Plav (Montenegro) – Irgendwo bei Malisevo, irgendwo bei Pec (Kosovo) (Tag 11)


Nach einer verregneten Nacht und einem ebensolchen Morgen, beschlossen wir, andres als geplant, doch schon heute Richtung Kosovo zu fahren, Richtung Wärme, wie wir hofften. Von den Campbesitzern erfuhren wir, dass der Grenzübergang, den wir gerne befahren hätten, noch immer geschlossen ist, unserer zweite, geplante Option, bei Novi Pazar, das ich auch gerne besucht hätte, sei wenn möglich auch zu vermeiden uns so blieb uns der Mittelweg über Kulla und Rozaje. Um diesen Grenzübergang zu erreichen, galt es wieder viele Höhenmeter durch dichte Nadelwälder zurückzulegen, während die Dichte an Schweizer Kennzeichen stetig zunahm. Kein Wunder, der Grenzübergang bei Rosaje scheint der nördlichst passierbare Punkt zu sein, über den man den Kosovo bereisen kann, ohne von Serbien her zu kommen. Praktisch alle Kosovaren, denen wir unterwegs begegneten, betonten, dass sie Serbien wenn möglich meiden. Hinter einer dieser haarnadelenden Kurven standen wir urplötzlich vor der Grenze, ziemlich weit bevor Frau Fankhauser (GPS) uns die Grenze angezeigt hätte. Trotz einiger Heimatbesucher passierten wir den montenegrischen Grenzposten zügig und auf unsere Anfrage bezüglich der im Kosovo erforderlichen Versicherung fürs Auto (das gründe Ding gilt hier nicht), verwies man uns an den kosovarischen Grenzposten. Ich habe noch nie weiter auseinanderliegende Grenzposten befahren, erst 11 Kilometer später erreichten wir den offiziellen Eingang zum Kosovo. Allerdings konnten wir schon einige Kilometer früher einen Augenschein nehmen, als sich hinter einer Wegbiegung unerwartet ein atemberaubender Ausblick über den jüngsten Staat Europas bot. Von hier sieht der Kosovo aus, wie ein weites flaches Plateau, schützend umgeben von zwar nicht all zu hohen, aber beeindruckenden Bergen. Am Grenzposten angekommen, waren die Formalitäten, bis auf die teure Autoversicherung (77 Euro, weil der Gefährte als Lieferwagen gilt) schnell erledigt und wir fuhren gen Pec, der drittgrössten Stadt Kosovos. Der erste Eindruck vom Kosovo war durchaus positiv. Noch in den Bergen gibt es viele kleine Steinbrüche, weiter unten Landwirtschaft und allenthalben die unübersehbare Vorliebe für pompöses bauen mit einfachen Mitteln. Man liebt hier Häuser mit runden Balkonen, spiegelgläserne Fenstern und Säulen, die meisten Bauten bestehen aus rohen Backsteinen, weil das Geld, so nehme ich an, nicht für die Fassade reichte. Das (unfertige Häuser) ist so ähnlich in sämtlichen Ländern des Balkans anzutreffen, Albanien mit seinen vielen Zweitstockbauten, bei denen nur die eine Etage ausgebaut ist, ist hierfür wohl das extremste Beispiel. Bei unserer Einfahrt in Pec fühlte ich mich stark an Albanien erinnert, es ist viel los auf den Strassen, ein Feiertag, Bairam, das Ende des Ramadan. Laut unserer veralteten Strassenkarte sollte es hier einen Campingplatz geben, aber wir wurden nicht fündig. So beschlossen wir etwas nach ausserhalb zu fahren und in einer der unzähligen Imbissbuden am Strassenrand etwas zu essen. Aufgrund unserer üblichen Entscheidungsschwierigkeiten fuhren wir weit und weiter, bis wir die nächstbeste Bude ansteuerten, weil die Kinder erheblich nach Essen meckerten. Kaum aus dem Auto, wurden wir von den neben uns parkenden jungen Männern auf Deutsch begrüsst. Wir lobten Land und Landschaft und begaben uns an einen freien Tisch. Behar, so der Name des jungen Mannes, übernahm gleich die Dolmetscherrolle. Er ist seit 14 Jahren wieder im Kosovo, davor sieben Jahre in Deutschland, wo er offensichtlich perfekt Deutsch gelernt hat. Auf unsere Frage nach den Orten, die wir gesehen haben sollten, wandte sich Behar kurzerhand auf Albanisch an seinen Cousin, telefonierte und forderte uns auf, rasch zu warten, weil sie uns gerne hiesige Wasserfälle zeigen wollten, dafür aber das Auto eines Freundes benötigten. Wir warteten, assen die Gigantoportionen zur Hälfte auf und fragten uns auf Englisch, um die Kinder nicht zu beunruhigen, ob dass denn nun genau die Sache sei, die man nicht tun sollte: Fremden in die Pampa folgen. Wir wischten sie Zweifel mit dem Gedanken, dass dies eine der einzigartigen Gelegenheiten sei, Land und Leute wirklich kennen zu lernen, bei Seite und folgten Behar und seinen Freunden, quer durch Dörfer, Schotterpiste und am zum Schluss einem Pfad, der nur noch entfernt etwas mit einer Strasse zu tun hatte. „Das ist für dein Auto gar kein Problem.“ Sagte Behar im Vorfeld. Tatsächlich bewältigte der Gefährte die Sache ganz gut, ich litt derweil unter anspannungsbedingten Muskelkrämpfen, Alpträumen von Deichselbrüchen, platten Reifen im Viererpack und kosvarischen Abschlepptraktoren. Am fünffachen Wasserfall versuchte ich dann die schnappeingeatmete Luft in humanen Dosen wieder auszuatmen, während die leicht irritierten Kinder liebevoll besorgt über Kieselsteine und Stöckchen geleitet wurden. Wir befanden uns an einer wunderbaren kleinen Oase mit abertausenden blau schillernden Libellen, verwarfen aber kurzfristig den Plan, gleich hier zu schlafen und nahmen Behars Angebot, uns bei ihm vor die Werkstatt zu stellen, dankend an. Nach einer Schotterpistenrückfahrt, die der Hinfahrt in Sachen Pulserhöhung um nichts nachstand, trafen wir uns zum Café mitten im Dorf in Bairamfeierlaune. Mit nur noch ungefähr 10 Euro in der Tasche wagten wir die scheue Frage, wie viel denn so eine Nacht, samt Führung bei ihm koste, worauf wir erstaunte Blicke ernteten. „Ihr seid euch gewöhnt, für alles zu bezahlen, hm?“ meinte Behar lachend und hat recht. Über die neue „Autobahn ohne Löcher!“ gelangten wir in das Dorf unserer Privatführer und verloren dabei den Rest an Orientierung, den wir noch übrig hatten. Unsere Ankunft hatte eine kleinere Menschenansammlung zur Folge, im Zuge derer wir mehrere verwandte Behars kennen lernten. „Hier sind wir alle irgendwie verwandt!“, meinte er lachend, während er in die Runde zeigte. Den Rest des Abends verbrachten wir auf dem Schulhof, der ferienhalber geschlossenen Schule, während die Kinder Fussball spielten. Auch einige jüngere Männer spielten und eine junge Frau ebenfalls. Was in der Schweiz schon nicht ganz alltäglich, stach hier, im Dorf, in dem ich bisher noch keine Frau entdeckt hatte, sofort ins Auge. Die junge Frau, die hier mit Leichtigkeit jeden der jungen Männer fussballerisch alt aussehen liess, war Behars Schwester, wie er mit einer Mischung aus Stolz und Verlegenheit erzählte. „Die anderen Frauen sind immer drin, also daheim, im Haus.“ Antwortete er, auf meine Frage nach dem Verbleib der anderen weiblichen Dorfbewohnerinnen. Nicht zu ermessen, welche Kraft und Stärke ein Frau hier braucht, um zu tun, was Behars Schwester tut. Sportwissenschaft studieren, Fussballspielen auf dem Dorfplatz, als einzige Frau. Mich hat das ungemein berührt und ich hoffe sehr, dass diese starke Frau ein Vorbild bleiben kann, für viele kosovarische Mädchen. Meine Bewunderung hat sie in Gänze. Während ich, zusammen mit Freund WLAN schon schreibend im Bett lag, die Kinder neben mir schlummerten, übte sich Herr G. noch lange in Völkerverständigung, tauschte hauseigene Mundartmusik gegen Behars Lieblingsmusik und Facebookadressen aus.

Bemerknisse
Dem Einfluss von Begegnungen kann gar nicht genug Bedeutung beigemessen werden, wenn es darum geht den/unseren Eindruck von Land und Kultur in der Fremde zu erfassen.

Wenn Sie Kosovaren mal so richtig zum lachen bringen wollen, dann heben sie die Hinterlassenschaften ihres Hundes mit mitgebrachten Kotbeuteln aus der Schweiz auf und bringen Sie sie zur Abfalltonne.

Sollten Sie mal bei Kosovaren zu Gast sein und möchten gerne etwas kaufen, zum Beispiel Milch für die Kinder, dann müssen Sie das heimlich tun, zumindest wenn Sie gerne selber bezahlen möchten.

Wer Gastfreundschaft erleben möchte, reise in den Kosovo, nette Landschaft gibts gratis dazu.

8 Kommentare

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8 Antworten zu “Plav (Montenegro) – Irgendwo bei Malisevo, irgendwo bei Pec (Kosovo) (Tag 11)

  1. Bepi

    So eine schöne Geschichte!!! :)

  2. mammasusanna

    Oh schön schön schön schön schön… Gell, das ist dann „Reisen“ (oder wenn man, jedenfalls für uns, dann mal wirklich einsam in der Pampa ist). Und ja, die Fragen nach dem „mitgehen“ ist halt immer eine. wir haben zum Glück nie schlechte Erfahrungen gemacht.

  3. FrauBHK

    ich bin SO beeindruckt, bewegt, bedingst und nehm mir mal ein kleines stück reiseglück von euch mit! merci!

  4. Oh, das macht Fernweh! Wunderbar geschrieben – bin schon auf weiteres gespannt!

  5. Pingback: Fazit einer Vierteljahresreise mit Kindern und Hund | Gminggmangg

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