Archiv der Kategorie: Bemerknisse

Tag 1 und 2 Bern – Jura – irgendwo zwischen Schweizer Grenze und Besançon – Lapalisse


In der letzten Woche vor meinem Urlaub, Brut und Mann hatten schon eine Woche früher Schuljahresende, habe ich erledigt, was mit zu erledigen möglich war, damit wir noch am Freitag, meinem letzten Arbeitstag, losfahren können. Ich wollte mir damit auch ein wenig die Chance nehmen, bei erstmöglicher Durchatemgelegenheit mit Erschöpfungskränkeln zu beginnen und war damit erfolgreich, wie es scheint. (Jedenfalls bin ich jetzt, am zweiten Urlaubstag, ziemlich gesund.) Ich habe es schon andernorts lobpriesen, aber ich liebe unsere Reiseauszeiten als Familie. Nach insgesamt ungefähr 40 Unterwegswochen, gibt es kaum eine Zeit, oder und erst recht nicht in unserem Alltag, in der unsere Tage routinevoller und störungsfreier verlaufen. Unsere Rollenverteilungen sind klarer, unsere Tagesstrukturen sind regelmässiger und externe Sozialkontakte durch echte oder erfundene Sprachbarrieren seltener. Unsere Tage verlaufen, jedenfalls so lange ich das Zepter in der Hand halte, und Zepter liegen gerne in meiner Hand, nach immergleichem Raster: Aufstehen – Hunderunde – Frühstücken – Sachen zusammenpacken – zwischen 10 und 11 Uhr losfahren – Fahren mit attraktiven Zwischenhalten – zwischen 15 und 16 Uhr einen Schlafplatz suchen – Hängematte aufhängen – Baden, Aufstellen, Spielen – Abendessen – die Fahrtrichtung des nächsten Tages planen – Schlafen. Wenn mein dreiköpfiger Anhang sich mal wieder zu sehr nach einem „Ausruhtag“ sehnt, und damit meinen sie, mehr als einen Tag am selben Ort bleiben, Kontakte knüpfen, untätig Rumliegen uns sowas, willige ich hie und da im Dienste des Weltfriedens ein und versuche dadurch entstehende Unruhe und Stress durch Intensivschreiben und Reiseplanen zu kompensieren.

Jedenfalls sind wir jetzt unterwegs und der erste Tag entsprach auch ganz meinen Reisevorstellungen. Nach dem wir gestern zwar noch kurz den Jura angefahren haben, weil wir gedachten die Nacht da zu verbringen, entschlossen wir uns, nach dem wir am ersten Platz, nach Rückkehr von einem Abendspaziergang zum Moorsee, von einer Herde grimmiger Kühe umzingelt wurden, doch noch einige Kilometer, schon über die französische Grenze zu fahren. Sie guckten WIRKLICH grimmig, eine scharrte schon mit dem Fuss, ich habe es genau gesehen! Schlussendlich landeten wir auf einem Parkplatz, wo wir die Nacht, anstatt mit grimmigen Kühen, am Waldrand mit Mäusen und weniger identifiziebarem Vieh, irgendwo zwischen der Schweizer Grenze und Besançon verbrachten.
Am nächsten Tag brachen wir zeitig auf, wir hatten ja auch nichts einzuräumen, und tuckerten durchs attraktive Frankreich, Meereslust im Rücken. Gegen 15 Uhr landeten wir in Lapalisse, einem schmucken Dorf in der Nähe von Vichy. Lapalisse hat ein gut erhaltenes, renoviertes Schloss und darumherum einen hübschen Dorfkern. Im Schlosspark stiessen wir auf eine Hochzeit und eine Hundeshow und, nun, die Parallelen waren nicht von der Hand zu weisen. Auf dem weitläufigen Dorfplatz vor der Kirche darf man mit Campern und ähnlichen Gefährten stehen, wovon wir angesichts des Trubels allerdings absahen. Stattdessen fanden wir am Dorfrand einen, in Anbetracht der Saison, erstaunlich leeren Campingplatz, auf dem wir uns preiswert für eine Nacht einmieteten und sogar einen Platz mit perfekt distanzierten Bäumen für die Hängematte fanden.

Bemerknisse:

Grimmige Kühe schauen grimmig.

Hundeshowhunde und Bräute werden angestarrt.

Zwischen Jura nach Frankreich liegt nur eine Doubsbreite, aber Feldergrössenverhältniswelten.

Home is where the Hängematte is.

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Hamburg


Mit meinem Ausflug nach Hamburg war ich erstmals gänzlich begleitungslos auf Reisen. Meine Befürchtungen, mich aufgrund mangelnder Selbstorganisation plötzlich in Palermo statt Hamburg wiederzufinden, waren allerdings unbegründet. (Die entsprechenden Vorkehrungen hätte ich allerdings getroffen und vorsorglich Bikini eingepackt und Beine rasiert, für den Fall, dass ich plötzlich in ungeplant warmen Gefielen landete.) Dank den Leuten aus diesem Internetdingsda, fand ich im Vorfeld ein charmeloses, aber preiswertes und vor allem sehr hafennahes Hotel, verfügte über Reiseführer, Anwohnertips, die liebenswürdige @frauzimt lieferte mir gar eine minutöse Wegbeschreibung von Bahnhof zu Hotel und ich brach wohl so vorbereitet ins Ausland auf, wie noch nie zuvor. Dass ich es in Reisefolge tatsächlich schaffte, der Tatsache, dass die Deutsche Bahn sich spontan dazu entschloss, meinen Zug nicht bis in den Hamburger Bahnhof fahren zu lassen und uns in irgendeinem Vorstadtbahnhof zum Umsteigen auf S-Bahnen orderte, ohne grössere Nervenzusammenbrüche zu begegnen, versetzte mich gleichermassen in Erstaunen und allmachtsphantasienangehauchte Begeisterung. Die Stadt selber jedenfalls, vermochte mich von Anfang an für sich zu gewinnen, wohl auch, weil ich den ersten Schritt aus Stationen öffentlicher Verkehrsmittel an den Landungsbrücken machte, wo Frau aus der U-Bahn stolpert und direkt den Hafen überblickt, ein guter Anfang für jemanden mit Vorliebe für Wasser, angerostete Hafenkräne und Frachtschiffe.

Hamburger Hafendings

Hamburger Hafendings

Ich verbrachte die Tage hauptsächlich zu Fuss. Wahrscheinlich zu zu Fuss, denn ich trug eine leichte Achillessehnenentzündung davon. Genau da liegen aber wohl die Vorteile des Alleinreisens, nicht in Achillessehnenentzündungen, freilich, aber in der Möglichkeit kompromisslosen Lustwandelns. Ich marschierte um die Alster, der Elbe entlang bis ins Treppenviertel, durch die Speicherstadt, folgte dem Stadtdeich, besuchte das Grindelviertel, Sankt Pauli, Sankt Georg und ziemlich jedes Quartier, das im ungefähren Zentrum touristischer Stadtkarten zu sehen ist, ich ass Fischbrötchen, fuhr Boot mit der liebenswerte Frischen Brise, sah mit ebendieser der Sonne vom Michel aus beim Untergehen zu, fuhr per U-Bahn nach Zufallsprinzip ins Blaue, betrachtete die Menschenmassen auf dem Fischmarkt aus der Ferne und trank literweise Kaffee. Abends ging ich jeweils relativ früh zu Bett der und Hinweis der Receptionistin, dass die Schlüsselkarte zwingend nicht zu verlieren sei, weil man sich sonst nach 23 Uhr ausgesperrt vor dem Hotel wiederfände, diente dann auch eher meiner Belustigung. Nein, Reporterin des Nachtlebens werde ich niemals sein, aber für einen einfachen Reisebericht für die SBB reichte es:

Mit dem Zug nach Hamburg.

Wer bunte Fischmärkte, Hafenatmosphäre und urbane Gewässer ebenso mag, wie historische Backsteingebäude, architektonisch spannende Neubauten, weltoffene Atmosphäre und ein reiches Angebot an Zerstreuung, wird in Hamburg finden, was er/sie sucht.

Ausserdem ist die Stadt von der Schweiz aus relativ unkompliziert zu erreichen. Von Bern kommend schafft man es, je nach Verbindung mit nur einmaligem Umsteigen, in etwas über sieben Stunden bis in den Hamburger Hauptbahnhof. Wer sich mittels früher Reservation gar einen Fensterplatz im ICE sichert, gute Lektüre und ein offenes Ohr für alltagskomische Zugbegegnungen mitnimmt, muss sich auch nicht vor Langeweile auf dem Reiseweg fürchten.

Das Umsteigen am Hauptbahnhof auf die U-Bahn Richtung Hotel, ist, wenn Richtung und passende U-Bahnnummer bekannt, keine Hexerei. Alles ist gut beschriftet und für den Notfall stünden Taxis zur Verfügung. Glück hat der/die, dessen Hotel die Anfahrt über die Landungsbrücken verlangt und dort mit dem ersten Schritt aus Hamburgs Bahnhöfen direkt einen Blick über den Hafen erhascht. Hier befindet man sich im Kern des touristischen Hafentreibens, mit flanierenden Menschen, Marktständen mit Souvenirs, Fischbrötchenbuden (besonders empfehlenswert an der Landungsbrücke 10), regem An- und Ablegen von Linienschiffen und einer von kreischenden Möwen und lauthals werbenden Hafenguides in Kapitänsmützen untermalten Geräuschkulisse.

Eingenachtes Hamburg

Eingenachtes Hamburg

Moingentliches Hamburg

Moingentliches Hamburg

Für gewässerliebende Städtereisende wie mich, lassen sich von hier aus die meisten wasserlastigen Sehenswürdigkeiten zu Fuss erreichen. Spaziert man von den Landungsbrücken nach Osten, befindet man sich bald in der Speicherstadt, wo sich imposante historische Backsteinbauten aneinanderreihen und in bemerkenswert harmonierendem Kontrast zu den hypermodernen Beton-, Glas- und Stahlgebäuden der benachbarten Hafencity stehen. Schlendert man von den Landungsbrücken nach Westen, eröffnet sich nach Sankt Pauli und der angrenzenden Altstadt, die so alt gar nicht anmutet, die Gelegenheit zu einem wunderbaren Elbspaziergang, die wohl auch von vielen Hamburgern rege genutzt wird.

Elbisches Hamburg

Elbisches Hamburg

Durch das pittoreske Övelgönne, mit seinen aneinandergereihten, gemütlich wirkenden Handwerkerhäuschen und dem Museumshafen gelangt man an herrschaftlichen Häusern vorbei, nach Blankenese in ein weiteres idyllisches Viertel, in dem noble Villen durch verbindende Treppen und enge Strässchen eine Einheit mit alten, kleinen Fischerhäuschen bilden. Wer von hier aus nicht zurücklaufen mag, findet gute Verbindungen per der S-Bahn und/oder Schnellbus zurück ins Zentrum. Ein weiterer wasserlastiger Höhepunkt ist ein Spaziergang um die Innen- und Aussenalster, wo man neben schön gelegenen Villen, der Hamburger Moschee und wunderbarer (Semi-)Fernsicht Richtung Neustadt auch mindestens die Hälfte der Hamburger Hundepopulation und massenhaft Hamburger in Joggingkleidung beobachten kann. Ausserdem bietet sich ein Abstecher ins Literaturhaus an, wo Bücher und guter Kaffee angeboten wird.

Zwingender Programmpunkt, für Hamburgreisende mit Wasser- und Schiffvorlieben, ist ausserdem eine Schifffahrt, die das nähere Betrachten von Frachthafen, Kränen und den beeindruckenden, attraktiv angerosteten Frachtern erlauben. Dafür muss man sich nicht mal der überteuerten Hafenrundfahrten bedienen, sondern kann auf einem der diversen Linienschiffe eine Runde sitzen bleiben. Nicht ganz so nah am Wasser, aber mit garantiert grandioser Aussicht, wartet der Michel auf, dessen 132 Meter hoher Kirchturm einen unvergleichlichen Blick über Hamburg ermöglicht und besonders in Sonnenuntergangsstimmung lohnt. Dieses Panorama kann zum wunderbaren Stadtreiseabschluss werden, während von oben noch mal überblickt werden kann, was aus anderer Perspektive schon betrachtet wurde.

Hamburg vom Michel aus.

Hamburg vom Michel aus.

Bemerknisse:

  • Von der sagenumwobenen nordischen Unterkühltheit war in Hamburg nicht viel zu spüren. Meine leichte Verwirrtheit im U-Bahnhof wurde sofort bemerkt, und ich in richtige Richtungen gleitet, auf mein Zögern, als ich mit adipösem Koffer vor gestossen voller S-Bahn stand, mit einem freundlichen «Na, hüpf rein, wir machen Platz!»

    Fast freundliches Hamburg

    Fast freundliches Hamburg

  • Der Buschauffeur, der meinte, ich hätte ein ganz tolles, sehr schickes Ticket. Man muss sie mögen, die Hamburger.
  • Die Hamburger duzen gerne.
  • Selbst das teure Hamburger Pflaster ist, bei den momentanen Eurokurse, fürs Schweizer Portemonnaie preiswert.
  • Die Fussgängerampelaktivierungskästen sind offensichtlich für Hamburger Hände konzipiert. Anders kann ich mir Drückmisserfolgsquote nicht erklären. (Und die Blicke, wenn Frau wieder scheinbar tatenlos und debil vor den roten Fussgängerampeln steht und dann ein Hamburger kommt und das Ding mal eben aus dem Handgelenk aktiviert…)
  • Hamburg ist in hervorragenden Fugenabständen bebodenplattet, die das Vermeiden von Tritten auf Plattenzwischenräume erleichtern, solange man nicht auf die Fahrradwege steht.

    Fahrrädenes Hamburg

    Fahrrädenes Hamburg

  • Einer der einsamsten Orte Hamburgs finden Sie am Stadtdeich. Einer der überfülltesten Orte Hamburgs finden Sie Sonntags am Fischmarkt.
  • Die Fahrt von Hamburg nach Bern reicht exakt, um den neuen Houellebecq zu lesen.

 

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Auch lustig: Hier ist der Hamburgartikel noch in Englisch zu finden.

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Visoko (Sarajevo) – Jajce (Bosnien und Herzegowina) – Omiš (Kroatien) (Tage 70-71)


Wir brechen heute sehr zeitig auf. Nicht gänzlich freiwillig, sei zu sagen, aber es ist derart kalt, dass wir uns nur eines wünschen: Die Autoheizung aufdrehen. Herr G. will das bosnische Handtuch werfen und ans Meer zurück fahren, wo es gut 10 Grad wärmer ist. Mit dem Versprechen, dass ich nach einer weiteren Nacht Bosnien widerstandslos mitfahre, steuern wir Jajce an, wo es neben einem netten Übernachtungsplatz auch zahlreiche Wassermühlen und auf dem Weg dahin sehenswerte Landschaft und ebensolche Dörfer gebe. Bis Visoko fahren wir bekannte Strecken, danach folgt Neuland. Eine Weile fahren wir entlang der Bosna und ihren zahlreichen Schwüngen und Biegungen. Wir sehen, wie viel Wasser sie nach den Regenfällen der letzten Woche hat und denken an die Überschwemmungen, unter denen Bosnien und Herzegowina vor wenigen Monaten noch zu leiden hatte. Wir haben die betroffenen Gebiete bisher bewusst umfahren, denn obwohl wohl die meisten dringlichen Schäden provisorisch behoben wurden, kann man da mit Sicherheit keine Touristen brauchen. Wir fahren also offenen Auges weiter und informieren uns bei WLAN-Kontakt über die aktuelle Lage. Aber es scheint Entspannung in Sicht, jedenfalls drückt die Sonne mit aller Kraft durch die Wolken und schliesslich fahren wir unter blaustem Himmel unseres Weges. Die Landschaft zeigt sich grün, fruchtbar und hügelig, die Dörfer sind hie und da kriegsgezeichnet, aber verfügen über einigermassen intakte, lebendige Ortskerne von malerischer Schönheit. Was sage ich hier „aber“? Ich habe es schon anderswo erwähnt: Gerade da wo Granatenlöcher zugemauert und die kriegsversehrten Häuser belebt werden, wo gezeigt wird, dass Wärme und Menschlichkeit überleben kann, auch wenn einst alles dagegen sprach, ist pure Schönheit zu sehen. Das Städtchen Jajce selber, ist eines von vielen, hat aber einen stadteigenen, kleineren Wasserfall, eine hübsche Altstadt und eine Burg, für die wir einen kleinen Eintritt bezahlen, die aber an Eindrücklichkeit und Grösse nicht an die Burg von Stolac heranreicht. Nach einem kleinen Mittagessen und weiteren Stolperrunden durch die Stadt, fahren wir zum empfohlenen Campingplatz. Auf der Strecke nach Jajce haben wir schon mehrere kleine Plätze gesehen die wir wohl unter normalen Umständen bevorzugt hätten, aber allesamt waren direkt am Fluss angesiedelt, was uns bei den gegenwärtigen Wassermassen und ohne genauen Wetterbericht eher unsicher vorkommt. Auf Umwegen finden wir schliesslich zum relativ grosszügig angelegten Platz, zusammen mit ungefähr 20 französischen Gigantomobilen, die sich aber glücklicherweise ziemlich Dicht gedrängt auf einen Achtel des Platzes stellen, so dass wir im Grunde weder irgendwas von ihnen sehen, noch irgendwas von ihnen hören. Den Abend verbringen wir damit, den Rest unserer Reise zu planen. Wir haben noch fast zwei Wochen, wobei wir mindestens eine halbe Woche für die Rückreise einberechnen, weil wir noch ein, zwei Tage in München verbringen werden. Der Umstand, dass es hier immer noch ziemlich kalt ist und die Aussicht auf den nahenden Winter, in Anbetracht des schweizerischen Sommer habe ich keine grosse Hoffnung auf milden Herbst, lässt uns zum Entschluss kommen, dass wir abschliessend noch eine Woche Strand und Sonne an der kroatischen Adria verdient haben und auch unsere Sommerbräune aus türkischen Tagen bedarf etwas Auffrischung.
Am Morgen brechen wir also nach Kroatien auf, gen Wärme. Wir durchfahren bergiges Gebiet und überqueren, eine wohl in Kriegsjahren umkämpfte, Hochebene, die zwar landschaftlich unglaublich schön, nach wie vor Hauptsächlich in Ruinen liegt. Der Aufbau hat sich wohl hier nicht wieder gelohnt und hier, im Nirgendwo, zeigt sich, ganz ohne Bimborium und Gedenktafeln, die ganze Destruktivität des Krieges und ganz ohne deklariertes Mahnmal bin ich gemahnt und inniglich dankbar für den Ort, an dem ich gross werden durfte. Auch wenn der Eindruck, den ich von der Konstruktivität, mit der mit der kriegerischen Vergangenheit zu fühlen glaubte, vielleicht nicht richtig war, denn vor einigen Tagen las ich davon, dass mehr als 60% aller Bosnier, eigentlich dem einen oder anderen der Nachbarstaaten angehören möchte, verlasse ich Bosnien und Herzegowina mit etwas Wehmut. Ich habe mich in dieses Land verliebt, in seine Landschaft, in seine Menschen, seine Dörfer, Städte und Spinatböreks. An der Grenze werden wir wieder nicht gross beachtet, dafür ist es wieder wärmer. Wir sind wieder in Kroatien und damit hat sich irgendwie ausgereist, denn unsere Restzeit werden wir mit schnödem, aber in Anbetracht des Steilstartes nach Ankunft daheim, wohl angebrachtem Urlauben verbringen. Die Berichte werden wohl etwas unausführlicher, da wohl kaum jemand von Strandgelagen und Sonnencrèmes lesen möchte.

Bemerknisse
Wenn ich hier von Bosnien schreibe und dabei immer Herzegowina mitmeine, ist das eine Formulierung, die wohl kein Einheimischer wählen würde. Hier wird klar zwischen den Landesteilen differenziert und Zugehörigkeit kommuniziert.

Ein kleiner Kosovonachtrag: Auf unsere Frage nach seiner Adresse antwortete uns Bleonard mit Name und Dorf, ohne weitere Angaben. Was wir erst für unvollständige Angaben hielten und nach Strassennamen, -nummern und Postleitzahl verlangten, ist tatsächlich die vollständige Anschrift. „Wir haben hier noch keine Strassennamen ;-)“, meint Bleonard.

Nach mehreren Tagen bosnischer Wetterkälte und Herzenswärme, wirkt Kroatien zwar wieder etwas sommerlicher, aber auch deutlich unfreundlicher.

Bosniens Stellplätze bieten zwar morgens vielleicht kein frisches Brot feil, verfügen aber über äusserst weitreichendes, schnelles WLAN. Überhaupt ist die WLAN-Dichte und -Qualität in Albanien und Bosnien grandios. Das tourismusverwöhnte Kroatien hingegen hat diesbezüglich Aufrüstungs- und Modernisierungsbedarf, bietet aber allenthalben frisches Brot. Unnötig zu erwähnen, dass ich ganz gut ohne Brot kann.

 

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Stolac – Medugorje – Visoko (Sarajevo) (Tage 68-69)


Von Stolac aus fahren wir gen Westen weiter, Ziel haben wir vorerst keines, nur noch etwas in Bosnien zu bleiben. Als wir die Gegend rund um Medugorje erreichen, wird es landschaftlich eindeutig unattraktiver und auch die Dörfer und Kleinstädte wirken deutlich charakterloser und zersiedelter, als noch einige Kilometer zuvor. Wir beschliessen spontan, doch noch etwas weiter ins Landesinnere zu fahren und uns die Kleinstädte Vasuko, Travnik und Jajce anzusehen. Nach dem wir aber nun doch schon eine Weile gefahren sind und die nächste Etappe etwas grösser ausfallen wird, lesen wir uns kurz über dieses Medugorje, in dem wir uns gerade befinden, schlau. Es gibt einen Campingplatz mit WLAN, das ist dafür, dass wir uns in Bosnien und Herzegowina befinden schonmal ziemlich gut, allerdings scheint Medugorje auch die bosnische Hochburg esoterisch spiritueller Katholiken zu sein, wenn denn derartige Begriffsaneinanderreihungen legitim sind, weil vor 23 Jahren mehrere Teenager hier irgendwelche mariaschen Visionen hatten. Das zuvor verschlafene Weindorf hat den pubertären Halluzinierenden jedenfalls einen massiven touristischen Aufschwung und einigen Reichtum zu verdanken, wohl aber für eher minimalspirituelle Zeitgenossen wenig zu bieten.Trotzdem wollen wir den Campingplatz anfahren, weil er mitten im Dorf zu stehen scheint und so bei trübem Regenwetter für etwas Zerstreuung gesorgt wäre. Ausserdem neigen sich unsere Wäschevorräte dem Ende zu und auch auf die Gefahr hin, dass wir das Zeug wegen Regen im Auto aufhängen müssen, verlockt der Gedanke an saubere Sachen ungemein. Bei der Einfahrt in die Stadt begegnen wir ersten mit Gehstöcken und Rosenkränzen ausgerüsteten Pilgern, die in Herden durch die Strassen, von Semisehenswürdigkeit zu Quasiattraktion galoppieren. Im Zentrum reiht sich Souvenirladen an Souvenirladen, Man verkauft Gehstöcke, Rosenkränze, Weihwasser und Marienstatuen in allen Formen und Grössen, touristische Hauptsprache ist Italienisch, das Durchschnittsalter 60. mittendrin versuchen wir uns nicht ungebührlich zu amüsieren und verbringen einen entspannten Nachmittag in Franziskus‘ Garten, ehe wir von einem tosenden Gewitter in den Gefährten gescheucht werden. Das Abendessen nehmen wir bei der Familie ein, die den Platz besitzt und offensichtlich gewisse Vorlieben für Frittiertes hat, das so schwer im Magen liegt, dass auch uns einige Visionen heimsuchen.
Am nächsten Tag verlassen wir Medugorje wieder relativ zeitig, schließlich wollen wir Die Pyramiden sehen, die sich anscheinend unter den Hügeln Visokos befinden. Leise ahnend, dass man dafür ähnlich viel Glaubenskraft aufbringen muss, wie für die Halbwuchshalluzinationen, planen wir ein, die Nacht aber anschliessend in Sarajevo zu verbringen.
Wir fahren über weite Teile ein Streck, die wir schon kennen, um so mehr sehen wir, wie sehr es im letzten Monat geherbstet hat. Wobei der Herbst eindeutig ganzheitlicheren, als nur den visuellen Eindruck bietet, die Temperaturen scheinen mit jedem gewonnenen Kilometer mehr zu fallen und Kind2 formuliert treffend: „Es stinkt nach Schnee.“ In den Bergen sehen wir dann auch tatsächlich erste weisse Spitzen. Für einen minimalen Moment erwägen wir, wieder umzukehren, zurück an die Küste, gen wärmere Gefilde, entscheiden uns aber dagegen, weil Bosnien uns wirklich gefällt. In Visoko finden wir, was wir eigentlich schon erwartet haben, zwei Hügel, die nur mit etwas Fantasie und von der richtigen Perspektive aus ernsthaft pyramidiger wirken, als die Erhebungen in der Umgebung. Einige, keine Ahnung wie glaubhafte, Forscher, ihre Gefolgschaft und ziemlich sicher auch jene, die hier an den Neugierigen verdienen, Sind sich allerdings sicher, dass sich unter Schichten, so betrachtet beinah flauschiger Überwucherung und Erde, von Menschenhand erbaute Pyramiden, einer längst untergegangenen Kultur befinden. Wir stellen den Gefährten irgendwo ab und betreten das relativ schmucklose Dorfzentrum, in dem man sich offensichtlich auch auf Lederwaren spezialisiert hat. In einem kleinen Geschäft, in dem die Dinge noch eigenhändig hergestellt werden, ersetze ich endlich meinen Gurt, der sein Verfallsdatum schon seit Jahren überschritten hat, durch ein handgemachtes, direkt auf mich angepasstes Modell zu einem Preis, zu dem mir Ha&Äm nicht mal ein Plastikschnürchen verkaufen würde. Danach stolpern wir noch etwas zu Pyramidenfüssen rum, bevor wir erneut im Dorf landen, wo Herr G. sich den Temperaturen angepasstes Schuhwerk besorgt. Als wir die Verkäuferin fragen, ob wir uns hier tatsächlich auf einer gigantischen Pyramide befinden, nickt sie beflissen, versichert: „Aber NATÜRLICH!“ und zwinkert uns theatralisch zu.
In Sarajevo essen wir die Cevapci unserer Reise und fallen vollen Bauches, aber frierend zu Bett.

Bemerknisse
Seit uns In Bosnien veranschaulicht wurde, wie Pyramiden aussehen und damit unsere Pyramidenwahrnehmungsfähigkeit erheblich geschult wurde, wird uns bewusst, wie viele noch unentdeckte, völlig überwucherte Zeugen längst vergangener Pyramidenbaukulturen existieren müssen. Man nehme Als Beispiel den Niesen: Eindeutig eine, äh, versteinerte Pyramide!

Ich habe mir mehrfach den Pony geschnitten, dabei den Rückspiegel benutzt und bin damit ein Survivallevel aufgestiegen. (Darüber, dass das Resultat eindeutig von den Prozessumständen zeugt, herrscht allgemeines und restriktiv kontrolliertes Redeverbot.)

Und habe ich schon erwähnt, dass Bosnien der Börekhimmel ist?

Der Einfachheit halber erkläre ich den Kindern den Unterschied zwischen einem Schuhladen und den vollen Schuhregalen vor den Moscheen mit dem fehlenden, oder eben existenten, Minarett.

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Moulat – Trebinje (Bosnien in Herzegowina) – Ston (Kroatien) – Stolac (Bosnien in Herzegowina) – (Tage 66 – 67)


Wir wollen wieder nach Bosnien, wo wir, neben der Tatsache, dass wir in ein Land zurückkehren, das uns beeindruckt und gefallen hat, auch dem Massentorismus entfliehen wollen. Wir fahren zunächst nach Trebinje, einer kleinen Stadt, die wir über eine ziemlich schmale Strasse, mitten durch bosnisch mittelhohes Bergland erreichen. Mein Eindruck von Bosnien bleibt auch bei der Anfahrt nach Trebinje derselbe: Ich mag dieses Land, ich mag wie sie es wiederaufgebaut haben, ich mag die gelebte Hoffnung, wo Spuren der Vergangenheit noch so deutlich sichtbar sind. Trebinje selber ist eine unspektakuläre Kleinstadt mit charmantem, lebendigem Ortskern. Als wir ankommen beginnt es gerade in Strömen zu regnen, die Verkäufer des grossen Lebensmittelmarktes mitten auf dem grosszügig begrünten Dorfplatz, wo hohe Bäume wahlweise Schatten und Schutz vor Regen bieten, zeigen sich unbeeindruckt, decken bedächtig ihre Wahre und klappen Regenschirme auf, während wir auf der Suche nach Unterstellmöglichkeiten über den Platz rennen. Wir irren etwas durch die Strassen, irgendwo kaufen wir den Börek unseres Lebens und verzehren ihn im Gefährteninnern, stadtmittig, aber regengeschützt. Viel mehr sehen wir nicht von diesem Trebinje, der Regen lässt uns weiterfahren, denn auf der Karte haben wir ein Stellplatzzeichen ganz in der Nähe gesichtet. Wahrscheinlich hat sich hier jemand ein aspässchen erlaubt, denn da wo er sein sollte, ist Niemandsland, weites, bebuschtes Land. Um drei Uhr scheint es hier Nacht zu werden, der Regen strömt sintflutartig und wir sehen keine erfolgsversprechendere Möglichkeit, als zurück ans Meer zu fahren, wo man manchmal von Unwettern verschont bleibt und wir Übernachtungsmöglichkeiten auf sicher haben. Über Strassen, die jetzt eher an kleine Bäche erinnern, fahren wir zurück nach Kroatien, steuern eine nahen Platz an und treffen es wunderbar menschenleer und zudem regenfrei. Mit der Absicht morgen, wenn denn das Wetter will erneut Bosnien anzusteuern, verbringen wir eine ruhige, relativ trockene Nacht.
Am nächsten Morgen fahren wir zur nächstgelegenen bosnischen Grenze, überqueren sie erneut problemlos und steuern ins Landesinnere. Heute ist es auch hier etwas heiterer und sogar ziemlich warm. Über relativ kleine Strasse, so klein jedenfalls, dass ich um jeden Meter ohne Gegenverkehr froh bin, fahren wir, erneut über bosnische Berge, nach Stolac. Bosnien Scheint hauptsächlich aus Bergen und dramatisch schön gelegenen Dörfern zu bestehen. Stolac ist genau so ein Dorf, dass sich dem Fluss entlang, mit einigen Ausuferungen, an die Berghänge schmiegt. Auch Stolac erzählt noch immer mit Nachdruck vom Krieg, Kaum ein Haus ohne Einschusslöcher, kaum eine Strasse ohne mindestens eine Kriegsruine, vorallem aber ist es geschichtsunabhängig eine nette, etwas verschlafene Kleinstadt mit grünem Ortskern und einer Burgruine ohne ernsthafte touristischen Absichten. Zur Ruine findet man berghoch, irgendeiner Quartierstrasse entlang unter etwas irritierten Blicken von Einheimischen. Die Ruine selber gibt noch einiges her, der Thronsaal, wenn heute auch ungedeckt, lässt vergangenen Erhabenheitsgefühle erahnen und die Aussicht ist fantastisch. Die Burg wäre in Westeuropa der Renner für Mittelalterfeste und Musikfestivals, würde täglich von Schulklassen erklommen und hätte eine Eingangspforte, an der man etwas Geld liegen lassen müsste. Hier scheint die Ruine relativ sich selbst überlassen, oder vielmehr der Natur, denn obwohl wohl einst Instandhaltungsavance gehegt wurden, muss beim Aufstieg über die Treppe nach oben heute gegen Wildwuchs gekämpft werden. Lohnen tut sich die Anstrengung alleweil. Jedenfalls für Menschen ohne Schlangenphobien.
Ganz in der Nähe finden wir einen kleinen, ganz neuen Stellplatz, betrieben von Mostarern. Der Sohn spricht gut Englisch und sucht das Gespräch. Er arbeitet hier täglich von 8 bis 20 Uhr, die Nachtschicht übernimmt sein Vater. Sein ganzer Stolz ist ein Junghund, den er mit Liebe erzieht. Zu Kriegszeiten war er 2, aber er kann sich nicht erinnern und will es auch nicht. Er beklagt sich über „slow bosnian workers“, denn Wlan gibt es hier noch nicht obwohl es auf den Wegweiserschildern extragross angeschrieben ist. Wie schlafen trotzdem selig, dafür wohl etwas früher.

 

Bemerknisse
Sollten Sie Schmiggelbedürfnisse zwischen Bosnien und Kroatien hegen, dann wählen Sie Regentage. Wir hätten sieben bosnische Schafe, samt kleiner Schnapsbrennerei über die Grenze karren können, denn was wir von den Grenzpolizisten zu sehen bekamen, war eine halbe Nasenspitze und ein Durchwinkzeigefinger.

Wenn Kinder beim Anblick von Schlösser Burgen sofort damit begonnen die Game of Thrones- Titelmelodie zu singen, sagt das nichts über den kindlichen Fernsehkonsum aus, vielmehr zeugtes von elterlichen Reiz-Reaktions-Schemata.

Wer plötzlich mitten im Satz fragt, in welchem Land wir denn gerade sind, ist wohl schon eine Weile unterwegs.

Bosnien ist der Börekhimmel.

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