Man verkauft Gehstöcke, Rosenkränze, Weihwasser und Marienstatuen in allen Formen und Grössen, touristische Hauptsprache ist Italienisch, das Durchschnittsalter 60. mittendrin versuchen wir uns nicht ungebührlich zu amüsieren und verbringen einen entspannten Nachmittag in Franziskus’ Garten, ehe wir von einem tosenden Gewitter in den Gefährten gescheucht werden. Das Abendessen nehmen wir bei der Familie ein, die den Platz besitzt und offensichtlich gewisse Vorlieben für Frittiertes hat, das so schwer im Magen liegt, dass auch uns einige Visionen heimsuchen.
Am nächsten Tag verlassen wir Medugorje wieder relativ zeitig, schließlich wollen wir Die Pyramiden sehen, die sich anscheinend unter den Hügeln Visokos befinden. Leise ahnend, dass man dafür ähnlich viel Glaubenskraft aufbringen muss, wie für die Halbwuchshalluzinationen, planen wir ein, die Nacht aber anschliessend in Sarajevo zu verbringen.
Wir fahren über weite Teile ein Streck, die wir schon kennen, um so mehr sehen wir, wie sehr es im letzten Monat geherbstet hat. Wobei der Herbst eindeutig ganzheitlicheren, als nur den visuellen Eindruck bietet, die Temperaturen scheinen mit jedem gewonnenen Kilometer mehr zu fallen und Kind2 formuliert treffend: “Es stinkt nach Schnee.” In den Bergen sehen wir dann auch tatsächlich erste weisse Spitzen. Für einen minimalen Moment erwägen wir, wieder umzukehren, zurück an die Küste, gen wärmere Gefilde, entscheiden uns aber dagegen, weil Bosnien uns wirklich gefällt. In Visoko finden wir, was wir eigentlich schon erwartet haben, zwei Hügel, die nur mit etwas Fantasie und von der richtigen Perspektive aus ernsthaft pyramidiger wirken, als die Erhebungen in der Umgebung. Einige, keine Ahnung wie glaubhafte, Forscher, ihre Gefolgschaft und ziemlich sicher auch jene, die hier an den Neugierigen verdienen, Sind sich allerdings sicher, dass sich unter Schichten, so betrachtet beinah flauschiger Überwucherung und Erde, von Menschenhand erbaute Pyramiden, einer längst untergegangenen Kultur befinden. Wir stellen den Gefährten irgendwo ab und betreten das relativ schmucklose Dorfzentrum, in dem man sich offensichtlich auch auf Lederwaren spezialisiert hat. In einem kleinen Geschäft, in dem die Dinge noch eigenhändig hergestellt werden, ersetze ich endlich meinen Gurt, der sein Verfallsdatum schon seit Jahren überschritten hat, durch ein handgemachtes, direkt auf mich angepasstes Modell zu einem Preis, zu dem mir Ha&Äm nicht mal ein Plastikschnürchen verkaufen würde. Danach stolpern wir noch etwas zu Pyramidenfüssen rum, bevor wir erneut im Dorf landen, wo Herr G. sich den Temperaturen angepasstes Schuhwerk besorgt. Als wir die Verkäuferin fragen, ob wir uns hier tatsächlich auf einer gigantischen Pyramide befinden, nickt sie beflissen, versichert: “Aber NATÜRLICH!” und zwinkert uns theatralisch zu.
In Sarajevo essen wir die Cevapci unserer Reise und fallen vollen Bauches, aber frierend zu Bett.

Bemerknisse
Seit uns In Bosnien veranschaulicht wurde, wie Pyramiden aussehen und damit unsere Pyramidenwahrnehmungsfähigkeit erheblich geschult wurde, wird uns bewusst, wie viele noch unentdeckte, völlig überwucherte Zeugen längst vergangener Pyramidenbaukulturen existieren müssen. Man nehme Als Beispiel den Niesen: Eindeutig eine, äh, versteinerte Pyramide!

Ich habe mir mehrfach den Pony geschnitten, dabei den Rückspiegel benutzt und bin damit ein Survivallevel aufgestiegen. (Darüber, dass das Resultat eindeutig von den Prozessumständen zeugt, herrscht allgemeines und restriktiv kontrolliertes Redeverbot.)

Und habe ich schon erwähnt, dass Bosnien der Börekhimmel ist?

Der Einfachheit halber erkläre ich den Kindern den Unterschied zwischen einem Schuhladen und den vollen Schuhregalen vor den Moscheen mit dem fehlenden, oder eben existenten, Minarett.

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Moulat – Trebinje (Bosnien in Herzegowina) – Ston (Kroatien) – Stolac (Bosnien in Herzegowina) – (Tage 66 – 67)


Wir wollen wieder nach Bosnien, wo wir, neben der Tatsache, dass wir in ein Land zurückkehren, das uns beeindruckt und gefallen hat, auch dem Massentorismus entfliehen wollen. Wir fahren zunächst nach Trebinje, einer kleinen Stadt, die wir über eine ziemlich schmale Strasse, mitten durch bosnisch mittelhohes Bergland erreichen. Mein Eindruck von Bosnien bleibt auch bei der Anfahrt nach Trebinje derselbe: Ich mag dieses Land, ich mag wie sie es wiederaufgebaut haben, ich mag die gelebte Hoffnung, wo Spuren der Vergangenheit noch so deutlich sichtbar sind. Trebinje selber ist eine unspektakuläre Kleinstadt mit charmantem, lebendigem Ortskern. Als wir ankommen beginnt es gerade in Strömen zu regnen, die Verkäufer des grossen Lebensmittelmarktes mitten auf dem grosszügig begrünten Dorfplatz, wo hohe Bäume wahlweise Schatten und Schutz vor Regen bieten, zeigen sich unbeeindruckt, decken bedächtig ihre Wahre und klappen Regenschirme auf, während wir auf der Suche nach Unterstellmöglichkeiten über den Platz rennen. Wir irren etwas durch die Strassen, irgendwo kaufen wir den Börek unseres Lebens und verzehren ihn im Gefährteninnern, stadtmittig, aber regengeschützt. Viel mehr sehen wir nicht von diesem Trebinje, der Regen lässt uns weiterfahren, denn auf der Karte haben wir ein Stellplatzzeichen ganz in der Nähe gesichtet. Wahrscheinlich hat sich hier jemand ein aspässchen erlaubt, denn da wo er sein sollte, ist Niemandsland, weites, bebuschtes Land. Um drei Uhr scheint es hier Nacht zu werden, der Regen strömt sintflutartig und wir sehen keine erfolgsversprechendere Möglichkeit, als zurück ans Meer zu fahren, wo man manchmal von Unwettern verschont bleibt und wir Übernachtungsmöglichkeiten auf sicher haben. Über Strassen, die jetzt eher an kleine Bäche erinnern, fahren wir zurück nach Kroatien, steuern eine nahen Platz an und treffen es wunderbar menschenleer und zudem regenfrei. Mit der Absicht morgen, wenn denn das Wetter will erneut Bosnien anzusteuern, verbringen wir eine ruhige, relativ trockene Nacht.
Am nächsten Morgen fahren wir zur nächstgelegenen bosnischen Grenze, überqueren sie erneut problemlos und steuern ins Landesinnere. Heute ist es auch hier etwas heiterer und sogar ziemlich warm. Über relativ kleine Strasse, so klein jedenfalls, dass ich um jeden Meter ohne Gegenverkehr froh bin, fahren wir, erneut über bosnische Berge, nach Stolac. Bosnien Scheint hauptsächlich aus Bergen und dramatisch schön gelegenen Dörfern zu bestehen. Stolac ist genau so ein Dorf, dass sich dem Fluss entlang, mit einigen Ausuferungen, an die Berghänge schmiegt. Auch Stolac erzählt noch immer mit Nachdruck vom Krieg, Kaum ein Haus ohne Einschusslöcher, kaum eine Strasse ohne mindestens eine Kriegsruine, vorallem aber ist es geschichtsunabhängig eine nette, etwas verschlafene Kleinstadt mit grünem Ortskern und einer Burgruine ohne ernsthafte touristischen Absichten. Zur Ruine findet man berghoch, irgendeiner Quartierstrasse entlang unter etwas irritierten Blicken von Einheimischen. Die Ruine selber gibt noch einiges her, der Thronsaal, wenn heute auch ungedeckt, lässt vergangenen Erhabenheitsgefühle erahnen und die Aussicht ist fantastisch. Die Burg wäre in Westeuropa der Renner für Mittelalterfeste und Musikfestivals, würde täglich von Schulklassen erklommen und hätte eine Eingangspforte, an der man etwas Geld liegen lassen müsste. Hier scheint die Ruine relativ sich selbst überlassen, oder vielmehr der Natur, denn obwohl wohl einst Instandhaltungsavance gehegt wurden, muss beim Aufstieg über die Treppe nach oben heute gegen Wildwuchs gekämpft werden. Lohnen tut sich die Anstrengung alleweil. Jedenfalls für Menschen ohne Schlangenphobien.
Ganz in der Nähe finden wir einen kleinen, ganz neuen Stellplatz, betrieben von Mostarern. Der Sohn spricht gut Englisch und sucht das Gespräch. Er arbeitet hier täglich von 8 bis 20 Uhr, die Nachtschicht übernimmt sein Vater. Sein ganzer Stolz ist ein Junghund, den er mit Liebe erzieht. Zu Kriegszeiten war er 2, aber er kann sich nicht erinnern und will es auch nicht. Er beklagt sich über “slow bosnian workers”, denn Wlan gibt es hier noch nicht obwohl es auf den Wegweiserschildern extragross angeschrieben ist. Wie schlafen trotzdem selig, dafür wohl etwas früher.

 

Bemerknisse
Sollten Sie Schmiggelbedürfnisse zwischen Bosnien und Kroatien hegen, dann wählen Sie Regentage. Wir hätten sieben bosnische Schafe, samt kleiner Schnapsbrennerei über die Grenze karren können, denn was wir von den Grenzpolizisten zu sehen bekamen, war eine halbe Nasenspitze und ein Durchwinkzeigefinger.

Wenn Kinder beim Anblick von Schlösser Burgen sofort damit begonnen die Game of Thrones- Titelmelodie zu singen, sagt das nichts über den kindlichen Fernsehkonsum aus, vielmehr zeugtes von elterlichen Reiz-Reaktions-Schemata.

Wer plötzlich mitten im Satz fragt, in welchem Land wir denn gerade sind, ist wohl schon eine Weile unterwegs.

Bosnien ist der Börekhimmel.

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Shkodra (Albanien) – Ulcinj (Montenegro) – Moulat (Kroatien) (Tage 64 – 65)


Die Strecke, die wir heute angedacht haben beträgt ungefähr 60 Kilometer, nicht die Welt also, aber als wir letztmals diesen Grenzübergang passierten, warteten wir drei Stunden im Stau auf Einlass nach Montenegro, diesmal sind wir vorbereitet. Wir starten früh, man weiss ja nie, wie weit der Stau heute reicht.
Von Albanien verabschieden wir uns wohl für längere Zeit, die nächsten Reisen werden wohl, bei aller Liebe, in andere Richtungen führen. Ich hatte meine Kämpfe, mit diesem Land, besonders zu Beginn, als ich äusserste Mühe damit bekundete, über die hoffnungslose Vermüllung hinweg zu sehen und mich nur an der westlichen Küste Albaniens aufgehalten hatte, wo nun auch nicht die landschaftlichen oder architektonischen Höhepunkte zu finden sind. Jedenfalls hat Albanien mehr zu bieten, als Müll, Zersiedelung und schlechte Strassen, hier findet man quasi unvermenschte Mittelmeertrände, archaisches Bauernleben, pulsierendes Stadtleben, wilde, karge Berge, historische Ausgrabungen und UNESCO-Städte. Aber der Tourismus kommt, die zwei Jahre, die zwischen den beiden Besuchen hier liegen, zeigen es deutlich. Ich hoffe Albanien ist dem gewachsen und behält sich seine müllfreien Ecken und verzichtet auf weitere Hässlichbauten im Tourismusdienste. Ich wünsche dem Land, dass seine klugen Köpfe sich nachhaltigen Auf- und Ausbaukonzepten widmen, damit es sich seine Schönheit bewahren kann.
Die Abschiedsrede wäre hiermit gehalten und wir fahren weiter gen Grenze. Alle paar Meter fragen wir uns, ob hier vor zwei Jahren schon im Stau standen, sind uns hier sicher, dass dem so war und können uns dort überhaupt nicht mehr erinnern. Jedenfalls stehen wir plötzlich und etwas überrumpelt vor der gänzlich staufreien Grenze. Die Papiere interessieren heute wieder niemanden und so legen wir die restlichen Kilometer bis Ulcinj ebenfalls mühelos zurück. In Ulcinj möchten wir uns auf den Platz stellen, auf dem wir vor zwei Jahren unsere Lieblingsdeutschen kennengelernt haben, aber als wir ankommen, erkennen wir den Ort nicht wieder. Wo wir einst mit Umschwung und einigen wenigen Nachbarn standen, reiht sich heute Riesenmobil an Riesenmobil, die platzeigenen Dünen wurden aufgeschüttet, die alten Pinie gefällt, kurz:, Der Platz ist all das, was wir nicht wollen. Einige Meter weiter sehen wir ein altes Campingschild mit Pfeil dem wir unauffällig folgen, in der Angst der Flotte hier Fährte zu legen. Wir finden einen Platz auf grosszügigem Pinien-Dünen-Gelände, drei andere Parteien die verstreut in knapper Rufweite stehen und eigentlich ziemlich alles was wir wollen, ausser Internet. Hier erfahren wir, dass der Besitzer des anderen Platzes die landschaftlichen Verschlimmerungen wieder rückgängig machen muss und kichern ein wenig.
Der nächste Tag verspricht unspektakulär zu werden. Wir fahren morgens los, der attraktiven montenegrischen Küste entlang, wo mächtige Berge steil ins Wasser abfallen, Dörfer sich an ihre Vorsprünge klammern, oder sich gleich auf den nahe vorgelagerten Inseln und Halbinseln zentrieren, gelangen zur wunderbaren Bucht von Kotor, bewundern die weitläufigen Meeresarme vor grünen Bergen, setzten mit der Fähre über, steuern der kroatischen Grenze zu, werden durchgewunken und suchen uns gleich danach einen Platz, in einem pittoresken, kroatischen Mittelmeerdorf.

 

Bemerknisse

Finden wir eigentlich unser Haus wieder?”, Fragen eines reisenden Kindes.

Wenn ich hier einst türkischen Abfallsystem schrieb “Alles was in eine kleine Tüte passt, kommt in die rechte Tonne, alles was nicht in kleine Tüten passt in die linke Tonne und was du nicht zuordnen kannst, verteilst du am Strand” , müsste das albanische System in ähnlicher Weise erwähnt werden: “Was du gerade in der Hand hast, wenn du an der Mülltonne vorbei kommst, wirfst du da rein, was du gerade in der Hand hast, wenn du an einem Abfallhaufen vorbei kommst, wirfst du da drauf, wenn du ein Feuerzeug dabei hast, zündest du den Haufen an, wenn du sonstirgendwo vorbei kommst und gerade was in der Hand hast, wirfst du es da hin.

Ich habe in keinem Land je so viele Menschen einfach gehen oder fahrradfahren sehen, wie in Albanien. Wenn es danach ginge, müssten hier die gesündesten Menschen leben. Aber wahrscheinlich gleichen sie alles mit verschmutztem Grundwasser und eingeatmetem Müll wieder aus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Shkodra – fast Thethi – Shkodra (Tag 63)


Nach dem wir uns von den Nonnen verabschiedet haben, fahren wir in Richtung albanische Berge, genauer, Richtung Thethi. Der Plan ist, so weit nach oben zu fahren, wie der Gefährte und unsere Fahrkünste es erlauben. Einige meinen, dass wir es mit unserem Gefährt problemlos bis oben schaffen, andere gehen vom Gegenteil aus. Wir verlassen Shkodra und fahren überland, an verstreuten Häusern vorbei, bis die Besiedlung an Dichte verliert. Hier treffen wir auf die weiten Lavendel- und Salbeifelder, die die Nonnen schon kopfschüttelnd erwähnt haben. Die Bauern hier haben, nach dem ihnen von Westeuropäern guter Verdienst versichert wurde, alles auf die beiden Kräuter gesetzt und kämpfen nun ums Überleben, weil sie keine Abnehmer finden. Über weite Strecken wird hier nun in Monokultur bebaut und wertvolles Land in Kürze Brach liegen. Etwas weiter oben werden die Felder noch mit Pflug-Pferd-Gespannen bestellt, was in Albanien, wo Pferde- und Eselkutschen noch zum alltäglichen Bild gehören, nicht sonderlich verwundert. Hie und da sind Schweine anzutreffen, oDer Kühe ohne Autoscheu. Am ausgetrockneten, steinernen Flussbeet stehen die Häuser so nah, dass ich jeden Frühling Angst davor hätte, weggeschwemmt zu werden. Man ist sich hier Ausländer gewöhnt, die Abenteuer in den Bergen suchen, alleine bei unserer Auffahrt begegneten wir mehreren Offroadern mit Dachzelten. Die Strasse ist beinah bis Thethi asphaltiert, aber das oberste Teilstück ist noch in Arbeit. Jeder Strassenarbeiter, dem wir begegnen, versichert uns, dass es für unser Gefährt ohne Probleme möglich sei, auch das Strassenstück in Umbau und den Teil danach zu bewältigen, aber Albaner in Mercedes-Bussen scheinen auch so ziemlich alles umbeschädigt befahren zu können, was bei Weitem, nicht heisst, das wir das auch können. Alls ein Lastwagen vor uns eine halbmeterdicke Schicht Kies über die Strasse verteilt, geben wir jedenfalls auf, eine normale, unbefestigte Strasse wäre kein Problem, aber, nach dem ersten Spuhl- und Durchdrehintermezzo, hegen wir hier Versinkungsangst und kehren um. Der Ausflug hat sich ohnehin gelohnt, für den atemberaubenden Blick über die morgenwolkenverhangenen Berge bin ich gerne hierher gefahren. Wir lassen Hund und Kinder ein wenig über die weite, karg begraste Bergwiese toben und fahren dann zurück nach Shkoder, wo wir uns auf den vielempfohlenen Platz, direkt am See stellen wollen. Als wir fast schon da sind, sehen wir eine dieser riesigen Schrottautoplätze, ja, da stehen Schrottautos, die nach und nach auseinandergenommen und ihre Teile anderswo eingebaut werden, der auf Busse spezialisiert zu sein scheint. An dieser Stelle gilt es vielleicht zu erwähnen, dass wir seit drei Wochen ohne Türgriffe hinten und an der Seite rumfahren, alle paar Autogaragen um Ersatz fragen und diese nie auf Lager waren. Hier gibt es sie jedenfalls. Zwei motivierte Herren, oder vielmehr, ein motivierter Mechaniker und ein übermotivierter Handlanger, bauen uns zwei funktionstüchtige Türgriffe an und die Zeiten, in denen jemand von uns durch den ganzen Bus nach hinten klettern muss, um die Türe zu öffnen, sind endlich vorbei. Für 60 Euro wird all dies erledigt und wir sind startklar. Wohlwissend, dass wir wohl mehr bezahlen, als ein Einheimischer hätte zahlen müssen (was ich nichtmal falsch finde), blödelt Herr G. bei der Geldübergabe rum: “Noch ein paar Griffe und ihr könnt schon mal in Urlaub fahren!” Der Mechaniker lächelt nur und erzählt, dass er von dem Geld nichts sehe, das überreiche er dem Patrone, der dafür i Hintergrund schlafe. Er verdiene 280 Euro im Monat, vom Lohn seines Handlangers ganz zu schweigen, das reiche nicht für Urlaub. Wir schweigen beschämt, mal wieder, bevor wir zum Abschied winken und den weitläufigen Platz am See aufsuchen.

Bemerknisse
Nach Wochen ohne Hecktüren wurde der Ausspruch “Brauchst du noch etwas von hinten?”, wenn man im Begriff war, die Tür zu schliessen zum geflügelten Wort, das Geräusch unabsichtsvoll zuschlagender Hecktüren zum Auslöser genervten Stöhnens. Klar, wir sind noch nicht so alt und gewisse Beweglichkeit ist auch vorhanden, aber das täglich mehrmalige Klettern, von der Fahrertüre nach ganz hinten, über all unserer Gerätschaften hinweg, wurde mit der Zeit doch etwas mühselig.

Nur weil Albaner dir sagen, dass dein Auto hier und dort problemlos hin kommt, heisst das noch lange nicht, dass DU mit deinem Auto hier und dort problemlos hin kommst.

“Ein Offroader ist, was du zum Offroader machst.” sagen sich die Albaner, wenn sie milde lächelnd die Westeuropäer mit ihren Adventure-Landrovern überholen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Entschuldigen Sie die eindeutig unattraktivere Fotoanordnung, aber seit dem Update nach iOS8, klappt da mal wieder was nicht. Gnörk!

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