Glück und Kitsch auf Reisen mit Kindern


Christina von der Reisemeisterei hat dazu aufgerufen, zu schildern, warum die Reiserei unsereins glücklich macht. Ich möchte diese Thematik unter dem Aspekt des Reisens mit Kindern betrachten und habe mich deswegen erstmals an einer Blogparade (Fragen Sie mich nun bitte nicht, was denn das genau sei und wieso das Ding so heisst.) mitgemacht.

Vorangehend möchte ich festhalten, dass es hier und heute um Glücksempfindungen beim Reisen mit Kindern geht, ich werde im Folgenden also sämtliche Negatvitäten (die allerdings tatsächlich in der Unterzahl sind) ausblenden, ich werde nicht erwähnen, dass es durchaus manchmal nervt, wenn man nicht erst um 22 Uhr entscheiden kann, wo genächtigt wird, oder dass man Gebiete bereits bei niedrigem Gefahrenpotential umfährt, oder all zu lange Märsche ausfallen, oder dass es tatsächlich eher mühsam ist mit einem Kleinkind die Notaufnahme eines Landes zu besuchen, dessen Sprache man nur gebrochen versteht, ja, psst jetzt, denn ich blende mit Freuden Leidiges aus und präsentiere Ihnen dafür

Glück und Kitsch auf Reisen mit Kindern:

Vor einiger Zeit stellte MamaArbeitet auf ihrem Blog die Frage, ob es möglich sei, als Eltern noch dieses Gefühl absoluter Freiheit und Unbeschwertheit zu empfinden. Die alltäglichen Verpflichtungen, Sorgen um Kindeswohl, die Koordination zweifacher Berufstätigkeit, KiTa und Kindergarten, ja, der Alltag schlaucht und manchmal fehlt die Luft zum Atmen und selbst wenn man sich etwas Raum freizuschaufeln vermochte, warten die aufgeschobenen Verpflichtungen bereits mit Füssen scharrend Tür auf Einlass und rufen sich in all zu kurzen Abständen mit lautem Ungeduldspochen lebhaft in Erinnerung. Vielleicht bin ich einfach mit schlechten Verdrängungsmechanismen ausgestattet, aber das Gefühl Frei- und Unbeschwertheit habe ich tatsächlich seit den Kindern nicht mehr in früher bekannter Intensität und Absolutheit verspürt. Dachte ich im ersten Moment. Bis mir unsere Vierteljahresreise einfiel und ich erkannte, dass wir, BESONDERS mit Kindern, nicht nur aus den naheliegendsten Gründen, um und unbekannte Landschaften und fremde Kulturen zu sehen, reisen, sondern auch für die vielen vermissten Momente perfektionierten Glücks, kompletter Freiheit und absoluter Unbeschwertheit, entstanden durch das Zurückgeworfensein auf uns, als Grundfamilie, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, die Verpflichtungslosigkeit, das Wissen, dass wir alles Wichtige dabei hatten, dass jeder zurückgelegte Weg der Richtige war, weil wir tatsächlich nichts verpassen konnten, weil es nichts zu verpassen gab, weil das wirklich Wichtige unserer Reise WIR waren und die Erkenntnis, dass wir damit irgendwie überall daheim, vielleicht manchmal daheimer als in den Wirren des zurückgebliebenen Alltags waren. Hinzu, aber zweitrangig, kommen selbstredend all die hauptsächlich kulturellen Eindrücke, die wir so ohne Kinder niemals erlebt hätten, die zig liebevollen Gesten, die Momente, die unsere Kinder, personifizierte Türöffner, alleine dadurch auslösten, dass sie Kinder sind. Kinder knüpfen Kontakte im Zeitraffer, wo wir als Erwachsenen bei meist freundlichen, aber förmlichen Begegnungen geblieben wären, wurden die Kindern, wo immer wir waren, mit einer Herzlichkeit und Freude empfangen, die ich kinderlos noch nie erlebt hatte. Wir wurden beschenkt, bekocht und umsorgt und erlebten so, obwohl wir zu Gunsten der Kinderlaune einige der gängigen kulturellen Höhepunkte (beispielsweise einige Städte) ausgelassen hatten, vielleicht manchmal gar mehr, sicher aber andere kulturelle Authentizität, in kleinem, persönlichen, landesalltäglichen Rahmen.

Herr G. arbeitet sich mit zwei Gasherdplatten gen vollwertige Mahlzeit und kocht in Schichten, die Pfanne mit den bereits gekochten Erbsen stellt er auf die Erde. Frau G. gelangt mit den Kindern, nach einem Ausflug zum nahegelegenen Pferdestall, zurück zum Ort des Geschehens. Äm, blitzschnell, hebt den Erbsenpfannendeckel und bricht umgehend in lautes Jaulen aus. Frau G. nimmt im ersten Moment an, sie hätte sich verbrannt, packt das Kind und rennt mit ihr zum nächsten Freiluftwasserhahn, wo sich gerade die türkische Frauschaft zum Schwatz eingefunden hat. Noch auf dem Weg dorthin merkt sie, dass Äm sich nicht ernsthaft verletzt haben kann, sondern wohl mittlerweile hauptsächlich schreit, weil sie von der Erbsenpfanne weggetragen wurde. Trotzdem beschliesst sie Kindes Hand vorsichtshalber unter den Wasserhahn zu halten, zumal Äm Wasser mag und dabei meist augenblicklich zufrieden wird. Allerdings hat sie nicht mit der Horde händeverwerfender, aufgeregter Frauen in Sorge gerechnet, die in aller Liebe und Fürsorge die heulende Äm weiter in ihr Elend hineinstürzen. Mit ungeschickt gewählten Worten wie “Pfanne” und “warm” versucht Frau G. die Lage unter Kontrolle zu bringen, als der erste männliche Besorgte, mit einem Sack Eis erscheint und Äm vorsorglich überall zu kühlen beginnt. Äm legt derweil an Schreiintensität zu. Ein weiterer Besorgte kommt mit Salbe angerannt, etwas ratlos suchen wir nach einer möglichen zu bestreichenden Stelle, aber bis auf einige rote Hautflecken, deren Farbe von der kürzlichen Behandlung mit Eis herrühren sind keine verdächtigen Stellen auszumachen und wir bestreichen sicherheitshalber und auf Anraten aller Umstehenden die Handinnenflächen. Äm schreit weiter, denn Salbe ist ihr ein Graus. Frau G. versucht weiterhin die richtigen Worte zu finden, um die Umstehenden zu beruhigen. Glücklicherweise hat nun auch Herr G. den Ernst der Lage erfasst, packt geistesgegenwärtig die Erbsenpfanne, galoppiert mitten in die aufgeregte Menschentraube und schreit sinnesgemäss “Pfanne gar nicht heiss!”, worauf Frau G. die Pfanne berührt und theaterreife Erleichtung spielt. Die Menschenmenge beruhigt sich etwas. Sämtliche Anwesenden verlangen danach, die Pfanne des Anstosses ebenfalls zu berühren, um sich persönlich zu überzeugen. Reihum wird ehrfürchtig die Hand zur Pfanne ausgestreckt und erleichtert genickt, als ein schweissüberströmter Greis keuchend den Kreis durchbricht und sich mit winkendem Autoschlüssel in die Mitte stellt. “Ich habe ihn gefunden! Wo ist das Kind mit dem gebrochenen Arm?”

(Gülpinar, Südtürkei)

Rund um uns wurden die Grills auf die Strasse geschoben und mit grossem Bimborium und noch mehr Rauch angefeuert, erste Biere und Wein gereicht, Spiesse aller Gattung und Farben zubereitet und hernach auf die perfekte Glut gewartet. Mit der Dämmerung verbreiteten sich die allerköstlichsten Düfte nach gegrilltem Gemüse und Fleisch, Tische wurden auf den Strassen zusammengeschoben, Stühle eingesammelt, hie und da ein Feuer entfacht. Schliesslich versammelte man sich sitzend oder stehend um die Tische, und ass, trank, vorallem aber plauderte, mal hier mal da, Kinder rannten oder kurvten auf Fahrrädern von Tisch zu Tisch, bekamen hier eine Mund voll zu Essen, da ein liebevolles Tätscheln und dort Luftküsschen zugeschickt. Irgendwann begann jemand zu singen, es folgte der Auftritt einer spontan zusammengefundenen Band und gemeinschaftliches Tanzen und Singen alter, äusserst sentimentaler griechischer Lieder. Kurz: wir fanden uns urplötzlich in einem griechischen Kleinstdorf in Festlaune wieder. Y fand nach kurzer Zeit kleinmädchen- und zauberhaften griechischen Anschluss, mit dem sie bis Mitternacht durch die Gegend flanierte, Äm schlief irgendwann ein, Herr G. und ich wurden zu Gesprächsrunden geladen, abgefüllt, gemästet, zum Tanz genötigt und ab und zu an eine grosse, weiche griechische Brust gepresst.

(Alexandropuli, Griechenland)

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Haben Sie keine Angst vor der albanischen Polizei, auch wenn Sie mit Blaulicht verfolgt und rausgewunken werden, wenn sich Ihnen drei grimmige Polizisten nähern und barschen Tones Anweisungen bellen, vielleicht wird auch bei Ihnen nur die Fahrertür geöffnet, ein Blick auf schlafende Kinder geworfen, das Standlich angemacht und möglichst leise, fast liebevoll, die Tür wieder geschlossen.

(Himara, Albanien)

Drei von vielen möglichen Zitaten aus den Reiseberichte unserer Vierteljahresreise durch Osteuropa, die eigentlich als Ganzes, insbesondere das Fazit, und irgendwie samt negativen Aspekten, ein Zeugnis davon ist, dass das Reisen mit K(leink)indern sich lohnt, ja, eben glücklich macht. Schlussendlich spricht es wohl für sich, dass wir in 119 Tagen unsere nächste Vierteljahresreise antreten werden.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Neulich, Reisen mit Kindern

2 Antworten zu “Glück und Kitsch auf Reisen mit Kindern

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